Nicht nur Tradition und Schlamperei machen uns glauben, eine komponierte Musik zu kennen. Dass wir sie durch Interpreten und – auf Tonträgern – auch durch Tonmeister neu entdecken können, veranlasst Thomas Rothschild, sich mit Mariss Jansons Beethoven und Friedrich Guldas Mozart zu befassen.

cd und dvd

Jansons Beethoven und mehr

Von Thomas Rothschild

Jetzt hat also auch Mariss Jansons mit seinem Orchester, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Beethoven-Symphonien aufgenommen, und zwar live in der Suntory Hall in Tokio, die als einer der Konzertsäle mit der weltweit besten Akustik gilt. Das Ergebnis wurde als DVD- und Blu-ray-Box veröffentlicht. Für eine CD-Box wählte Jansons für die dritte und sechste Symphonie zur gleichen Zeit, Ende 2012 entstandene Aufnahmen aus dem Münchner Herkulessaal. Einen revolutionär neuen Zugang zu Beethoven konnte (und wollte wohl) auch er nicht finden, aber die Aufnahme zeichnet sich durch äußerste Präzision, durch erkennbare Sorgfalt aus. Jansons insistiert auf dem Pianissimo, wo es bisweilen zugunsten des Tempos und auf Kosten der Kontraste geopfert wird. Dafür steigert er das Orchester bei der 7. Symphonie zu einem Crescendo, das seine Wirkung nicht verfehlt. Besonders deutlich wird Jansons' Genauigkeit im Detail im dritten Satz der 5. Symphonie, im vierten Satz der 9. Symphonie, wo die Solisten vor dem Orchester stehen und, wohl auch wegen der Aufstellung der Mikrophone, weniger verhalten klingen als bei einigen konkurrierenden Aufnahmen, und bei der 3. Symphonie, der „Eroica“, wo schon im ersten Satz jede Stimme zur Geltung kommt und doch zugleich ein homogener Orchesterklang entsteht. Wie das zustande kommt, kann man auf DVD und Blu-ray verfolgen, wo den Konzertmitschnitten ein dreiviertelstündiger Film über Proben zu eben diesem, von Jansons geradezu religiös bewunderten Werk und seiner liebsten Symphonie aller Zeiten, beigegeben ist. Einige wenige Aussagen von Orchestermitgliedern bestätigen den Eindruck, den der Dirigent aus Lettland auch beim Konzertbesucher hinterlässt: dass er ungewöhnlich ernsthaft und sympathisch ist. Ein Glücksfall für das Rundfunkorchester, dem er nun schon seit zehn Jahre als Chef dient.

Als Zugabe zur stürmisch bejubelten 5. Symphonie spielt das Orchester in Tokio die populäre Serenade aus Haydns Streichquartett Nr. 17. Für die CD-Edition hat sich Jansons etwas Originelleres einfallen lassen. Er beauftragte die zeitgenössischen Komponisten Johannes Maria Staud, Misato Mochizuki, Rodion Schtschedryn, Raminta Šerkšnyté, Gia Kantscheli und Jörg Widmann in ihrem Idiom auf Beethovens Symphonien zu reagieren. Am unmittelbarsten, aber auch am konservativsten tut das Schtschedrin in seinem bereits 2008 entstandenen Fragment „Beethovens Heiligenstädter Testament“. Die litauische Komponistin Raminta Šerkšnyté, 43 Jahre jünger als Schtschedrin, lässt ihr „Con brio“ – „Allegro con brio“ lautet die Tempobezeichnung zum ersten Satz von Beethovens 5. Symphonie – in das berühmte Anfangsmotiv dieser Symphonie münden. Ihre zweisätzige Komposition nennt sie „Fires“. „Mit Feuer“ ist auch eine geläufige Übersetzung von „con brio“. Auch Jörg Widmann nennt seine witzige „Konzertouvertüre“ „Con brio“. Jansons' Konzeption ist deshalb so anregend und lehrreich, weil sie deutlich macht, wie sehr noch die heutige Musiksprache, so sehr sie sich von der des 19. Jahrhunderts unterscheidet, auf vielfältige und komplexe Weise von Beethoven profitiert. Geschichte ist, auch in der Kunst, keine vernachlässigbare Kategorie. Gegenwartsmusik hilft uns, Beethoven (und Mozart, und Bach, und Schubert, und Brahms) zu verstehen, wie Beethoven umgekehrt das Verständnis der Gegenwartsmusik erleichtert – wenn man ihn so genau hört wie Mariss Jansons.

