Im Gegensatz zur sogenannten ernsten Kunstmusik, deren Komposition notiert war, soll der Jazz improvisiert gewesen sein. Deshalb galt die Regel: Kunstmusik ist reproduzierbar, Jazz existiert nicht außerhalb seines Erklingens. In beiden Fällen allerdings entsteht die Qualität durch die Klanggebung im Moment, also ‚live’. Seitdem es aber Tonträger gibt, auf denen sich klingende Musik bewahren lässt, lässt sich wenigstens der Eindruck ahnen, den die Musik auf die Zuhörer gemacht hat. Auf diese Weise ist auch die improvisierte Musik reproduzierbar geworden und hat so ihre gültige Ausprägung gefunden. Frühe Aufnahmen aus der Zeit vor der digitalen Wende offenbaren uns den musikalischen Unterschied zum heutigen Jazz, der durch die zeitgebundenen Ausdrucksweisen entsteht. Thomas Rothschild beschreibt, was es auf den wiederveröffentlichten Aufnahmen zu entdecken gibt.

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Die Botschafter

Von Thomas Rothschild

Die Zahl der Jazzensembles, die im Lauf eines Jahrhunderts entstanden und wieder verschwunden sind, ist unüberschaubar. Einige aber sind für die Jazzgeschichte ebenso herausragend, nicht wegzudenken wie Shakespeare, Puschkin oder Balzac für die Literaturgeschichte oder Rembrandt, van Gogh oder Picasso für die Geschichte der Malerei. Art Blakeys Jazz Messengers gehören, mit wechselnden Besetzungen, dazu.

Jetzt sind in der Reihe der Essential Jazz Classics zwei LPs aus den frühen sechziger Jahren auf einer CD erschienen, deren Originale auf zwei der bedeutendsten Labels herausgekommen waren: auf Riverside und Blue Note. Neben dem Leader Art Blakey am Schlagzeug spielen Freddie Hubbard, Trompete, Wayne Shorter, Tenorsaxophon, Curtis Fuller, Posaune, Cedar Walton, Klavier, und alternierend Reggie Workman und Jymie Merritt, Kontrabass. Jeder von ihnen ist ein Star, und jedes Solo hält das Niveau, das im kollektiven Spiel vorgegeben ist. Art Blakey selbst legt in Curtis Fullers „Bu's Delight“ ein längeres Solo hin, das allein schon den Kauf der CD rechtfertigt. Man ahnt, was da für ein Applaus aufgebraust wäre, wenn diese Aufnahmen live und nicht im Studio gemacht worden wären, und man begreift, warum Blakey gerade unter Schlagzeugern bewundert wird: er ist einer der größten.

Faszinierend bis heute ist das Stilbewusstsein, mit dem das Quintett ganz unterschiedliches Material seinem Verständnis von Hardbop angleicht: Duke Ellingtons „Caravan“ wie Hoagy Carmichaels „Skylark“, Henry Mancinis drastisch beschleunigten „Moon River“ wie Cedar Waltons „Shaky Shake“, das verdächtig an „Moanin'“ von Bobby Timmons erinnert.

Die damals aktuelle Jazz-Messengers-Formation ohne Curtis Fuller und ohne Art Blakey – an seine Stelle tritt Philly Joe Jones – trifft man auch auf der 1962 aufgenommenen LP „Here to Stay“, die unter dem Namen des Trompeters Freddie Hubbard auf den Markt kam. Auf der vorliegenden CD ist sie kombiniert mit der fast gleichzeitig entstandenen LP „Hub-Tones“, auf der neben dem Bassisten Reggie Workman James Spaulding (Altsaxophon und Flöte), Herbie Hancock (Klavier) und Clifford Jarvis (Schlagzeug) mit Hubbard musizieren. Wiederum gibt es keinen Titel, der „durchhängt“. Ein besonderer Leckerbissen ist das Duo von Spauldings Flöte mit Hubbards Trompete in dessen Eigenkomposition „Prophet Jennings“.

Die CDs enthalten Booklets mit aktuellen Texten, den originalen liner notes der LPs von den zu jener Zeit international renommierten Jazzpublizisten sowie zeitgenössische Rezensionen. Dort nennt Hubbard auch seine frühen Einflüsse: Chet Baker, Dizzy Gillespie, Miles Davis, Clifford Brown. Keine schlechte Ahnengalerie.

