Diderot mit Voltaire im Café Procope
Fiktive Begegnung von Diderot und Voltaire im Café Procope von Jean Huber

Denis Diderot, Schriftsteller und Mitherausgeber der „Encyclopédie“, des Hauptwerks der Aufklärung, war ein Intellektueller, der schreibend die Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit aufheben wollte. Seine gründlichen, systematischen, witzigen Artikel boten den Stand des zeitgenössischen, zuweilen auch des zukünftigen Wissens.

300. geburtstag von denis diderot

Dass ihn der Teufel hole

Denis Diderot und die Schwerkraft des Wissens

Von Otto A. Böhmer

Es gibt Zeiten, in denen es gefährlich sein kann zu schreiben. Gerät die Literatur mit den Mächtigen aneinander, zeigen die eine merkwürdige Scheu, ihre Ansprüche vor dem Richterstuhl der Vernunft prüfen zu lassen. Obwohl die Kräfteverhältnisse eindeutig erscheinen – die Mittel der Herrschenden sind allemal wirkungsvoller als die Einflussmöglichkeiten des Denkens und des ­geschriebenen Wortes –, bleibt bei den Mächtigen ein massives Unbehagen zurück; sie fühlen sich herausgefordert, in die Enge ­getrieben, verunsichert: Eine Art schlechtes Gewissen macht ihnen zu schaffen, das sich auch dann nicht beruhigen lässt, wenn man die Schriftsteller, die einen aufreizen, hinter Schloss und Riegel bringt. Von einer solchen unmittelbaren Einflussnahme staatlicher und politischer Gewalten auf das Denken und Schreiben glaubt man sich heute, zumindest im Zentrum des gebildeten Europa, entfernt zu haben; Gefahren für Leib und Leben eines Autors bestehen nicht mehr, er kann nörgeln und grübeln, soviel er will, und je abstrakter der Ansatz seiner Kritik ist, desto willkommener wird er den diensthabenden Verwaltern eines ordnungsgemäß funktionierenden Gemeinwesens. Die archaischen Formen der Auseinandersetzung, darunter auch die direkte Unterdrückung der freien ­Meinungsäußerung, haben sich seit Ende des vergangenen Jahrhunderts und dem Zerfall der kommunistischen Systeme aus Europa in die Peripherien und in die sogenannte dritte Welt verlagert; dort allerdings toben sie heftiger denn je, und auf die Einwände der Vernunft und deren Beschwörung humaner Traditionen reagieren sie mit dumpfem Schweigen und der ungehemmten Vermehrung destruktiver Tendenzen.

Mag im Herzen des gebildeten Europa auch längst die Auf­klä­rung gesiegt haben und die Literatur zum harmlosen Ge­schäft geworden sein: Die Zeiten, in denen das anders war, liegen noch nicht weit zurück. Auch das 18. Jahrhundert etwa hielt bereits eine Fülle von Fallstricken bereit, in denen sich aufmüpfige Dichter und Denker nur allzu schnell verfangen konnten. Ein rechtes Wort zur falschen Zeit genügte auch damals schon, um Intellektuelle aus dem Verkehr zu ziehen; sie wurden inhaftiert, verhört, zum Widerruf auch von Behauptungen gedrängt, die sie nie getan hatten. Denunziationen waren ein beliebtes Mittel, missliebige Zeitgenossen anzuschwärzen und die Denunzianten selbst in die Gunst der Begünstigung durch gewisse Würdenträger zu hieven. Frankreich, das im Europa des 18. Jahrhunderts als fortschrittlichste Nation galt, machte auf diesem Gebiet keine Ausnahme: Auf französischem Boden hatte die Aufklärung einige wichtige Etappensiege errungen, wahrscheinlich sogar eindrucksvollere als anderswo, und doch blieb die Reaktion mächtig. Sie ließ kaum eine Gelegenheit ungenutzt, den Freigeistern ihre Grenzen aufzuzeigen, die nötigenfalls, wenn denn die gemäßigteren Restriktionen nicht verfingen, auch aus Gefängnis- und Kerkermauern bestehen konnten.

