Der Religionssoziologe Jacob Taubes muss ein beeindruckender Rhetoriker gewesen sein, der dem Philosophen Hans Blumenberg beharrlich eine Zusammenarbeit antrug. Warum beide hoffnungslos aneinander vorbeiredeten, erklärt Enno Rudolph in seiner Besprechung des Briefwechsels Hans Blumenberg – Jacob Taubes.

Buchkritik: Briefwechsel 1961-1981

Hans Blumenberg und Jacob Taubes

Von Enno Rudolph

Jacob Taubes hatte in Hans Blumenberg seinen Meister gefunden – nicht allein, weil dieser, der unerschöpfliche Produzent und unermüdliche Investigator, ihm, dem unersättlichen Rezipienten und unentwegten Kommunikator, vieles, vor allem aber bahnbrechendes zu lesen gab. Vor allem besetzte Blumenberg mit souveräner Kompetenz Themen, die seit einiger Zeit bereits als Reservat von Taubes galten – Säkularisierung, Mythos, Geschichtsphilosophie, Philosophie und Poesie, und nicht zuletzt die Morphologie der abendländischen Eschatologie und ihrer Säkularisate, deren kritische Rekonstruktion er de facto Taubes entriss, und gegen die er, ohne Gegenwehr von Taubes, die „Neuzeit“ verteidigte. Allerdings verband Blumenberg die Bearbeitung dieser Themen mit der Fähigkeit, ihr gleichsam den Stempel absoluter Massstäblichkeit aufzudrücken, und dies in Wort und Schrift. Taubes reagierte – und zwar von Beginn an – mit realistischem Blick für die paradigmatischen Leistungen Blumenbergs nicht mit der ihm eigenen Neigung zu Richtersprüchen und Polemiken, sondern mit nachhaltigem Respekt. Noch auf dem Sterbebett hatte Taubes den Blick mit für seine Verhältnisse ungewöhnlicher Bewunderung auf Blumenberg gerichtet, dessen damals bekanntestes Werk, Die Legitimität der Neuzeit, er als einen „Knüller“ bezeichnet hatte: Blumenberg sei unter den Lebenden „der einzige Philosoph Deutschlands, der ihn interessiere“ – eine Würdigung, die er im Jahre 1987 anlässlich seiner vor handverlesenem Publikum in Heidelberg gehaltenen Vorlesungen über Paulus aussprach. Taubes hätte Blumenberg, wie er dem Moderator der damaligen Veranstaltung versicherte, bei diesem, seinem letzten akademischen Auftritt – wie er offenkundig ahnte – gern unter den Zuhörern gesehen. Dies wohl auch, um ihm – dem er, allen zunehmend misstrauischer werdenden Nachfragen und wiederholten Beschwerden Blumenbergs angesichts der ausbleibenden Texte von Taubes zum Trotz (“Ich weiss, dass Sie ungern schreiben, ja, ich habe resigniert feststellen müssen, dass die immer wieder zugesagte Sendung Ihrer Separata als Gegenleistung gegen die von Ihnen energisch betriebene Lieferung meinerseits bis heute ausgeblieben ist“) so gut wie nie etwas von sich zu lesen überliess, schlicht weil es nichts gab – wenigstens einmal etwas zu hören zu geben. Blumenberg aber verweigerte sich in Heidelberg einmal mehr, ohne wissen zu können, was er sich damit ersparte: die Teilnahme an der Ausführung eines Auftrags, den der von Taubes‘ Paulusinterpretation offenbar beeindruckte Carl Schmitt dem eigens nach Plettenberg „gepilgerten armen Job“, wie Taubes sich selbst nannte, mit dem Pathos eines Missionsbefehls zuvor erteilt hatte. Es blieb einer breiteren Öffentlichkeit verborgen, dass die gehorsame Befehlsausführung auf der Veranstaltung fast zu einem Eklat geführt hätte: „Taubes, bevor Sie sterben, müssen Sie das einigen erzählen“.