dvd

Guldas Mozart

Von Thomas Rothschild

Pianisten liefern stets nicht nur ein akustisches, sondern auch ein visuelles Erlebnis. Ihre Körpersprache nähert sich der des Tanzes an, der zur Musik in einer direkten Beziehung steht. Die Varianten sind höchst unterschiedlich, von der fast regungslosen Beherrschtheit eines Maurizio Pollini bis zum kalkulierten Ästhetizismus eines Lang Lang oder den exaltierten Verrenkungen eines Fazil Say.

Friedrich Gulda war gewiss ein Virtuose der Selbstdarstellung. Wer in ihm freilich nur den Exzentriker sah, verfehlte den klugen und durch und durch seriösen Musiker. Man mag andere Pianisten vorziehen – Gulda bleibt einer der maßgeblichen Solisten des 20. Jahrhunderts, neben dem nur um ein Jahr jüngeren Alfred Brendel, den eine gegenseitige Abneigung mit seinem Landsmann verband. Wenn er mit seinem glitzernden Käppchen, mit Jeans, einem schwarzen oder weißen Rollkragenpulli und der Brosche auf der Brust und das Orchester buchstäblich hemdsärmelig, ohne einheitliche Hosen nach Vorschrift auftritt, so ist das keine Show, sondern Ausdruck von Guldas lebenslanger, wenngleich vergeblicher Bemühung, den Konzertbetrieb der bürgerlichen Weihestimmung zu entziehen, die sich in erster Linie in einer Kleiderordnung ausdrückt, das angeblich kundige Publikum aber keineswegs davon abhält, während des Konzerts zu quatschen, und zwar mit zunehmender Tendenz. Den Rest erledigen die IPhones. Offenbar erleidet die Klientel eine schmerzhafte Verstopfung, wenn sie nicht alle fünf Minuten ihre Mails liest. Diese Entwicklung musste Gulda, der im Jahr 2000 gestorben ist, zum Glück nicht mehr miterleben.

Man sieht also auf der DVD mit Mozarts beiden beim Münchner Klaviersommer 1986 aufgenommenen Konzerten Nr. 20 und 26 keine Schau, wohl aber, wie die Finger der rechten Hand jene federnde Bewegung vollziehen, die uns in Tönen aus dem Klavier ans Ohr dringen. Wenn Gulda, der die Münchner Philharmoniker in erweiterter Kammerorchesterbesetzung auch dirigiert (wobei dieses eher auf Guldas Klavierspiel reagiert als auf seine Handzeichen achtet), mit seinem Solopart einsetzt, ist das, als ob die Klavierstimme unmittelbar aus dem Orchesterklang und zugleich aus einem metaphysischen Nirgendwo geboren würde. In den Kadenzen des d-Moll-Konzerts führt Gulda Mozart mit Hilfe Beethovens weit über das 18. Jahrhundert hinaus. Aber er versucht nicht, spektakuläre Akzente zu setzen. Er bewahrt Mozart bei allen Ansätzen zur Dramatik die tänzerische Leichtigkeit, einen Gestus der Beiläufigkeit, ja der Gelassenheit oder, insbesondere im zweiten Satz des D-Dur-Konzerts, eine liedhafte Zartheit, bei der man einfach heulen möchte – wobei es fast kokett wirkt, wenn Gulda eine Taschenausgabe der Partitur, geschlossen (!), vor sich liegen hat. Selten wird der Charakter des Dialogs zwischen Soloinstrument und Orchester so deutlich, so sinnlich erfahrbar wie hier. Mal scheinen sich die Kontrahenten zuzustimmen, mal scheinen sie sich zu widersprechen. Es fällt nicht schwer, sich das Klavier und das Orchester als zwei Antagonisten in einer Oper vorzustellen. Das ist so spannend, dass man selbst das Konzert Nr. 20, das ja wahrlich kein Geheimtipp ist, wahrnimmt, als hörte man es zum ersten Mal. Das schafft nur die Musik. Kein Theaterstück, und seien die Regisseure noch so originell, erst recht kein Roman lässt sich unbeschadet so oft stets aufs Neue rezipieren wie zum Beispiel Mozarts Klavierkonzerte.

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erstellt am 18.10.2013

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