Man kann es nicht oft genug wiederholen: Wer sich ins Internet begibt, überschreitet die Grenze der Privatsphäre. Er verlässt die seine und gerät womöglich in die anderer. Im Netz sind die Grenzsteine verschoben, wenn nicht gestohlen. Von rechtlichen, Informations-, Kontroll- und Schamgrenzen handelt ein Essay von Göttrik Wewer mit dem Titel „Die Verschmelzung von öffentlicher und privater Sphäre im Internet“.

essay

Die Verschmelzung von privater und öffentlicher Sphäre im Internet

Von Göttrik Wewer

Ein Grundsatz der sogenannten Hacker-Ethik lautet: »Private Daten schützen, öffentliche Daten nützen« (Heller 2011: 111). Dieser Punkt wurde in den 1980er Jahren vom Chaos Computer Club jenen Grundsätzen hinzugefügt, die schon länger in der Szene kursierten, und sollte im Zeitalter des Internet den Schutz der Privatsphäre des Einzelnen mit dem freien Zugang zu Informationen verknüpfen, welche die Allgemeinheit betreffen (www.ccc.de). Eine frühere Version findet sich in dem Buch »Hackers« von Steven Levy aus dem Jahre 1984, das erste »Hacker Manifest« erschien zwei Jahre später.

Dieser Kodex, von dem unterschiedliche Versionen zirkulieren, bietet eine gewisse Orientierung, ist aber weder abschließend noch verbindlich. Dass längst nicht alle Hacker private Daten schützen, zeigte zum Beispiel die Veröffentlichung der Namensliste der Unterstützer des Aufrufs »Wir sind die Urheber!« samt Adressen, Geburtsdaten und Telefonnummern im Netz. Ihre Homepages wurden außerdem durch gezielte Angriffe lahmgelegt.

Hier soll es jedoch nicht um die Glaubwürdigkeit von anonymen Hackern gehen, die Menschen mit anderen Ansichten mundtot zu machen versuchen, sondern um die Frage, ob sich heutzutage noch »private« Daten fein säuberlich von »öffentlichen« Daten unterscheiden lassen. Private Daten jedenfalls, die ins Internet gestellt werden, sind im Prinzip öffentlich, weil man nicht sicher sein kann, wer alles Zugriff darauf hat, und weil man die weitere Verwendung nicht mehr kontrollieren kann: Was im Netz ist, ist in der Welt. Das Netz stellt eine neue, nämlich die digitale Öffentlichkeit dar (Kretschmer/Werner 2011; Beckedahl/Lüke 2012). Das führt zu der Frage, was in dieser Sphäre das »Schützen privater Daten« praktisch noch bedeuten kann.

Dem Chaos Computer Club ging (und geht) es noch um etwas anderes, nämlich um einen freien Zugang zu Informationen, welche die Allgemeinheit betreffen. Auch die Piraten, die jetzt in einige Landtage eingezogen sind, wollen die völlige »Transparenz aller staatlichen Prozesse«. Dazu gehöre, wie es in ihrem Grundsatzprogramm heißt, dass ein jeder Bürger »effizient, komfortabel und mit niedrigen Kosten« Zugang zu staatlichen Informationen bekommen müsse und ein jeder unabhängig von persönlicher Betroffenheit und ohne irgendwelche Begründungen überall »Einsicht in die Aktenvorgänge« nehmen könne. Man müsse vom »Prinzip der Geheimhaltung« zu einem »Prinzip der Öffentlichkeit« kommen (zit. n. Häusler 2011: 151 ff.).

Öffentliche Daten in diesem Sinne sind Daten, die von öffentlichen Stellen, also Parlamenten, Regierungen und Verwaltungen, erzeugt werden. Sie sollen, so die Forderung, möglichst maschinenlesbar und unentgeltlich zur weiteren Nutzung bereitgestellt werden (»Open Data«). Bund und Länder haben im Sommer 2012 eine Konsultation im Internet über Eckpunkte einer entsprechenden Strategie zur Förderung von Transparenz, Teilhabe und Zusammenarbeit durchgeführt(www.ekonsultation.de).

Es geht aber nicht nur um Statistiken, Geodaten und ähnliche Datensätze, sondern auch um Aktenvorgänge. Nach dem sogenannten Transparenzgesetz, das am 13. Juni 2012 von der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg beschlossen worden ist (Kleindiek 2012) und an dem neben Transparency International und dem Verein »Mehr Demokratie« auch der Chaos Computer Club mitgearbeitet hat, sollen künftig sämtliche Dokumente, die von öffentlichem Interesse sein könnten, unaufgefordert und kostenfrei in ein Informationsregister im Internet eingestellt werden (www.transparenzgesetz.de).

Das Parlament wollte mit diesem Gesetz einer Volksinitiative zuvorkommen, die sich »Transparenz schafft Vertrauen« nannte. Diese Bezeichnung trifft insofern zu, als mehr Transparenz hier und da zu mehr Vertrauen führen kann (Franke 2010). Die Forderung nach totaler Transparenz ist allerdings Ausdruck einer Misstrauenskultur (Han 2012a). Transparenz meint in diesem Zusammenhang Kontrolle, nicht Vertrauen. Darin steckt letztlich ein Stück totalitäres Denken: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« (Lenin).

Von öffentlichem Interesse können im Prinzip auch Daten sein, die nicht ins Netz gestellt oder sogar bewusst geheim gehalten werden. Allerdings gibt es in der öffentlichen Verwaltung nicht nur eine grundsätzliche Verschwiegenheitspflicht über alle dienstlichen Angelegenheiten, sondern auch das Amtsgeheimnis, das Steuergeheimnis, das Sozialgeheimnis (Király 2010). Deshalb sind personenbezogene Daten, aber auch Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse in der Regel von einer Veröffentlichung ausgeschlossen. Von Staatsgeheimnissen gar nicht zu reden.

Hacker wie Daniel Domscheit-Berg, Mitbegründer von WikiLeaks, aber dann im Streit mit Julian Assange ausgeschieden und seither auf dem Weg, eine eigene Plattform aufzubauen (»OpenLeaks«), wollen das so nicht akzeptieren: »Da eine Zunahme von Macht in der Regel mit einer Zunahme des Missbrauchs von Geheimnissen einhergeht, wird der Geheimnisverrat zur Notwendigkeit, diesem Missbrauch entgegenzuwirken, als ein Mechanismus der Checks and Balances von unten« (Domscheit-Berg 2011: 103). »Kollateralschäden«, also Gefahren für Leib und Leben unschuldiger Menschen, werden bei der Aufdeckung von Geheimnissen von Regierungen, Militärs und Firmen notfalls in Kauf genommen (Khatchadourian 2011: 41).

Auch die Piraten sehen im Whistleblowing, also dem Ausplaudern von Interna und dem Verrat von Geheimnissen, eine Form von Zivilcourage, die unbedingt unterstützt und geschützt werden müsse.

