Wer viel Musik hört, kennt allmählich auch schon das, was verspricht, ganz neu zu sein. Und man sollte nicht denken, dass das für einen Musikkritiker eine glückliche Situation ist. Um so glücklicher ist Thomas Rothschild, wenn er auf »Il Pergolese« von ungewöhnlichem Musizieren überrascht wird.

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Die Sensation

Von Thomas Rothschild

Unter den Neuerscheinungen auf dem Schallplattenmarkt gibt es jede Menge schöner, perfekter, hörenswerter Aufnahmen. Aber seien wir ehrlich: interessante Entdeckungen im Sinne einer originellen Idee, die auf eine Weise umgesetzt wird, die neue Erkenntnisse auslöst, sind selten geworden. Die Industrie reproduziert das bereits Erfolgreiche und riskiert kaum etwas. Es kann kein Zufall sein, dass bei Theaterinszenierungen inflationär auf Musikaufzeichnungen aus den sechziger und siebziger Jahren zurückgegriffen wird. Seither, scheint es, ist wenig Neues dazu gekommen, das der Beachtung wert wäre, und dass man Originalkompositionen in Auftrag gibt, wie es früher die Regel war, scheint aus der Mode gekommen oder den Sparzwängen geopfert worden zu sein.

Vor diesem Hintergrund darf die CD mit dem Titel „Il Pergolese“ schon als kleine Sensation gewertet werden. Il Pergolese nennt sich ein Quartett, bestehend aus der italienischen Sängerin Maria Pia De Vito, dem französischen Pianisten François Couturier, der deutschen Cellistin Anja Lechner und dem Italiener Michele Rabbia, der Perkussionsinstrumente und elektronische Instrumente verwendet. Der Name ist auch schon Programm. Das Ensemble nimmt Material von Giovanni Battista Pergolesi und macht etwas Neues daraus. Er löst die Bestandteile auf und setzt sie auf veränderte Weise wieder zusammen. Man kann das Dekonstruktion nennen oder auch Verfremdung. Der Klang der ungewöhnlichen Kombination von Instrumenten ist der zunächst auffälligste Eingriff. Wo vertraute Phrasen anklingen, werden sie rhythmisch und dann auch harmonisch umgedeutet, um schließlich in mehr oder weniger freier Improvisation zu verschwinden.

Dabei spielt die Stimme von Maria Pia De Vito eine besondere Rolle. Sie lehnt sich an die Tradition der neapolitanischen Folklore an und singt auch in neapolitanischem Dialekt. Der Stilbruch ist bei diesem Projekt Prinzip. Es lässt sich nicht in die üblichen Kategorien einordnen und erinnert so an diverse avantgardistische Unternehmungen der siebziger Jahre, die sowohl in Deutschland und in Italien wie auch anderswo vorübergehend einen relativen Erfolg hatten. Man mag an den Umgang Uri Caines mit „klassischer“ Musik denken, dann wieder öffnet sich die Improvisation, insbesondere die Perkussion Michele Rabbias, hin zum Free Jazz und zu Klanglandschaften der zeitgenössischen Avantgarde.

„Il Pergolese“ befährt neue Wege statt eingefahrener Gleise. Es lohnt sich, den Spuren zu folgen. Musik kann auch heute noch interessant sein.

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erstellt am 13.10.2013

Il Pergolese
ECM Records

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