Auf dem Weg zu seinem Lieblingscafé Christine im Frankfurter Dichterviertel kam Marcel Reich-Ranicki häufig am Sitz der Faust-Redaktion vorbei. Nicht nur deshalb wird uns MRR fehlen: Im Namen der Redaktion blickt Martin Lüdke auf das Leben und Wirken des mächtigsten und einflussreichsten deutschen Literaturkritikers zurück.

Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

Der Unvergleichliche

Von Martin Lüdke

Was für ein Leben! Über ein knappes Jahrhundert hat er die Extreme des Zeitalters in seiner Lebensgeschichte ausgemessen. Nach seinem 90. Geburtstag trat er nur noch selten öffentlich in Erscheinung. Aber wenn, dann war er ganz der Alte. Reich-Ranicki, wie er über die Jahrzehnte berühmt geworden war, zunächst als Literaturkritiker und dann als Alleinunterhalter, später beides in einer Person. Er sprach immer klar, direkt. Er wollte überzeugen, verstanden werden. Widerspruch belebte ihn. Er verstand sich als Stimme des Volkes, gefiltert durch den gesunden Menschenverstand. Nicht angekränkelt von des Gedankens Blässe, vermied er subtilere Überlegungen und entsprechende Theorien. Sein Gedächtnis war bewundernswert.
Er hat viel bewegt, manches bewirkt.

Für Ulla Hahn hat er getrommelt, für Wolfgang Koeppen auf die Pauke gehauen. Sein Hausheiliger aber blieb bis zuletzt Thomas Mann.
Er war der mächtigste und einflussreichste deutsche Literaturkritiker aller Zeiten. Man nannte ihn den Literaturpapst. Er verwehrte sich gegen den Titel und fühlte sich doch geschmeichelt. Er wurde vielfacher Ehrendoktor, Honorarprofessor und mit allen erdenklichen Orden und Auszeichnungen bedacht. Er hatte Macht und nutzte sie, für die Literatur, ebenso zur Stärkung seines Einflusses. Dank des Fernsehens wurde er schließlich zu einer populären, öffentlichen Figur. Er trat in allen Talkshows auf, schrieb weiter fulminante Verrisse und, seltener zwar, begeisterte Lobeshymnen. Vor einigen Jahren zerfetzte er noch mit martialischer Geste auf dem Spiegel-Titelbild Grass’ Roman über die deutsche Einheit, „Ein weites Feld“. Er war bekannter als es die meisten Regierungsmitglieder sind. Seine markante, lispelnd/krächzende Stimme hat man in jenen Jahren oft und gern imitiert, auch, erfolgreich, zu Werbezwecken. Er war unvergleichlich.

Und: Er war Jude, unfreiwillig, auch ungläubig. Die Nazis zeigten ihm, was das im 20. Jahrhundert bedeuten konnte. 1938 wurde er, gleich nach dem Abitur, aus Berlin nach Polen, und später dann, nach Kriegsbeginn, zusammen mit seiner Familie ins Warschauer Ghetto deportiert. Dort musste er tagtäglich um sein Leben fürchten. Seine Eltern wurden in Auschwitz vergast, auch sein Bruder wurde umgebracht. Die größten Schrecken des vergangenen Jahrhunderts hat er am eigenen Leib erlitten, und eher zufällig, am Rande der polnischen Hauptstadt, tagsüber in einem Erdloch versteckt, mit sehr viel Glück den Nazi-Terror überlebt. Er hat die Russen als Befreier begrüßt und dann, in den folgenden Jahren, auch für den polnischen Geheimdienst gearbeitet. (Deutsche, die ihm daraus einen Vorwurf machen wollten, sollten sich stattdessen ihre eigene Nase putzen.)

Dieses bewegte Leben erzählte er 1999 in seiner Autobiographie „Mein Leben“. Sachlich, unsentimental, ohne jedes Pathos und dadurch bewegend. Das Buch, später verfilmt, wurde zu einem der größten deutschen Bucherfolge überhaupt. Marcel Reich-Ranicki, dieser kleine Jude, den die Deutschen, wäre er erwischt worden, sofort umgebracht hätten, war angekommen, hatte Einfluss, Ruhm und Anerkennung gefunden. Zufrieden hat es ihn nicht gemacht. „Glücklich“, so bekannte er kürzlich noch der ZEIT, war ich „nie in meinem Leben.“ Die traumatischen Erfahrungen ihrer jungen Jahre sind ihm und seiner Frau immer gegenwärtig geblieben. (Zwischen zwanzig Uhr und zwanzig Uhr fünfzehn durfte man ihn nicht anrufen: er musste sich informieren: die Tagesschau sehen. Seine Frau saß auch zu Hause auf der eigenen Couch nie ohne ihre fertig gepackte Handtasche.)

