Die Brutalität, mit der der Krieg in Syrien geführt wird, hat die Menschen überrascht. Die in Beirut lebende syrische Schriftstellerin Dima Wannous beschreibt in ihrem Essay die Spaltung der syrischen Gesellschaft und geht der Frage nach, wie die Syrer – Unterstützer und Gegner der Revolution, Opfer und Täter – in einer Post-Assad-Ära wieder gemeinsam in einem Land leben können.

DER WANDEL DER SOZIALEN BEZIEHUNGEN IN SYRIEN

Erstarrtes Warten

Von Dima Wannous

Über die syrische Revolution zweieinhalb Jahre nach ihrem Beginn zu schreiben erscheint mir als ein äußerst schwieriges Unterfangen. Einerseits hat die Revolution ihr Ziel bisher nicht erreicht und die Syrer befinden sich noch immer in einem Zustand erstarrten Wartens. Andererseits hat ihnen die Revolution ein neues, belastetes Gedächtnis verliehen, das voller Brutalität und Bitterkeit ist. Die Revolution in einem Artikel, einer Studie oder in einem Gespräch zu behandeln ist nicht mehr als ein vergebliches Bemühen um Ernsthaftigkeit. Als würden wir während des Erinnerns die Geschehnisse noch einmal durchleben, als würden wir dieses Leiden mit den anderen Syrern im Land teilen. Es ist ein verlogenes Gefühl, denn selbst wenn wir uns diese Dinge ins Gedächtnis rufen und darüber schreiben, kommt unser Schmerz doch nicht im Geringsten dem Schmerz der Syrer gleich, die in den von der Krise betroffenen Regionen des Landes leben.

Ich möchte diesen Beitrag mit dem Titel »Der Wandel in den sozialen Beziehungen der Syrer« mit dem Graben beginnen, der die Syrer im Inland und diejenigen im Ausland voneinander trennt. Die Beziehung zwischen denjenigen, die das Land verließen, und jenen, die geblieben sind, ist heikel und von Bitterkeit und Enttäuschung geprägt. Denn es handelt sich um ein und dasselbe Volk des gleichen Landes, das über vierzig Jahre im Schatten der Militärherrschaft lebte. Im Schatten der Militärs, was nicht weniger schmerzlich ist, als deren Stiefel selbst zu spüren zu bekommen. Zudem hat in den letzten zweieinhalb Jahren jeder Landesteil seine eigenen Erfahrungen gemacht, jeder Bürger hat seine eigene, unverwechselbare Geschichte. Einige erlebten Zerstörung und litten unter dem Donnern von Kanonen und Raketen, die sie sogar voneinander unterscheiden und deren Flugrichtung sie erraten können. Andere lebten in Sicherheit, sei es im Ausland oder im Land selbst in loyal zum Regime stehenden Vierteln oder Gebieten. Diese jeweils verschiedene Realität beeinflusst die Beziehung der Menschen zueinander und zu sich selbst.

Mut ist nicht teilbar. Was die Syrer innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre erlebt haben, war so intensiv und zermürbend, dass es ein gerüttelt Maß an Robustheit bedarf, um es zu verarbeiten. Doch dies ist nicht so einfach. Die brutalen Erfahrungen zerstörten ein Gefühl für Sicherheit bei »dem Syrer«. Die fortgesetzte Unterdrückung und Enttäuschung, die sie über Jahre hinweg erlebt hatten, verlangsamte den Rhythmus des Lebens, die Zeit schleppte sich dahin. Das Heute glich der Woche, dem Monat, dem Jahr, den Jahren. Dann kam die Revolution und wirbelte diese langsam dahinkriechende Zeit durcheinander. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben erfuhren die Syrer, was es heißt, das Haus zu verlassen, durch die Straßen zu laufen und den Mund zu öffnen, um zu sprechen oder zu schreien.

Im nämlichen Augenblick, in dem ich in einem Café sitze und schreibe, höre ich, wie das Mädchen am Nachbartisch ihren Freund verabschiedet, der heute in die Türkei reisen wird. Ich mische mich sorglos ein, um an ihrem Gespräch teilzuhaben. Dergleichen war vor der Revolution vollkommen unmöglich, denn das Regime hatte ein Klima gegenseitigen Argwohns geschaffen. Da war eine ständige Vorsicht, eine ständige Angst vor dem Anderen. Heute hat sich diese Angst verflüchtigt; heute gibt es etwas, was die Syrer teilen, ein Land, von dem sie träumen, andere Träume, den Tod, die Angst und eine Revolution.