Eine »Akteneinsicht für jedermann«, wie sie die Piraten und etliche Hacker fordern, wirft die Frage auf, ob es sich dabei wirklich um »öffentliche« Daten und Dateien handelt. Denn in der öffentlichen Verwaltung dürfte es kaum Akten geben, die nicht irgendwelche Bezüge zu handelnden Personen haben. Deshalb unterliegen die meisten Vorgänge auch dem Datenschutz. Wenn der Bürger gesetzlich verpflichtet ist, dem Staat gegenüber bestimmte Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen zu machen, dann erwartet er mit einem gewissen Recht, dass diese vertraulich behandelt und nur zweckgebunden benutzt werden. Und wer eine staatliche Genehmigung für etwas haben muss, der möchte vielleicht auch nicht, dass alles, was im Antrag angegeben werden musste, gleich ans Schwarze Brett der Behörde gehängt wird. Sind also Daten, die bei öffentlichen Stellen vorhanden sind, zwingend »öffentliche« Daten, die es im Interesse der Allgemeinheit zu nützen gilt, oder kann es sich auch um Daten handeln, die als »privat« anzusehen und von daher zu schützen sind?

Solche Fragen machen deutlich, dass das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter neu definiert werden muss. Die alte Hacker-Ethik kann dabei bestenfalls als grobe Richtschnur dienen, bietet aber keineswegs Antworten auf alle Fragen, die sich stellen. Im Internet – der neuen digitalen Öffentlichkeit – jedenfalls löst sich die Trennung zwischen »öffentlich« und »privat« de facto auf. Welche Schlüsse aus dieser Erkenntnis zu ziehen sind, wird in der Netzgemeinde, wie im nächsten Abschnitt (1) gezeigt werden soll, kontrovers diskutiert. Während die einen Vorstellungen von Privatheit als längst überholt ansehen, wollen andere eine Privatsphäre auch im digitalen Zeitalter bewahren.

Privatheit wird nicht nur von einem Staat und einer Wirtschaft bedroht, die zu viele Daten sammeln, sondern auch von vielen Menschen, die freiwillig vieles Privates ins Netz stellen. Norbert Bolz sieht einerseits im »Verlust des Privaten«, der aus einem mangelnden Problembewusstsein insbesondere bei jüngeren Menschen herrühre, und andererseits in einer weit verbreiteten »exposer culture« (Tim Wu), also einer riesigen Lust, sich öffentlich zu exponieren, geradezu einen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit. »Viele bürgerliche Selbstverständlichkeiten, ohne die wir uns Zivilisation gar nicht denken können,(existieren) offenbar für viele, die in diese Internetkultur hineingeboren sind, gar nicht mehr« (Bolz 2012: 36). Diese Verschiebungen der Grenzlinie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit sollen in einem weiteren Absatz erörtert werden (2). Im digitalen Panoptikum unserer Tage ist der Einzelne nicht immer nur Opfer, sondern häufig auch Täter (3). Für die politische Gestaltung des Netzes wirft das spannende Fragen auf, die uns noch eine Weile beschäftigen werden.

1

Privatheit zwischen totaler Überwachung und totaler Transparenz

Der Schutz der Privatsphäre gehört zu den allgemeinen, unveräußerlichen Menschenrechten. Er findet sich nicht nur in Artikel 12 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, die inzwischen von den meisten Staaten unterzeichnet worden ist, sondern auch in Artikel 17 des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte, dem sogenannten Zivilpakt, vom 19. Dezember 1966: »Niemand darf willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder rechtswidrigen Beeinträchtigungen seiner Ehre oder seines Rufes ausgesetzt werden.« Und: »Jedermann hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen« (zit. n. Bundeszentrale 1999: 78).

Das Menschenrecht auf Schutz der Privatsphäre, das lange als unstrittig gegolten hat (vgl. Zolotas 2010), wird in jüngster Zeit immer öfter in Frage gestellt. Während die einen es durch allseitige Überwachung gefährdet sehen, wollen es andere in totaler Transparenz auflösen. Während manche die Privatsphäre noch verteidigen, halten andere den Kampf längst für verloren. Der gesellschaftliche Grundkonsens, die Privatsphäre sei schützenswert (Trepte 2012), scheint jedenfalls zu bröckeln. Das soll in diesem Kapitel gezeigt werden.

Es ist eine merkwürdige Allianz von kommerziellen »Datenfressern« wie Facebook, Google & Co. (Kurz/Rieger 2011) und Hackern wie Julian Assange oder Daniel Domscheit-Berg, die sich anschickt, wesentliche Koordinaten unserer Demokratie zu verschieben. Während die einen vorrangig den »gläsernen Bürger« ins Visier nehmen, aber gerne auch staatliche Daten ausbeuten würden (»Open Data«), zielen die anderen besonders auf den »gläsernen Staat«. Dass beide Seiten selbst nicht sehr transparent agieren und sich nur ungern in die Karten schauen lassen, gehört zur Ironie der Geschichte. Das Spannungsfeld von Privatheit und Öffentlichkeit und von Geheimnis und Vertrauensbruch, in dem wir uns bisher bewegt haben, würde sich jedenfalls deutlich verändern, wenn sich diese Allianz durchsetzen würde.

»Der Schutz der Privatsphäre und der Datenschutz gewährleisten Würde und Freiheit des Menschen«, heißt es im Grundsatzprogramm der Piratenpartei. Die überwachte Gesellschaft entstehe allein schon dadurch, dass sie »technisch möglich« geworden sei und den Interessen von Wirtschaft und Staat gleichermaßen diene. Dieser Überwachung sage man entschieden den Kampf an. »Das Recht auf Wahrung der Privatsphäre ist ein unabdingbares Fundament einer demokratischen Gesellschaft.« Jedem Bürger müsse ein »Recht auf Anonymität« garantiert, das Briefgeheimnis solle zu einem generellen Kommunikationsgeheimnis erweitert werden. Der vorherrschende Kontrollwahn stelle eine weitaus ernsthaftere Bedrohung unserer Gesellschaft dar als der internationale Terrorismus (zit. n. Häusler 2011: 147).

Diese Position wird nicht von allen in der Netzgemeinde geteilt. Für den Blogger Christian Heller etwa ist die Privatsphäre ein Auslaufmodell: »Wir treten ein in das Zeitalter der ›Post-Privacy‹: in ein Leben nach der Privatsphäre.« Es lohne sich nicht, sie zu verteidigen, denn dieser Kampf sei längst verloren. Man könne ihn hier und da noch führen – aber nur aus taktischen Gründen und sicher nicht um jeden Preis. Das Ende der Privatsphäre bedeute nämlich nicht den Weltuntergang. »Die Post-Privacy kommt – und wir sollten lernen, das Beste aus ihr zu machen« (Heller 2011: 7 f.). »The age of privacy is over«, sagt kurz und bündig Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (zit. n. Schertz/Höch 2011: 5; vgl. auch Schmidt in diesem Band).

