Kunst-Video von Harald Ortlieb

Sie war die Muse der Surrealisten, das Motiv Man Rays und die Kürschnerin der Pelztasse. Die deutsch-schweizerische Künstlerin Meret Oppenheim hat auf vielen Gebieten Phantastisches in die Welt gesetzt. Der Kunstkritiker Rudolf Schmitz empfiehlt deshalb die Retrospektive im Martin-Gropius-Bau Berlin.

100. Geburtstag am 6. Oktober 2013

Meret Oppenheim und der Hass auf die Pelztasse

Von Rudolf Schmitz

Die berühmte Pelztasse, sie kommt in dieser Ausstellung nur als Siebdruck aus den frühen 1970er Jahren vor und als Souvenir hinter Plexiglas. Meret Oppenheim war es leid, immer wieder auf diesen Geniestreich von 1936 angesprochen zu werden. Damals hatte sie mit Pablo Picasso und einer Freundin in einem Pariser Café gesessen und ein mit Fell überzogenes Armband getragen. Man könnte eigentlich alles mit Fell überziehen, sagte Picasso. Auch diese Tasse hier, meinte die 23-jährige Meret Oppenheim. Gesagt, getan. Alfred Barr, Direktor des New Yorker Museums für Moderne Kunst, sah das surrealistische Objekt und kaufte es augenblicklich für seine Sammlung. Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus:

„Die Pelztasse hat sie ja gehasst zum Schluss, sie schreibt auch irgendwo, dass sie immer gefragt wurde, ob sie nicht die Pelztasse in Serie macht, die Galeristen rannten ihr die Bude ein, sie hat sich einer solchen Kommerzialisierung strikt verweigert“.

Mit der Meret Oppenheim-Ausstellung ist für Gereon Sievernich ein Wunschtraum in Erfüllung gegangen. Im Oktober dieses Jahres wäre die in Berlin-Charlottenburg geborene Surrealistin 100 Jahre alt geworden. Und so zeigt der Martin-Gropius-Bau jetzt ihr fantasievoll experimentierfreudiges Werk: erotische Objekte, Skulpturen, Malereien, Zeichnungen, Design-, Schmuck- und Kleiderentwürfe. Man kann gar nicht glauben, dass alle diese Dinge aus einer einzigen Künstlerhand stammen. Meret Oppenheim, die Autodidaktin, erfand sich immer wieder neu, viele ihrer Werke wirken wie traumverlorene Gedankenspielerei. Ob es die an den Schuhspitzen zusammengewachsenen Damenstiefel sind, die sechs Wolken auf einer Brücke oder das Auge der Mona Lisa, das als kleiner Ausschnitt aus dem weltberühmten Bild jetzt von hoch oben die Besucher amüsiert betrachtet. Meret Oppenheim ließ sich nicht auf ein Markenzeichen reduzieren.

„Ich hatte von Anfang an, wirklich schon seit Kindheit an, gemalt und gezeichnet und habe weiter gemacht. Und wenn ich mich festlegen müsste, aus einem für mich unvorstellbaren Grund, mich würde das furchtbar langweilen, ich könnte das gar nicht“.(Meret Oppenheim im Interview, kurz vor ihrem Tod im Jahr 1985)

Ein wesentliches Leitmotiv der Berliner Ausstellung sind die Maskeraden, die Meret Oppenheim so liebte. Sie war fasziniert von der Baseler Fassnacht, diesem Surrealismus für den Alltag. Heike Eipeldauer, Kuratorin der Berliner Ausstellung:

„Das Motiv der Verkleidung oder der Maskerade sehe ich als eines der Leitmotive im Werk von Meret Oppenheim. Das beginnt bei der tatsächlichen Verkleidung im Sinne ihrer Fassnachtsbeteiligungen, für die sie ja viele Verkleidungen und Masken entworfen hat – die Maske als Medium der Metamorphose -, das geht über ihre Bekleidungen von alltäglichen Gegenständen, die dadurch einen Rollenwechsel erfahren und etwas völlig anderes bedeuten, bis hin zu ihren Brunnenentwürfen, zum Beispiel der Brunnen am Waisenhausplatz in Bern, der seine äußere Kontur mit den Jahreszeiten wechselt. Im Sommer ist es ein bunter Algenbaum, im Winter ist es eine erstarrte Eissäule, auch eine Form von Maskierung“.

Und Meret Oppenheim hatte allen Grund, sich der Festlegung zu entziehen. Sie spürte die Gefahr, nur als bildschöne Muse, als Maskottchen der Surrealisten durchzugehen. Als sie 1937 von Paris in die Schweiz zurückkehrte, erlebte sie eine lange Schaffenskrise und befreite sich daraus mit einem eigensinnig vielstimmigen Werk, das sich männlichen Interpretationswünschen weitgehend entzog. Sie kämpfte gegen die Diskriminierung der Frauen, der weiblichen Kreativität und wurde zum Idol der feministischen Bewegung. Aber sie selbst war keine Dogmatikerin:

„Ein Kunstwerk ist nie typisch männlich oder typisch weiblich. Es braucht immer beides, das Weibliche im Mann und das Männliche in der Frau. So wenig wie allein ein Mann kein Kind machen kann oder eine Frau allein, es braucht immer beides, um ein lebendiges Werk zu schaffen, ein wirkendes Werk“.

Die große Ausstellung in Berlin ist eine einzige Entdeckungstour. Man begegnet einer Künstlerin mit unabhängigem, spöttischem Geist. Meret Oppenheim besaß die Gabe, ihr Leben lang so kindlich neugierig zu bleiben wie in ihrem Schulheft, das die Ausstellung eröffnet. Dort erfindet die 16-jährige ganz unbewusst eine surrealistische Formel: x gleich Hase, steht da. Der Hase ist niedlich und orangefarben. Und dann zieht die junge Schülerin gleich noch die Wurzel aus der Formel. Mit dieser Art von Mathematik hat Meret Oppenheim ein Werk geschaffen, das noch heute begeistert.

Rudolf Schmitz ist Kunstkritiker und Kulturjournalist in Hörfunk und Fernsehen (hr, arte)

Siehe weitere:
VIDEOS: Meret Oppenheim

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erstellt am 24.9.2013

Meret Oppenheim: Porträt mit Tätowierung, 1980. Schablone und Spray auf Foto. Privatsammlung, Bern. Foto: Heinz Günter Mebusch, Düsseldorf © VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

ausstellung

Meret Oppenheim. Retrospektive

Martin-Gropius-Bau Berlin

Bis 1. Dezember 2013

Meret Oppenheim: Pelzhandschuhe, 1936. Ursula Hauser Collection, Schweiz. Foto: Stefan Altenburger Photography, Zürich © VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

Meret Oppenheim: Das Paar, 1956. Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn, 2013

Meret Oppenheim: M.O. mit Sechs Wolken auf einer Brücke, 1977, Bern 1982 © Foto: Margrit Baumann, Archiv Christiane Meyer-Thoss, Frankfurt am Main