Es sind nun umfassende Werte, die die Syrer miteinander verbinden. Die Menschen sind über Banalitäten erhaben und verschließen die Augen vor den kleinen Sünden. Doch im Gegenzug hat die Revolution sie gespalten, in diejenigen »dafür« und die »dagegen«. Und dieses »Dafür« und »Dagegen« ist nicht einfach nur ein Gegensatz. Es ist eine Frage des Gewissens. Es gibt Mörder und Ermordete, da helfen keine Metaphern mehr, da hilft kein Beschönigen.
Ich habe viele »Freunde« und Bekannte innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre verloren. Unser Streit drehte sich zu Beginn um die Wortwahl: Handelt es sich um eine Revolution, eine Krise oder eine Verschwörung? Doch jener Streit schien banal angesichts der Differenzen, die unsere Beziehungen später abflauen ließen, bevor sie zur Last wurden und die Beziehung schließlich ohne Bedauern oder Reue ein Ende fand. Wer einen Mörder verteidigt, ist nicht weniger ein Verbrecher als der Mörder selbst. Aber ich empfand zu Beginn der Revolution niemals Schadenfreude, Hass oder Feindseligkeit; und ich kam auch nicht auf die Idee, mich von anderen zurückzuziehen und sie in die Reihe meiner Feinde einzusortieren. Aber ich habe Gefühle anderer Art erlebt, die mir weitaus grausamer erschienen als Schadenfreude und schrecklicher als Hass. Es waren gewalttätige Gefühle, die meine Cousins väterlicherseits fordern ließen, ich sollte vergewaltigt, abgestochen und meine Leiche geschändet werden. Diese Botschaften, die ich erhielt und immer noch von ihnen erhalte, lassen mich aus meinem Körper heraustreten und mich selbst betrachten, als sei ich ein anderer Mensch. Ich sehe mich als blutige Leiche, und ich leide schrecklich unter der Überdosis Gewalt und diese all ihre Varianten in Betracht ziehende Fantasie, die so voll des Bösen ist. Darin liegt für mich der Grund für meine Unfähigkeit, auch nur ein einziges Wort zu dem Roman hinzuzufügen, an dem ich vor der Revolution gearbeitet habe. Meine Vorstellungskraft versagt. Die Realität, in der wir leben, tötet die Fantasie. Sie legt sich über den Traum, so dass die Welt um uns herum eng wird, die Sätze kümmerlicher werden und die Begriffe ihre Fähigkeit verlieren, zu spielen und zu springen. Der Geist verliert seine Geschmeidigkeit; er versteift sich, erstarrt, wird zu einem Gefangenen des Unvermögens, der Leere und der Sinnlosigkeit. Es wird absurd.

Was ist mit der Angst? Was kann die Angst mit uns machen? Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich nur an Ängste. Auch zu meiner Schulzeit fällt mir nur Angst ein. Wenn Angst sich Schicht um Schicht anhäuft, lässt sie den Verstand schrumpfen, und die Ursachen der Angst verlieren ihre Bedeutung. Wir verwandeln uns in Kreaturen voller Argwohn. Die Angst lässt die Heimat eng werden. Sie verkleinert sie zu einer Stadt, zu einer Region, zu einem Viertel, zu einem Haus, dann zu einem kleinen Zimmer, dann zu einem bestimmten Stuhl. Das vielleicht bleibt als einzige Zugehörigkeit übrig. Wenn ich diese enorme Angst betrachte, verspüre ich eine furchtbare Enge. Doch dass die Angst manche Menschen zu solch ungeheurer Gewalt veranlassen kann, hätte ich mir niemals vorstellen können. Gewaltanwendung ist nicht nur auf das Töten beschränkt. Die Lust zu töten und das öffentliche Kundtun dieser Lust ist auch eine Form des Tötens. Und die Fantasie, die diese Lust umgibt, mündet in der Unmöglichkeit des Zusammenlebens nach dem Sturz Baschar al-Assads und seines Regimes.