Grenzen dieser Art bekam im Jahre 1749 der damals 36-jährige Philosoph und Dichter Denis Diderot zu spüren. Er hatte fünf ­Bücher, darunter zwei philosophisch-skeptische Abhandlungen und einen schlüpfrigen Roman, veröffentlicht, die ihr Verfasser selbst für vergleichsweise harmlos gehalten hatte, die andernorts jedoch auf Ungnade stießen. Da man an maßgeblicher Stelle ohnehin glaubte, dass es wieder einmal an der Zeit war, ein Exempel zu statuieren, musste Diderot, stellvertretend für eine Reihe anderer kritischer Köpfe, daran glauben. Er wurde verhaftet und ins Gefängnis von Vincennes gesteckt. Dort unterzog man ihn eingehender Verhöre, die den Philosophen so in Panik versetzten, dass er sich bereit erklärte, seine Schriften zu widerrufen und in Zukunft lammfromm zu werden:

«Meine Bücher ‹Philosophische Gedanken›, ‹Indiskrete Kleinode› und der ‹Brief über die Blinden› stellen geistige Vermessenheiten dar, die meiner Feder entschlüpft sind. Aber ich kann Ihnen bei meiner Ehre versichern (und ich besitze Ehre), daß es die letzten sein werden und dass es die einzigen sind… Was jene betrifft, die an der Verbreitung dieser Werke beteiligt waren, so soll ihnen nichts verborgen bleiben. Ich werde ihnen mündlich sowohl die Namen der Verleger wie der Drucker anvertrauen. Darüber hinaus will ich mich, sofern Sie es verlangen, verpflichten, diesen Leuten mitzuteilen, dassIhnen ihre Namen bekannt sind, auf daß sie sich künftig ebenso klug verhalten, wie ich es zu tun entschlossen bin.»

Diderots Erklärung sprach nicht unbedingt für eben die Eh­re, die er noch bei sich vorhanden wähnte; sie war allerdings auch nicht ganz ungewöhnlich. Die Intellektuellen der damali­gen Zeit wurden oft und gern und vor allem flott verhaftet; es kam jedoch auch genauso oft und schnell zu Freilassungen, die in der Regel unspektakulär über die Bühne gingen und zumeist auf die Intervention einflussreicher Gönner zurückzuführen waren. Die Erklärungen, die im Gefängnis unterschrieben werden mussten, galten als bloße Absichtsbekundungen, deren Inhalt mit dem Tag der Entlassung wohlmeinend in Verges­senheit geriet. Diderot machte sich denn auch über sein un­rühmliches Verhalten nur wenig Gedanken: Sein Schicksal nämlich schien sich, mit einemmal, zum Besseren zu wenden. Zunächst wurden ihm zarte Hafterleichterungen gewährt; er durfte seine Zelle zur Studierkammer ausbauen, Besuche emp­fangen und munter korrespondieren. Hinzu kam, dass er, überraschend für ihn selbst, über Nacht zum Prominenten ge­worden war: Oppositionelle Kreise interessierten sich für sein Schicksal und erklärten ihn zur Symbolfigur für die ungebro­chene Entwicklung des freien Geistes in Frankreich. Namhafte Persönlichkeiten intervenierten, allen voran Voltaire, der die früheren Arbeiten des Inhaftierten kaum zur Kenntnis ge­nommen hatte. Diderot durfte sich geschmeichelt fühlen; von einem vergleichsweise unbekannten Dichter und Denker avan­cierte er zu einer Figur öffentlicher Anteilnahme. Seine gute Laune kehrte zurück; in Briefen gab er bereitwillig Auskunft über sich und sein bisheriges Leben, das er mit milder Verklä­rung betrachtete – insbesondere die Zeiten glorreicher Jugend, als er in einem kleinen Jesuiten­kolleg auf dem Lande unterrich­tet wurde und dabei schon früh Ge­legenheit fand, seine Wirkung auf das andere Geschlecht abzuschätzen:

