Sandra Klose, Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen, steht im Mittelpunkt einer neuen Folge der von Jannis Plastargias betreuten Reihe »Das halbe Wort«.

das halbe Wort

Sandra Klose

Als völlig überfordert beschreibt sich Sandra Klose. Vielleicht. Wenn es darum geht, mit Worten zu spielen, mit Sprachbildern und mit Zeilenbrüchen, ist jedoch keine Überforderung mehr spürbar. Das erste Mal sah ich sie bei der Abschlusslesung der OPEN WRITING Schreibwerkstatt der Crespo Foundation im Haus am Dom in Frankfurt, in der zwei Schützlinge von mir ebenfalls Texte vortrugen. Sie fiel mir auf. Doch ihren Namen merkte ich mir nicht. Umso überraschter war ich, als ich beim zweiten Treffen der Dichtungsfans ( Julia Mantel, Martin Piekar, Marcus Roloff und ich) eben sie als neues, vorher mit Namen angekündigtes Mitglied begrüßen durfte. Sie ist nun meine Kollegin. Und am 24.10. werde ich auf unserer Veranstaltung „Undercover. Dichter stellen ihre Lieblingsgedichte vor“ im Blauen Haus Frankfurt feststellen können, ob sie auch mündlich so beeindrucken kann wie in den Texten, die ich hier vorstelle.

Jannis Plastargias

texte

Von Sandra Klose

blausand

blausand, schürrt die wellen,
körnt sich weit, knistert im Sp
ritzen, fächert und bläut den
mund.          
macht blässchen zerfließen
auf blaufilm, in geäderten w
ogen, saufendes wasser im
blaurauschen trunk, ein sau
gen der farbe am meeresgr
und dann weiß ich nicht mehr was ich mit meinem Mund anfangen soll ohne deinen auf ihm. Mit meiner trockenen Kehle, den eingefallenen Lungen. Wo soll ich die Worte herholen wenn ich nicht nach ihnen ringen kann, wenn meine Hände unbrauchbar sind ohne deine Haut unter ihnen.

Frauen die Weinen

Die Angst

Sie lag da, genau in der Mitte seiner Brustsenkung, die Arme so weit, wie ein Fächer ausgebreitet, wie ein Y, ganz steif. Die Brusthaare entschieden untrennbar gepackt, hat sie sich daran festgeklammert.

Er blinzelte, er blinzelte nochmal. Dann ruckelte er seinen Torso nach links und rechts, wie wenn er die Angst von seiner Brust schleudern wollen würde. Er hatte sich dabei aufgesetzt, seine Ellenbogen in die Matratze gedrückt und schüttelte sich heftig.

Er konnte es nicht fassen. Die Angst lag da, auf seiner Brust. Und er sah sie an und sie schlief da, auf seiner Brust. Ganz entspannt, ganz seelenruhig, unstörbar friedlich, auf seiner Brust.

Er schüttelte seinen Torso nach links, nach rechts, er wollte die Angst von seiner Brust schleudern. Er fing an zu schwitzen und so ließ er die Schultern herunter. Der Kopf fiel mit den Schlüsselbeinen, sie bildeten zwei tiefe, traurige Kuhlen über der Brust.

Miteinander Schlafen (wenn wir uns Lieben)

Meine Hand dreht sich in deine und
wir in uns. Halten im Mund . Zwischen
unseren Becken ist die Dreh
Achse der Liebe – vielleicht? Auf jeden
Fall: Sinnerleben (Schmecken, Fühlen,
sich einrädern in blaugelblilagrün)
Die Beine bunt gekettet; durchzucken.
Lösen die Farben tief ins Laken, und
das Laken löst sich mit uns. Also wir
fließen, bis unsere Seelen sich aus dem
Fenster winden, zwischen die hohn
Sterne gelegt, sanft gebettet, legen wir
uns in die Arme, ein Kuss in die Stirn,
ein Kuss in den Mund. Halten.

Mondmünder

In mir lagen einst Monde, halbschalig
in ein Nachtöl gelegt, lila und drehten
sich mit einem Gesicht dem die Wangen
tief lagen. Ihre Falten schlugen Wellen
die waren dunkel gebettet, der tief
gelegte Mund so schwer überm Kinn
und die Backen fließen einsam und voll
sorgen gewärmt durch das Leben zu
Boden gezogen.

Wie schmeckt der Mund eines Mondes?
scharfgeschnitten wie Grass im Regen,
scharf, wie die Welle im Brechen, wie wenn
sich die Tönung in ihrer Filterform ergießt.
Ein Kuss der süchtig macht, Sinn(er)leben:
einsinken, loslassen und schwimmen in
dem lila Nachtöl. Wie ein Kiesel in einem
dunklen Schmiegen; knacken und auslaufen.

siehe auch:

Das halbe Wort

Kommentare


Kokser - ( 21-10-2013 08:38:54 )
Ich denke ich bin großer Fan von deinen worten

nephrite - ( 21-10-2013 11:16:14 )
Verdammt geiler Wohnstil hier!

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erstellt am 18.10.2013

Sandra Klose
Sandra Klose

Völlig überfordert: Das ist Sandra Klose mit ihren knappen 19 Jahren (Jahrgang 1994). Und irgendwie dauernd auf der Flucht. Unter anderem vor dem Abitur, das sie jetzt wiederholt oder dem Elternhaus, das sie jetzt durch ein Leben in der „Husslerfabrik“ in „Offebronx“ (Hassia Fabrik, Offenbach) verlassen hat. Aber das ist auch nicht so schlimm, denn Sandra hat immer noch Stift und Papier. Gebunden wurden ihre Worte bisher nur in der Anthologie des „Schreibzimmer 2011“ und „Nagelprobe 29“ – das kann sich ja noch ändern.

Sie ist Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.

lyrikabend

Undercover. Frankfurter Autoren und ihre Lieblingsgedichte

Am Donnerstag, 24.10.2013 ab 20.00 Uhr (bis ca. 22.00 Uhr), Blaues Haus, Niederräderufer 2, Frankfurt am Main, Frankfurt am Main

LyrikerInnen: Sandra Klose, Julia Mantel, Marcus Roloff, Martin Piekar

Moderation: Jannis Plastargias

Mit einem neuen Konzept wollen Frankfurter Autoren frischen Wind ins zuweilen dröge Lyrikgeschehen bringen. Bei der als Slam angelegten Auftaktveranstaltung lesen sie jeweils zwei aktuelle deutschsprachige Gedichte vor. Dabei kann das Publikum nicht nur das „Gedicht des Abends“ wählen, sondern auch direkt mit der Jury diskutieren. So soll ein subjektiver Zugang zur Lyrik jenseits des schulischen Abfragewissens ermöglicht werden.

Blaues Haus e.V.