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Trio-Jazz

Teddy Wilson gehört zu den herausragenden Pianisten des Swing. Sein lockeres Spiel, sein unforcierter Anschlag erinnert an Oscar Peterson. Sein Zusammenspiel von linker und rechter Hand ist manchmal so atemberaubend virtuos, dass man meint, es müssten da zwei Pianisten am Werk sein. Harmonisch wie rhythmisch verleiht Wilson den Akkorden und Basslinien der linken Hand eine Eigenständigkeit gegenüber der Melodie, wie sie selbst bei den Großen des Swing selten zu hören ist. Jetzt sind auf drei CDs sämtliche Studioaufnahmen wieder aufgelegt worden, die er in den fünziger Jahren im Trio mit dem Schlagzeuger Jo Jones und wechselnden Bassisten aufgenommen hat. Sie enthalten die LPs „For Quiet Lovers“, „I Got Rhythm“, „The Impeccable Mr. Wilson“ und „These Tunes Remind Me of You“ und wurden von dem legendären Norman Granz produziert. Hinzu kommen als Bonusmaterial acht Titel des Benny Carter Trios, bei denen der Saxophonist den Bass ersetzt.

Sowohl in der traditionellen Formation Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, wie auch mit dem Altsaxophon von Benny Carter bedient sich Teddy Wilson der Standards, die bis heute überlebt haben, darunter „It Had To Be You“, „April In Paris“, „Stompin' At The Savoy“, „All Of Me“, „I Got Rhythm“, „On The Sunny Side Of The Street“, „Sweet Georgia Brown“, „Ain't Misbehavin'“, „Honeysuckle Rose“, „Sweet Lorraine“, „I Found A New Baby“, „When You're Smiling“, „Rosetta“ (einmal ohne, einmal mit Saxophon), „Basin Street Blues“, „Just One Of Those Things“, „It Don't Mean A Thing“ und „Jeepers Creepers“.

Jo Jones ist ein „leiser“ Schlagzeuger. Er verzichtet auf Eskapaden und zieht die Besen den Stöcken vor, das Becken der Trommel vor. Wenn er zu seinen Soli einsetzt, so scheinen sie die von Teddy Wilson angestimmte Melodie weiterzuführen.

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Der Mann an der Orgel

Man kann darüber streiten, wer der größte Saxophonist, Pianist oder Arrangeur im Jazz ist. Wenn es aber um die Hammondorgel geht, gibt es nur eine Antwort: der absolute Meister auf diesem Instrument war Jimmy Smith. Sein Ruhm reichte weit über den engen Kreis der Jazzhabitués hinaus. Er hat das Instrument von seinem Geruch des Hinterzimmers, des amateurhaften Schrumm-schrumms befreit, ehe es von den Synthesizern und allerlei elektronischen Klangkörpern verdrängt wurde. Unter den Fingern von Jimmy Smith verwandelte sich die Hammondorgel in ein authentisches Jazzinstrument wie, ja mehr noch als die Geige bei Stéphane Grappelli oder die Mundharmonika bei Toots Thielemans.

Es ist ja nicht nur der Sound der Orgel, die den Jazz von Jimmy Smith auszeichnet, sondern nicht minder sein Groove, sein pulsierender Funk. Mit seinen Staccato-Tönen macht Jimmy Smith ein Zuhören im bequemen Lehnstuhl fast unmöglich. Die Herkunft aus der schwarzen Gospelmusik ist nicht zu verkennen. Jimmy Smith war ein Jazzrocker, als es diesen Begriff noch nicht gab, als der Rock'n'Roll gerade erfunden wurde.

Auf seinen beiden LPs „Back at the Chicken Shack“ und „Midnight Special“ von 1960 kommt ihm das Saxophon von Stanley Turrentine dabei sehr entgegen. Der Klang der beiden Instrumente verbindet sich zu einem Ganzen, und der Geist, der die beiden Musiker inspiriert, ist der gleiche. Hinzu kommen der Jahrhundertgitarrist Kenny Burrell und am Schlagzeug Donald Bailey. Für das Ostinato sorgt in Ermangelung eines Kontrabasses Jimmy Smith auf der Orgel. Und wer da meint, solche Basslinien ließen sich durch Loops ersetzen, wie das heute mehr und mehr geschieht, höre sich einmal diese mehr als fünfzig Jahre alten Aufnahmen an.

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erstellt am 08.10.2013

Art Blakey & The Jazz Messengers
Caravan + Buhaina's Delight
Essential Jazz Classics/in-akustik EJC55613

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Freddie Hubbard Quintet
Here to Stay + Hub-Tones
Essential Jazz Classics/in-akustik EJC55611

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Teddy Wilson Trio with Jo Jones
Complete Studio Recordings
Jazz Dynamics/in-akustik 008 (3 CD)

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Jimmy Smith Quartet
Back at the Chicken Shack + Midnight Special
Essential Jazz Classics/in-akustik EJC55614

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