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Bob Dylan hat trotz der Biographien, die hinter seinen Kulissen nach etwas sensationell Menschlichem suchten, nie den Kultstatus verloren, der sowohl auf einem Stapel Legenden als auch auf seiner spezifischen und wunderbar wandelbar in die Zeit passende künstlerische Performance beruht. Thomas Rothschild macht auf eine CD mit frühen Songs aufmerksam, die Dylans Vorbilder mitklingen lassen.

cd-kritik

Wo Dylan lernte

Von Thomas Rothschild

Als Bob Dylan 1962, kurz vor den Beatles und den Rolling Stones, die Szene betrat, brachte er einen ganz neuen, ungewohnten Ton in die Popmusik. Vor dem Hintergrund der Schlager der fünfziger Jahre, ja selbst des Rock'n'Roll, klang sein krächzender, „unsauberer“ Gesang irritierend, provokant. Er entsprach nicht den ästhetischen Vorstellungen jener Zeit. Dylans Vorbilder kannten in Europa allenfalls ein paar Freaks: die schwarzen Folkblues-Interpreten, deren Songs und Aufnahmen allen voran Alan Lomax und Moses Ash auf den von ihm gegründeten und nach seinem Tod vom Smithsonian Institute übernommenen Folkways Records gesammelt hatten. (Ein biographisches Detail: im Amerikahaus konnte man diese Schallplatten ausleihen. So bin ich dieser Musik, noch als Schüler, begegnet.)

Die erste LP von Bob Dylan, die als Titel lediglich seinen Namen trug, enthielt nur zwei Songs, die er selbst geschrieben hatte. Der Rest waren zum Teil sehr eigenwillige Versionen von älteren und neueren Traditionals aus dem Repertoire des Folkblues, des Hillbilly, der Country & Western Music und, am Rande, der angelsächsischen Folklore. In die Umgebung des Rock geriet Dylan eher durch die Vertriebswege als durch seine musikalischen Wurzeln.

Jetzt gibt es eine CD mit den 13 Titeln dieser ersten LP und den Vorbildern, die den damals 20jährigen Bob Dylan inspiriert haben. Das ist, nicht nur für Dylanologen, äußerst erhellend. Denn es zeigt einerseits, dass Dylan keineswegs aus dem Nichts erschien wie ein Verheißungsengel, andererseits aber auch, worin seine Eigenheit bestand, wie er aus Anregungen seinen unverwechselbaren Stil entwickelt hat. Dylan selbst hat übrigens nie die Originalität für sich in Anspruch genommen, die ihm andere bescheinigt haben. Er hat seinen Vorgängern, auch in Songtexten, Reverenz erwiesen.

Manche Coverversionen kommen den Vorbildern sehr nahe. Bei anderen nimmt Dylan, der manchmal auch einen neuen Text schreibt, mehr als nur kosmetische Operationen vor – und zwar nicht in Richtung der „verschönernden“ Glättung, sondern der Aufrauung, auch der metrisch-rhythmischen Freiheit. Am deutlichsten wird das, wenn man seine Variante eines schottischen Volkslieds mit der der Clancy Brothers und Tommy Makems vergleicht. Dass Dylan einen Gospel-Song ganz anders singt als die damals zu Recht gefeierte und bewunderte Odetta, versteht sich fast von selbst. Inbrunst ist Dylans Sache nicht. Das berühmte Rollenlied vom „House of the Risin' Sun“, das eine Frau zum Subjekt hat, von männlichen Sängern in der Regel einem Mann in den Mund gelegt wird, dessen Ich Dylan hingegen als „poor girl“ beibehält, ist auf der CD einer Aufnahme von Clarence Ashley gegenübergestellt. Dylans Interpretation übertrifft nicht nur diese, sondern auch die von Joan Baez oder Eric Burdon und den Animals an Intensität und Expressivität. Hingegen könnte sich Rod Stewart mit seinem „Man of Constant Sorrow“ an Dylan messen – aber der steht hier nicht zur Diskussion.

Einer der beiden Songs, die Bob Dylan selbst schrieb, ist eine Huldigung an Woody Guthrie. Ihm ist „1913 Massacre“ von Guthrie in der eigenen Interpretation beigesellt, an dessen Melodie sich Dylans Song anlehnt. Die Bedeutung von Woody Guthrie für Bob Dylan ist oft betont worden. Hier nun wird klar, dass sie mehr in der Haltung und, für den frühen Dylan, im politischen Verständnis liegt als im Vortrag. Nicht nur ist Woody Guthrie (wie mehr noch Pete Seeger) der weißen Tradition des Singens verpflichtet – es gibt auch kaum einen größeren Gegensatz als den zwischen seiner deutlichen Aussprache, die der Wichtigkeit des Textes gerecht werden will, und Dylans charakteristischem Nuscheln. 1962: der Dylan-Sound war geboren. Und er hat eine Generation durchs Leben begleitet.

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erstellt am 27.9.2013

Bob Dylan
Constructing The Legend
BDA/ in-akustik BDACD106

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