Selten gab es auf der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse eine so kritische und vom Publikum so enthusiastisch gefeierte Ansprache. Luiz Ruffato, brasilianischer Autor und neben Ana Maria Machado literarischer Festredner des Ehrengastlandes, machte schon in den ersten Sätzen seiner Rede deutlich: Brasilien ist nicht nur Wirtschaftswunderland, sondern auch ein Ort, an dem „Raubtierkapitalismus“ nicht bloß als Metapher wirkt.

Festrede zur Eröffnung der Buchmesse 2013

Rassendemokratie ist ein Mythos

Von Luiz Ruffato

Was bedeutet es, Schriftsteller zu sein in einem Land in der Peripherie der Welt, einem Ort, wo der Begriff Raubtierkapitalismus ganz bestimmt keine Metapher ist? Für mich ist Schreiben Verpflichtung. Man kann sich der Tatsache nicht entziehen, dass man am Beginn des 21. Jahrhunderts lebt, auf Portugiesisch schreibt und auf einem Territorium lebt, das Brasilien genannt wird. Es wird viel von Globalisierung geredet, doch die Grenzen sind offen für Handelswaren, für Menschen nicht. Unsere Einzigartigkeit zu erklären ist eine Form des Widerstands gegen den autoritären Versuch, Unterschiede zu nivellieren.

Das größte Dilemma des Menschen ist schon immer der Umgang mit dem Gegensatzpaar Ich und Der Andere. Denn obwohl unsere Subjektivität sich in dem Anerkenntnis des Anderen bestätigt – dessen Anderssein uns unserer Existenz versichert – ist der Andere auch derjenige, der uns vernichten kann … Und wenn die Menschheit sich auf dieser Pendelbewegung zwischen Gemeinschaft und Auseinanderstreben errichtet, so stützt sich die brasilianische Geschichte fast ausschließlich auf der ausdrücklichen Negation des Anderen durch Gewalt und Gleichgültigkeit.

Wir sind unter der Ägide des Genozids geboren. Von den vier Millionen Indianern, die es im Jahr 1500 gab, sind heute noch ungefähr 900.000 übrig, von denen ein Teil unter erbärmlichen Bedingungen in Lagern am Rande der Landstraßen oder in den Favelas der großen Städte lebt. Als ein Merkmal brasilianischer Toleranz wird stets die so genannte Rassendemokratie angeführt, der Mythos, es habe keine Vernichtung gegeben, sondern Assimilierung der Ureinwohner. Doch dieser Euphemismus dient lediglich dazu, eine unleugbare Tatsache zu vertuschen: Wenn wir heute ein Land von Mestizen sind, so ist dies Resultat einer Kreuzung zwischen europäischen Männern mit indianischen oder afrikanischen Frauen, genauer gesagt: Die Assimilierung geschah über die Vergewaltigung von Ureinwohnerinnen und Afrikanerinnen durch weiße Kolonisatoren.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden fünf Millionen schwarze Afrikaner gefangen und gewaltsam nach Brasilien gebracht. Als im Jahr 1888 die Sklaverei abgeschafft wurde, wurde nichts unternommen, um den früheren Sklaven ein würdiges Leben zu ermöglichen. Daher befindet sich auch heute, 125 Jahre danach, die große Mehrheit der afrikanischstämmigen Brasilianer am unteren Ende der Gesellschaftspyramide. Eher selten sind sie unter Ärzten, Zahnärzten, Rechtsanwälten, Ingenieuren, leitenden Angestellten, Journalisten, bildenden Künstlern, Filmemachern, Schriftstellern anzutreffen.

Unsichtbar, schlecht bezahlt und der einfachsten staatsbürgerlichen Rechte beraubt – Wohnung, Mobilität, Erholung, Bildung und Gesundheitsversorgung -, wurde die Mehrheit der Brasilianer im Getriebe der Ökonomie als entbehrlich betrachtet: 75% des Reichtums befinden sich in den Händen von 10% der weißen Bevölkerung, und nur 46.000 Personen besitzen die Hälfte der Fläche des Landes. Historisch gewohnt, ausschließlich Pflichten zu haben und keinerlei Rechte, leben wir in dem eigenartigen Gefühl des nicht Dazugehörens. In Brasilien gehört das, was allen gehört, niemandem …

Entlang eines furchtbaren Bewusstseins von Straflosigkeit, denn ins Gefängnis geht nur, wer kein Geld hat, um gute Anwälte zu bezahlen, gedeiht die Intoleranz. Wer in der Schutzlosigkeit eines Lebens am Rand der Gesellschaft von dieser nicht als Mensch anerkannt wird, reagiert dem Anderen gegenüber genauso und verweigert ihm diesen Status ebenfalls. So wie wir nicht den Anderen sehen, so sieht er uns auch nicht. Und so häuft sich der Hass an – der Nächste wird uns zum Feind.