Für das von Google finanzierte »Co:llaboratory Internet & Gesellschaft« ist die Vorstellung einer Intimsphäre bzw. Privatsphäre nicht nur »wissenschaftlich überholt«, sie werde auch »durch das Internet für jedermann sichtbar in Frage gestellt« (2011: 27). Entscheidende Stellschraube sei die Kontrollierbarkeit des Informationsflusse (ebd., 58 f.). »Wenn jede Information überall ist, gibt es keine Privatsphäre mehr« (ebd., 55). Wir hätten zwar eine personale Identität, würden uns aber in verschiedenen sozialen Strukturen mit verschiedenen Personas bewegen. Diese Vielfalt lasse sich weder technisch modellieren noch von einem normalen Nutzer beherrschen. Insofern sei ein solches Konzept nicht praktikabel (ebd., 27).

Constanze Kurz und Frank Rieger vom Chaos Computer Club weisen demgegenüber darauf hin, »dass die lautesten Beschwörer des ›Endes der Privatsphäre‹ die größten Profiteure dieser propagierten Entwicklung sind« (Kurz/Rieger 2011: 9), und raten zur Vorsicht: »Sich der Bedeutung der Privatsphäre bewusst zu werden, darüber nachzudenken, wo die Grenzen sind, was man wirklich für sich behalten will, ist der erste Schritt zur digitalen Mündigkeit. Jeder von uns hat etwas zu verbergen – die Frage ist immer nur, vor wem« (ebd., 11). Ihre Ratschläge – u. a. für jeden Service möglichst ein anderes Pseudonym zu verwenden (ebd., 265; vgl. auch Kotteder 2011) – dürften manchen Nutzer von Computer und Internet überfordern. Aber dass es der Schutz der Privatsphäre ist, der den Menschen vor dem Druck des Konformismus bewahrt, das habe der Jurist Edward Bloustein schon in den 1960er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschrieben (ebd., 271).

Als Constanze Kurz diejenigen, die anderer Meinung sind, öffentlich als »Post-Privacy-Spackos« titulierte, nahmen diese den Fehdehandschuh gerne auf und kämpfen seither unter dem Namen »Spackeria« gegen ein Festhalten an der Privatsphäre (www.spackeria.de). »Wir haben ja nichts dagegen, dass sich Leute im Netz nackig machen können«, erklärte Kurz. »Man soll es nur nicht als Lebensstil, als soziale Norm propagieren.« Frank Rieger: »Wir halten Post Privacy als Lebensstil für einen Irrweg«, für ein »ziemlich durchsichtiges Manöver von Google und Facebook« (zit. n. Seeliger 2010).

Laut dem amerikanischen Futuristen David Brin müssen wir unsere Freiheit anders verteidigen, als gegen die allgegenwärtige Überwachung anzukämpfen. Wenn wir gegenüber den Mächtigen schon keine Geheimnisse mehr bewahren könnten, dann sollten diese Daten wenigstens allen zur Verfügung stehen. Totale Überwachung werde dann zu totaler Transparenz. Darin hätten die Unteren weniger zu verlieren als die Oberen. In der »Transparenten Gesellschaft«, wie er sein Konzept nennt (Brin 1999), überwachen die Vielen das Oben, aber auch sich gegenseitig nach links und rechts. Das schwäche die Privatsphäre ebenso wie das staatliche Gewaltmonopol (zit. n. Heller 2011: 112 f.). Wenn alles offenliege, wenn niemand mehr etwas zu verbergen habe, dann könne auch keiner mehr die Schwächen anderer ausnutzen. Die totale Demokratisierung der Überwachung mache Privatsphäre untereinander unmöglich.

Dass totale Transparenz ein erstrebenswertes Gesellschaftsmodell ist, ist zumindest strittig (Han 2012 a und b). Und selbst wenn man das bejahen würde, bliebe immer noch die Frage, wie der Weg dahin aussehen könnte. Es ist ja nicht so, dass man von heute auf morgen – und zwar weltweit – einfach auf totale Transparenz umschalten könnte. Wenn aber einzelne Menschen, Unternehmen oder Staaten bereits »gläsern« sind, während andere noch ihre Privatsphäre und ihre kleineren und größeren Geheimnisse schützen, dann machen sich jene sehr angreifbar und verletzlich. Gewalt, Macht und Interessen schmelzen im Internet nicht einfach dahin (Goldsmith/Wu 2008). Intoleranz und Repression gegenüber Menschen, Diskriminierung und Skandalisierung von bestimmten Verhaltensweisen sind jedenfalls nicht ausgeschlossen, nur weil einige für eine offenere und tolerante Welt kämpfen. Und wer nicht über entsprechenden Speicherplatz und hinreichende Rechenzeit verfügt, der könnte die schiere Menge der Daten bei totaler Transparenz ohnehin weder auswerten noch sinnvoll nutzen. Im Netz entsteht eine neue infrastrukturelle Macht, die – im Gegensatz zu weiten Teilen der Infrastruktur in der realen Welt – »komplett in privater Hand« liegt (Creutzberg 2012: 87).

Zuvor noch stellt sich die Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, dass es künftig keinerlei Privatsphäre mehr geben soll. Mark Zuckerberg? Die »Spackeria«? Technische Sachzwänge? Oder demokratische Mehrheiten? Wer bestimmte Entwicklungen, die durch das Internet möglich geworden sind, als unabweisbar darstellt, versucht sich im Grunde einer öffentlichen Diskussion und demokratischer Entscheidung zu entziehen. Insofern steckt in Postulaten wie »Ende der Privatheit« und »totale Transparenz« auch ein Stück totalitäres Denken. In totalitären Systemen zählt das staatliche Geheimnis bekanntlich alles und das private Geheimnis nichts.

Was totale Transparenz künftig bedeuten könnte, lässt sich zum Beispiel aus einem Strategiepapier »Das Beschäftigungsmodell der Zukunft« des Software-Konzerns IBM erahnen (Dettmer/Dohmen 2012: 62): Künftig soll es nur noch eine kleine Kernbelegschaft, die für strategische Fragen und das Management des Unternehmens zuständig ist, eine feste Anstellung bekommen. Für Projekte und den Dienst am Kunden hingegen sollen – je nach Bedarf – für einige Tage, für ein paar Wochen oder Monate oder auch für Jahre jeweils irgendwo auf der Welt Mitarbeiter angeheuert werden, die ihre Arbeitskraft auf einer Internetplattform nach dem Vorbild von Ebay anbieten können. Die Menschen, die auf die Plattform gelassen werden, würden nach einem »Zertifizierungsmodell« – Blau, Silber oder Gold, je nach Qualifikation und Befähigung – gekennzeichnet, aber auch nach ihrer »digitalen Reputation« bewertet werden, nämlich nach ihren bisherigen Leistungen, pünktlichem Erscheinen, Termintreue, fristgerechten Abrechnungen, aber auch sozialem Engagement. Das berufliche Profil würde sich mit den Bewertungen früherer Auftraggeber und von ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten zu einer Art elektronischem Lebenslauf verdichten, der von Firmen aus aller Welt auf der Plattform eingesehen werden kann. Über »virtuelle Kioske« sollen sie Zugriff auf das Personal erhalten und entscheiden können, wen sie anheuern und wen nicht.