Die jüngst bei Suhrkamp erschienene, vorbildlich von Herbert Kopp-Oberstebrink (et al.) aufbereitete, mit sorgfältigen Erläuterungen, hilfreichen Verzeichnissen und wertvollem Material versehene Edition des Briefwechsels zwischen Blumenberg und Taubes, lässt, insbesondere vom Ende her gelesen, mit aufschlussreicher Deutlichkeit erkennen, wie wenig ausgeglichen der Grad wechselseitiger Anerkennung zwischen den beiden Autoren tatsächlich gewesen ist. Die Beziehung glich eher derjenigen zwischen Herr und Knecht im Sinne des Hegelschen Idealtyps: Anerkennung bei Wahrung der Hierarchie. Ein geradezu enthüllendes Beispiel dafür liefert ein unter den „Materialien“ des Bandes aufgeführtes Manuskript aus dem Nachlass Blumenbergs mit „Gedanken zu einem Nachruf auf Jacob Taubes“, der aus eben den Gründen, die in diesen Notizen zur Sprache kommen, nie veröffentlicht wurde: „Jedenfalls wurde mir unter der Hand – nämlich anlässlich der Frage, weshalb [und] wie Taubes zu Paulus kam, eine Würdigung desselben zugedacht, von der ich auf Rückfrage dann zufällig auch noch erfuhr, sie solle in einem Band P&H erscheinen. Ich habe sogleich gesagt, dass ich das gegebenenfalls nicht in Form eines Nachruf-Laudatio-Memorials machen könnte, es folglich problematisch [für] seine Zweckbestimmung als Ausdruck der langen Verbindung von Taubes mit P&H wäre. Meine Würdigung, auch wenn nur eine Seite lang, würde ein harter Text; ich kann auf JT nicht den sanften Blick einer Kameraderie werfen. Ich habe meiner Frau eine freihändige Skizze meines Taubes-Bildes vorgetragen und hatte den Eindruck des heftigen, obgleich verstohlenen Zusammenzuckens“.

Vor dem Hintergrund dieser ‚Rahmenhandlung‘ mit den Eckdaten 1961 (Blumenberg bittet Taubes erstmals um Zusendung seiner Schriften) und 1987 (Taubes stirbt, ohne dass er Blumenberg ‚seinen Paulus‘ hat vorführen dürfen) lassen sich nahezu sämtliche Brieftexte – jedenfalls diejenigen von Blumenberg – lesen, als wären sie mit einem ‚Subtext‘ versehen. Der jüngere der beiden Korrespondenten, Taubes, hat es bekanntlich über eine einzige, allerdings rasch zu standardisiertem Rang aufgestiegene Monographie („Eschatologie des Abendlandes“ 1947) in diesem Genre niemals hinausgebracht, während der ältere, Blumenberg, an ihm vorbei ziehend zu einem der weltweit bedeutendsten Eminenzen der jüngeren Philosophiegeschichte aufstieg. Die Ergebenheit, mit der Taubes – der akademische Jetsetter zwischen New York, Berlin und dem Rest der Welt – darum warb, dem eher sesshaften Blumenberg, der allenfalls zwischen Giessen, Bochum oder Münster einerseits und Konstanz bzw. Filialen andererseits pendelte, auf Augenhöhe begegnen zu dürfen, und vor allem wie wachsam er darum bemüht war, unter allen Umständen zu vermeiden, vor dem nicht selten herablassend und majestätisch wirkenden Blumenberg nicht in Ungnade zu fallen, erklärt sich wohl auch aus diesem Umstand. Ersteres gelang nie: Blumenberg – der Taubes allenthalben spüren lässt, wie sehr er nicht nur akademische Intrigen im alltäglichen Berufungsgerangel, sondern auch die darin involvierten Akteure, zu denen Taubes sich offen bekannte, verachtete, liess es wohl mit Bedacht nicht so weit kommen. Und letzteres, die offene Ächtung, wurde – wenn überhaupt – offenbar in letzter Minute abgewendet. Die im Briefwechsel dokumentierten Einzelheiten dieser offenbar nicht undramatischen Affäre gehören zu den besonders spannungsgeladenen und delikaten Sequenzen in dem edierten Konvolut. Zugleich gewähren sie einen Blick hinter die Kulissen der ersten Anfänge beim thematischen wie auch personellen Aufbau von Poetik und Hermeneutik – einer der renommiertesten und einflussreichsten Initiativen geisteswissenschaftlicher Interdisziplinarität im Nachkriegsdeutschland überhaupt. Die Protagonisten dieser ‚Epoche‘ – Adorno, Habermas, Gadamer (der „Papst“), Volkmann-Schluck, Kracauer, Marcuse, Iser, Jauss u.a. – erhalten ihre mehr oder weniger eindeutigen Platzzuweisungen aus der Sicht der beiden Autoren – schon von daher empfiehlt sich der Band als ein Lesevergnügen von ungewöhnlicher Delikatesse.

