Porträt und Textauszug

Rio de Janeiro, Tokio, Mastroianni

Nur zwei der in diesem Jahr auf Deutsch erscheinenden (lebenden) Brasilianer haben 2013 bereits ihr zweites deutschsprachiges Buch am Start. Der eine ist Luiz Ruffato, der andere João Paulo Cuenca, dessen „Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall“ (A1 Verlag, 2012) unter Rezensenten Begeisterung aber auch einige Verwirrung auslöste: Ein brasilianisches Buch, das in Tokio spielt? Darf der das? Immerhin klimpert in zwei Szenen dieser romantisch-bizarren Liebesgeschichte, in deren Zentrum tatsächlich ein grausamer Unfall steht, im Hintergrund einer „Dunkin’ Donuts Imitation“ der „brasilianische Sänger João Gilberto“, aber das nur, weil es emblematisch ist, für die Verwurstung popkultureller Bezüge überall in der Welt, auch in Japan, auch im imaginären Tokio des João Paulo Cuenca, das mindestens ebenso von Godzilla-Filmen inspiriert ist wie von einem realen Aufenthalt in der Stadt.

Trailer zu: Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall (in portugiesischer Sprache)

Sein neuer Roman, „Mastroianni. Ein Tag“ (A1 Verlag, 2013), in Brasilien bereits 2007 erschien, hat auch die Stadt zum Gegenstand der Fiktion: Die fiktionale Stadt, die seine Protagonisten, wie der Autor es ausdrückt „mit ihren Augen errichten“. Sie sind Flaneure imaginärer Szenerien aus Filmen der 1960er Jahre, stolpern gleichzeitig als Parodie ihrer selbst irgendwo zwischen Exzess und Verzweiflung durch die Nacht, heißen Tomás Anselmo nach Guido Anselmi aus Fellinis 8 1/2 und Pedro Cassavas, dessen exotisch klingender Nachname nichts anderes ist als die englische Übersetzung der brasilianischen Armeleutespeise Maniok. Ein ironisches Buch, das mehrfach die Perspektive wechselt und durchbrochen wird von bösen Kommentaren eines (fiktionalen) Über-Ich, das den Erzähler, sein Buch und eigentlich alles in Frage stellt.

WO WOLLEN SIE HIN?

„Das frage ich Sie. Ich bin gefangen!“

VERSUCHEN SIE AUFZUSTEHEN. UNTERHALTEN SIE MICH.

Wie Carola Saavedra gehört João Paulo Cuenca der Generation junger brasilianischer Schriftsteller an, die sich vehement dagegen verwahrt, literarische Landeskunde betreiben zu sollen, doch sein Schreiben ist dennoch ein permanenter Kommentar zur Lage (nicht nur) in Brasilien: Die Idolatrie, der falsche Körperkult, das erbärmliche, aggressive Schielen nach dem vermeintlich besseren Ausland. Rio de Janeiro sei bereits eine mehrfache schlechte Kopie von Paris, später New York.

Aus dem verglasten Saal schauen wir hinunter auf die violett schimmernden Kanäle, die das mittelalterliche Häusermeer durchziehen, Stadthäuser, wie Schnecken im Sand, Brücken zwischen Stadtvierteln und kleinen Inseln, das Finanzzentrum und seine Wolkenkratzer, die Kräne auf metallenen Skeletten, die strengen Kuppeln der Kathedralen, die großen Art-déco-Theater und hinter allem, den Hügeln des historischen Zentrums, die Wüste und ihre Ausläufer. Aus der Höhe wirkt die Stadt wie in Stille getaucht.
„Willkommen im Weltraum, Tomás.“

UNTERHALTEN SIE MICH.

„Sehen sie nicht, dass ich nicht kann? …“

Wenn João Paulo Cuenca über Rio de Janeiro spricht, gerät er schnell in Rage. Ein Kriegshedonismus sei das, was seine Protagonisten wie die Angehörigen der weißen Mittelschicht seiner Stadt betreiben. Auf einem Fest in einer Wohnung im bürgerlichen Süden der Stadt könne man durchaus jede Schießerei im benachbarten Slum hören. Nicht selten drehe dann einer die Musik lauter und öffnete mit dem Hinweis, „jetzt kann sowieso niemand nach Hause“ noch eine Flasche Champagner.

Als Mitte des Jahres in Brasilien die Demonstrationen begannen, twitterte João Paulo Cuenca: „Zum ersten Mal in meinem Leben wäre ich gern in Rio de Janeiro“. Ironie dieses Kommentars: Er befand sich zu dieser Zeit als Stipendiat in Italien, auf einem Schloss. Seitdem sammelt und postet er Videos und Dokumentationen von Polizeiübergriffen, stellt sein Land damit in eine Reihe mit den Ereignissen in der Türkei, von denen man inzwischen nichts mehr hört, wurde gelesen in Frankfurt, wo gleichzeitig die Blockupy-Demonstration eingekesselt wurde.

VERSUCHEN SIE AUFZUSTEHEN.