«So war zu meiner Zeit die Erziehung in der Provinz: Zweihundert Kinder teilten sich in zwei Armeen. Nicht selten kam es vor, dass manche ernsthaft verletzt zu ihren Eltern zurückgebracht wurden… Du schreckst zurück vor dem Anblick ihrer zerzausten Haare und zerrissenen Kleider. So war ich als Junge… Und so ­gefiel ich auch sogar den Frauen und Mädchen in meiner Provinz. Sie mochten lieber mich, schlampig, ohne Hut, manchmal ohne Schuhe, nur mit einer Jacke und barfuß, mich, den Sohn eines Schmieds, als diesen kleinen, gutgekleideten, immer schön gepuderten, frisierten und wie aus dem Ei gepellten Monsieur, den Sohn der Frau Amtmännin… An meinen Knopflöchern sahen sie, wie weit ich mit meinen Studien gediehen war, und ein Junge, der sein Gemüt in einem offenen, gradlinigen Wort offenbaren und besser einen Faustschlag versetzen als eine Reverenz machen konnte, gefiel ihnen besser als ein dummer, feiger, falscher und verweichlichter kleiner Kriecher.»

Diderot liebte Geschichten, und am liebsten waren ihm Geschichten, die das eigene Leben ausschmückten. Er handelte dabei nach der Devise: Wo nichts ist, muss etwas erfunden werden, und kurioserweise gelang es ihm oft genug, eine eigene Form der Wahrheit auszuhecken, die sich alsbald, über ihre Erfinder hinweg, zu verselbständigen begann. Im Gefängnis von Vincennes erhielt er Gelegenheit, seine Phantasie mit dem neugeschürten Bewusstsein, ein wichtiger Mann geworden zu sein, in Einklang zu bringen. Der Philosoph wuchs gleichsam mit jedem Zuruf, der an ihn erging. Inzwischen hatten sich weitere Befürworter seines Schaffens zu Wort gemeldet, und sie sollten besonders wichtig für ihn werden: Es handelte sich dabei um die Verleger der großen Enzyklopädie, des ehrgeizigsten Lexikonunternehmens der damaligen Zeit, das später, nach einer ersten vorläufigen Endredaktion, 60660 Einzelartikel umfasste. Diderot fungierte zusammen mit d’Alembert als Herausgeber des voluminösen Projekts, das ihn mehr als zwanzig Jahre in Anspruch nahm. Die Enzyklopädie, ursprünglich einige Nummern kleiner, nämlich als Übersetzung eines bereits vorhandenen zweibändigen, aus England importierten Nachschlagewerks geplant, uferte unter den Händen ihrer Editoren aus, was wohl auch damit zusammenhing, dass sich bereits im Vorfeld ein enormer wirtschaftlicher Erfolg abzeichnete: Mehr als 4000 Subskriben­ten hatten Vorbestellungen gezeichnet, so dass es, vor allem nach Meinung des hauptverantwortlichen ­Verlegers Le Breton, kein Zurück mehr geben konnte. Er intervenierte besonders hartnäckig, um seinen wichtigsten Mitarbeiter aus dem Ge­fängnis freizubekommen. Im November 1749 war es soweit: Diderot, dem ein Gefängnisaufenthalt von insgesamt 103 Ta­gen zur dezenten Mehrung seines vorher eher bescheidenen Ruhmes verhalf, wurde entlassen. Die Freiheit, in die er zu­rück­kehrte, erwies sich jedoch als eher zweifelhaftes Vergnü­gen: Zum einen nahmen ihn die umfangreichen, überaus zeit­raubenden Arbeiten an der Enzyklopädie wieder in Beschlag, zum anderen musste er heimfinden zu seiner Gattin Antoi­nette, mit der ihn seit geraumer Zeit alles andere als innige Herzlichkeit verband. Die Leser eines zeitgenössischen Klatschblatts beispielsweise bekamen über die Ehre des Literaten die folgende Meinung aufgetischt:

«Zu einer gewissen Zeit besuchte Monsieur Diderot sehr häufig eine Frau namens Madame Puiseux, von der es heißt, sie sei sehr geistreich… Madame Diderot, obwohl ebenso hübsch wie ihre Rivalin hässlich,… ließ ihrer Eifersucht freien Lauf. Jedes Mal, wenn sie den Verdacht hatte, ihr Mann käme von Madame Puiseux, hörte sie nicht auf, ihm arg zuzusetzen. Dazu kommt noch, dass diese Frau (Mme. Diderot, O.A.B.) eine zweite Xanthippe ist, die un­ablässig schimpft und nie zufrieden ist, und so kann man sich vorstellen, wie es im Hause unseres Philosophen zuging. Um diesem Krakeel ein Ende zu machen, beugte sich Monsieur Diderot, ein kluger Mann, dem Willen seiner Frau und brach jeden Umgang mit Madame Puiseux ab. Vielleicht meinen Sie nun, das Entgegenkommen Monsieur Diderots habe alles wieder in Ordnung gebracht… Weit gefehlt… Madame Puiseux, nicht weniger heftig als ihre Rivalin,… wollte sich an ihr rächen, prüfte alle Gelegenheiten und fand schließlich eine. Als sie vor ein paar Tagen mit ihren beiden Kindern am Haus Monsieur Diderots vorbeispazierte und seine Frau am Fenster erblickte, nahm sie den Augenblick wahr, um sie zu beschimpfen und zu versuchen, sie so auf die Straße zu locken… Dieser Anwurf war wie ein Signal und Auftakt der heftigsten und lächerlichsten Schlacht, die es vielleicht je zwischen zwei Weibspersonen gegeben hat… Und was meinen Sie, was unser… Diderot während dieses Spektakels gemacht hat? Er wagte es nicht, vor den Au­gen einer Unzahl von Zuschauern zu erscheinen, die ihn eben­so wenig verschont hätten wie seine Frau und seine angebliche Mätresse. Eingeschlossen in seinem Zimmer, stellte er statt des­sen moralische… Überlegungen über die An­nehm­lich­keiten der Ehe und den Charakter der Frauen an…»

Diderot hatte es also, nach wie vor, nicht leicht, und doch war eine gewisse Folgerichtigkeit in seine Existenz gekommen. Wenngleich er ein gleichbleibend freudloses Eheleben erdul­den musste und unter der Last seiner Herausgeberarbeiten ächzte, so war ihm doch durch den Gefängnisaufenthalt, der auf wahrhaft hinterhältige Weise zu seinem Schlüsselerlebnis wurde, unerwartete Klarheit zuteil geworden über seine Zu­kunftsperspektiven und die Anforderungen, die er an sich selbst stellen durfte. Er befand sich an einem Punkt seines Lebens, der ihm, für einen Moment der Vergegenwärtigung, den konzentrierten Blick auf sich selbst gewährte – Vorausschau und Rückschau in einem: Aus bescheidenen, doch soliden Verhältnissen stammend, 1713 in der französischen Provinz geboren, war er, der Handwerkersohn, zunächst zum Theologen ausgebildet worden, eine Karriere, die den nachmaligen Feind der Kirche wohl selbst am meisten belustigte. Vom Land wechselte Diderot, wie so viele andere auch, nach Paris und brachte dort bis zum Jahre 1742 eine Lebensetappe hinter sich, die seine späteren Biographen wie einen weißen Fleck verbuchten. Mehr als ein Jahrzehnt wirkte er im Stile eines rechtzeitig abgetauchten Schriftstelleragenten: Kaum einer kannte ihn, und er selbst, der ansonsten mit Auskünften über die eigene Person keineswegs geizte, tat ein übriges, um diese Epoche seines Lebens im geheimnisvollen Dunkel zu belassen. In einer humorig verbrämten Kurzfassung seines Werdegangs heißt es:

«Ich komme nach Paris, will mir die Magistratenrobe anlegen und meinen Platz unter den Doktoren der Sorbonne einnehmen. Eine Frau, schön wie ein Engel, läuft mir über den Weg; ich will mit ihr schlafen, ich schlafe mit ihr; vier Kinder kommen; und so musste ich die Mathematik aufgeben, die ich liebte; Homer, Vergil, die ich stets in meiner Tasche trug; das Theater, an dem ich Gefallen fand; und war nur zu glücklich, die Enzyklopädie in Angriff zu nehmen, der ich fünfundzwanzig Jahre meines Lebens opfern sollte.»

