Buchkritik

»Rosa Winkel« von Dufranne/Vicanovic/Lerolle oder:

Auch Deutsche kamen ins KZ

Von Jannis Plastargias

„Sie werden verstehen, dass die Entschädigung für die echten Opfer vorgesehen ist und nicht für Leute, die nach dem Strafgesetzbuch Kriminelle sind.“ Das kriegt Andreas, die Hauptfigur der Graphic Novel „Rosa Winkel“, nach dem Zweiten Weltkrieg zu hören, als er um Entschädigung für seine Qualen in den beiden Konzentrationslagern Sachsenhausen (ab 1937) und Neuengamme (ab 1941) bittet. So erging es allen homosexuellen Überlebenden nach dem Dritten Reich. „Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende“, schrieb Hans-Joachim Schoeps im Jahr 1962 in einem Aufsatz. Dass die Überlebenden der Konzentrationslager in Deutschland nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden, ist bekannt, und das betrifft alle Gruppen, „die Juden“ genauso wie „die Politischen“ oder „die Sinthi und Roma“. Das Besondere an der Situation der Homosexuellen war, dass ein Gesetz aus dem Jahr 1794, das homosexuelle Handlungen unter Männern mit ein- bis mehrjährigen Zuchthausstrafen belegte, im Dritten Reich verschärft wurde, und dass dieser so genannte Homosexuellen-Paragraph 175 nach 1945 weder entfernt noch wenigstens entschärft wurde. Die Zeit der Denunziationen war in Bezug auf die Homosexuellen längst nicht vorbei, sie konnten jederzeit von Hauswirtinnen, Hauswirten, Kolleginnen und Kollegen an die Polizei verraten werden, die „Rosa Listen“ führte. Razzien in entsprechenden Treffpunkten waren an der Tagesordnung. Erst 1969 gab es die erste Entschärfung des Paragraphen, 1973 wurde er weiter aufgelockert und 1994 endgültig abgeschafft. Dass die damaligen Verfolgungen und Ermordungen an Homosexuellen weiterhin ein schwieriges Thema blieben, konnte man an den Problemen sehen, die mit der Errichtung des „Frankfurter Engel“, einem Mahnmal, das an die Verfolgung und Ermordung homosexueller Männer und Frauen im Nationalsozialismus erinnern sollte, verbunden waren. Nach vielen Hindernissen durfte die Skulptur von Rosemarie Trockel aufgrund des Kampfes von Ulrich Gooß, Herbert Gschwind, Hans-Peter Hoogen, Andreas Maul, Andreas Meyer-Hanno und Dieter Schiefelbein Ende 1994 endlich nach langem Hin und Her in Frankfurt am Karl-Mann-Platz aufgestellt werden. Und wenn man heute junge Frankfurter nach diesem Mahnmal befragt, dann herrscht betretenes, unwissendes Schweigen…