Die Rate der Gewaltverbrechen in Brasilien kommt auf 20 Morde pro 100.000 Einwohner, das sind 37.000 tote Menschen – pro Jahr, dreimal mehr als im weltweiten Durchschnitt. Und von der Gewalt am meisten betroffen sind nicht die Reichen, die sich hinter hohen Mauern von Gated Communities verschanzen, geschützt durch Elektrozäune, private Sicherheitsdienste und elektronischen Überwachungssystemen, sondern die Armen in den Favelas und Vorstädten, der Willkür von Drogenhändlern und korrupten Polizisten ausgesetzt.

Als Machos nehmen wir den beschämenden siebten Platz unter den Ländern mit der höchsten Rate an häuslicher Gewalt ein, mit einer Bilanz von 45.000 ermordeten Frauen in den letzten zehn Jahren. Feige häufen wir allein 2012 mehr als 120.000 Anzeigen von Misshandlungen an Kindern und Jugendlichen an. Und es ist bekannt, dass sowohl in Bezug auf die Frauen als auch auf Kinder und Jugendlichen diese Zahlen regelmäßig zu niedrig gegriffen sind.

Die Fälle von Intoleranz gegenüber sexueller Orientierung zeigen exemplarisch unsere Heuchelei. Der Ort, an dem die wichtigste homosexuelle Parade der Welt, mit mehr als drei Millionen Teilnehmern, stattfindet, die Avenida Paulista in São Paulo, ist exakt der Ort mit den meisten Übergriffen auf Homosexuelle in der ganzen Stadt.

Und damit kommen wir zu einem neuralgischen Punkt: Es ist kein Zufall, dass die Gefängnisinsassen Brasiliens, an die 550.000 Personen, überwiegend junge Leute im Alter von 18 bis 34 Jahren sind, arm, schwarz und schlecht ausgebildet.

Das Bildungssystem war im Verlauf der Geschichte stets einer der effizientesten Mechanismen zur Aufrechterhaltung der tiefen Kluft zwischen Arm und Reich. Wir befinden uns auf den hintersten Plätzen im Ranking der schulischen Leistungen weltweit. Ungefähr 9% der Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben, und 20% gelten als funktionale Analphabeten. Also einer von drei erwachsenen Brasilianern ist nicht in der Lage, einfachste Texte zu lesen und zu verstehen.

Die Perpetuierung von Unwissen als Herrschaftsinstrument, Markenzeichen jener Elite, die bis vor ganz Kurzem noch an der Macht war, lässt sich eindämmen. Der brasilianische Buchmarkt bewegt jährlich an die 2,2 Milliarden Dollar, 35% dieses Gesamtvolumens entfallen auf Käufe durch die Zentralregierung für öffentliche Bibliotheken und Schulen. Doch noch immer lesen wir wenig, im durchschnitt weniger als vier Titel pro Jahr, und auf das Land hochgerechnet, gibt es nicht mehr als eine Buchhandlung auf 63.000 Einwohner, noch dazu konzentriert auf die Hauptstädte und die großen Städte im Landesinneren.

Doch wir haben Fortschritte gemacht

Die größte Errungenschaft meiner Generation war die Wiedererlangung der Demokratie – nun seit 28 Jahren ohne Unterbrechung. Wenig, wahrhaftig, aber der längste Zeitraum an Rechtstaatlichkeit in der gesamten brasilianischen Geschichte. Mit der politischen und wirtschaftlichen Stabilität haben wir seit dem Ende der Militärdiktatur auch soziale Errungenschaften gemacht; die bedeutendste war zweifelsohne die deutliche Verringerung des Elends: Beeindruckende 42 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahrzehnt einen sozialen Aufstieg erlebt. Nicht zu leugnen ist auch, wie wichtig es war, Mechanismen zu schaffen für finanzielle Transferleistungen, finanzielle Unterstützung von Familien zum Beispiel, aber auch der sozialen Inklusion, wie etwa die Quotierung nach Hautfarben an öffentlichen Universitäten.