Wenngleich mehrere Briefe das energische und ehrgeizige Bemühen von Taubes belegen, mit dem er sich vergeblich dafür eingesetzt haben muss, Blumenberg nach Berlin an die FU zu holen – nicht nur, um Berlin mit ihm zu schmücken, sondern auch, weil er diesen Ort als eine seiner Bedeutung würdige Wirkungsstätte einschätzte -, ist der besagten Sequenz des Briefwechsels, im Kontext gelesen, zu entnehmen, dass das ohnehin durch stilisierte Konventionalität und umständliche Höflichkeiten gekennzeichnete Verhältnis zwischen den Briefpartnern auf einer äusserst labilen Grundlage stand: so hatte Taubes im Verlaufe des zweiten Zusammentreffens des Forscherkreises Poetik und Hermeneutik offenbar ein vorbereitetes Votum zu einem Beitrag von Blumenberg abgegeben, das von diesem während der anschliessenden Diskussion gänzlich ignoriert worden war. Taubes, dem die Erstellung des Protokolls dieses Treffens oblag – auf eine präzise und kompetente Protokollierung der Begegnungen wurde, wie es dem Konzept des gesamten Projekts entsprach, grösster Wert gelegt, da die Protokolle ebenso wie die abgegebenen Voten jeweils zusammen mit den Hauptreferaten publiziert wurden -, zeigte sich über diese Nichtbeachtung sehr enttäuscht und fragte ungeniert nach. In der Sache ging es um die Unterscheidung zwischen „typologischer“ und „geschichtsphilosophischer“ Interpretation, mit deren eigens geprägter Alternative Taubes den Referenten konfrontierte. Blumenberg, der nun einer Beantwortung nicht mehr ausweichen konnte, entschuldigt sich artig für „diese wie auch immer motivierte Verdrängung“, um sodann in ungewohnt undiplomatischer Form ohne Umschweife festzustellen, dass er die Wahl zwischen den beiden Interpretationstypen „nicht für eine zulässige Alternative“ halte.

Dieser – für sich genommen sanfte – Hieb soll sich hernach als Auftakt für den Austrag einer Kontroverse erweisen, die nicht allein den eigentlichen sachlichen Dissens zwischen Blumenberg und Taubes in der Sache offenbart, sondern die auch einen buhlenden Taubes zeigt, der bei einem bissigen Blumenberg mit befremdlicher Unterwürfigkeit geradezu um Gnade bettelt: „Sie wissen, die Mitglieder des Redaktionsausschusses wissen, und die, die Augen und Ohren haben zu sehen und zu hören, wissen es, dass ich Sie als Meister und Lehrer der Philosophie (und der Wissenschaftsgeschichte) verehre, und dass ich mir einige Mühe gemacht habe, Sie nach Berlin zu ziehen, um durch das Feuer Ihrer Kritik geläuterter zu denken…“.

Was war geschehen? Ursache und Anlass sind, wie so oft in solchen Fällen, sorgfältig auseinanderzuhalten. Äusserlich gesehen verwahrte sich Blumenberg gegen eine Bemerkung in einem von Taubes zu erstellenden „Schlussvotum“ zu einer Diskussion der Gruppe Poetik und Hermeneutik, die dem Thema „Gnosis und Surrealismus“ gewidmet war. Blumenberg – Gnosis-Forscher par excellence – las aus dieser Bemerkung heraus, dass Taubes ihm hinreichende Kenntnis der als klassisch geltenden Gnosis-Interpretation von Hans Jonas abspreche. Blumenberg protestiert scharf und kompromisslos – er scheint den Bruch zu riskieren: „Es hat sich als wenig ertragreich erwiesen, dass ich Sie mit den Produkten meiner Feder überschwemmt habe…“. Er spricht von Indizien dafür, „dass ich zumindest der falsche Opponent für Ihre Thesen gewesen bin. Indizien für die Hoffnungslosigkeit, mit der wir aneinander vorbei reden.“

