In Heimaturlaub, seinem Debütroman, erzählt Joachim Geil von einem Kriegstrauma.
Der 24jährige Leutnant Dieter Thomas kommt im Sommer von der Ostfront in die Heimat, in den kleinen Kurort Bad Bergzabern in der Pfalz. Die acht Sommertage verbringt er mit Verwandtenbesuchen und im Schwimmbad, wo er Heidi trifft, die Freundin aus Kindertagen, aus der eine fanatische Nationalsozialistin geworden ist. Anders denkt Dieters sterbender Großvater: der ist Nazigegner und rät ihm, zu desertieren.
Dieter hat ein bedrückendes Geheimnis, ein grauenvolles Ereignis sucht ihn immer wieder heim. Brilliant und schonungslos erzählt der vierzigjährige Joachim Geil, wie die Gewaltphantasien seines Protagonisten in die Urlaubsidylle einbrechen.
Wie Oliver Jungen in der FAZ zu Recht feststellt, ragt Heimaturlaub „dank seiner erzählerischen Souveränität und erstaunlichen Sprachkraft deutlich aus der großen Masse der Debüts hervor. In seiner subtilen Widerlegung aller Kollektivschuldphantasmen ist diese so berührend einfühlsam geschilderte Geschichte zugleich ein radikaler Antikriegsroman“.
Harry Oberländer

Joachim Geil

Heimaturlaub

Also dann, Heidi, spricht er durch die Gitter des Tores.
Du wirst ja ganz naß, Dieter.
Du auch.
Ja, aber dir sieht man es eher an.
Nein, dir viel mehr, guck mal, deine Bluse.
Komm doch mit rein ins Trockene.

Ich trockne besser bei den Stepps, redet er sich jetzt um Kopf und Kragen. Du trägst ein entzückendes Kleidchen, singt es wieder, entsetzlich. Und dennoch bist du nicht. Ach was, Schluß jetzt!
Und ich will nicht stören.

Iwo, auf einen Tee wirst du mir doch Gesellschaft leisten? Außerdem will ich nicht hier im Regen stehen, das würde mich stören.
Da flackert ein Blitz über der Stadt und augenblicklich kracht ein Donnerschlag durch Mark und Bein. Deckung! sagt es. Doch Dieter hört nicht nach innen oben hinten, er zuckt zusammen bei diesem Schlag, den auch Heidi nicht verkraftet. Sie zittert regelrecht, feuchtes Kleid und Donnerschlag, das ist zu heftig für das Ende eines Schwimmbadnachmittags. Nach dem Schrecken fröstelt es sie am ganzen Leib. Dieter sieht es und will sie schon fürsorglich in den Arm nehmen: steht mit ihrem Kleidchen da, wirklich wie die Werner. Gib ihr nen Kuß, sie hält schon still. Er hält ihr seinen Arm hin, und sie hakt sich bei ihm unter. Besser so, nicht übermütig werden, zu voreilig, eine riskante Operation. Ist etwas für Feldmarschälle am Kartentisch, aber nichts für Leutnants an vorderster Front, an der, wenn er sich umschaut, muß er schmunzeln, an der Gartenfront.

Was grinst du, stimmt was nicht? fragt die Frau an seiner Seite.
Nein, nichts, stimmt alles.

An der Freitreppe angekommen: Na dann komm, auf einen Tee. Blitz und Einschlag im selben Augenblick. Das Sommergewitter liegt auf der Stadt. Tobt. Erde, Schnee und Splitter fliegen durch die Luft.

Ein Panzer steht in Flammen. Na wartet, ihr Hunde. Ihr habt ihnen geholfen. In Brand schießen, Malaja Irgendwas.