Die Enzyklopädie also: Sie ließ sich als Schicksal, Zwangsmaßnahme und ungeahnte Chance in einem begreifen. Diderot musste, mit Übernahme der Mitherausgeberschaft für das kolossale Lexikonprojekt und spätestens nach Absitzen des Arrests von Vincennes, den Blick nach vorne wenden; aus der Rückschau wurde Vorausschau, die ihm, dem nunmehr bekannten Autor, deutlich machte, dass sich seine künftige Existenz nach den Forderungen richtete, die man an ihn gestellt hatte. Die Freiheit, die ihm noch blieb, war die Freiheit der Gedanken; in ihr konnte er sich einhausen, in ihr jene Abenteuer des Denkens bestehen, zu denen es im wirklichen Leben vermutlich keine Entsprechungen mehr geben würde. Diderot nahm sich vor, seine Arbeit als Herausgeber nicht nur als Fron zu betrachten, sondern vor allem die Möglichkeiten zu sehen, die sich ihm damit boten. Die Abenteuer des Denkens näm­lich, die unerschrockenen Versuche, das bislang Ungedachte beim Namen zu nehmen, ließen sich sehr wohl auch auf die Enzyklopädie beziehen, die ja in ihrem Programm bereits das neue Wissen der Zeit ansprach, mit dem sich hochgesteckte Erwartungen verbanden:

«Wie viele Wahrheiten, die man damals nicht ahnte, sind heute entdeckt. Die wahre Philosophie lag damals noch in der Wiege; die Geometrie des Unendlichen existierte noch nicht, die experimentelle Physik zeigte sich kaum; es gab keine Dialektik, die Gesetze der vernünftigen Kritik waren völlig unbekannt… Es fehlte der Geist der Forschung und des Wettbewerbs, um die Gelehrten anzuregen. Ein anderer Geist, vielleicht weniger fruchtbar, aber auch seltener, nämlich der Geist der Folgerichtigkeit und der Methodik, hatte sich noch nicht die verschiedenen Teile der Literatur unterworfen.»

Die Enzyklopädie, getragen von einer bemerkenswerten Aufbruchstimmung des Geistes, wurde zu einem ungeahnten Erfolg. In kurzer Zeit verkauften sich mehr als 2000 Exemplare pro Band, ein Resultat, das deutlich über der wohlmeinendsten Kalkulation lag. Das neue Lexikon konnte auch deshalb auf eine breite Zustimmung zählen, weil es sich bereits vom Ansatz her für alle Schichten öffnete; im besonderen die herkömmliche Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit sollte überwunden werden. Diderot selbst war maßgeblich daran beteiligt, daß man den Versuch wagte, die Spezialsprachen der verschiedenen Berufssparten auszuklammern und eine gemeinsame Verständigung zu suchen, die nachvollziehbare Mitteilungen aus allen Bereichen menschlichen Denkens und Handelns ermöglichte. Ein solches Vorhaben lief auf die Utopie einer Universalsprache hinaus, an der alle Weltbürger teilhaben konnten; die Enzyklopädie bekannte sich zu diesem Ideal, das die Verwirklichung der Philosophie im Kern ihrer wiederkehrenden Kommunikationsbemühungen bedeutet hätte. Für die praktische Arbeit der Wissensvermittlung jedoch zählte zunächst nur das Bestreben, auch scheinbar abseits gelegene Schauplätze menschlicher Arbeit mit einzubeziehen; im besonderen galt dies für die Handwerker, denen die Verantwortlichen der Enzyklopädie ein dezidiertes Interesse entgegenbrachten:

«Wir wandten uns an die tüchtigsten Handwerker in Paris und unserem Königreich. Wir machten uns die Mühe, sie in ihren Werkstätten aufzusuchen, sie auszufragen, nach ihrem Diktat Aufzeichnungen zu machen, ihre Gedanken nachzuvollziehen, aus diesen Gedanken die jeweils eigentümlichen Fachausdrücke zutage zu fördern, Verzeichnisse derselben anzufertigen und sie zu erklären; ferner mit den Handwerkern zu sprechen, von denen wir Denkschriften erhalten hatten, und (eine fast unerlässliche Vorsicht) im Verlauf von langen, häufigen Gesprächen mit anderen Handwerkern das zu verbessern, was ihre Kollegen unvollständig, unklar und manchmal auch falsch auseinandergesetzt hatten.»