Abstrahiert man von allen Eitelkeiten und Empfindlichkeiten, so offenbaren diese Äusserungen der Empörung in unmissverständlicher Weise den harten Kern der Differenz, ja der Opposition zwischen den beiden Briefpartnern, ein Befund, der sich weniger aus dem evidentermaßen hohen Unterschiedsgrad an wissenschaftlicher Kompetenz, dem inkompatiblen Forschungsniveau und den weit auseinander liegenden Temperamenten oder aus dem imperialen Gestus Blumenbergs, dem anderen auch nicht den geringsten Bereich überlegener Zuständigkeit zu überlassen, erklären lässt. Die Opposition ist weltanschaulicher und damit auch implizit politischer Natur, und sie ist aufschlussreich für die konfligierenden geisteswissenschaftlichen Tendenzen der Nachkriegszeit. Schlüsselhaft für diese Deutung ist ein knapper in dem einschlägigen Brief dokumentierter Hinweis Blumenbergs auf den Aphorismus 111 aus Friedrich Nietzsches Menschliches, Allzumenschliches I. Hier lohnt es sich, nachzuschlagen. In diesem Text stellt Nietzsche dem modernen Naturverständnis, demzufolge das Subjekt der gesetzlich vollständig determinierten Natur undeterminiert und mit „freier“ Verfügungsgewalt gegenüberstehe, die Naturauffassung der „rohen, religiös productiven Urculturen“ entgegen, in denen die Natur als das Reich der Regellosigkeit erlebt und erfahren wird, der Mensch sich selbst hingegen als durch Herkommen und Gesetz „bestimmt“ deutet. Es geht dabei vor allem um das Problem des Gesetzes. Als Naturdeterminante im einen und als Ordnungsprinzip des menschlichen Lebens am anderen Fall ist es der Gesetzesbegriff, der hier die Brücke bildet zum eigentlichen Streitapfel: zur Deutung der „Gnosis“ als mächtige häretische Strömung zur Zeit, aber auch als Ferment innerhalb des Urchristentums. Die Gnosis, die sich in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen entwickelte, kann generell als eine Erlösungsreligion mit einem ausgeprägt dualistischen Weltbild verstanden werden: für den Gnostiker ist die Welt schlecht beschaffen, der Mensch aber ist es nicht. Er vermag über den Weg der Erlangung eines bestimmten geheimen Wissens sich selbst vom „Gesetz“ dieser Welt zu erlösen. Dieses Wissen erlaubt – in freierer Deutung – die Erschliessung eines ‚dritten Weges‘ zwischen der determistischen Lebensauffassung jener „Urculturen“ und der modernen Naturgesetzlichkeit. In dem besagten Aphorismus deutet Nietzsche an, dass bereits auf der „niederen Culturstufe“ die Entdeckung eines solchen dritten Weges möglich gewesen sei: der Mensch „ ist nicht nothwendig der willenlose Knecht“ der Natur. Das entdeckt zu haben, ist „das Vornehme in der griechischen Religiosität“. Man muss also nicht argumentieren, wie es die in den 60er Jahren populären Kritiker der neuzeitlichen Naturwissenschaft etwa Frankfurter Prägung taten, zu denen Blumenberg offenbar auch den Adornofreund Taubes zählt, um gegen die gewalttätige Reglementierung der Natur durch das Subjekt zu opponieren. Man kann „vornehm“ griechisch sein – Nietzsche konnte damit nur „seine“ Vorsokratiker meinen. Mit dieser Zuspitzung dementiert Blumenberg, wenngleich lediglich in Andeutungen, aus denen man solche Konklusionen ableiten kann, tatsächlich jede grundsätzliche Gemeinsamkeit mit Taubes: Taubes ein konventioneller Antimoderner in Gestalt eines frommen Juden, der auf dem Boden der neuzeitlichen „Säkularisierung“ steht. Blumenberg ein moderner Säkularisierungskritiker in Gestalt eines areligiösen Heiden; Taubes ein „diabolischer“ Apologet politischer Theologie der Prägung Carl Schmitts; Blumenberg ein souveräner Kritiker der Modernekritik – ein Nonkonformist unter den revolutionsverliebten Intellektuellen der 60er Jahre.

Kommentare


Thorwald C. Franke - ( 05-01-2014 12:27:13 )
Ich bedanke mich für diese sehr interessante Rezension, die meinem weiteren Suchen einige Wege aufgezeigt hat.

Reimar Klein - ( 28-05-2015 04:34:11 )
In der Sache ist die Besprechung triftig und erschöpfend, aber sie vergreift sich im Ton. Diese Süffisanz hat Taubes nicht verdient

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erstellt am 08.10.2013

Hans Blumenberg, Foto © Peter Zollna/Suhrkamp Verlag
Hans Blumenberg, Foto © Peter Zollna/Suhrkamp Verlag
Jacob Taubes, Foto © Suhrkamp Verlag
Jacob Taubes, Foto © Suhrkamp Verlag

Hans Blumenberg, Jacob Taubes
Briefwechsel 1961–1981 – und weitere Materialien
Herausgegeben von Herbert Kopp-Oberstebrink und Martin Treml unter Mitarbeit von Anja Schipke und Stephan Steiner. Mit einem Nachwort von Herbert Kopp-Oberstebrink
Gebunden, 349 Seiten
ISBN: 978-3-518-58591-7
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013

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»Taubes ein konventioneller Antimoderner in Gestalt eines frommen Juden, der auf dem Boden der neuzeitlichen »Säkularisierung« steht. Blumenberg ein moderner Säkularisierungskritiker in Gestalt eines areligiösen Heiden; Taubes ein »diabolischer« Apologet politischer Theologie der Prägung Carl Schmitts; Blumenberg ein souveräner Kritiker der Modernekritik – ein Nonkonformist unter den revolutionsverliebten Intellektuellen der 60er Jahre.

Enno Rudolph