Noch unbedarfter sind die jungen Leute in der Graphic Novel „Rosa Winkel“ aus Paris, die den Ur-Großvater eines Jungen in der Gruppe für eine Schularbeit nach dessen Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg befragen wollen. Sie reagieren überrascht, als der alte Mann erzählt, dass er deutscher Staatsbürger war. „Ein Deutscher? Und du bist trotzdem ins KZ gekommen?“, rutscht es Alexandre heraus. Sein Ahne reagiert nicht nur mit Tränen, sondern auch sehr erbost auf die Unwissenheit der Jungen und empfiehlt ihnen gute Bücher über diese Zeit zu lesen, bevor sie mit ihm reden, das sei ja das Mindeste an Höflichkeit … „Die Deutschen waren die Ersten in den Lagern …“
Der Urgroßvater Andreas ist in den 30er Jahren vor der Machtergreifung Adolf Hitlers Anfang 20, Werbezeichner und homosexuell. Er ist ein fröhlicher und romantischer Typ, der gerne mit seinen vielen Freunden um die Häuser zieht und auch der körperlichen Liebe mit Männern altersentsprechend sehr zugeneigt ist. Genauso wie die meisten anderen seiner Freunde wähnt er sich auch nach 1933 noch in Sicherheit, hört nicht auf die warnenden Worte seines Freundes Stefan, der ihn nach Amerika mitnehmen möchte. Die Freunde in der Clique glauben lange Zeit, dass sie wegen Ernst Röhm, der offen seine Homosexualität auslebte und im Dritten Reich sehr ranghoch war, geschützt sind und dass ihre Veranlagung akzeptiert wäre. Spätestens am 30.6.1934, als Röhm und seine Handlanger, ermordet werden, ändert sich langsam dieser Glauben. Ab 1935 verstärkt sich die Repression, da Homosexuelle als eine Gefahr für die „Rasse“ betrachtet werden, weil sie sich „weigern fortzupflanzen“. Sie werden systematisch verfolgt und gehören tatsächlich zu den Ersten, die in Konzentrationslager deportiert werden. Viele der Homosexuellen verglichen lange Zeit ihr Schicksal im Dritten Reich mit dem der Juden: Da diese Thematik in den 50er und 60er tabuisiert wurde, gab es keine Texte (schon gar nicht von Wissenschaftlern, die diese Schicksale schlicht ignorierten), hatte man keine Zahlen und viele gingen davon aus, dass Homosexuelle genauso wie Juden vollständig ausgerottet werden sollten.

Adorno hatte die Erkenntnis, dass das Vorherrschen von autoritären Persönlichkeiten (wie im Faschismus und Nationalsozialismus) für eine kollektive Tendenz zur Intoleranz gegenüber andersartigem Verhalten jeglicher Art verantwortlich sein könne. Überall da, wo sich autoritäre Strukturen besonders ausgeprägt zeigen, wird die Situation von Homosexuellen schwierig, ihre Lebensmöglichkeiten werden eingeschränkt. Das ist nicht zuletzt in vielen muslimischen Staaten zu beobachten, aber insbesondere in „Putins Russland“ dieser Tage, in dem sich Homosexuelle nicht versammeln dürfen.

Aus der Graphic Novel »Rosa Winkel«

Der „Rosa Winkel“ war das Zeichen der Homosexuellen, das Pendant des gelben „Juden“- bzw. „Davidsterns“. Es war größer und damit sichtbarer als alle anderen Zeichen im KZ, vermutlich damit die Homosexuellen schon von Weitem erkannt wurden.
Die Graphic Novel „Rosa Winkel“ begleitet Andreas in seinen härtesten Zeiten: Michel Dufranne schafft es, ein Szenario zu erschaffen, das die wichtigsten Eckpunkte in wenige Worte fasst, Milorad Vicanovic (MAZA) illustriert die Geschichte mit feinen, präzisen und vor allem sehr detailreichen Zeichnungen. Gemeinsam mit Christian Lerolle ist er in der Lage die Koloration so zu gestalten, dass sie perfekt die jeweilige Atmosphäre in den verschiedenen Zeiten einfängt. Dufranne vergisst nicht, den wichtigen Gegenwartsbezug miteinzubeziehen. Die Aufarbeitung der Geschichte vom Urgroßvater Andreas Müller gestaltet er sehr einfühlsam und ohne Effekthascherei.

Das Buch „Rosa Winkel“, welches im Jahr 2012 im Verlag Jacoby & Stuart in Berlin erschien, ist eine sehr wichtige Graphic Novel, die ein in der Vergangenheit viel zu oft tabuisiertes Thema behandelt. Man wünscht sich, dass dieses wunderbar und vor allem liebevoll gemachte Werk einem breiten Publikum bekannt wird.

Vita: Jannis Plastargias

Siehe auch: BUCHKRITIKEN

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erstellt am 25.9.2013

Michel Dufranne,
Milorad Vicanovic,
und Christian Lerolle
ROSA WINKEL
Graphic Novel,
144 Seiten, Broschiert,
durchgehend farbig,
Verlag Jacoby & Stuart,
ISBN 978-3-941787-79-7

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