Ganz ohne Maßregelungen vonseiten der Intellektuellen ging es demnach doch nicht ab; letztlich entschieden Philosophen darüber, ob die Männer der Hand sich verständlich genug machten, dass auch Männer des Kopfes kapieren konnten, worum es ging. Immerhin: die Tendenz, welche die Enzyklopädie verfolgte, war mehr als löblich. Für ihren Herausgeber allerdings kehrte nach den Anfangserfolgen des Unternehmens der Alltag ein, und der sah nicht nur die leidigen Ehrenscharmützel vor, sondern auch wieder­kehrenden beruflichen Ärger: Die Zensurbeamten lauerten; unzuverlässige Drucker mussten überwacht, säumige Autoren gemahnt, allzu kühne Artikel vorsorglich entschärft werden. Diderot kam sich mehr denn je wie ein Knecht vor, dem man, in einer Art heimtückischer Gunstbezeugung, die Oberaufsicht über seinesgleichen anvertraut hatte; nun war er zwar immer noch Knecht, aber er durfte über andere Knechte wachen, ein zweifelhaftes Privileg, auf das er gerne verzichtet hätte. Es gab jedoch, wie er konstatieren musste, so leicht kein Entkommen mehr für ihn: Langfristige Verträge banden ihn an das Lexikonprojekt, das zudem seine Haupteinnahmequelle war. Der Familienvater Diderot hatte keine andere Wahl. Aus dieser Konstellation resultierte allerdings auch eine positive Beeinflussung, die sich ganz unaufdringlich, ja fast unmerklich entfaltete. Diderot nämlich bekam die einmalige Gelegenheit, das Wissen seiner Zeit zu verinnerlichen und mit eigenen, höchst originellen Akzenten zu versehen – ein Prozess, der abseits des ­Tagesgeschäfts verlief und sich erst später in Resultaten, sprich: in Büchern und Publikationen niederschlug. Diderot wurde, als Lohn­schreiber und Editor der Enzyklopädie, zu einem der wichtigsten Schriftsteller des 18. Jahrhunderts: In genialischen Entwürfen nahm er Einsichten vorweg, die erst einhundert Jahre später, zum Beispiel durch die Forschungen Darwins, ihre wissenschaftliche Legitimation fanden.

«Im Tier- und Pflanzenbereich nimmt ein einzelnes Wesen seinen Anfang, wächst, lebt, verfällt und vergeht. Sollte es bei ganzen Arten nicht ebenso sein? Wenn uns der Glaube nicht lehrte, dass die Tiere aus den Händen des Schöpfers so hervorgegangen seien, wie wir sie sehen, und wenn es erlaubt wäre, auch nur die geringste Ungewissheit über ihren Anfang und ihr Ende zu haben, könnte dann der sich ganz seinen Spekulationen überlassende Philosoph nicht vermuten: die Tierwelt habe seit aller Ewigkeit ihre eigen­tümlichen, in der Masse der Materie verstreuten und vermischten Elemente gehabt; es sei zur Vereinigung dieser Elemente nur deshalb gekommen, weil die Möglichkeit dafür bestanden habe; der aus diesen Elementen entstandene Embryo habe zahllose Gestaltungen und Entwicklungen erfahren und nacheinander Bewegung, Empfindung, Ideen, Denkvermögen, Überlegung, Bewusstsein, Gefühle, Leidenschaften, Zeichen, Gebärden, Laute, artikulierte Laute, Sprache, Gesetze, Wissenschaften und Künste bekommen; Millionen Jahre seien über jeder dieser Entwicklungen verflossen; er werde vielleicht weitere Entwicklungs- und Wachstumsstufen durchlaufen, die uns unbekannt sind…»

Mit zunehmendem Alter wurde Diderot die Arbeit, ungeachtet ihrer vernünftigen Perspektiven, immer mehr zur Last. Kleinere und größere Gebrechen hatten sich eingestellt, denen er zuweilen eine innigere Aufmerksamkeit widmete als den vielen Artikeln der Enzyklopädie, die auf seinen Schreibtisch flatterten. Zwar konnte er es, was die Hypochondrie anging, noch lange nicht mit seinem berühmten Kollegen Voltaire aufnehmen, der es zu wahrer Meisterschaft brachte, wenn es galt, über eingebildete oder tatsächlich vorhandene Malaisen eindrucksvolle Schilderungen abzugeben, aber Diderot merkte sehr wohl, daß seine Lebenszeit keineswegs unbegrenzt war und die Gedanken an den Tod sich mit jener Selbstverständlichkeit einstellten, die aus der Natur der Sache resultierte. Was ihn bewog, auszuhalten inmitten seiner Pflichten, war die Gewissheit, dass es zwar keinen Seelenhimmel gab, in den man nach dem Ableben huldvoll hinaufberufen wurde, auch keinen Himmel auf Erden, aber eine Nachwelt, die es sich mit ihrer Wertung nicht so leichtmachen würde wie die Gegenwart, von der man, alles in allem, nur schlecht denken konnte – trotz des vorherrschenden Aufklärungsoptimismus und der Fortschritte, die in Technik und Wissenschaft erzielt worden waren. An die Nachwelt appellierte Diderot schon zu Lebzeiten; er tat es augenzwinkernd und doch von der anspruchsvollen Hoffnung inspiriert, dass es gerade dem Künstler, dem Dichter und Denker, dem wahren Genie und vielleicht noch einigen wenigen ehrbaren Politikern vergönnt sein möge, nicht ganz in Vergessenheit zu geraten…

