Nie zuvor wurde die Not von Frauen, die sich von Männern kaufen lassen, auf der Opernbühne so ungeschönt dargestellt wie in „A Harlot's Progress“ von Iain Bell, in der Regie von Jens-Daniel Herzog uraufgeführt am Theater an der Wien.

oper

Der Moloch Großstadt

Von Thomas Rothschild

Vor vierhundert Jahren komponierte Orlando Gibbons seine „Cries of London“, Ausrufe von Händlern im elisabethanischen England. Mit einer zeitgenössischen Variante in der Sprache einer raffiniert instrumentierten gemäßigten Atonalität, die durchaus melodiöse Phrasen und tonmalerische Elemente einschließt, beginnt die Oper „A Harlot's Progress“ des englischen Komponisten Iain Bell, die jetzt im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Sie handelt von einem Mädchen vom Lande, das, nach London gekommen, zur Hure gemacht wird, ins Gefängnis gerät, dem Wahnsinn verfällt und an Syphilis stirbt. Es gibt keinen Ausweg in diesem düsteren Sittengemälde: das Kind, das Moll Hackabout kurz vor ihrem Tod zur Welt gebracht hat, wird in wenigen Jahren genau wie sie zur Hure werden.

Iain Bell hat sich von Peter Ackroyd, dem Autor eines Wälzers über die Geschichte Londons, ein Libretto schreiben lassen, das auf einer Bilderfolge von William Hogarth basiert, von der auch der Titel stammt.

Das Schicksal von Frauen, die sich von Männern kaufen lassen, ist in der Oper ein gängiges Sujet. Von der Traviata über Lulu bis zu den beiden Jennys aus der „Dreigroschenoper“ und aus „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ sind die gefallenen Mädchen Objekte des Mitleids und der Sympathie des Zuschauers. Aber nie zuvor wurde ihre Not auf der Opernbühne so krass, so ungeschönt, so grausam dargestellt wie in diesem Werk von Iain Bell, in der Regie von Jens-Daniel Herzog. Die Inszenierung kostet das Elendspathos aus, und schwarzer Regen fällt auf die freudlosen Szenen.

Mit Marie McLaughlin als Mother Needham, Tara Erraught als Molls Vertraute und Überwacherin Kitty, Nathan Gunn als ihr Liebhaber und Zuhälter James Dalton, Christopher Gillett als St. John Lovelace, der ihr verfallen ist und der sie aushält, und allen voran mit Diana Damrau als Moll steht der Aufführung ein exzellentes Ensemble zur Verfügung. Der Arnold Schoenberg Chor bestätigt seinen Ruf als erstklassiger Opernchor und darf auch in diesem Wettbewerb um die groteskeste Darstellung eifrig mitwirken.

Kulturgeschichtlich lässt sich der Stoff von „A Harlot's Progress“ in die Tradition der Warnungen vor den Gefahren und Abgründen der Großstadt im Zeitalter der Industrialisierung orten, als Mahnung vor den Drohungen sittlichen Verfalls. Aber gerade dieser historische Stoff erweist sich in seinem kruden Realismus als keineswegs unzeitgemäß. Man muss noch nicht einmal die Syphilis durch AIDS oder Mother Needham durch eine Kupplerin mit den Techniken des Internets ersetzen. „A Harlot's Progress“ ist eine Parabel über Ausbeutung, Demütigung und Menschenverachtung, und sie funktioniert in just jenem Medium, das der Feudalaristokratie einst zur Erbauung diente. Die Oper ist keineswegs tot.

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erstellt am 19.10.2013

A HARLOT'S PROGRESS
Arnold Schoenberg Chor & Statisterie des Theater an der Wien
Foto: © Werner Kmetitsch

A HARLOT'S PROGRESS
Oper in sechs Szenen (2013)

Musik von Iain Bell
Libretto von Peter Ackroyd

Inszenierung: Jens-Daniel Herzog
Musikalische Leitung: Mikko Franck

Theater an der Wien

A HARLOT'S PROGRESS
Diana Damrau (Moll Hackabout) und Tara Erraught (Kitty)
Foto: © Werner Kmetitsch

A HARLOT'S PROGRESS
Nathan Gunn (James Dalton), Christopher Gillett (St. John Lovelace), Nicolas Testé (Officer) und Statisterie
Foto: © Werner Kmetitsch