Trotz aller Anekdoten über Stars, Filme und ihre Traumfabrik ist Matthias Göritz' „Träumer und Sünder“ kein Film-Roman. Es ist eine Geschichte über die Nachfolge, über das Weitergeben und -führen eines Lebens durch das Erzählen der Geschichte eines Menschen, findet Thomas Scholz.

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Matthias Göritz: „Träumer und Sünder“

Von Thomas Scholz

Auf den ersten Blick scheint es ein Roman über Filme zu sein, den der Lyriker und Romancier Matthias Göritz zum Auftakt dieses Buchherbstes präsentierte. „Träumer und Sünder“ ist vermeintlich die Geschichte des aufstrebenden Interviewers Velder Dierks, der einen berühmten, aber zurückgezogen lebenden Filmproduzenten interviewt. Doch damit hat die Täuschung bereits begonnen, denn mitnichten lässt sich Erlenberg, der Produzent, zum Objekt degradieren. Er, in Hollywood für seine ausgezeichneten Werbestrategien als „Mister Campaign“ bekannt, kapert nicht nur das Interview, sondern verdrängt auch Göritz' Erzähler, indem er mit seinen Monologen bereits auf der ersten Seite des Romans Erzählung wie Interview dominiert und die Kontrolle auch im weiteren Verlauf nur selten abgibt. Dierks, der über weite Passagen nur als „Interviewer“ firmiert, wird zu unserem Abbild und ergibt sich Erlenbergs Wortfluten (mehr oder weniger) widerstandslos. So erfahren wir Dinge über italienische Umzugsunternehmen, das übersteigerte kulturelle Geltungsbedürfnis der Franzosen oder die High Society der internationalen Filmbranche seit dem Zweiten Weltkrieg. Erlenberg erinnert, echauffiert und elaboriert seitenlang, doch nicht wir sollen ihm zuhören, sondern Velder Dierks, der Interviewer, den er ausgesucht hat. Von der Chemotherapie geschwächt und im Rollstuhl sitzend sucht er nach jemandem, dem er sein Vermächtnis überantworten kann.

Kein Wunder also, dass der Interviewer über weite Passagen nur die zweite Geige spielt, bestenfalls, manchmal auch nur die dritte hinter dem Produzenten und dessen neuestem Filmprojekt „Gleiwitz“. Der fingierte Überfall auf den gleichnamigen deutschen Radiosender, der als Rechtfertigung für die Kriegshandlungen des Dritten Reichs gegen Polen diente, soll Erlenbergs filmisches Meisterwerk werden. Ridley Scott habe er für die Regie, die Kidmann spiele die weibliche Hauptrolle und für den männlichen Gegenpart habe man den polnischen Heath Ledger engagiert, dem stehe eine glänzende Zukunft bevor. Nicht etwa wie „Der Untergang“ mit verstecktem Führer-Gehabe, nein, großes Kino mit echter Geschichte, so soll es sein. Dass die Vergangenheit nur von den Siegern erzählt werden darf, stört Erlenberg nicht, mit Hollywood im Rücken will er diesen einen von vielen historischen Schandflecken der deutschen Geschichte kunstvoll bloßlegen. Nur selten lässt er sich jedoch wirklich in die Karten blicken, speist den Interviewer oftmals mit Oberflächlichem und scheinbar Nutzlosem ab, bringt diesen dadurch in eine berufliche Krise – Welcher Chefredakteur finanziert schon gerne einen Italien-Aufenthalt, ohne dass sein Journalist mit brauchbarem Material wiederkehrt? – und lässt ihn dann wieder näher an sich und seinem Leben teilhaben. Dierks wird zum Chefreporter in Sachen „Gleiwitz“, zum protokollierenden Biografen und Reisebegleiter. Sein Privatleben tritt für ihn und uns als Leser immer weiter in den Hintergrund, die immer noch wichtige Ex-Freundin bekommen wir nie direkt zu sehen und auch die heißblütige Filmhändlerin aus Südamerika nur in einem Kapitel, im dem der Interviewer wieder ganz Velder Dierks sein darf, bevor erneut der Beruf den Menschen in den Hintergrund schiebt. Die Verdrängung von Dierks geht in einigen Passagen des Buches so weit, dass seine Handlungen nur noch in den Monologen von Erlenberg reflektiert werden, als beschreibender Kommentar im Stil eines Hörspiels der 1950er.

Das Verhältnis der beiden Männer, die sich anfangs so unterschiedlich begegnen – Dierks mit dem Interview auf dem vermeintlichen Höhepunkt seiner Karriere, der Produzent auf Rollstuhl und Sauerstoffflasche angewiesen– synchronisiert sich mehr und mehr, so dass der Erfolg des einen mit dem des anderen einher geht. Gemeinsam stehen sie schließlich vor „Gleiwitz“ und seinen Problemen – Starallüren, wackelnder Finanzierung und schlechtem Wetter –, an denen sich letztendlich zeigt, was Erlenberg dem Interviewer in unzähligen Stunden fast unmerklich über Film, die Moral und das Geschäft beigebracht hat. „Träumer und Sünder“ ist trotz aller Anekdoten über Stars, Filme und ihre Traumfabrik kein Film-Roman, sondern eine Geschichte über die Nachfolge, über das Weitergeben und –führen eines Lebens durch das Erzählen der Geschichte eines Menschen, wie es einige Naturvölker noch heute praktizieren.

Auch Matthias Göritz hat etwas von seinem Leben an Erlenberg weiter- oder besser abgegeben und mischt die autobiografischen Schnipsel zwischen das Filmwissen. Beispielsweise lehrten Erlenberg wie Göritz am renommierten amerikanischen Bard College. Der Produzent sagt angesichts ungebremsten Begehrens zweier Film-Liebenden: „Manchmal kann das Gras so nass ein, wie es will.“ Dieser Satz entfaltet erst dann seine volle Bedeutung, wenn man weiß, dass Matthias Göritz im vergangenen Jahr Mitherausgeber einer Anthologie der Thüringischen Sommerakademie war. Deren Titel: „Nasses Gras“.

All dies verschleiert Matthias Göritz effektiv unter dem losen Erzählstil Erlenbergs, der uns Seite um Seite wie Plauderei vorkommen lässt. Erst wenn Erlenberg verstummt, merken wir, dass ein Stück raffinierter Literatur zu Ende gegangen ist.

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erstellt am 18.10.2013

Matthias Göritz. Foto: Wolfgang Becker

Matthias Göritz
Träumer und Sünder
Roman
Gebunden, 238 Seiten
ISBN 978-3-406-65282-0
C.H.BECK Verlag, München 2013

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