«Welcher Trost bliebe all diesen Philosophen, Ministern und wahrheitsliebenden Menschen, die das Opfer stumpfsinniger Völker, schrecklicher Priester und rasender Tyrannen wurden, im Augenblick ihres Todes? Sie hofften, das Vorurteil würde schwinden und die Nachwelt würde ihre Feinde mit Schande übergießen. O geheiligte Nachwelt, Rückhalt des Unglücklichen, der unterdrückt; du, die du gerecht bist, nicht verfälschst, den Menschen von Wert rächst, die Heuchelei entlarvst, den Tyrannen in den Schmutz ziehst, du sicherer und tröstlicher Gedanke, lass mich nie im Stich. Was für den religiösen Mensch das Jenseits, das ist die Nachwelt für den Philosophen.»

Diderot, als gewiefter Spötter und Desillusionist, war natürlich nicht so naiv, nur die Nachwelt allein als höchstrichterliche Instanz für die Bewertung seiner irdischen Taten gelten zu lassen; auch die Gegenwart musste noch mitspielen, wenn man den Rest des Lebens einigermaßen erträglich finden wollte. Bei genauerer Betrachtung seiner Verhältnisse hätte der Philosoph sich zwar durchaus eine mäßige Zufriedenheit verordnen können: Er war ein berühmter Mann, als Autor umstritten, als Herausgeber der Enzyklopädie eine Instanz; er hatte Kinder, im besonderen eine Tochter, die er abgöttisch liebte, eine Gattin, mit der ihn feindseliges Schweigen verband, und er konnte vom Ertrag seiner Arbeiten leben, was, letztlich, nur wenigen Literaten gelang. Mit einer solchen Bestandsaufnahme jedoch ließ sich seine Unzufriedenheit nicht besänftigen, im Gegenteil; manchmal musste sie sich zu gallischen Höhenflügen aufschwingen, zu kurzgefassten Daseinsprotokollen, an denen auch Diderots Kollege Schopenhauer seine düstere Freude haben konnte:

«Blöde geboren werden, unter Schmerzen und Schreien; Spielball von Unwissenheit, Irrtum, Not, Krankheiten, Bosheit und Leidenschaften sein; Schritt für Schritt zurückkehren zur Blödheit; vom Kleinkindergebrabbel zum Altersgefasel; leben inmitten von Halunken und Scharlatanen; sterben zwischen einem Quacksalber, der einem den Puls fühlt, und einem Pfaffen, der einem das Hirn verwirrt; nicht wissen, woher man kommt, warum man gekommen ist, wohin man geht; das nennt man also das wichtigste Geschenk unserer Eltern und der Natur: das Leben.»

