An diversen Orten der Frankfurter Innenstadt kommt man neuerdings ins Staunen. Fassaden, Zäune und sogar der Bürgersteig sind zur Bildfläche geworden für Künstler aus Brasilien und aus der Region. Eugen El berichtet über die aktuelle Konjunktur der Street-Art in Frankfurt.

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Kunst für alle

Von Eugen El

Wer in diesen Tagen durch die Frankfurter Innenstadt spaziert, kommt ins Staunen. Auf Fassaden, Zäunen und sogar auf dem Asphalt lächeln uns überdimensionale, bunte Gesichter an, Drachen steigen auf, Figuren schweben und tänzeln. Auch im Ostend, rund um die Baustelle der Europäischen Zentralbank, lässt sich eine Vielfalt an Graffiti besichtigen. Wer um die Schwierigkeiten der oft illegalen und daher anonymen Existenz als Graffiti-Künstler weiß, fragt sich, wie sich die Stadt so rasant verwandeln und öffnen konnte.

Die Schirn Kunsthalle hat elf Künstler und Künstlergruppen aus São Paulo und anderen Metropolen Brasiliens nach Frankfurt eingeladen. Man muss wissen, dass Graffiti in Brasilien zumindest toleriert werden, so dass einige Künstler unter ihren bürgerlichen Namen arbeiten können. Dass in Frankfurt diverse institutionelle und private Eigentümer ihre Flächen den brasilianischen Künstlern zur Verfügung stellten, muss man als Glücksfall bezeichnen. Sicher spielte dabei der diesjährige Brasilien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse eine tragende Rolle. Und dass eine Institution wie die Schirn dahinter steht.

Eine der überraschendsten und wohl auch gelungensten Arbeiten erwartet den Betrachter auf einer Fassade der Matthäuskirche in der Friedrich-Ebert-Anlage. Spetos figurative, grafisch zugespitzte Arbeit könnte man als eine Metapher auf die romantische Liebe verstehen. Sie greift die Architektur des Gebäudes, insbesondere deren spitzes Dach auf. Farblich zeichnet sich Spetos Gestaltung durch gut gesetzte, deutliche Kontraste aus. Die Wirkung des Bildes ist im besten Sinne plakativ. Der Künstler zeigt sich dem monumentalen Format gewachsen. Inhaltlich und formal bezieht sich Speto auf die nordbrasilianische Tradition der „Literatura de Cordel“ – mit Holzschnitten illustrierter mystischer Geschichten aus dem 17. Jahrhundert.

Auch der Blick in die zugige Neue Mainzer Straße im Bankenviertel lässt staunen. Das karikierende Bild einer älteren Dame ist, von weitem sichtbar, auf einem Gebäude zu sehen. In einer ihrer langen, dünnen Hände halt die Dame, die auch eine Hausfrau sein könnte, ein Sparschwein. Aus der anderen Hand kommen Luftballons in Form von Dollar- und Euro-Zeichen empor. Dazwischen prangt wie zufällig ein Logo der Sparkasse. Man könnte diese Arbeit von Onesto als einen Kommentar zur Geschäftspraxis einer Bank (und einer Sparkasse zumal) verstehen, die zwischen konservativer Sparer-Mentalität und luftiger Spekulation schwankt. Ein beeindruckender räumlicher Effekt entsteht an einem weiteren Sparkassen-Gebäude in der Junghofstraße. Eine meditierende, vermummte Figur ist so über die Ecken des Gebäudes angebracht, dass sie sich davon zu lösen und tatsächlich zu schweben scheint. Der nicht deckende Farbauftrag und Weiß- und Grautönen verstärkt diesen Effekt. Bei einem Teil der Farbe handelt es sich um Ruß aus São Paulo, den Alexandre Orion oft in seinen Arbeiten einsetzt.

Auch die Doppeltürme der Deutschen Bank an der Taunusanlage sind Gegenstand einer künstlerisch-grafischen Intervention geworden. Auf einer großen Glasfläche im Erdgeschoss sehen wir eine Schlange mit Flügeln und Händen. Bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass die Schlange aus gedruckten Buchstaben collagiert ist. Mit dieser grafisch gelungenen Arbeit thematisiert Fefe Talavera die Macht der Sprache, die sich zu einem Drachen wandeln kann.

