Wer nicht untergehen will im System der Vermarktung, ist gezwungen mit höchsten Superlativen für seine Produkte zu werben. Dies mag umsatzsteigernd sein, für Gesellschaft und Politik ist das katastrophal. Pete Smith hat den Superlativ aus philosophischer Sicht aufgegriffen und plädiert für mehr Überlegung und Ehrlichkeit.

essay

Die Erfindung der Allwissenheit

Von Pete Smith

Man sollte meinen, dass uns der stete Fluss an Informationen, mit dem uns der multimediale Alltag umspült, allmählich läuterte und zur Demut im Geiste des Sokrates‘ erzöge, dass wir, die wir uns jeden Tag aufs Neue genötigt sehen, im trüben Sud der Nachrichten, Kommentare, Verlautbarungen, Botschaften, Reklame und Propaganda die Wahrheit von der Lüge, das Gute vom Bösen, das Nützliche vom Unnützen, das Schöne vom Hässlichen und das Wesentliche vom Belanglosen zu sondern, einsähen, wie bescheiden unser eigenes Wissen und wie begrenzt unsere Erkenntnisfähigkeit ist – doch das Gegenteil ist der Fall.

Ein Freund, den ich einige Jahre nicht gesehen hatte, lud mich unlängst zu einer Party ein. Seine Geburtstage bedeuten ihm nichts, doch den runden wollte er nicht übergehen. Ein besonderer Tag erfordert ein besonderes Geschenk. Ich erwog ein Wellness-Wochenende oder eine Städtereise, doch seine Frau riet mir von beidem ab, ihr Mann sei bequem geworden und verbringe seine Zeit am liebsten daheim auf der Couch. Ob ich ihm stattdessen nicht lieber ein Bücherpaket zusammenstellen wolle, am besten Krimis, aber bloß keine Klassiker. Mangels Genre-Kenntnis beschloss ich, das Internet zu befragen, eine erste Orientierung hoffte ich in den Feuilletons namhafter Zeitungen zu finden. Doch je mehr Rezensionen ich las, desto ratloser ließen sie mich zurück. Das Orakel sprach nicht in Rätseln zu mir, sondern in Ausrufezeichen und Superlativen, die sich wechselseitig neutralisierten: Dem „spannendsten Thriller des Jahres!“ stand „Das Beste, was der Krimiherbst zu bieten hat!“ gegenüber, einem „Pageturner der Sonderklasse!“ die „Sensation der Saison!“ Mit jeder neuen Elegie der Rezensenten wuchs mein Misstrauen in ihre Urteilsfähigkeit. Am Ende folgte ich dem Rat eines anderen Sofasitzers, der mir einen aufwändig gestalteten Anti-Reiseführer empfahl: „100 Städte, die man nicht gesehen haben muss“.

Sensationell ist das Lieblings-Adjektiv der medialen Spaß- und Sportkultur. Egal ob ein betagter Politiker in einer Talkshow ein Lied trällert oder eine Laufstegschönheit die Zahl Pi kennt oder ein Berufsfußballer aus 20 Metern das Tor trifft – jede mittelmäßige Leistung wird zu einem außergewöhnlichen Ereignis hochgejazzt. Wem die verklärenden Eigenschaftsworte ausgehen, der flüchtet sich in den Superlativ. Selbst seriöse Medien gehen immer häufiger dazu über, den mageren Informationsgehalt ihrer Nachrichten mit Hilfe von Superlativen, Elativen oder gar Hyperlativen zu strecken.

Auf den ersten Blick erscheint der inflationäre Gebrauch der höchsten Steigerungsformen in allen Bereichen unserer Kommunikationskultur wie der hilflose Versuch, sich im Tumult der Marktschreier ein wenig Gehör zu verschaffen. Man kann das rührend finden, da man jedem, der sich darum bemüht, ein bisschen Aufmerksamkeit gönnt, oder peinlich wie das hektische Fingerschnippen des Klassenstrebers in der hintersten Reihe oder drollig wie die Drei-Balken-Schlagzeile in einer Boulevardzeitung, die sich über „Deutschlands dümmste Langfinger“ mokiert. Schließlich geben wir selbst gelegentlich der Versuchung nach, unser notwendigerweise subjektiv gefärbtes Geschmacksurteil durch eine rhetorische Objektivierung zu erhöhen: indem wir beispielsweise die „beste Eisdiele der Stadt“ oder die „leckerste Currywurst Deutschlands“ preisen.