Heidi, ich gehe nach Hause und komme später wieder, dann sind wir getrocknet. Heidi schaut ihn an, sagt nichts, kein Wort. Sie wartet eine Sekunde, dann rennt sie die Treppe hinauf und verschwindet in der Villa, ohne ihn anzuschauen. Die Tür ist zu. Dieter blinzelt im Regen, es läuft ihm das Gesicht hinunter. Das ist jetzt vergeigt. Ein Brennen im Magen, denn wenn sie beleidigt ist, dann hat er schlechte Karten für die nächsten Tage, und es sind nur nächste Tage, die er hier bleibt. Dann wird er sie nie wieder sehen, nie wieder. Und hatte sich doch so gefreut. Er muß schlucken: Wenn sie nun nichts mehr von ihm wissen will. Vielleicht ist es aber nur der Regen, der sie ins Haus treibt, ohne sich umzudrehen.

Und später? Mist, später hat er versprochen, bei den Roses vorbeizukommen, die freuen sich schon darauf, besonders die Kleinen, und er freut sich mächtig auf die Kleinen, die Süßen. Jetzt Heidi nachzurufen, daß er später gar nicht könne, bringt nichts, denn sie ist schon weg. Ihr nachzugehen, ins Haus, ist undenkbar, ein nasser Hund mit tropfenden Wimpern. Malaja, wie hieß das noch? Malaja Irgendwas, Maschenkas Dorf. Es heißt so etwas wie klein. Daumen und Zeigefinger hat sie fast aufeinandergelegt und vor ihr Gesicht gehalten. Das weiße Gesicht mit dem Zopf, dunkelbraun, wie eine Schnecke um den Hinterkopf gelegt. Dieter muß lachen, beim ersten Mal. Als er sie sieht, ist sie ihm vorgekommen wie ein Püppchen der russischen Volkskunst. So ein hübsches Gesicht und diese rosigen Wangen, schmal, aber kräftige Wangenknochen, ostisch, wie das hier so ist. Malaja Irgendwas. So klein. Malyj klein. Maschenkas Zeigefinger über ihrem Daumen. Und ein Lächeln, das er nie vergißt, sein Leben lang nicht. Auch wenn sie einen schmutzigen Rock und zerbeulte Stiefel anhat, einen löchrigen Schal, fehlt nur noch die Folkloregruppe und irgend so ein junger kahlgeschorener Iwan oder Kolja mit hochgeschlossenem Uniformhemd und einer Riesenbalalaika. Gibt es natürlich nicht. Sie hat eine graugrüne Armeejacke, gesteppt, zerrissen, aber geflickt, so gut es ging.

Wie hat sie die wohl gekriegt?
Ach was.

Schweinekälte. Ihre Finger im Handschuh, der Zeigefinger über dem Daumen. Malyj klein. Bei Klein, sie sagt Klajn, zieht Mund und Augen so dramatisch auf, lächelt dann wie voller Mitleid, ach so klein, tak malyj klajn. Ihr Atem eine Wolke in der Eiseskälte. Malaja Irgendwas, ein kleines Dorf, nichts besonderes, eins wie das andere. Alles Holz, brennt wie Zunder. Manche mit hübschen bunten Fensterrahmen, wenn Geld da war für Farbe. Das Haus der Kolchosleitung, Backstein, irgend so ein mickriger Bolschewik hat da als Kommissar drin herumgewurstelt. Backstein, immerhin, roter Backstein. Natürlich leer. Mit Sack und Pack auf und davon. Eine halbvolle Tasse Tee steht noch auf dem Schreibtisch, der Samowar ist noch warm. Ein grauer Vorhang aus prasselnden Tropfen über der Kurstadt, undurchdringlich. Darin zucken Blitze. Ein warmer Gewitterregen. Aufatmen. Die Schwüle geht. Der Regen poltert auf die Dachpappe des Graffels. Dieter schellt. Neben dem eigentlichen Schuppen, dem Werkzeugschuppen mit den Gartengeräten, links daneben wie in einem Unterstand das Holzlager, Brennholz für den Winter, nicht viel. Im Hackklotz steckt eine Axt. Da wird der Himmel über den Brombeeren hell. Der Schauer zieht weiter, ein weißer Strahl schiebt das Grollen nach Osten ab, wo es hingehört. Eifriges Tropfen in Bäumen und Sträuchern, die Regenrinne des Graffels klappert wie eine Blechbüchse. Der Regen hat nachgelassen. Jetzt könnte er wieder die Straße hinauf zum Zickzack, könnte Tee bei Heidi …