Nationales Arbeitsrecht, bestehende Tarifverträge und verbindliche Lohnregelungen spielen dann keine Rolle mehr. Schon jetzt halten viele Konzerne rund zwanzig Prozent ihrer Belegschaft durch Zeitarbeit, Werkverträge, Befristung oder Outsourcing flexibel. Die Zahl der unbefristeten Vollzeitstellen ist von 1999 auf 2009 um 18,5 Prozent gesunken. Nur noch etwa die Hälfte aller Arbeitnehmer hat eine feste Stelle, zugleich sind atypische Erwerbsformen wie Leiharbeit um fast 79 Prozent gestiegen (Dettmer/Dohmen 2012: 63). Dass manche, die sich als »digitale Bohéme« betrachten, das »Leben jenseits der Festanstellung« sogar noch glorifizieren (Friebe/Lobo 2005), sei hier nur am Rande erwähnt (vgl. dazu Meyer 2012).

Wer sich den Spielregeln des neuen Modells unterwirft, wäre praktisch lückenlos transparent. Wer sich verweigert, käme nicht auf die Bewerberliste (»Talent Cloud«). Wessen »digitale Reputation« nicht die Beste ist, hätte – weltweit – kaum eine Chance, erwählt zu werden. Dass jemand eine Zeitlang nicht perfekt funktioniert hat, weil die Ehe kriselte oder aus anderen Gründen, kann leicht zum Verhängnis werden: Was im elektronischen Werdegang steht, wird niemals vergessen. Keine beruflichen Geheimnisse mehr, praktisch keine Privatheit mehr – eine »schöne neue Welt« (Aldous Huxley).

Die private Sphäre wird einerseits bedroht durch »Datenkraken« wie Facebook, Google & Co., die immer mehr Daten von immer mehr Menschen sammeln und miteinander verknüpfen, um sie für kommerzielle Zwecke zu nutzen (Reppesgaard 2012), und andererseits durch einen Staat, der öffentliche Räume im Interesse von Sicherheit und Ordnung überwacht, aber auch die Freiheit im Netz einschränken möchte. So jedenfalls die Wahrnehmung. Im folgenden Kapitel soll gezeigt werden, dass es auch die Menschen selbst sind, die vielfach freiwillig ihre Privatsphäre aufgeben.

2

Privatheit zwischen verbreitetem Desinteresse und öffentlichem Exponieren

Die Grenzlinie zwischen Privatleben und Öffentlichkeit ist nicht starr, sondern sie hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder verschoben: weil sich die sozialen Normen wandeln, wie man sich zu verhalten hat, und weil es immer wieder neue technische Möglichkeiten gibt, in die Privatsphäre einzudringen (Lewinski 2012; Gräf/Halft/Schmöller 2011b; vgl. Ochs in diesem Band). Dass Privates auch privat bleiben sollte, war in der bundesdeutschen Gesellschaft nach 1945 Konsens. Über die eigene finanzielle Situation, über Krankheiten und Beziehungsstress redete man nicht – nicht einmal mit Freunden oder Nachbarn und schon gar nicht mit Fremden oder Journalisten (Schertz/Höch 2011: 17 f.).

Mit dem Aufkommen der privaten Sender hat sich das deutlich geändert. Menschen entblößen sich im Fernsehen in einer Weise, die früher als peinlich gegolten hätte. Kameras werden in Wohnungen gelassen, die man früher sorgsam verborgen hätte. Schamgrenzen scheint es im »Trash-TV« nicht mehr zu geben: Jeder präsentiert sich so blöde, wie er ist. Wo die eigene Scham schamlos versagt, ist „Fremdschämen“ angesagt. Außerdem kann man abschalten.

Die Frage, was noch als private Angelegenheit gelten kann und was schon eine öffentliche Angelegenheit ist, müssen alle Medien jeden Tag für sich beantworten (Loosen 2012). In der Bonner Republik galt als Common Sense, über die Geliebte eines verheirateten Politikers nicht zu berichten, sondern nur über Verfehlungen im Amt. In der Berliner Republik müssen Politiker damit rechnen, auch in ihrem Privatleben regelrecht ausspioniert zu werden (Schertz/Höch 2011: 16). Seit es Internet gibt, Handy-Kameras, mit denen jeder schnell ein Bild oder ein Video machen kann, und YouTube, können sich Prominente kaum noch ungestört bewegen: Paparazzi allenthalben (Schneider 2004).

Gesunken ist sowohl die Schamgrenze der Menschen, die sich im Fernsehen prostituieren und im Internet präsentieren (Kainz 2011), als auch die Schamgrenze der Medien, die Privatsphäre anderer Menschen – ob prominent oder unbekannt – zu respektieren (Weigl 2011). Die »digitale Revolution« hat diese Entwicklung nicht ausgelöst, aber das Internet bzw. das interaktive Web 2.0, in dem jeder selbst Inhalte einstellen kann, ohne dass es professionelle Filterinstanzen gäbe, und die vielen mobilen Geräte haben ihr einen besonderen Schub gegeben. Während früher Telefonzellen gelb waren und schalldicht isoliert, damit niemand draußen das Gespräch mithören konnte, bekommen wir heute überall ungewollt mit, was Fremde anderen am Handy aus ihrem Leben erzählen. Facebook gewährt vielen Einblicke in privates Leben, die früher nur wenige hatten; Google Street View dringt mit der Kamera auch über hohe Hecken in private Gärten vor. Die Grenzen zwischen »privat« und »öffentlich« werden systematisch durchlöchert: »Die Google-Unternehmenspolitik bei vielen Dingen ist es«, hat Eric Schmidt offen erklärt, »bis genau an die Grenze zu gehen, wo es den Leuten unheimlich wird, aber nicht darüber hinaus« (zit. n. Kurz/Rieger 2011: 98). Und es geht natürlich darum, diese Grenze Schritt für Schritt, Stück um Stück zu verschieben, bis es irgendwann wirklich keine Privatsphäre mehr gibt (Wewer 2012b: 91).