Vielleicht gerade wegen solcher deprimierend-bösen Einsichten ist Diderots Alterswerk, darunter die Romane Rameaus Neffe, Jacques der Fatalist und das philosophische Kabinettstück D’Alemberts Traum, von bestürzender Modernität. Je älter der Philosoph wurde, desto weniger mochte er den in seinem Zeitalter des Aufbruchs und der stolzen Wissensvermehrung arretierten Fakten trauen: Diderot, ungetröstet durch die Hilfstruppen der Kirchen, machte sich zum Existentialisten, der die Beschwerlichkeiten des Daseins mit Sarkasmus und zunehmend müder werdender Ironie kommentierte. Auch die Tatsache, dass ihm auf Erden zu guter Letzt doch noch ein Ruhm zuteil wurde, der fast den kühnen Erwartungen entsprach, die er als junger Mann auf dem Weg in die Metropole gehegt hatte, verschaffte ihm keine spürbare Erleichterung. Seine Freunde überredeten ihn zu der Ansicht, dass eine längere Reise von Nutzen sein könnte, und so nahm er schließlich die wiederholte Einladung der Zarin Katharina II. an, die eine ebenso unnachgiebige wie großzügige Bewunderin Diderots war, dem sie, als ihn besonders hartnäckige Geldsorgen plagten, sogar die Bibliothek abkaufte, um ihm eine finanzielle Atempause zu ermög­lichen. Im Juni 1773 brach er in Richtung St. Petersburg auf, das er am 8. Oktober, nach einem längeren Zwischenaufenthalt in Holland, erreichte; Diderot fühlte sich miserabler denn je zuvor. Trotz einer Vielzahl neuer Eindrücke, trotz angeregter Gespräche mit der Zarin, einer klugen Frau, die bei guter Laune untertänigen Widerspruch duldete und den Gast an ihrem Hofe mit ausgesuchter Höflichkeit behandeln ließ, litt Diderot unter Heimweh: Bereits im März 1774 trat er die Rückreise an. Er glaubte Beweise zu haben, dass sein Tod berechenbar geworden war; in einem Brief an seine Freundin Sophie Volland schrieb er:

«Die Zeit, in der man nach Jahren zählt, ist dahin; gekommen ist die, in der man nach Tagen zählen muss. Je weniger Einkommen man hat, desto wichtiger ist es, einen guten Gebrauch davon zu machen. Vielleicht habe ich auf dem Boden meines Sackes noch zehn Jahre… Ich habe geglaubt, die Fibern des Herzens würden sich mit zunehmendem Alter verhärten. Davon kann keine Rede sein. Manchmal denke ich, mein Empfindungsvermögen hat sich eher noch gesteigert. Alles berührt mich, alles geht mir nahe; ich werde der bemerkenswerteste Heulgreis sein, der Ihnen jemals untergekommen ist.»

Diderots Prognose, dass er noch zehn Jahre zu leben haben könnte, erwies sich als triftig: Er starb am 31. Juli 1784 in Paris nach elend langen Monaten des Leidens und der Auszehrung. Kurioserweise war seine finanzielle Situation, dank einer großzügigen Pension, die ihm seine Gönnerin Katharina, trotz zwischen­zeitlicher Verstimmung über eine politische Schrift ihres Schützlings, ausgesetzt hatte, zuletzt wesentlich stabiler als sein Ge­sundheitszustand. Diderot, der sich, so als gehörte das zur noblen Schlussdarbietung, die er noch schuldig war, seinen Freunden durch­weg in tapferer Heiterkeit präsentierte, hinterließ der von ihm so oft und gern beschworenen Nachwelt ein Werk, das, bis auf den heutigen Tag, vielschichtig und bewunderungswürdig geblieben ist. Er selbst, den die spitzbübische Freude am Spiel der Gegensätze nie verließ, gab, abschließend, noch ein Porträt unter die Leute, in dem man ihn, den Meister, wenn es denn gewünscht wur­de, wiedererkennen konnte:

«Er war zeitlebens wahrheitsliebend und verlogen, traurig und fröhlich, weise und töricht, gut und böse, gescheit und dumm, ohne dass man jemals die Züge, die er von seinem Vater, seiner Mutter, seinem Paten, der Hebamme und der Amme hatte, völlig auslöschen konnte. Faul, unwissend und zänkisch in seiner Kindheit, unbekümmert und ausgelassen in seiner Jugend, ehrgeizig und verschlossen mit fünfzig Jahren, philosophisch und geschwätzig mit sechzig, starb er mit dem Kinderhäubchen auf dem Kopf… und hatte dabei noch Angst, dass ihn der Teufel hole.»

Aus: Otto A. Böhmer, Sternstunden der Literatur. Von Dante bis Kafka, Verlag C.H. Beck

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erstellt am 27.9.2013

Denis Diderot, Gemälde von Louis-Michel van Loo (1767)
Denis Diderot, Gemälde von Louis-Michel van Loo (1767)