Da öffnet Tante Emmy die Tür. Die Axt, die Dieter mit nassen Händen aus dem Hackklotz gezogen hat, wäre ihm beinahe aus den Fingern geglitten. Sie trifft dennoch Tante Emmys Ellenbogen und durchtrennt ihn mit dem ersten Hieb. Dem Hieb, der noch in die Haustür hinter ihr eine Kerbe schlägt. Emmy taumelt stumm schreiend und windet sich, während sie, holla, den wild blutenden und tropfenden Stumpf ihres Armes hält. Am abgeschlagenen Unterarm auf dem Boden, um den sich eine kleine Lache ausbreitet, scheinen die Finger, Dieter traut seinen Augen kaum, noch zu zucken, als wollten sie Klavier spielen. Der Unterarm läuft auf dem Linoleumboden vor dem Klo aus. Dieter ist überrascht von der Exaktheit seines Hiebs. Aber die Tante schreit jetzt wie am Spieß. Das geht natürlich nicht. Das weckt zum Schluß den Großvater auf. Der wird noch beunruhigt und macht sich Sorgen. Und die Großmutter noch viel mehr. Sie sagt es dem Großvater, denn der kann das Bett nicht verlassen, und er schimpft den Dieter aus. Tante Emmy muß Ruhe geben, da hilft nichts. Er muß auf den Hinterkopf einschlagen oder den ganzen Kopf abhacken. Weiß aber nicht, ob er den überraschend sauberen Schlag auf den Arm auch am Genick noch einmal so hinbekommen würde. Den ganzen Kopf abhacken, das würde er doch nicht schaffen, da müßte er Tante Emmy auf den Hackklotz legen, aber die hält nicht still, windet sich noch. Dieter schaut zu Großvaters Zimmer. Da rührt sich nichts, das heißt, genau kann er es nicht hören, denn Emmy kreischt. Jetzt gib schon Ruhe. Er versucht sie mit einem Tritt gegen die Brust zur Raison zu bringen, aber das löst nur ein zusätzliches Schluchzen aus. Ein Schluchzen, in das sich ein Husten mischt. Ein Husten, bei dem er unmöglich horchen kann, ob der Großvater unruhig geworden ist. Und die Großmutter noch viel mehr. Die Axt bleibt nach einem Schlag aufs Geratewohl in Tante Emmys Genick stecken. Im Genick, das er, jetzt merkt er es deutlich, unmöglich mit dieser Axt hätte durchtrennen können, geschweige denn den ganzen Kopf abschlagen. Emmy starrt schweigend und reglos.

Er geht zurück in den Regen hinaus. Den Regen, der sofort die ersten Blutschlieren der Axt verdünnt und Hautstücke bespritzt. Er schlägt die Axt wieder in den Klotz im Unterstand. Um den Griff legt er die Finger von Emmys Hand, als hätte sie eben selbst zugeschlagen.

Komm rein, sagt Tante Emmy. Ach Gott, zieh dich mal um! Bischt ja ganz naß. Dem Vater geht’s gar nit gut, atmet plötzlich sehr schwer.

Dieter geht an Großvaters Zimmer vorbei, die Treppe hinauf. Es riecht penetrant aus dem Zimmer, dumpf und süßlich.

Ich muß den Vater eben waschen, dann mach ich einen Kaffee, Ersatzkaffee, trinkst einen mit?

Daß man immer den Ersatzkaffee zugibt, wenn der andere sich auf echten freut. In der Sekunde, da man Kaffee sagt, kommt die Erinnerung.

Ja gerne, Tante Emmy. Armer Großvater.

Auszug aus Kapitel 9, S. 55–60, © Steidl Verlag Göttingen 2010

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erstellt am 15.11.2010

Geil, Heimaturlaub

Joachim Geil
Heimaturlaub
Gebunden, 290 Seiten
ISBN-13: 9783869300771
Steidl Verlag, Göttingen 2010