Das Internet eröffnet Menschen, die früher kaum beachtet worden wären, Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Nicht alle überblicken dabei, was sie tun; der Trend zur öffentlichen Selbstdarstellung, der besonders unter jüngeren Menschen verbreitet ist, lässt viele Hemmungen fallen. Was das auf lange Sicht bedeutet, kann man heute nur ahnen. Das alles passiere nicht einfach so, sondern man wolle Spuren hinterlassen, schreibt Norbert Bolz, und nutze die sogenannten sozialen Medien hauptsächlich, um Aufmerksamkeit zu bekommen, »fast um jeden Preis«. Das sei ein Phänomen, das weit über diese Medien hinaus charakteristisch sei für eine veränderte Jugendkultur. Er sehe ein klares »Kontinuum zwischen der Facebook-Welt und all dem, was wir da in verschiedenen Privatkanälen des deutschen Fernsehens miterleben dürfen, mit den Castingshows und Ähnlichem mehr. Der gemeinsame Nenner ist nämlich der: Du musst bis zum Schluss um Aufmerksamkeit kämpfen« (Bolz 2012: 37). All das spreche dafür, dass wir eingetreten seien in eine vollkommen veränderte Öffentlichkeit (siehe auch Schmidt 2012 und Wagner/Gebel/Brüggen 2012).

Für Markus Beckedahl und Falk Lüke haben sich mit der neuen digitalen Öffentlichkeit zwei Prinzipien verändert: Zum einen sei es nicht mehr das Monopol einiger weniger, Informationen massenhaft zu verbreiten; zum anderen würden alle Informationen potentiell miteinander konkurrieren. Beides führe dazu, dass alte Regeln aufgeweicht würden (Beckedahl/Lüke 2012: 171).
Dass es im Netz keine Qualitätskontrolle für Informationen mehr gibt, sondern der größte Unsinn gleichberechtigt neben seriösen Quellen steht, wird von den einen bedauert und von anderen begrüßt. Auf die Dauer werde sich Qualität schon durchsetzen, sagen diese, der Schwarm korrigiere sich selbst. Professionelle Filterinstanzen, die Wichtiges von Unwichtigem und Belastbares von Gerüchten unterscheiden, brauche man nicht, Zensur wolle man nicht. Die Entwertung des Journalismus vermittelt den Eindruck, man brauche kein Handwerkszeug, um Öffentlichkeit herstellen zu können. Jeder ist sein eigener Reporter. Nicht auswählen und dann senden, sondern das »Gesetz des Internets« laute umgekehrt: erst publizieren, dann prüfen – ob es Resonanz findet, etwas taugt oder verbessert werden muss (Bolz 2012: 31).

Ob sich Orientierungswissen und Medienkompetenz von allein einstellen, um mit dieser unsortierten Vielfalt sinnvoll umgehen zu können, sei dahingestellt. 98 Prozent aller Mails weltweit sollen Spam sein; die Websites, die global am meisten aufgerufen werden, sollen Pornoseiten sein. Das spricht nicht unbedingt für die neue digitale Öffentlichkeit. 400 Millionen Menschen haben sich bei YouTube ein Video »Charlie bit my finger« über einen Streit zweier kleiner Kinder angesehen (Beckedahl/Lüke 2012: 170). Haben die nichts Besseres zu tun? Der Erkenntnisgewinn von Twitterwalls, die inzwischen bei öffentlichen Veranstaltungen Mode geworden sind, ist meist ziemlich gering (»mein Akku ist gleich leer …«). Auch die Qualität der Vorschläge, die zu Bürgerhaushalten eingebracht worden sind, ist bisher empirisch noch nicht hinterfragt worden. Kommunikation scheint zum Selbstzweck zu werden.

So wie für den sozialen Konsum das Wort »Teilen« (Sharing) stehe, so stehe für den Konsum des Sozialen der Wunsch nach Teilhabe, Dabeisein, Mitmachen. Norbert Bolz sieht darin den »Megatrend des 21. Jahrhunderts« (Bolz 2012: 35). Immer mehr Leute seien bereit, zu teilen und etwas einfach zu verschenken, aber immer mehr wollten auch mitreden, ernst genommen werden und Entscheidungen nicht irgendwelchen Experten überlassen. »Die Experten verlieren an Autorität«, das sei das Erste, was die Gutenberg-Galaxis erschüttere. Das Zweite seien die »neuen Kulturtechniken«, mit denen man alles kopieren, ausschneiden und neu zusammenfügen, verlinken und remixen könne. So könne jeder behaupten, das sei seine persönliche individuelle Kreativität (ebd., 32 ff.). Jeder sein eigener Künstler.

All das macht natürlich nur Sinn, wenn es im Internet, wenn es in der Öffentlichkeit stattfindet. Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach sieht bei der Debatte darüber, was privat und was nicht privat sein soll, »zwei kleine radikale Gruppen […], die die öffentliche Diskussion bestimmen, obwohl sie kaum etwas von der Lebenswirklichkeit der Menschen verstehen« (2012: 52). Das eine seien die Datenschützer, die praktisch kein Recht auf Öffentlichkeit anerkennen wollten. Auf der anderen Seite stünde die »Spackeria«, für die es kein Recht auf Privatsphäre mehr gebe. Da seien die einen, die sehr restriktiv mit ihren Daten und mit ihrer Privatsphäre umgehen, die als Einstellung sozusagen »per default private« gewählt haben, und da gäbe es andere, die sich grundsätzlich für »per default public« entschieden hätten und nur in Ausnahmefällen etwas bewusst nicht öffentlich machen würden. Wer sich grundsätzlich für Privatheit entschieden habe, habe nicht nur viel Mühe und Arbeit, sondern faktisch eine viel geringere Kontrolle über das, was im Internet über sie bekannt sei, was andere über sie wissen und finden können (ebd., 53 f.).

Mit diesem »privacy divide« sei ein neuer Graben in der Gesellschaft entstanden, über den es bisher noch »keine Brücke und keine Verständigung« gebe (Lünenburger-Reidenbach 2012: 52). Dass die Vorstellungen darüber, was Privatheit heute bedeutet, weit auseinanderfallen, zeigen auch Umfragen. So stimmen nach der Milieu-Studie, die das SINUS-Institut für das von der Deutschen Post gegründete Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) erstellt hat, 15 Prozent der Befragten der Aussage voll und ganz und 43 Prozent ihr eher zu, dass wir uns an einen freieren Umgang mit Daten im Internet gewöhnen müssen. Andererseits stimmen der Aussage »Mir persönlich ist es egal, was mit meinen Daten im Internet geschieht« nur 3 Prozent voll und ganz zu und 7 Prozent teilweise. 68 Prozent hingegen sagen, dass es ihnen keineswegs egal ist, was mit ihren Daten geschieht (DIVSI 2012: 35; vgl. auch Ochs in diesem Band).