Können Menschen zusammenleben, die sich gegenseitig den Tod gewünscht hatten? Den Tod des anderen zu wünschen ist nicht bloß eine Unstimmigkeit. Die Frage ist nicht mehr, ob du loyal zum Regime stehst oder in Opposition dazu. Wie kannst du inmitten von Menschen leben, die sich daran ergötzten, Foltervideos anzuschauen, auf denen die Schergen des Regimes unschuldige Menschen quälen – Unschuldige, die nichts als Freiheit gefordert hatten? Gewiss, auch die Gegenseite hat Menschenrechtsverletzungen begangen, aber man sollte nicht vergessen, dass die einzelnen Fehler der Revolutionäre nicht gleichzusetzen sind mit den systematischen Verbrechen und den Massakern, die das Regime begangen hat. Dieses Feiern des Todes, des Tötens und der Leichenschändungen …, wie kann man damit leben? Wir sprechen hier nicht über ausländische Kriegsgefangene, sondern über Bürger, die zusammen in einem Land leben.
Können wir die Angst dieser oder jener Gruppe tolerieren? Angst ist legitim. Mut ist nicht besser. Es sind menschliche Gefühle, denen der Körper Platz bietet und die viel Toleranz und Verständnis erfordern. Aber die Angst, die manche dazu treibt, zu töten und anderen den Tod zu wünschen, ist nicht bloße Angst. Sie ist das Erbe des aufgestauten unterdrückten Hasses, der jahrelang eingehüllt war in gängige Lügen vom »Zusammenleben«, von »nationaler Einheit« und »Säkularismus«. Die Syrer bezahlen heute den Preis für dieses beredte Schweigen. Denn es macht einen großen Unterschied, ob man in konfessionalistischen Strukturen denkt oder unwissend ist. »Der Syrer« kannte über Jahrzehnte die religiöse Zugehörigkeit seines Nachbarn nicht. Sie zu kennen, hat indes nichts mit dem Denken in religionsgemeinschaftlichen Strukturen zu tun. Dieses Nichtwissen, in dem auch ein gehörig Maß an Unterstellung mitschwingt, schwindet angesichts von Zugehörigkeiten anderer Art. Drastischere und hässlichere Zugehörigkeiten als konfessionelle. Denn während die Syrer die religiöse oder konfessionelle Zugehörigkeit ihrer Nachbarn nicht kannten, war es sehr einfach, ihnen die Zugehörigkeit zu der seit 1963 regierenden »Arabischen Sozialistischen Baath-Partei«, zur Regierung oder zum Geheimdienst anzumerken – und dies allein durch den Küstendialekt und den hochmütigen Ton, der nicht den Küstenbewohnern allein zu eigen ist. Jeder Damaszener konnte plötzlich mitten auf der Straße beispielsweise einen Verkehrspolizisten in arrogantem Ton ansprechen. Und allein die Betonung des Buchstabens »Qaf« 1 garantierte ihm eine Macht, gegen die keine andere Macht etwas ausrichten konnte, auch nicht die Macht des »Gesetzes«.

Die Revolution, die die größten Verbote angetastet hat, wird sich sicher nicht mit der Spitze der Obrigkeit begnügen. Es ist eine Revolution gegen alles Vorherrschende, Rituelle, Selbstverständliche. Es gibt keine Gewissheiten mehr. Und die Arroganz, die etwa die Beziehung zwischen den Städtern und der Landbevölkerung kennzeichnete, ist dabei zu verschwinden; sie bemäntelt sich jetzt mit neuen Bedeutungen und Auffassungen. Die Landbevölkerung, die der Hauptmotor der Revolution war und einen enorm hohen Preis bezahlt hat, gilt nicht länger als provinziell. Die gesellschaftlichen Schichten waren in den letzten Jahren geprägt von einem tiefen Graben zwischen Arm und Reich, während gleichzeitig die sogenannte Mittelschicht schrumpfte. Die Revolution tastete dieses Klassenverständnis an und gab den Armen ein Mindestmaß an Rechten zurück: ihre Menschlichkeit, unabhängig ihrer Herkunft, und ihre ihnen geraubten Bürgerrechte. Viele Vermögende, die die Revolution finanziell unterstützen, reisten mit ihren Familien ins sichere Ausland. Sie werden früher oder später in ein Land zurückkehren, für dessen Befreiung die Armen ihr Leben gegeben haben.

1 Qaf ist ein arabischer Buchstabe, der dem deutschen K ähnelt. Während er in der Damaszener Umgangssprache aber beispielsweise nicht ausgesprochen wird, betonen ihn die Küstenbewohner, unter ihnen die Alawiten, eine Religionsgemeinschaft, der die Familie Assad und etliche hohe Geheimdienstfunktionäre angehören. (A.d.Ü.)

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Siehe auch:
SCHWERPUNKT SYRIEN

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erstellt am 21.10.2013

Dima Wannous. Foto: privat
Dima Wannous. Foto: privat
porträt

Dima Wannous

Dima Wannous, geboren 1982 in Damaskus, studierte Französische Literatur an der Universität Damaskus und an der Sorbonne in Paris und Übersetzungswissenschaften in Lyon. Sie war Moderatorin eines Kulturprogramms beim Satellitenfernsehsender »Orient«. Seit 2003 schreibt Wannous regelmäßig für arabischsprachige Tageszeitungen. Derzeit ist sie verantwortlich für die Kulturseite der Online-Zeitschrift »Al-Modon« (dt. Städte). Von ihr erschien 2007 ein Band mit Kurzgeschichten unter dem Titel »Tafasîl« (dt. Details) und 2009 ihr erster Roman »Al-Kursi« (dt. Der Stuhl).

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SCHWERPUNKT SYRIEN