Erst im Juli 1958 war er aus Polen in die Bundesrepublik Deutschland geflüchtet. Er kam, sah und siegte. Der in Polen als Marcel Ranicki bekannte deutsche Jude (der Name Reich war dort seit den Nazis unmöglich geworden) nannte sich fortan Reich-Ranicki und krempelte innerhalb von nur wenigen Jahren den gesamten deutschen Literaturbetrieb um. Als ständiger Literaturkritiker schrieb er für DIE ZEIT. Seine Stimme wurde gehört. Er galt als Chefkritiker der berühmten Gruppe 47. Er traf dort auf eine gemäßigte Moderne, die seinen Vorstellungen von Literatur nahekam. Neue Verfahrensweisen, durch Moral abgefedert. Böll, Grass, Walser und Kollegen versuchten damals aus der deutschen Vergangenheit die Lehre zu ziehen und zugleich den Anschluss an die internationale Entwicklung zu finden. Die ZEIT wurde zum Sprachrohr der Gruppe. Ihre Gegner sprachen von einem Kartell. Wie auch immer: Die Popularität wuchs, auch die der Kritiker, die zu Stars wurden.

Reich-Ranicki war damals sicher nicht beliebt, er wurde allerdings beachtet, auch gefürchtet. Er trat im Rundfunk und bald auch schon Fernsehen auf. Er wollte, so bekannte er vor einigen Jahren noch dem Tagesspiegel, „immer auch Einfluss ausüben“. In einem Gespräch mit mir sagte er einmal ganz offen, er habe sich, als er nach Deutschland kam, entscheiden müssen. Entscheiden? – fragte ich etwas naiv zurück. Ja, Uwe Johnson oder Koeppen, auf wen er da setzen solle? Das heißt: Er nutzte die Schriftsteller als Figuren in einer strategisch angelegten Karriereplanung.

Als freier Kritiker blieb seine Macht begrenzt. Erst als er 1973 für fünfzehn Jahre, bis 1988, die Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung übernahm, konnte er raumgreifend agieren. Anfangs musste er noch konkurrieren mit Joachim Kaiser von der Süddeutschen Zeitung und Fritz J. Raddatz von der ZEIT, den beiden anderen „Großkritikern“, wie man sie damals nannte. Kaiser zog sich freiwillig auf die Musik zurück. Raddatz wurde nach einem kleinen Fauxpas in einem Leitartikel der ZEIT (es ging um die Buchmesse, Goethe und den Frankfurter Hauptbahnhof) gezielt abgeschossen, von eben seinem Widerpart MRR.
Als Literaturchef der FAZ saß er nun an der Schaltstelle der Macht (im Literaturbetrieb). Er zog die Fäden, verteilte Preise und Positionen, lobte und verdammte.

Die bedeutenden Kritiker jener Jahre, Günther Blöcker und Reinhardt Baumgart, Wolfram Schütte und Raddatz rümpften zwar immer noch die Nase wegen der schlichten Rhetorik, der marktschreierischen Methoden, aber sie gerieten in die Minderheit.
MRR ließ sich nicht beirren. Und hatte Erfolg. Der Erfolg ließ seine Kritiker mehr und mehr verstummen. Verleger, die ihn einst verachtet hatten, buhlten nun um seine Gunst. Autoren schmeichelten sich an. Kam er zu den jährlichen Kritikertreffen nach Baden-Baden, dann sprach er. Kam er nicht, wurde über ihn gesprochen.
Die Öffentlichkeit begann, ihn zu bewundern. Er wurde immer populärer. Das hat er genutzt: 1978 schuf er die „Frankfurter Anthologie“. Seither wird jedes Wochenende ein Gedicht vorgestellt und interpretiert. Seine eigenen Lieblingsdichter waren Goethe, Ulla Hahn und Sarah Kirsch. Er hat sich allerdings auch für Peter Maiwald stark gemacht.