Leider wiegt trotz aller Anstrengungen das Erbe von 500 Jahren Machtmissbrauch noch schwer. Wir sind noch immer ein Land, in dem Wohnen, Bildung, Gesundheit und Erholung nicht das Recht aller sind, sondern ein Privileg weniger, in dem das Recht, sich zu jeder Zeit frei zu bewegen, nicht ausgeübt werden kann, weil es an Sicherheit mangelt, in dem selbst die Notwendigkeit, für einen Mindestlohn von umgerechnet etwa 300 Dollar im Monat zu arbeiten, auf elementare Probleme trifft, wie etwa das Fehlen von vernünftigem öffentlichem Personenverkehr; in dem die Achtung vor der Umwelt keine Rolle spielt; in dem wir uns angewöhnt haben, das Gesetz zu missachten.

Wir sind ein paradoxes Land

Mal erscheint Brasilien als exotische Gegend mit paradiesischen Stränden, Urwäldern, Karneval, Capoeira und Fußball, mal als ein furchtbarer Ort voller Gewalt in den Städten, Kinderprostitution, Missachtung der Menschenrechte und der Natur. Mal wird es gefeiert als ein Land, das bestens gerüstet ist, eine Rolle in der Welt zu spielen, mit reichen Bodenschätzen, Landwirtschaft, Viehzucht und einer vielfältigen Industrie, einem großen Wachstumspotenzial in Produktion und Konsum, dann wieder befindet es sich in der ewigen Nebenrolle als Zulieferer von Rohmaterial und Produkten aus billiger Arbeitskraft, unfähig, seinen eigenen Reichtum selbst zu verwalten.

Allerdings sind wir gegenwärtig die siebtgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Und stehen weiterhin an dritter Stelle der Ungleichheit …

Zurück also zur Eingangsfrage: Was bedeutet es in dieser Region der Peripherie der Welt zu leben, auf Portugiesisch zu schreiben, für fast nicht vorhandene Leser, zu kämpfen also, Tag für Tag, um umgeben von Widrigkeiten dem Leben einen Sinn zu verleihen?

Ich glaube, vielleicht naiv, daran, dass Literatur etwas verändern kann. Als Kind einer Analphabetin und Waschfrau, eines des Lesens fast unkundigen Popcornverkäufers, selbst Popcornverkäufer, Kassierer, Verkäufer, Textilarbeiter, Dreher, Inhaber einer Imbissbude, wurde mein Leben verändert durch den, wenn auch zufälligen Kontakt mit Büchern. Und wenn das Lesen eines Buchs den Weg eines Menschen verändern kann, und wenn die Gesellschaft aus Menschen besteht, kann Literatur eine Gesellschaft verändern. In unserer Zeit des übersteigerten Narzissmus und des extrem ausgelebten Individualismus wird derjenige, der uns fremd ist und deswegen in uns die Faszination des gegenseitigen Erkennens auslösen sollte, mehr denn je als Bedrohung gesehen. Wir kehren dem Nächsten den Rücken zu, sei er Einwanderer, Arm, der Schwarz, Indigen, Frau, Homosexuell, in dem Versuch, uns selbst zu bewahren, und vergessen dabei, dass wir damit unsere eigene Existenz in Gefahr bringen. Wir verfallen der Einsamkeit und dem Egoismus und verleugnen uns vor uns selbst. Um dem entgegenzuwirken, schreibe ich: Ich will den Leser berühren, ihn verändern, die Welt ändern. Das ist eine Utopie. Ich weiß. Aber ich lebe von Utopien. Weil ich denke, dass die letzte Bestimmung jedes Menschen nur eine sein sollte: Das Glück auf zu Erden erreichen. Hier und jetzt.

© Luiz Ruffato, Übersetzung: Michael Kegler 2013

Kommentare


Schnurrer - ( 23-10-2013 03:36:12 )
Man kann den Luiz ... nur bewundern, allein wegen der Bildungsstrecke, die er von seiner Abstammungs- und Sozialisationsebene aus zurückgelegt hat. Hervorragend!

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erstellt am 10.10.2013

Luiz Ruffato. Foto © Wolfgang Becker

Text in Portugiesisch auf der Website von Michael Kegler:
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