10.000 Menschen wurden in den letzten zehn Jahren in Rio von der Polizei erschossen. So viele wie in keiner anderen Stadt in der Welt. Wenn die Menschen auf der Straße die Gewalt beklagen, weil sie mit Gummigeschossen und Tränengas eingedeckt werden, vergessen sie, sagt Cuenca, dass ein paar Meter weiter schon immer scharf geschossen worden ist. Es klingt etwas seltsam, wenn der junge Mann mit Schlips das erzählt, es will so gar nicht zu den verantwortungslosen Möchtegerndandys in seinem Roman passen, doch nicht er (der Autor) sei der Zyniker, sondern seine Protagonisten, und die seien außerdem (wie er) widersprüchliche Romantiker. „Mastroianni. Ein Tag“ ist kein Unterhaltungsroman.

Es ist tiefe Nacht: Sterne drehen ohne Hast ihre Runden, Poeten kondensieren in unförmigen Aureolen. Der Mond glüht, heult, grunzt und gurgelt zur schweigenden Menge und schwebt über verschlafenen Vorstädten. Pedro Cassavas ist ein Nachtzug unter Beobachtung einiger noch leuchtender Fenster in den oberen Stockwerken, streift durch noch geöffnete Konditoreien auf der Suche nach irgendwem. Bohemiens essen Spargelcremesuppe, Travestie-Männer verkaufen auf Marmortreppen synthetische Pillen, Bettler campieren unter mittelalterlichen Rundbögen, Ratten und Kakerlaken nehmen vor der Tür orthodoxer Kirchen die Rinnsteine in Besitz. In der Ferne bremsen Autos, jemand schlägt ein Fenster ein. Der erstickte Schrei einer Frau.

Es ist nur ein Spiel, sagt Pedro Cassavas zu sich selbst…

João Paulo Cuenca, 1978 in Rio de Janeiro geboren, ist vielleicht der emblematischste Vertreter der ersten Generation brasilianischer Literaten, deren politische und ästhetische Sozialisierung erst nach der Militärdiktatur einsetzt. Er stammt aus der weißen Mittelschicht, die er kritisiert, er ist selbst Pedro Cassavas und Tomás Anselmo und legt wert darauf, dass er als Autor und Mensch den Zynismus seiner Figuren nicht teilt. Auch wenn dies seinen Figuren unendlich peinlich wäre, ist João Paulo Cuenca ein Moralist. Seine literarischen Referenzen sind mehr als 100 Jahre alt: João do Rio, Machado de Assis, seine Bilderwelten stammen aus der Zeit seiner Eltern. Fellini, Godzilla, all die zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder neu aufgelegten Popreferenzen. Mehr noch als sein physisches Alter macht dies seine Literatur so aktuell.

Im vergangenen Jahr ist Cuenca zunächst einmal zurückgekehrt zu seinen literarischen Wurzeln als Blogger und Glossenschreiber, hat seine „Crónicas“, die er über Jahre in einer großen Zeitung veröffentlichte, noch einmal als Buch vorgelegt. Im kommenden Jahr wird in Brasilien sein nächster Roman erscheinen. Protagonist wird ein gewisser João Paulo Cuenca sein und das Thema: Die Stadt.

Der Zug hält.
Die Landschaft, die wir durch das Fenster sehen, hört auf, ein Gewirr waagrechter Striche zu sein, und gefriert zu beleuchteten Umrissen hinter dem Regen. Neben der Brücke, über die die Yamanote-Linie führt, steht eine Mauer aus Gebäuden und Einkaufspassagen. Über allem wirbt eine große Reklame aus Neonröhren für Suppe. Die einzigen Fenster, deren Gardinen nicht zugezogen, deren Scheiben nicht verdunkelt sind, befinden sich im fünften Stock des geschwungenen Gebäudes rechts. Dort probt in der Mitte des Raums eine Gruppe kleiner Tänzerinnen eine Choreografie, während andere ihre Beine an einer Metallstange dehnen. Die Bewegung der Mädchen ist so rein, dass ich deine Schulter berühren will, um den Anblick der Tänzerinnen mit dir zu teilen. Doch der Weg meiner Hand zu deinem Körper wird unterbrochen von der Explosion.

Auszug aus:“Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall”.

Weitere Auszüge aus: João Paulo Cuenca, Mastroianni. Ein Tag (A1 Verlag, München 2013)

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erstellt am 06.10.2013

João Paulo Cuenca. Foto (Ausschnitt): Morena Madureira
João Paulo Cuenca. Foto (Ausschnitt): Morena Madureira

João Paulo Cuenca
Mastroianni. Ein Tag
Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler
Gebunden, 144 Seiten
ISBN 978-3-940666-43-7
A1 Verlag, München 2013

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João Paulo Cuenca
Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall
Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler
Gebunden, 144 Seiten
ISBN 978-3-940666-31-4
A1 Verlag, München 2012

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Portugiesischsprachige Literatur

Michael Kegler betreut auf Faust-Kultur den Schwerpunkt: Lusophone Literatur und stellt in loser Folge Autoren und Autorinnen in einführenden Porträts, Gesprächen und Textauszügen vor.

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