Er konnte schwärmen, für Updike oder I.B. Singer (nicht Pynchon, Don DeLillo oder William Gaddis), für Philip Roth, für „Die schöne Frau Seidenmann“ von Andrzej Szczypiorski. Und für die Altvorderen, Thomas Mann (nicht Heinrich!), Joseph Roth (nicht Robert Musil). Seine wahre Stärke aber lag in der Polemik. Da hielt er sich gern an Walter Benjamin: „Echte Polemik nimmt ein Buch sich liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.“ Das sah dann so aus:
„Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.“ So schrieb er über Martin Walsers Roman „Jenseits der Liebe“. Die Überschrift lautete: „Jenseits der Literatur“. (In Walsers Tagebüchern kann man jetzt nachlesen, wie tief der Autor durch diese Besprechung getroffen wurde.) Nur zwei Jahre später war in der FAZ zu lesen: „Am 27. März 1976 brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Buchbesprechung, die viel Verwunderung und Empörung auslöste und sogar als Denunziation bezeichnet wurde.“ Noch „deutlicher“, „härter“, ja „noch unbarmherziger“, bekannte er gar nicht reumütig, könne man gar nicht urteilen. Jetzt, fuhr MRR mit erstaunlicher Chuzpe fort, ließe sich der Erfolg dieser Aktion ablesen, an Walser neuem Buch, der Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Sein, so rühmte er nun ungehemmt, „ sein reifstes, sein schönstes, sein bestes Buch.“ Nichts leichter als die beiden Bücher miteinander zu vergleichen. Der Unterschied ist geringfügig. Reich-Ranickis ästhetisch/kritische Begründungen blieben ohnehin meist vage. Seine Wirkung verdankte sich dem ansehnlichen rhetorischen Aufwand. Es ging schließlich um Wirkung. Das hat sich in Klagenfurt, bei dem Ingeborg-Bachmann-Preis, noch deutlicher gezeigt. Zehn Jahre lang, von 1977 an, hatte MRR dieses Unternehmen befördert. Oft geriet dabei die Szene zum Tribunal. Ich erinnere mich an eine Episode. Gerhard Falkner las. Die Juroren lobten verhalten oder mäkelten leicht. Dann kam MRR. Er sprach leise: „Herr Falkner, ich glaube, sie haben mit dieser Geschichte nur einen Fehler gemacht. Die anderen Juroren hatten mehr Fehler entdeckt.“ Falkners Gesicht entspannte sich. Dann donnerte plötzlich die Stimme des Meisters: „Sie hätten mit dieser Geschichte, kleine – rhetorische – Pause, nie nach Klagenfurt kommen dürfen“. Das Publikum lachte brüllend. Falkner sank in sich zusammen. Kritik müsse pointieren, rechtfertigte sich der Kritiker.

Nach seinem Ausscheiden in Klagenfurt, 1988, begründete er im ZDF das Literarische Quartett, die sicher erfolgreichste und auch wirkungsmächtigste Literatursendung, die es je im Fernsehen gegeben hat. Hier ging es stets um die entscheidende Frage: Daumen hoch! Oder: Daumen runter! Unbekannte, auch ausländische Schriftsteller wie Cees Nooteboom und Harry Mulisch stiegen zu Bestseller-Autoren auf. Es kam aber auch vor, dass wunderbare Dichter hingegen wie Claude Simon, immerhin Nobelpreisträger, mangels Massenwirksamkeit, rücksichtslos runter gemacht wurden. Die Begründung solcher Urteile, so wirkungsvoll wie schlicht, lautete dann: schwierig, unerotisch, langweilig, zu lang.

Reich-Ranicki war es gelungen, die Grenze zwischen Kritik und Unterhaltung endgültig aufzuheben. Er erreichte ein Massenpublikum (und dazu alle Buchhändler von Kiel bis Konstanz). Damit beförderte er eine Tendenz, die zumindest seinen erklärten Absichten entgegenstand. Wenn Unterhaltsamkeit zu einem Kriterium der Literatur wird, liegt die Konsequenz auf der Hand: die Literatur, die sich nicht von den anderen Produkten der Unterhaltungsindustrie unterscheidet, wird damit nur noch weiter marginalisiert.
De mortuis nihil nisi bene. Über Tote soll man nicht meckern.

Richtig. Es gibt auch keinen Grund zu meckern. Eher Grund, ihn zu bewundern. MRR hat eine unaufhaltsame Entwicklung nur beschleunigt, und das auf unnachahmliche Weise. Er hat das, was wir heute haben, nicht erfunden. Meine (unerhebliche) Vorstellung von Kritik ist eine andere, seine hat sich, und das mit Bravour, durchgesetzt. Er hat alle seine Konkurrenten weit hinter sich gelassen, weil er eben besser war. Und er war es, in fast allen Belangen, besser auch als alle seine Nachfolger. Er hat sich viele Verdienste erworben. Neben seiner Autobiographie sind lesenswerte, wichtige Bücher geblieben, u.a. „Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur“, „Die Anwälte der Literatur“, ja sogar: „Lauter Verrisse“.
Er war ein durchaus großer Kritiker. Unvergleichlich ohnehin. Marcel Reich-Ranicki – das ist die deutsche Antwort der Literaturkritik auf die Krise der modernen Literatur.
Am 18. September 2013, knappe zweieinhalb Jahre nach seiner Frau Teofila, geb. Langnas, ist Marcel Reich-Ranicki nach langer Krankheit in Frankfurt am Main gestorben.

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erstellt am 19.9.2013

Marcel Reich-Ranicki 1920 – 2013
Marcel Reich-Ranicki 1920 – 2013

Marcel Reich-Ranicki:

»Wenn ich mich für ein Buch entscheide, dann mit Volldampf voraus und nicht mit allerlei Bedenken.«