Johannes Martin Kränzle gehört nicht zu den unbekannten Sängern. Der Bariton wurde von der „Opernwelt“ 2011 zum Sänger des Jahres gemacht, und jetzt ist von ihm eine neue CD mit dem Titel „Grenzen der Menschheit“ erschienen. Hans-Klaus Jungheinrich schreibt, was davon zu halten ist.

cd-kritik

Großes Erzählen

Schubert- und Schumannlieder mit Johannes Martin Kränzle

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Gerade flattert mir eine CD-Dokumentation des Echo-Klassik-Preises – mit dem die Tonträgerindustrie, die eigentlich nichts zu feiern hat, sich selbst prämiiert und feiert – ins Haus: eine Sammlung von einem halben hundert klingender Häppchen oder vereinzelter Fettaugen; wer das hintereinander hören würde, bekäme unweigerlich akustische Magenverstimmung. Und das firmiert unter dem gelben Etikett, das einst ein Symbol für gediegene, manchmal kompendiöse und für kleine Ewigkeiten konzipierte, jedenfalls auf Wertbeständigkeit pochende Editionen war. Mit dieser armen Hundemarke sind inzwischen vornehmlich „Alben“ versehen, mit denen Sänger oder Instrumentalisten als „Stars“ lanciert werden sollen – in der eitlen Hoffnung, das sei, wie unbestritten im Pop-Segment, der Königsweg zu erneuerter Kassenträchtigkeit. Ach ja, die Konzerne werden niemals das Erfolgsrezept der Kleinfirmen kapieren: mit diversifiziert Interessantem schmale Profite zu machen, die zwar keine Glaspalast-Imperien finanzieren, aber eine bescheidene laufende Produktion.

Das „Album“ als gängiges Format der Popmusik dehnt sich ungut auch auf die Klassik-Wahrnehmung aus. Als eine probate Künstler-Visitenkarte mag es indes auch hier ein Körnchen an Legitimität haben. Ein „Album“ des Baritons Johannes Martin Kränzle (seine besondere Heimat sind die Opernbühnen) mit ausgewählten Klavierliedern von Schubert und Schumann ist freilich noch einmal eine andere Sache: kein unverbindliches Querbeet durch ein mehr oder weniger breites Könnens-Spektrum, sondern Konzentration. Diese engt sich weiter zwiefach ein: Indem aus den Oeuvres der beiden romantischen Liedmeister nur das berücksichtigt wird, was auf Texte der Dichter-Dioskuren Goethe und Schiller basiert. Und überdies liegt der Schwerpunkt auf „Balladen“, also erzählerischen Einheiten oder Mini-Dramen. Dieses Prinzip erfährt hier und da aber auch Brechungen, so, wenn am Schluss das „Nachtlied“ erklingt, die Schumann-Vertonung des Goethe’schen „Über allen Gipfeln ist Ruh’“; man könnte darüber nachsinnen, warum sie relativ wenig bekannt ist – vielleicht, weil hier ausnahmsweise eine Dichtung gelungen ist, die durch Musikalisierung nichts Wesentliches hinzugewinnt, nur so etwas wie eine respektvolle, diskrete, melodisch fast unscheinbare Umhüllung erfährt. Es ist, als ob die Verse für einmal eine affektive Zone erreichten, für die eigentlich nur Musik zuständig sei, so dass hier beide Medien gleichsam dasselbe vermitteln, die entgrenzten Worte und die ihnen behilfliche Musik.

Eine schöne Finalpointe des Sängers, der sich hier ganz zurücknimmt und damit das Naturerlebnis zu einem inneren Monolog geraten lässt. Das liednotorische Lob der lyrischen Innerlichkeit bleibt aber Ausnahme; Johannes Martin Kränzles Anthologie ist im wesentlichen von erzählerischen, dramatisch-novellistischen Inhalten bestimmt. Zu den Herzstücken gehören die hintergründig-balladesken Gesänge aus Goethes „Wilhelm Meister“ sowie die „Bürgschaft“ und der „Handschuh“ von Schiller – das Hohelied der Freundschaft, die schließlich gar in einen utopischen Dreierbund unter Einschluss des „Tyrannen“ mündet, nimmt rund ein Viertel der Spieldauer des gesamten Recitals (mehr als 17 Minuten) ein. Kränzles Vortragskunst besteht darin, den großen Zug dieses tönenden „road movie“ trotz aller Binnen-Gefühlsschwankungen nicht zu vernachlässigen. Mit dem umweglosen erzählerischen Schwung ist er immer ganz sicher bei seiner Sache. Man folgt ihm auch gerne bei längeren Strecken, in denen er einfach drauflos schmettert, die schattenlose Grandeur einer technisch mühelos handhabbaren Stimme vorzeigt.

Mit bloßer Nettigkeit oder juveniler Naivität ist es aber nicht getan. Zweifellos denkt man bei Kränzle mehr an Hermann Prey als an Dietrich Fischer-Dieskau oder gar an den exzentrischen, exaltierten Lied-Leser Matthias Goerne. Doch beschränkt auch er sich keineswegs auf das gemütliche Terrain des Carl Loewe’schen Balladenkosmos’. Von eminenter Gewitztheit zeugt zum Beispiel, dass er das Goethegedicht „Grenzen der Menschheit“ (es gab der CD auch ihren prägnanten Titel) unmittelbar dem „Prometheus“ folgen lässt. Beide Schubert-Kompositionen zeichnen empathisch etwas nach, was Ausfluss einer Entwicklung Goethes hätte sein können – die Wandlung des selbstbewusst auftrumpfenden Gottesanklägers (1770er Jahre) zum demütigen, seiner Begrenztheit inne gewordenen alternden Theisten (1813) – was aber in Wirklichkeit eher der immer gleichzeitigen Komplementarität einer komplexen Welt- und Lebensauffassung entsprang. Kränzle vereinheitlicht auch diese kontroversen Stücke jeweils ins „Heroische“ oder „Verinnerlichte“, lotet aber auch ihren Nuancenreichtum mit Intelligenz und Sensibilität aus. Hilko Dumno ist am Klavier immer ein zuverlässiger, um bedeutende eigene Impulse nicht verlegener Partner. Dass die ursprünglichen Schubertiaden den Liedersänger keineswegs nur als einsames Ich exponierten, beweist die Schillervertonung „Hektors Abschied“, ein schmerzlicher Dialog des trojanischen Recken mit seiner Frau Andromache – lohnende Aufgabe für die Mezzosopranistin Theresa Kronthaler, ihr ausgeglichenes Material zu zeigen. Johannes Martin Kränzles Vortrag, bei dem das Attribut „Natürlichkeit“ nicht zu vermeiden ist, kann es auch jenen Hörern leicht machen, die mit posenhafteren klassischen „Krawattlsängern“ ihre Schwierigkeiten haben. Es sei denn, sie wären, ausschließlich mit quasi musikfreien Rapper-Erzählweisen sozialisiert, vollkommen kunstresistent.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.10.2013

Franz Schubert / Robert Schumann
Grenzen der Menschheit
Johannes Martin Kränzle & Hilko Dumno
Songs after poems by Goethe & Schiller
Challenger Classics CC 72600

CD bestellen