Das Kernproblem ist, dass die Vorstellungen nicht nur weit auseinanderklaffen, sondern sich diametral gegenüberstehen: »Wer sich (im Netz) nicht auskennt, fordert Schutz, und wer sich sicher fühlt, wünscht Freiheit« (DIVSI 2012: 157). »Allen Menschen recht getan, ist bekanntlich eine Kunst, die niemand kann.« Die Politik steht hier vor dem Dilemma, der aktiven Minderheit derjenigen, die im Netz wirklich zu Hause sind, vor den Kopf zu stoßen, wenn sie den Wünschen der eher ängstlichen Mehrheit, die sich im Internet unsicher fühlen, nachzukommen versucht. Wenn es aber nicht gelingen sollte, mehr Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln, dann dürfte das, was der Staat an E-Government-Lösungen und die Wirtschaft an E-Commerce-Angeboten unterbreiten, nur zögerlich angenommen werden (Wewer 2012c). Nach dem jüngsten »E-Government-Monitor« der Initiative D 21 steht für die meisten Bürger »Sicherheit« an erster Stelle (87 Prozent) und »Datenschutz/Datensicherheit« an dritter Stelle (86 Prozent); das »Vertrauen in die jeweilige Behörde« ist für viele (82 Prozent) ebenfalls ein wichtiger Aspekt (Initiative D 21/ipima 2012: 13). Nach einer Umfrage für den Branchenverband BITKOM ist es um das Vertrauen in die Sicherheit sozialer Netzwerke insgesamt eher schlecht bestellt: Bei allen abgefragten Netzwerken gibt jeweils mindestens die Hälfte der Nutzer an, der Plattform eher nicht oder gar nicht zu vertrauen. Dem Marktführer Facebook misstrauen 62 Prozent, Google+ 64 Prozent und Twitter sogar 70 Prozent. Am wenigstens vertraut wird der Online-Community Netlog (85 Prozent) (Wewer 2012a: 20). Fast alle Nutzer sind der Ansicht, dass die Netzwerke für einen besseren Datenschutz sorgen müssen (94 Prozent). 86 Prozent wünschen sich ein Datenschutz-Siegel für Soziale Netzwerke. 78 Prozent sprechen sich für strengere staatliche Vorgaben für den Datenschutz in Sozialen Netzwerken aus. Und zwei Drittel der Befragten geben an, nicht genug Informationen darüber zu haben, was sie selbst für den Datenschutz in solchen Communities tun können. Nur fünf Prozent der Befragten stimmten hier der Aussage zu, ihnen persönlich sei es egal, was mit ihren Daten in Sozialen Netzwerken geschieht (Wewer 2012a: 20).

Bei der Auswahl eines Sozialen Netzwerkes ist nahezu allen Befragten die Sicherheit ihrer persönlichen Daten wichtig oder sehr wichtig (96 Prozent). Ähnlich viele (92 Prozent) legen großen Wert auf die Einstellungen zur Privatsphäre und auf die Benutzerfreundlichkeit (89 Prozent). Erst danach folgt das Kriterium, dass Freunde oder Kollegen in dem gleichen Netzwerk angemeldet sind (82 Prozent) (Wewer 2012a: 20). Je weiter sich die digitale Öffentlichkeit ausdehnt, desto mehr schrumpft die Privatsphäre. Im Gegensatz zu den Verfechtern einer »Post-Privacy« sagt kaum jemand, dass ihm völlig egal ist, was mit den eigenen Daten im Internet geschieht. Aber das Risiko des Missbrauchs wird offenbar geringer eingeschätzt als der Nutzen, in dieser neuen Öffentlichkeit stattzufinden. Während die einen glauben, es werde schon nichts passieren oder man könne sich ohnehin nicht schützen, wollen die anderen dort gesehen und gehört werden, selbst wenn das Risiken mit sich bringen sollte. Und wer beachtet werden will, muss schon einiges tun, um in der Masse der Daten, die um den Globus kreisen, aufzufallen.

Die Umfragen belegen eine erhebliche Skepsis, dass die eigenen Daten beispielsweise in den sogenannten Sozialen Netzwerken wirklich »sicher« sind. Die Nutzerzahlen von Facebook, Google & Co. zeigen aber auch, dass sich die meisten über ihre Bedenken hinwegsetzen. Liegt das daran, dass man sich dem sozialen Druck, online präsent zu sein, gar nicht mehr entziehen kann? Ist es überhaupt noch vorstellbar, – quasi »allein zu Haus« – die digitale Öffentlichkeit konsequent zu meiden? Oder gibt es geeignete Strategien, in dieser Öffentlichkeit stattzufinden, ohne völlig auf eine Privatsphäre zu verzichten?

3

Opfer und Täter im digitalen Panoptikum

Wer sich in der Öffentlichkeit bewegt, muss damit rechnen, beobachtet zu werden; wer sich in die Privatsphäre zurückzieht, will das gerade nicht: »Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein« (Goethe, Faust I, Vers 4610). Hier kann man seinen Gefühlen – wie Scham, Angst oder Ärger – freien Lauf lassen, ohne sich rechtfertigen zu müssen; hier kann man seine Bedürfnisse ausleben, ohne sich kontrollieren zu müssen. Zur Würde des Menschen gehört das Recht, frei darüber befinden zu können, ob und wie er in der Öffentlichkeit stattfinden will (Schertz/Höch 2011: 23 f.).

Um sich in die Öffentlichkeit zu begeben, musste man früher sein Haus verlassen. Auf öffentlichen Straßen und Plätzen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Einkaufszentren und Bibliotheken, auf Sportplätzen oder im Theater konnte man gesehen werden, aber auch »privat« (anonym) bleiben, wenn man niemanden traf, der einen kannte. Hier setzt die Kritik an der Videoüberwachung von Bahnhöfen oder vor Diskotheken an: Je mehr Kameras im öffentlichen Raum eingesetzt würden, desto kleiner werde der private Raum, in dem man sich unkontrolliert und ungestört bewegen könne. Die private Feier mit Freunden im Kleingarten bleibt davon unberührt; die Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 13 GG), das Briefgeheimnis (Art. 10) und die Meinungsfreiheit (Art. 5) bleiben dennoch Eckpfeiler der Privatsphäre. Die Grundrechte sollen in erster Linie die Freiheitssphäre des einzelnen vor Eingriffen der öffentlichen Gewalt sichern. In der Überwachung des öffentlichen Raumes, um Sicherheit und Ordnung zu unterstützen, und in den Maßnahmen, die im Kampf gegen den Terror ergriffen werden, sehen manche einen »Angriff auf die Freiheit« und auf die Privatsphäre (Zeh/Trojanow 2009; vgl. auch Simon/Simon 2008). Handys dürfen jedoch nur abgehört und Computer dürfen nur beschlagnahmt werden, wenn ein Richter dem Antrag der Sicherheitsbehörden, die das Anliegen zu begründen haben, ausdrücklich zustimmt. Der totale Überwachungsstaat ist, jedenfalls in Demokratien, eine Chimäre. Daten, die der Bürger an den Staat liefert, dürfen nur zweckgebunden verwendet und nicht etwa an eine andere Behörde weitergegeben werden, die sie vielleicht auch brauchen könnte. Aus Gründen des Datenschutzes stellt sich der Staat ständig dümmer, als es die technischen Möglichkeiten zulassen würden. Und sollte er die gesetzlichen Vorgaben missachten, kann man ihn notfalls verklagen. Der Preis dafür ist, dass der Bürger etwa seine Stammdaten bei jedem Vorgang immer wieder neu mitliefern muss. Riesige Serverfarmen, wie sie Facebook oder Google weltweit betreiben, um Daten anzusaugen, miteinander zu verknüpfen und zu Profilen zu veredeln, gibt es beim Staat nicht. Staatliches Data Mining wäre rechtlich unzulässig und würde zu einem Aufschrei führen. ELENA, das elektronische Entgeltnachweis-Verfahren, ist bekanntlich gescheitert, und dass die Polizei bisweilen auch über Facebook fahndet, ist rechtlich noch nicht ausgepaukt. Man stelle sich vor, der Staat und nicht Google Streetview hätte begonnen, sämtliche Häuser in Deutschland zu fotografieren. Auch insofern ist Facebook ein geniales Geschäftsmodell: Die Arbeit von Millionen von Menschen, die freiwillig ihre Daten eingeben, macht einige wenige zu Millionären. Im Netz verdienen nicht die, die die Inhalte produzieren, sondern diejenigen, welche die Infrastruktur zur Verfügung stellen (Görig 2011: 187).

