Die Schriftstellerin Patrícia Melo wird in ihrer südamerikanischen Heimat als große Dame der Literatur gefeiert. 1998 gewann die Chronistin den internationalen Deutschen Krimi Preis, zwei Jahre später kürte das Time Magazine sie zur „führenden Schriftstellerin des Millenniums” in Lateinamerika. Für ihren neuesten Roman Leichendieb (Tropen, Klett-Cotta 2013, Übers. Barbara Mesquita) erhielt die in der Schweiz lebende Autorin und Dramaturgin den diesjährigen LiBeraturpreis, der ab diesem Jahr von litprom mit Unterstützung der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. Manoella Barbosa stellt die Brasilianerin vor.

porträt

Strafe ist ein Luxuswunsch

Von Manoella Barbosa

Wie fortgeschritten ist der Zersetzungsprozess eines Kadavers nach 15 Tagen? Wie kann man diesen Prozess schlüssig beschreiben? Solche Fragen bewegten Patricia Melo während sie an ihrem 2010 in Brasilien erschienen Werk Ladrão de Caváderes (Leichendieb) arbeitete, die Geschichte einer widersprüchlichen Figur, die im Laufe des Buches den Beinamen „Porco“ (Schwein) bekommen wird. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, traf sie sich regelmäßig mit einer befreundeten Polizeikommissarin. Für ein anderes Buch, Matador (Klett-Cotta 1997, Übers. Barbara Mesquita) führte sie lange Gespräche mit Auftragskillern, die in Untersuchungshaft saßen.

In der lokalen Presse wird Patrícia Melo oft als „die weibliche Rubem Fonseca“­ bezeichnet. Fonseca wurde durch exzessive literarische Gewaltdarstellungen berühmt und prägt bis heute die brasilianische Literatur; 1985 lebte er als Gast des Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin. Melo, die Frau mit den langen schwarzen Haaren, ist eine der wenigen Schriftstellerinnen im Land, die sich dem Krimigenre widmet. Dabei ist Glaubwürdigkeit der 50jährigen Autorin wichtig: „Während man sich im realen Leben mit absurden Zufällen abfinden kann, erwartet man als Leser von einer Geschichte Logik, Kohärenz und Wahrhaftigkeit. Es ist meine Aufgabe als Autorin, dem Leser diesen Zusammenhalt zu geben. Die Recherche ist der linke Arm der Fantasie.“ Zwei Jahre lang recherchierte sie, um Leichendieb so glaubhaft wie möglich zu gestalten.

Das vielfach gelobte Werk führte die litprom-Bestenliste Weltempfänger im Sommer sowie die KrimiZeit-Bestenliste im Juli 2013 an. Nach seiner Entlassung aus einem Callcenter verlässt der Protagonist des Thrillers, frustriert und verzweifelt, die chaotische Metropole São Paulo und zieht nach Corumbá, einen heißen Ort im Landesinneren Brasiliens, bekannt als „die grüne Stadt“. Dort wird der namenlose Ich-Erzähler beim Angeln Zeuge eines Flugzeugabsturzes und zaudert nicht lange, die Leiche des Piloten auszurauben. Zu seiner Überraschung findet er bei dem leblosen Körper ein Päckchen Kokain, das seiner Meinung nach rasch weiterverkauft werden soll. Die Entscheidung führt seinen Weg von nun an in eine Welt voller Skrupellosigkeit.

Der Krimi kreist um den Tod und die innere Wertekrise des Protagonisten. „Für mich ist der Mangel an einem ethischen Modell ein zeitgenössisches Thema“, erklärt Melo. Bestraft wird der Anti-Held am Ende des Buches trotzdem nicht. Die Autorin entschied sich bewusst für „eine Struktur, die die brasilianische Dynamik widerspiegelt, wo Korruption, Gewalt und Machtmissbraucht oft ungestraft bleiben: Die Strafe ist ein Luxuswunsch der Brasilianer.“