Im freien Waren- und Dienstleistungsverkehr hingegen weckt der Superlativ unser Misstrauen, zumal wenn sich ein Anbieter eigeninitiativ damit schmückt. Um leichtgläubige Verbraucher vor den haltlosen Verheißungen des Marktes zu schützen, setzt das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb enge Grenzen, innerhalb derer Unternehmen in Superlativen („Die Nummer 1 unter den Waschmitteln“) oder Komparativen („Kein Einrichtungshaus hat eine größere Auswahl“) werben dürfen: Sie müssen nachweisen, dass ihre Behauptung wahr ist, und belegen, dass sie einen sowohl deutlichen als auch steten Vorsprung gegenüber ihren Mitbewerbern haben. Ausnahmen erlaubt das Gesetz nur für solche Slogans, die die Verbraucher nicht für bare Münze nehmen, weil sie die Übertreibung darin auf Anhieb erfassen.

Der Superlativ ist eine Anmaßung, ebenso wie seine Steigerung, der Elativ, und seine Verballhornung, der Hyperlativ. In seinem Kern steckt die Behauptung, dass alle Alternativen dessen, was er bewertet, bekannt seien, mehr noch, dass das in ihn gekleidete Urteil auf fundiertem Wissen gründe und somit endgültig sei. Für den Narr ist die Übertreibung ein Stilmittel, für Könige und Fürsten ein Machtinstrument.

TINA-Prinzip

Die eigene Leistung zu loben, ist legitim, sie als die bestmögliche zu preisen, hingegen nur, wenn man das Ich in sein Urteil einbezieht: Mir war nicht mehr möglich, andere hätten unter Umständen mehr erreicht. Eine unter Politikern wie Vorständen beliebte Paraphrasierung des Superlativs ist die Behauptung, dass eine Entscheidung alternativlos sei, ein Standpunkt, der seit Margaret Thatchers Amtszeit als TINA-Prinzip („There Is No Alternative“) bekannt ist. Man könnte jenen, die diese Haltung kultivieren, Hochmut vorwerfen, aber das trifft nicht den Kern. Tatsächlich beanspruchen sie die Wertungshoheit, indem sie Allwissenheit fantasieren.

Allwissenheit sei die politische Fiktion für jederlei Souverän, schreibt Hans Blumenberg in seinem an ein Traktat Spinozas angelehnten Aufsatz „Die Fiktion der Allwissenheit“. Er erklärt sie mit dem Entscheidungszwang, dem politische Instanzen unterlägen. Ebenso wenig wie Richter könnten sich Politiker einem Entschluss mit dem Einwand verweigern, sie wüssten zu einem Sachverhalt zu wenig. „Politisch ist ein solcher Verzicht schon deshalb nicht möglich, weil sich immer sofort andere Handlungssubjekte anbieten und wegen einer Eigenschaft auch durchsetzen, die zu bezeugen und zu beweisen ins Repertoire der politischen Rhetorik gehört, ja, in dem Modus der Simulation sogar eine demagogische Kategorie ist: Entschlussfreudigkeit.“

Wer in einer Demokratie Regierungsverantwortung übernimmt, entscheidet im Namen des Volkes. Das Volk erwartet von ihm, dass er seiner Verantwortung gerecht wird und seine Entscheidungen sorgsam bedenkt. Vor dem Hintergrund eines in globalen Dimensionen kaum noch zu überschauenden Kausalitätsgeflechtes sind politische Irrtümer geradezu programmiert. Wäre es da nicht längst an der Zeit, dass wir jene Volksvertreter, die die Grenzen ihres Wissens und ihre Fehlbarkeit, also auch die Möglichkeit ihres Scheiterns einräumen, für ihre Ehrlichkeit und ihren Mut belohnen und den Alleswissern mit Misstrauen begegnen? Omniszienz bleibt eine göttliche Fiktion, auch wenn der Mensch nicht müde wird, danach zu streben.

„Solange ich noch atme und es vermag, werde ich nicht aufhören, nach Weisheit zu suchen“, legt Platon seinem Lehrer Sokrates in den Mund. Weisheit beginnt für Sokrates mit der Demaskierung von Scheinwissen. Indem er die Rolle des Schülers annimmt, verleitet er selbst ernannte Weisen dazu, ihr Wissen vor ihm auszubreiten, das er ihnen durch kritisches Hinterfragen sukzessive zerlegt. Die Haltung des Sokrates‘ ist Demut, sein Weg zur Erkenntnis der Dialog.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.10.2013

»Auf den ersten Blick erscheint der inflationäre Gebrauch der höchsten Steigerungsformen in allen Bereichen unserer Kommunikationskultur wie der hilflose Versuch, sich im Tumult der Marktschreier ein wenig Gehör zu verschaffen.«

»Für den Narr ist die Übertreibung ein Stilmittel, für Könige und Fürsten ein Machtinstrument.«

Pete Smith