Eine neue CD des „Radikal Audio Lab.“ (RAL) ist jetzt auf dem Markt. Betreiber des Laboratoriums sind die Komponisten Frank Niehusmann und Clemens von Reusner, die elektroakustische Musik nahezu anschaulich inszenieren: feinsinnig und kraftvoll, – Kino für die Ohren.

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Eleganter Igel

CDs von Radikal Audio Lab.

Von Bernd Leukert

Die elektronische Musik – und damit ist nicht die Popmusik gemeint, deren Hammerbeats und Wummerbässer Computerprogrammen entnommen sind – hat es in Deutschland immer schwer gehabt. Das lag nicht nur am Konservativismus der Musikinteressierten, sondern auch an den politischen Strukturen, die – anders als etwa im zentralistischen Frankreich – im föderalistischen Gefüge die kulturelle Hoheit der Länder vorsah, die sich, in konkurrentem Gegeneinander, eher mit der Förderung traditioneller Repräsentationskunst zu profilieren pflegten. Dabei wurde am 18. Oktober 1951 im damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk in Köln das allererste Studio für elektronische Musik gegründet! Später aber liefen die künstlerischen, kulturpolitischen und merkantilen Interessen weit auseinander; alles, was elektronische Musik hieß – und das war mehr als gut ist – wurde unter Nichtkennern als Zumutung etikettiert und von den musikalisch Kreativen fallengelassen. Während bei unseren romanischen und skandinavischen Nachbarn eine erstaunliche Entwicklung stattfand, verharrte die „unsichtbare Musik“ bei uns im Dornröschenschlaf, aus dem sie nicht mit einem Kuss, sondern durch mühsame Einzelinitiativen in die Aufwachphase getrieben wurde. (Dabei soll nicht unterschlagen werden, dass einzelne, wenige Studios in Berlin, Essen und Freiburg – das Siemensstudio in München hatte seine eigene Geschichte – beharrlich gegen das allgemeine Desinteresse angearbeitet haben.) Von 1989 an gab es zwar eine CD-Reihe, mit der das Label Wergo die amerikanische und französische elektroakustische Musik bekannt machte. Die aber versiegte Ende der 90er Jahre mit Veröffentlichungen aus den Karlsruher Studios des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Seither versuchen kleinere CD-Labels, gelegentlich Produktionen dieses Genres herauszubringen, die sich aber aufgrund der zerstreuten Publikationssituation fast der Aufmerksamkeit entziehen. (Über die Reihe der Edition DEGEM wird an anderer Stelle zu berichten sein.) Das sollte man vielleicht wissen, wenn es um Neuerscheinungen elektronischer Musik geht.

Eine neue CD des „Radikal Audio Lab.“ (RAL) ist jetzt auf dem Markt. Dahinter verbergen sich die Komponisten Frank Niehusmann und Clemens von Reusner, die dieses ‚virtuelle Laboratorium zur Produktion und Publikation elektroakustischer Musik’ 2008 gegründet haben. 2011 beschrieb Harry Lachner das erste Album als beeindruckende Sammlung experimenteller Klanggestaltung – in höchstem Maße filmisch. Tatsächlich hatte beispielsweise Frank Niehusmann in „Gasometer“ eine großhallige Szene, auf der die Akteure – das Ticken und der Werklärm – in einen dynamischen Prozess hineinkomponiert waren. Aber auch Clemens von Reusner belebte sein langes „HO“ in einer Klangbasilika mit sparsam eingesetzten Tönen. Daneben aber fanden sich darauf auch virtuose Stücke wie „Top spin slices and returns“ von Niehusmann, deren Quellmaterial im Sinne der frühen musique concrète und mit deutlichen Referenzen darauf bearbeitet ist – und paradoxerweise fast schon wieder instrumental klingt.

Die musique concrète ist ebenso Basis der Kompositionen auf der aktuellen CD RAL 5005. So klingt Clemens von Reusners „material de vaga“ wie ein extrem verwandeltes Sprachmaterial, das, in seine Gegensätze wie weit – nah, laut – leise, zusammenhängend – bruchstückhaft, etc. versetzt, in einen neuen Zusammenhang rekomponiert wurde. Auch sein Stück „sIksti“ besteht aus unterschiedlich komprimiertem Sprachmaterial, ein Verfahren, das zur Tradition der Pariser „Groupe de Recherches Musicales“ gehört, mit der Pierre Schaeffer einst die musique concrète weiterentwickelte. Auch „Shloiderform“ von Frank Niehusmann beruht unter anderem auf menschlichen Stimmen, die mit extremen Geschwindigkeiten vorwärts und rückwärts ablaufen und mit starken Hall-Wellen konfrontiert sind.
Das Glanzstück der CD ist allerdings die Trilogie „Igel sein, anstatt dem toten Hasen die Kunst zu erklären“, für die sich beide Komponisten, angeregt durch das Grimm-Märchen vom Hasen und vom Igel, ein komplexes Methodenkonzept ausgeklügelt haben, das sich nicht nur auf Perspektivwechsel und Tempi auswirkte, sondern auf die gesamte Struktur, also die Proportionen der einzelnen Klangpartikel durch Klangsynthese und Frequenzmodulation hergestellt wurden. Dass mit dem Bezug auf Joseph Beuys, Kunstrituale und Kunsterfahrungen noch andere Kategorien diese Produktion geprägt haben, kann man vielleicht nicht hören, gehört aber vielleicht zur „Eleganz der Igel-Strategie“ von der die Komponisten fasziniert sind. Nun sollte man aber nicht glauben, dass es sich bei der CD und im Besonderen bei der Trilogie um trockenes Zeug handelt, das mit den Gründen des Hören-Sagens abgelehnt werden müsste. Im Gegenteil, die Teile kommen mit einer vielfältigen und differenzierten Kleinteiligkeit, zugleich aber mit einer dynamischen Wucht daher, die aufgrund ihrer besonderen Musikalität als erfreulich zeitgenössisch zu bezeichnen sind.

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erstellt am 30.9.2013

Radikal Audio Lab.

Radikal Audio Lab. RAL 2011 (2011), NURNICHTNUR 111 05 17, LC 05245

Radikal Audio Lab. RAL 5005 (2012), NURNICHTNUR 112 05 26, LC 05245

www.radikalaudiolab.de/