Leichendieb ist der sechste in deutscher Sprache vorliegende Roman Patrícia Melos. Insgesamt verfasste die vielseitige Erzählerin neun Romane, vier Theaterstücke und zwei Filmdrehbücher. Melo schreibt über Dinge, die sie beunruhigen. 2008 verließ ihre einzige Tochter das Elternhaus, ein Jahr später starb ihre Mutter, die ihr sehr nahe stand, ihr Mann, der renommierte schweizerisch-brasilianische Dirigent und Komponist John Neschling, den sie während ihrer Recherchen zu  Schwarzer Walzer (Droemer 2005, Übers. Barbara Mesquita) kennengelernt hat, verlor seine Stelle als Dirigent des Sinfonieorchesters São Paulo. Melo litt unter all dem. Ein Jahr lang konnte sie nicht schreiben, die depressive Stimmung untergrub ihre Kreativität. Die Lösung war radikal: Das Paar entschied sich, in die Schweiz auszuwandern. Seit 2011 leben Patrícia Melo und John Neschling am Luganer See. Für die Mutter der nun in Paris lebenden Tochter aus einer früheren Ehe mit einem Philosophen und Fernsehproduzenten die beste Wahl. So kann sie Luiza, 23, die in Frankreich Mode studiert, öfter sehen. Über die Entstehung des Buches sagt sie: „Ich bin stark, ich habe die Trauer überstanden. Aber ich musste sie noch verarbeiten. Dieses Buch zu schreiben erlaubte mir, mich von ‚verfaulenden‘ Gefühlen zu verabschieden. Ich denke, es ist mir gelungen.“

Den Drang nach einem anderen Leben spürt man in Leichendieb. Es ist das erste Buch Patrícia Melos, das außerhalb der Achse Rio-São Paulo spielt. Ähnlich wie Melo hat auch die Figur aus ihrem Buch das Bedürfnis, ein anderes Leben zu beginnen, den Ort zu wechseln. Über ihren eigenen Umzug in die Schweiz sagt die brasilianische Autorin, sie verstehe ihn als eine Art Entschleunigung: „São Paulo ist eine bedrückende Stadt, dort zu leben gleicht dem Gefühl, auf Scherben zu laufen“. Für sie war es irgendwann wichtig, an einem Ort zu leben, an dem „Freiheit geschätzt wird und die soziale Ungleichheit geringer ist“. Aus beruflichen Gründen pendelt das Paar jedoch oft zwischen Lugano und São Paulo. Momentan fungiert Ehemann Neschling dort als künstlerischer Leiter des Opernhauses, des „Teatro Municipal de São Paulo“.

Auf der Suche nach einem Titel für ihren neuen Roman ließ sich die Autorin von einer berühmten Erzählung aus der Feder von Robert Louis Stevenson inspirieren. Der schottische Schriftsteller war eine Art Pflichtlektüre für Melo, die als jüngste von sechs Geschwistern in Assis, einer kleinen Stadt im brasilianischen Bundesstaat São Paulo, aufwuchs: „Stevenson bedeutete mir sehr viel als Teenager. Mir gefällt sein nüchterner, rhythmischer Erzählstil. Als Abenteuerautor war er für mich eine Art Indiana Jones.“ Neben Stevenson liest die Tochter eines Zahnarztes und einer Geschichtslehrerin gerne auch Philip Roth, Edgar Allan Poe, Stieg Larsson oder eben den Kollegen Rubem Fonseca, mit dem sie so oft verglichen wird. Die Freundschaft zwischen dem 86jährigen und der Autorin ist so eng, dass Fonseca Melos Manuskripte noch vor ihrer Veröffentlichung liest: „Ich bin an seiner Meinung über meine Bücher interessiert. Seine Lektüre ist aufmerksam, kritisch und sensibel. Genau wie mein Mann John ist Rubem ein besonderer Leser für mich, zumal ich ihn für einen der größten brasilianischen Schriftsteller halte.“ Generell liest sie gerne und viel, zuletzt Meine Preise des österreichischen Autors Thomas Bernhard.

