Irritierend eindringlich

Liao Yiwu beendet ersten Besuch in Deutschland

Liao Yiwu zählt zu den Intellektuellen Chinas, die unbeirrbar für die Weiterentwicklung ihrer Gesellschaft eintreten. Der 1958 in Sichuan geborene chinesische Autor ist jedoch kein um Aufmerksamkeit und Bühnenpräsenz bemühter poltischer Aktivist. Liao Yiwu ist eher auf bescheidene, leise Weise irritierend eindringlich. Seine asketisch anmutende Haltung gibt seinen Worten Kraft. Wie sehr chinesische Politik dieser Energie mit Respekt begegnet, zeigt das zehnjährige Zögern, bis Liao Yiwu schließlich die Ausreise aus seiner Heimat erlaubt wurde. Noch zur Buchmesse 2009 verweigerte man ihm die Möglichkeit der Teilnahme. Für ein Gedicht, das Liao Yiwu nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung unter dem Titel „Massaker“ geschrieben hat, wurde er vier Jahre inhaftiert.

Im September 2010 geschah dann das Unerwartete. Liao Yiwu konnte auf Einladung des Internationalen Literaturfestivals Berlin nach Deutschland ausreisen. Bis Ende Oktober wohnte er als Gast in der Autorenresidenz LiteraturRaum im Bleibtreu und hielt bundesweit Lesungen. Am 20. Oktober kam er nach Frankfurt, las im Fischer-Verlag, wo die deutsche Übersetzung seines Buches „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ erscheint, im kleinen Kreis und später öffentlich im Literaturhaus. Unabhängig wie groß oder klein der Ort ist, an dem Liao Yiwu seine Berichte über Menschen vom gesellschaftlichen Rand Chinas rezitiert, sein Vortrag folgt einer Dramaturgie, die auch Nicht-Sinologen intuitiv erfasst. Mit Flöte, Klangschale und Daumenzupfinstrument unterstützt er die Wirkung seiner von Tienchi Martin-Liao mit Sorgfalt übersetzten Worte.

An diesem Abend fällt kein Satz, der mediale Magnetwirkung entfacht. Moderator Detlev Claussen versucht nicht, den Autor für politische Statements zu instrumentalisieren. Dabei hätte sich dies kaum drei Wochen nachdem Liaos Weggefährte Liu Xiaobo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, angeboten. Die politische Brisanz des Abends basiert allein auf den eindringlichen Bildern, die Erzählungen aus „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ wach rufen und nicht nur Schicksale in Sichuan betreffen.
Andrea Pollmeier

Buchbesprechung

Liao Yiwu: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser

Die 29 Gespräche, die in diesem umfangreichen Band versammelt sind, bilden ein Kaleidoskop von Geschichte und Geschichten und sind ein Beitrag zur „oral history“ Chinas, die der Schriftsteller Liao Yiwu aus zahlreichen Interviews zusammengefügt hat. Er verleiht damit all denjenigen eine Stimme, denen normalerweise kein Gehör geschenkt wird und die aufgrund ihrer leidvollen Erfahrungen mit den politischen Kampagnen der jüngeren Vergangenheit oder aufgrund ihres niederen Gewerbes als Klomann, Gelegenheitsarbeiter oder Prostituierte zu den Randgruppen der chinesischen Gesellschaft gehören.

Liao zählt sich auch selbst zu diesen Ausgegrenzten. Als die Lehrmeister seines Lebens nannte er einmal den Hunger, die Schande, die Obdachlosigkeit und das Gefängnis. Geboren wurde er 1958, kurz vor dem sogenannten „Großen Sprung“, der China nicht den von Mao Zedong propagierten wirtschaftlichen Fortschritt brachte, sondern drei katastrophale Hungerjahre, die Millionen von Chinesen das Leben kosteten. Liao selbst starb als Kleinkind beinahe an einem Hungerödem. Während der Kulturrevolution wurde sein Vater zum Konterrevolutionär erklärt, was die Familie auseinanderriss. Liao schlug sich nach seinem Schulabschluss in verschiedenen Berufen durch und fing an, Gedichte zu schreiben, die er sowohl in offiziellen Literaturzeitschriften als auch in Untergrundpublikationen veröffentlichte. Seine Kritik an der Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 führte ein Jahr später zu seiner Inhaftierung und zu einem vierjährigen Gefängnisaufenthalt voller traumatischer Erfahrungen. Gespräche mit Mitinsassen und Menschen, die er nach seiner Haftentlassung bei zahlreichen Gelegenheitsjobs kennengelernt hatte, ließen die Idee eines Buchprojektes in ihm reifen.

2001 brachte ein chinesischer Verlag Liaos Zhongguo diceng fangtanlu (Gespräche mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft) heraus, die reißenden Absatz fanden. Doch wurde das Buch kurz darauf verboten und der Verleger bestraft. 2002 erschien das Buch im Maitian-Verlag in Taiwan, 2003 wurde eine kleine Auswahl der Gespräche auf Französisch publiziert (unter dem Titel L’empire des bas-fonds bei Bleu de Chine). Die Publikationsgeschichte der amerikanischen Übersetzung und Ausgabe The Corpse Walker: Real-Life Stories, China from the Bottom Up (Pantheon Books, 2008) schildert der Übersetzer Wen Huang in seiner instruktiven Einführung zur vorliegenden deutschen Ausgabe, die zwar in der Auswahl der Gespräche auf der amerikanischen Fassung basiert, deren Texte aber aus dem chinesischen Original übersetzt wurden.