Wer sich an der öffentlichen Diskussion beteiligen wollte, konnte früher einer Initiative beitreten oder einer Partei, demonstrieren gehen oder Leserbriefe schreiben und musste ansonsten über die Medien gehen und damit in die Öffentlichkeit. Seine Meinung gedruckt zu finden oder sich im Radio oder Fernsehen artikulieren zu können, setzte voraus, dass die Redaktion den Beitrag wichtig und gut genug fand oder dass man in die Sendung eingeladen wurde. Diese Filter zwischen Sendern und Empfängern fallen im digitalen Zeitalter weg: Jeder kann nahezu beliebig senden und empfangen.

Der Cyberspace ist ein öffentlicher Raum, ist die neue digitale Öffentlichkeit (Kretschmer/Werner 2011). Privatheit in der Öffentlichkeit ist nur möglich, wenn man sich strikt anonym im Internet bewegt, wenn man nicht erkannt werden kann (Schmolz 2011). Für alle, die gesehen werden wollen, scheidet diese Option aus, selbst wenn man Anonymisierung und Pseudonymisierung technisch beherrschen und sich der ständigen Mühe unterziehen würde, bei jedem Schritt möglichst keine Spuren zu hinterlassen, die einem selbst zugeordnet werden können. Dass man letztlich sogar Aktivisten von Anonymus hat identifizieren können (Reissman/Stöcker/Lischka 2012), weckt allerdings Zweifel, ob das auf Dauer gelingen kann.

Insofern kann man sagen: Wer sich im Internet bewegt, verlässt seine Privatsphäre. In der neuen digitalen Öffentlichkeit ist Privatheit letztlich nicht möglich. Während man in der anonymen Fußgängerzone noch hoffen konnte, nicht erkannt zu werden, können im Internet »private« Daten beliebig oft kopiert und versendet, Einstellungen zur Privatsphäre auf der jeweiligen Plattform jederzeit geändert werden. Wer seine privaten Ansichten in dieser neuen Öffentlichkeit präsentiert, private Fotos oder Filme oder gar sein ganzes Leben im Internet dokumentiert oder Dateien mit sensiblem Inhalt in eine Cloud auslagert, muss nicht nur damit rechnen, dass er diese nicht mehr spurenlos zurückholen kann, sondern auch davon ausgehen, dass er die Weiterverarbeitung und Auswertung nicht mehr kontrollieren kann: Was im Netz ist, ist in der Welt.

Was wirklich privat bleiben soll, darf man im Grunde nicht ins Internet stellen. Wer zum Beispiel einen Aufsatz ins Netz stellt, macht ihn praktisch öffentlich und darf sich dann eigentlich auch nicht mehr wundern, wenn er kopiert wird. Etwas anderes ist es jedoch, wenn ein solcher Aufsatz aus einer Zeitschrift oder einem Buch von jemandem eingescannt und dann ins Netz gestellt wird, ohne den Autor (oder den Verlag) überhaupt noch zu fragen. Das nennt man eine Raubkopie, deren Anzahl im Cyberspace prinzipiell unüberschaubar wird. Noch problematischer wird es, wenn Raubkopien nicht unentgeltlich zirkulieren, sondern mit dem geistigen Eigentum anderer hinter dem Rücken des Eigentümers kommerzielle Geschäfte gemacht werden. Aber das ist ein anderes Thema. Wer »private« Daten ins Netz stellt, gibt die Kontrolle darüber de facto auf.

Eine Möglichkeit, seine Privatsphäre zu schützen, wäre es, überhaupt nicht ins Internet zu gehen. Für die meisten von uns ist das keine realistische Option. Man könnte nicht mehr googeln und chatten, bloggen und skypen, man fände in der neuen digitalen Öffentlichkeit praktisch nicht statt. Das ist heute fast so, als ob es diese Person gar nicht gäbe. Wer sich bei einer Firma bewirbt, aber das nicht elektronisch abwickelt und bei Facebook oder Xing nicht zu finden ist, ist von vornherein aus dem Rennen. Das Privileg, nicht auf einer dieser Plattformen zu sein, dürften sich künftig nur ganz wenige leisten können. Es wird zum Luxus.

Bewusst nicht bei Facebook oder auf einer anderen Plattform zu sein und alle Cookies konsequent zu verweigern, heißt nicht, keine Spuren im Internet zu hinterlassen. Man kann auf Fotos zu erkennen sein, die Bekannte ins Netz stellen. Wenn wir ins Auto steigen und uns zum Ziel navigieren lassen, wenn wir an Tankstellen, in Hotels oder Restaurants bargeldlos bezahlen, wenn wir am Flughafen mit dem elektronischen Ticket einchecken, wenn wir in der Buchhandlung die Kreditkarte nehmen – überall hinterlassen wir Datenspuren, die über das Internet verarbeitet, zu Profilen veredelt und zu Targeting Marketing genutzt werden. Ein großer Teil der Telefonate, die wir führen, wird mittlerweile entweder sofort oder spätestens nach der ersten Schaltstelle über Voice-Server-IP getunnelt, läuft also auch über das Internet (Nerz 2012: 7). Smart Grids und Smart Meter werden die Datenflut weiter ansteigen lassen. Hier stellen wir nicht mehr oder weniger bewusst private Daten ins Internet, sondern hier wird automatisch registriert, wo wir uns befinden und was wir gerade tun. Wer seinen Terminkalender elektronisch führt und seine Kontaktadressen elektronisch verwaltet, muss damit rechnen, dass andere wissen, wen man kennt und mit wem man sich trifft. Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, spricht deshalb auch vom »Ende der Privatsphäre«, aber nicht von einem Überwachungsstaat, sondern vom Weg in die Überwachungsgesellschaft, auf dem wir uns befinden (Schaar 2009).