Den Auftritt Brasiliens als Gastland der Frankfurter Buchmesse empfindet sie als eine „großartige Gelegenheit für alle brasilianische Autoren“. Oft hat die Autorin das Gefühl, es werde in Europa von brasilianischen Autoren erwartet, ein Klischee-Land zu präsentieren: „Als Gastland auf einer derart bedeutsamen Veranstaltung auftreten zu dürfen, bringt uns mediale Präsenz und bietet die Möglichkeit, die europäische Leserschaft mit einer facettenreichen Literatur jenseits von Stereotypen bekannt zu machen.“

Für 2014 hat sich Patrícia Melo vorgenommen, an einer Detektivgeschichte zu arbeiten. Hauptfigur wird wohl eine Gerichtsmedizinerin sein. Darüber hinaus erhofft sie sich mehr Zeit für ein sehr persönliches Projekt: die Chroniken ihres Vaters als Buch herauszugeben. Der 86jährige Odontologe lebt heute noch in Melos Heimatstadt Assis und schrieb viele Jahre für die Lokalzeitung. Durch die Chroniken eröffnet sich der Autorin eine andere Seite des Vaters: „Ich erlebe einen fragilen, sensiblen Mann. Seine Texte sind voller Poesie, voller Einsamkeit. Es ist berührend, sie zu lesen.“

Im Jahr 2000 kürte das Time Magazine Patricia Melo zur „führenden Schriftstellerin des Millenniums” in Lateinamerika. Sie wurde für den französischen Literaturpreis Prix Femina nominiert und erhielt den Prix Deux Océans. Auch den wichtigsten Literaturpreis ihres Heimatlandes, den Prêmio Jabuti, bekam sie. Dazu kommt eine Auszeichnung 2013: der LiBeraturpreis, der nur an Frauen verliehen wird. Mit der Südamerikanerin werde in diesem Jahr eine „kluge Autorin“ ausgezeichnet, die es verstehe, „glaubwürdige Charaktere zu schaffen und ohne die üblichen Mittel des Krimis aufzeigt, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht so einfach zu ziehen sind“, so die Begründung der Jury. Der Preis geht zum ersten Mal an eine brasilianische Autorin, wobei Melo in früheren Jahren mit O Matador bereits auf der Shortlist für den LiBeraturpreis war. Auch die juristische Welt entdeckte die Werke der Autorin. Im September 2013 wurde Melo als Gastautorin des Literaturfestivals „Paulicéia Literária“ eingeladen, das erstmalig in São Paulo stattfindet. Veranstalter ist der Verband brasilianischer Anwälte.

Manoella Barbosa ist freie Journalistin und schreibt überwiegend für brasilianische Medien. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.

Zuerst veröffentlicht in den LiteraturNachrichten Brasilien Nr. 118 – Herbst 2013

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erstellt am 08.10.2013

Patrícia Melo. Foto: Barbara Mesquita/ Klett-Cotta
Patrícia Melo. Foto: Barbara Mesquita/ Klett-Cotta
Preisverleihung, Gespräch und Lesung

LiBeraturpreis 2013: Patrícia Melo

Am Samstag, 12. Oktober 2013, 16.30, Frankfurter Buchmesse, Weltempfang – Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung, Halle 5.0 E81, Bühne

Deutsch / Englisch / Portugiesisch

Der LiBeraturpreis ist der einzige deutsche Literaturpreis, der nur an Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der Arabischen Welt verliehen wird. Ab diesem Jahr führt litprom den LiBeraturpreis mit Unterstützung der Frankfurter Buchmesse fort und ehrt Patrícia Melo für „Leichendieb“: ein „eleganter, maliziöser und sarkastischer Roman über die Deregulierung moralischer Standards“, so die Jury.

Mit:
Patrícia Melo (Brasilien), Autorin und Preisträgerin
Thomas Wörtche, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Publizist und Jurymitglied der litprom-Bestenliste Weltempfänger, Laudator

Moderation:
Katharina Borchardt, Literaturredakteurin und Moderatorin bei SWR2, Jurymitglied der litprom-Bestenliste Weltempfänger

litprom

Patrícia Melo
Leichendieb
Thriller, aus dem Brasilianischen von Barbara Mesquita
Gebunden mit Schutzumschlag, 208 Seiten
ISBN: 978-3-608-50118-6
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2013

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