Jedem der Gespräche, das nach dem jeweiligen Interviewpartner betitelt ist („Der Trauermusiker“, „Der alte Rechtsabweichler“, „Der Grabräuber“ etc.) geht ein Vorspann voraus, in dem Liao Yiwu seinen Gesprächspartner kurz vorstellt, das Zustandekommen des Gespräches erläutert und die Gesprächssituation schildert. Häufig nimmt er eine weite Anreise in entlegene Regionen seiner Heimatprovinz Sichuan auf sich oder die Interviews finden im Gefängnis statt und er ist bei der späteren Aufzeichnung auf sein Gedächtnis angewiesen, da er kein Tonbandgerät benutzen durfte. Seine Gesprächsführung ist behutsam, dank seiner Empathie gelingt es ihm, seinem Gegenüber auch die traumatischsten Erinnerungen zu entlocken.

Einige der Gespräche verraten eine Lust am Bizarren und Abnormalen und bewegen sich, ähnlich wie die „übernatürlichen Erzählungen“ (zhiguai) der traditionellen Literatur, im Grenzbereich von Fiktion und Realität – wie z.B. „Der Totenrufer“, der von der Sitte berichtet, Tote zur Bestattung in ihre Heimatregion überführen zu lassen, und zwar von zwei Männern, von denen einer die Leiche schulterte und seine unheimliche Last unter einem schwarzen Gewand mit einen hohen Hut verbarg. Weil der Träger aber aufgrund dieser Maskierung den Weg nicht genau erkennen konnte, war er auf seinen Partner angewiesen, der vor ihm herlief und ihm durch ständiges Rufen den Weg wies.

Die meisten Gespräche aber erzählen von Wunden, die die geschichtlichen Ereignisse der letzten Jahrzehnte in China geschlagen haben: von der Bodenreform 1952, bei der Grundbesitzer enteignet und unbarmherzig verfolgt wurden („Opfer der Bodenreform“); über die Anti-Rechts-Kampagne 1957, in der Intellektuelle und Bürgerliche in den Fokus der Kritik gerieten („Der alte Rechtsabweichler“); die Katastrophenjahre des Großen Sprungs, in denen die Hungersnot in vielen Gegenden sogar zu Kannibalismus führte („Der Arbeitsgruppenleiter“); die Kulturrevolution 1966–1976, in der parteiinterne Machtkämpfe China in ein gesellschaftliches Chaos stürzten („Der Rotgardist“); und schließlich die Demokratiebewegung und ihr blutiges Ende auf dem Tian’anmen-Platz 1989 („Der Konterrevolutionär“, „Die Familie eines Opfers des 4. Juni“).

Es wird deutlich, dass fast alle von Liao Yiwus Gesprächspartnern irgendwann in ihrem Leben unter die Räder der Politik geraten sind. Da bleibt kein Raum für Selbstbestimmung und individuelle Entfaltung, sondern allenfalls Resignation und Fatalismus. „Gegenüber einer Organisation wie der Kommunistischen Partei, die überall ist, wie die Luft, die man atmet, kann man sich nur in sein Schicksal fügen.“ („Der Komponist“, S. 177). – Das Nachwort des Soziologen Detlev Claussen sowie die Anmerkungen zu Namen und Begriffen erleichtern es auch dem in chinesischer Geschichte und Gegenwart nicht so kundigen Leser, die Gespräche in ihren jeweiligen Kontext einzuordnen.

Die Grausamkeit vieler der geschilderten Ereignisse macht das Buch zu einer oft erschütternden Lektüre, anders als es der lächelnde Friseur auf dem Schutzumschlag zu suggerieren scheint. Manchmal gerät Liao Yiwu selbst in Zweifel ob der Sinnhaftigkeit seines Vorhabens, individuelle Schicksale an die Öffentlichkeit zu bringen und dadurch das Leben „mit dieser zusätzlichen, völlig nutzlosen Traurigkeit und dieser kurzlebigen Betroffenheit“ zu beladen. „Die anständigste Antwort ist,“ so ermutigt er sich selbst, „dass dieses Volk eine Geschichte braucht. Sonst sind Staat, Volk, Regierung und derlei Dinge nichts als leere Worte, ein Wahnsinn, der den Menschen nichts bringt als Kummer und Katastrophen.“ (S. 257). Wo es keine kollektive Vergangenheitsbewältigung gibt, müssen die individuellen Erinnerungen an ihre Stelle treten.

Barbara Hoster
Studium der Sinologie und Germanistik in Bonn und Nanjing, wissenschaftliche Mitarbeiterin am sinologischen Institut Monumenta Serica in Sankt Augustin.

Aus: China heute 2009, Nr. 3, S. 191-193

China-Zentrum

erstellt am 04.11.2010

Liao Yiwu
Liao Yiwu, fotografiert von Andrea Pollmeier
Tienchi Martin-Liao
Übersetzerin Tienchi Martin-Liao, fotografiert von Andrea Pollmeier

Liao Yiwu
Fräulein Hallo und der Bauernkaiser
Chinas Gesellschaft von unten

Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder
Mit einem Vorwort von Philip Gourevitch, einer Einführung von Wen Huang und einem Nachwort von Detlev Claussen

Buch bestellen