An der Hauptwache angekommen, glaubt man, der eigene Schatten und die Schatten der Fußgänger würden sich geisterhaft verselbständigen. Die sich schlängelnden Figuren wurden von Herbert Baglione direkt auf den Asphalt aufgetragen und sorgen für eine weitere produktive Verunsicherung der alltäglichen Wahrnehmung. An den Bauzäunen im Umfeld der Schirn Kunsthalle und am Gebäude selbst erwarten den Betrachter noch einige visuelle Überraschungen, die manchmal einen lokalen Bezug suggerieren, aber auch auf indigene südamerikanische Kunst verweisen. Viele weitere Orte in der Frankfurter Innenstadt wurden von den brasilianischen Street-Art-Künstlern bespielt. Sie können unter anderem mithilfe einer von der Schirn Kunsthalle angebotenen App erkundet werden.

Auch die Graffiti rund um die Baustelle der EZB sind erst durch die Unterstützung mehrerer institutioneller Akteure möglich geworden. So stellte die Europäische Zentralbank Holzflächen und Sprühfarben zur Verfügung. Von einem Frankfurter Sozialprojekt wurden einheimische und internationale Graffiti-Künstler eingeladen, die an den Bauzäunen angebrachten Flächen zu bespielen. Die Qualität der Ergebnisse ist nicht immer überzeugend. Dass mit Kritik an der Politik der EZB sowie am Kapitalismus im Allgemeinen nicht gespart wird, verwundert nicht. Viele Bilder verlieren sich jedoch in einem unbeholfenen Fotorealismus, der jegliche Abstraktion vermissen lässt. Hier setzen die brasilianischen Künstler höhere Standards: Ihre besten Arbeiten sind streng grafisch aufgefasst und auf wenige Farben reduziert. Während sich die Frankfurter Sprayer am Bildervorrat der westlichen Pop- und Unterhaltungsindustrie abarbeiten, schöpfen die Brasilianer oft aus Literatur, Mythologie und indigener Kunst ihres Landes. Auch fällt auf, dass das vergleichsweise kleine, extreme Querformat der Zaunflächen den lokalen Graffiti-Künstlern nicht gut getan hat. Ein Gebäude besprühen zu dürfen, ist hingegen ein Privileg.

Als Street-Art stehen die momentan in Frankfurt präsenten Bilder in einer anderen Tradition als die Kunst des „White Cube“. Im öffentlichen Raum angebracht, liegt der Fokus oft auf einer grafischen Gestaltung, die für deutliche Sichtbarkeit sorgt. Gewiss wird hier der Diskurs über die Möglichkeiten der Kunst nicht neu erfunden. Auf der anderen Seite verweigern sich die Graffiti jeglicher Exklusivität. Im Idealfall sind sie permanent für jedermann zugänglich.

„Street-Art Brazil“ und die Bemalung der Bauzäune rund um die EZB-Baustelle sind aus unterschiedlichen Gründen sehenswert. Die brasilianische Graffiti-Kunst lädt (noch bis 27. Oktober 2013) dazu ein, die Frankfurter Innenstadt flanierend zu entdecken, genau hinzuschauen. Im Ostend ist ein Stück Zeitgeschichte zu besichtigen. Es bleibt zu wünschen, dass die städtischen Akteure auch zukünftig Offenheit zeigen gegenüber qualitativer Street Art, ob aus lokaler oder aus internationaler Produktion.

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erstellt am 06.10.2013

Speto Fassade der Matthäuskirche in der Friedrich-Ebert-Anlage 33. Frankfurt am Main, 2013 © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz

Alexandre Orion Gebäude der Sparkasse in der Junghofstraße 27. Frankfurt am Main, 2013 © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz

Fefe Talavera Glasportal der Deutsche Bank AG-Türme an der Taunusanlage. Frankfurt am Main, 2013 © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz

Herbert Baglione Bodenfläche der Frankfurter Hauptwache Frankfurt am Main, 2013. © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz

Graffiti am Bauzaun der EZB, Frankfurt am Main, 2013. Foto: Peter Loewy

Graffiti am Bauzaun der EZB, Frankfurt am Main, 2013. Foto: Peter Loewy