Die Daten, die auf diese Weise, wo wir gehen und stehen, produziert werden, fallen nicht beim Staat an, sondern bei privaten Unternehmen. Ihre Aktien werden in der Regel an der Börse gehandelt, sie können also verkauft und gekauft werden, und die Unternehmen können – freundlich oder feindlich – übernommen werden. Unsere Daten werden dann mit verkauft. An wen auch immer. Unternehmen können – wie nicht nur die »New Economy« gezeigt hat – insolvent werden. Was wäre mit den Daten der Nutzer, wenn Facebook pleiteginge? Wäre der so mühsam und schön über Jahre dokumentierte Lebenslauf dann für immer verloren? Und schlagartig alle Freunde? Oder könnte man darauf hoffen, dass alles, was man gewollt ins Netz gestellt hat und was einem wichtig ist, irgendwo in dessen Weiten gespiegelt worden ist? Aber was? Und von wem? Die Konstitution der neuen digitalen Öffentlichkeit wirft jedenfalls Fragen auf, für die es noch keine gesicherten Antworten gibt.

Man findet also in der digitalen Öffentlichkeit statt, selbst wenn man aktiv keine Daten ins Internet einstellt. Technische Prozesse stellen die herkömmliche Trennung von »öffentlich« und »privat« in Frage. Andere werden künftig wissen, wie ich mich in meiner Wohnung verhalte und ob ich oft oder selten dusche. Die Privatsphäre schrumpft.

Um sich einen Rest an Privatsphäre zu bewahren, stellen manche – ganz sparsam – nur das ins Netz, was aus ihrer Sicht getrost öffentlich werden, also im Prinzip jeder wissen kann. Ob das wirklich die bessere Strategie ist, die Kontrolle über das Bild zu behalten, das wir in der Öffentlichkeit abgeben, ist nicht sicher (siehe oben). Wer sein öffentliches Image bzw. seine »digitale Reputation« im Griff behalten möchte, der kommt künftig gar nicht umhin, regelmäßig zu kontrollieren, ob andere im Netz etwas über einen geschrieben oder gepostet haben. Wirklich ungesehen bleiben kann man in der Turing-Galaxis im Unterschied zur Gutenberg-Galaxis (Norbert Bolz) nämlich kaum. So wie Hotels Agenturen beschäftigen, um negative Bewertungen in Rankings zu neutralisieren, werden wir in der neuen digitalen Öffentlichkeit »Markenführung« (Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach) bzw. Markenpflege betreiben müssen. Wer sich nicht den Luxus erlauben kann, dass ihm egal ist, was andere über einen denken, sagen und schreiben, wird sich in Zukunft um seine »digitale Reputation« kümmern müssen. Das erfordert Zeit, Arbeit und Kompetenz. Wird man im Netz angegriffen, beleidigt oder verleumdet? Lächerlich gemacht? Der Ton dort und auch der Stil entsprechen nicht unbedingt dem gehobenen Feuilleton überregionaler Qualitätszeitungen. Private Nischen gibt es in der neuen digitalen Öffentlichkeit letztlich selbst für die nicht mehr, die mit dem unaufhörlichen Selbstdarstellungsrennen unserer Tage nicht viel anfangen können.

Im digitalen Zeitalter gerät die Privatsphäre also von drei Seiten unter Druck: durch den Staat, durch die Wirtschaft und durch die Menschen selbst, die das Internet mit ihren privaten Daten füttern. Der Mensch, der sich gewollt oder ungewollt, unbedacht oder bewusst in die digitale Öffentlichkeit begibt, ist dabei das größte Risiko. Nicht nur, weil er die Konsequenzen dessen, was er tut, kaum überblicken kann, sondern auch, weil er sich einreden lässt, es gäbe keine Alternative zum »Ende der Privatsphäre« und zu totaler Transparenz. Der behauptete Zwang, schreibt Byung-Chul Han, sei kein ethischer oder politischer, sondern ein ökonomischer Imperativ: »Ausleuchtung ist Ausbeutung.« Die Besonderheit des digitalen Panoptikums sei, dass dessen Insassen selbst an dessen Bau und dessen Unterhaltung aktiv mitarbeiten, indem sie sich zur Schau stellen und entblößen. Die Freiheit werde nicht von außen angegriffen, sondern freiwillig aufgegeben und durch eigenes Verhalten zerstört: Freiheit und Kontrolle fallen in eins – »wie auch der transparente User Opfer ist und Täter zugleich« (Han 2012a: 41).

Auszug aus: Ulrike Ackermann (Hg.): Im Sog des Internets. Öffentlichkeit und Privatheit im digitalen Zeitalter (S. 53-70)
Mit freundlicher Genehmigung © Verlag Humanities Online 2013

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erstellt am 21.10.2013

Ulrike Ackermann (Hg.)
Im Sog des Internets
Öffentlichkeit und Privatheit im digitalen Zeitalter
Broschiert, 200 Seiten
ISBN 978-3-941743-35-9
Verlag Humanities Online, Frankfurt am Main 2013

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zum autor

Göttrik Wewer

Dr. Göttrik Wewer ist Vice President E-Government bei der Deutsche Post Consult GmbH. Er studierte Politikwissenschaft, Soziologie, Neuere Geschichte, Volkswirtschaftslehre und Öffentliches Recht in Braunschweig und Hamburg. Er war Hochschulassistent, später u. a. Hochschuldirektor, Staatssekretär und Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur. Zahlreiche Veröffentlichungen.

»Sind also Daten, die bei öffentlichen Stellen vorhanden sind, zwingend ›öffentliche‹ Daten, die es im Interesse der Allgemeinheit zu nützen gilt, oder kann es sich auch um Daten handeln, die als ›privat‹ anzusehen und von daher zu schützen sind? Solche Fragen machen deutlich, dass das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeitim digitalen Zeitalter neu definiert werden muss.

»Das Menschenrecht auf Schutz der Privatsphäre, das lange als unstrittig gegolten hat, wird in jüngster Zeit immer öfter in Frage gestellt. Während die einen es durch allseitige Überwachung gefährdet sehen, wollen es andere in totaler Transparenz auflösen.«

»Das Internet eröffnet Menschen, die früher kaum beachtet worden wären, Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Nicht alle überblicken dabei, was sie tun; der Trend zur öffentlichen Selbstdarstellung, der besonders unter jüngeren Menschen verbreitet ist, lässt viele Hemmungen fallen. Was das auf lange Sicht bedeutet, kann man heute nur ahnen.«

»Im digitalen Zeitalter gerät die Privatsphäre also von drei Seiten unter Druck: durch den Staat, durch die Wirtschaft und durch die Menschen selbst, die das Internet mit ihren privaten Daten füttern. Der Mensch, der sich gewollt oder ungewollt, unbedacht oder bewusst in die digitale Öffentlichkeit begibt, ist dabei das größte Risiko.«