Der Komponist der Opern „Zar und Zimmermann“, „Der Wildschütz“, „Undine“ oder „Der Waffenschmied“, Albert Lortzing, nannte seine Revolutionsoper nach seiner Frau, mit der er elf Kinder hatte: „Regina“. Jetzt ist das selten aufgeführte Werk auf CD erschienen, und Hans-Klaus Jungheinrich stellt es vor.

cd-kritik

Gekonnt gezündelt – knapp an der Revolutionsoper vorbei

Halb Legende, halb vergessen: Albert Lortzings 1848er Zeitgeistflirt „Regina“

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Wir jungen linken Opernfans berauschten uns nach 1968 an der Idee, dass Albert Lortzing 1848 eine hochaktuelle, hochbrisante „Revolutionsoper“ geschrieben habe, in der erstmals in der Musikgeschichte streikende Arbeiter und qualmende Fabrikschornsteine auf der Bühne gezeigt wurden. Das Rostocker Volkstheater hatte dieses mehr oder weniger vergessene Werk des populären Meisters der deutschen Spieloper 1953 ausgegraben und zur Passform einer der DDR-Ästhetik entsprechenden Klassenkampf-Apologie präpariert. Sorgfältiger in der Textrekonstruktion verfuhr die westdeutsche Neuentdeckung 1981 am inzwischen längst geschlossenen Theater Oberhausen. Es folgte 1998 in Gelsenkirchen eine noch genauer der quellenkritischen Neuausgabe des Ricordi-Verlages folgende Aufführungsversion. Obwohl als operngeschichtliches Unikum inzwischen fast legendär geworden, konnte sich „Regina“ im aktuellen Repertoire nicht nachdrücklicher durchsetzen – selbst die beliebtesten und früher allgegenwärtigen Hervorbringungen Lortzings sind inzwischen ja beinahe von der Furie des Verschwindens bedroht, was nichts mit musikalischer Qualität zu tun hat, viel aber mit Unhandlichkeiten im globalisierten Opernbetrieb (so sind ihre anspruchsvollen Dialoge von nicht muttersprachlich deutschen Sängerteams kaum zu bewältigen).

Lortzings Lebensbahn begann in Berlin und endete dort (1851) auch wieder nach nur fünfzig Jahren. 1848 war der umtriebige Künstler aber in Wien und freute sich mit vielen anderen an der wenig rühmlichen Demission und Flucht des verhassten Kanzlers Metternich, und dem Kaiserhof, der sich nach Innsbruck abgesetzt hatte (nach Tirol, ins biederer monarchisch gesinnte Land Andreas Hofers und des Kaiserschmarrn), weinte er keine Träne nach. Hurtig komponierte er ein paar agitatorische Lieder und Chöre („Die Freiheit ist erstanden/ erlöst von Schmach und Banden“), daneben dann auch die gewichtige dreiaktige Oper „Regina“, deren Textherkunft er, ein wenig ominös-kryptisch, mit der Angabe „nach vorhandenen Stoffen frei bearbeitet“ markierte. Wie immer (und wie der jüngere Kollege Richard Wagner) sein eigener Librettist, ersann er Handlungs-Stationen und Personen-Konstellationen, die Modelle der „Rettungsoper“ à la „Fidelio“ und knallharte Kolportage mit dem Kolorit und dem Lebensgefühl der Revolutions- und Aufbruchsjahre um 1848 drapierten. Anders als Wagner, der sich an den politischen Umsturzversuchen in Dresden zwar aktiv beteiligte, sich aber in seinen zeitenthoben-mythologischen Opernplänen wenig vom Tagesgeschehen beirren ließ, war Lortzing fähig, mit der schnellen Nadel das zu produzieren, was man im nächsten Jahrhundert „Zeitoper“ nannte – worunter Werke wie Hindemiths „Neues vom Tage“ oder Kreneks „Johnny spielt auf“ aus den 1920er Jahren oder Adams’ „Nixon in China“ oder Rosenfelds „Kniefall in Warschau“ aus dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gehören. Lortzing indes, in Wien wenig erfolgreich, kam auch mit seiner „Regina“ nicht zum Zuge. Lange nach seinem Tode erinnerten sich Berliner Musikfreunde an die ungehörten und ungehobenen Musikschätze in Lortzings „Regina“ und arrangierten, wohlwollend von Wilhelm II. bestärkt, eine Art „Uraufführung“ – wen wundert’s, dass dabei die Handlung, in die Zeit der sogenannten Freiheitskriege verlegt, total umgemünzt wurde zu einer deutschtümelnd-patriotischen Huldigungsschmonzette.

Nun aber der Blick aufs Original. Tatsächlich ist die badische Fabrik mit ihren „dampfenden Schloten“ bereits in der ersten Bühnenanweisung präsent. Auch gemurrt wird ausdrücklich unter den Arbeitern, die „Freiheit“ und mehr Geld einfordern. Aber dem als „positiver Held“ gezeichneten jungen Geschäftsführer Richard gelingt es, sie zu beschwichtigen. Der zurückkehrende Fabrikchef Simon, gütig und patriarchalisch, weiß ihm Dank und protegiert Richards Heirat mit seiner Tochter Regina – die beiden lieben sich längst heimlich. Aber es gibt einen Nebenbuhler: den Werkmeister Stephan. Er quittiert die Verbindung Reginas und Richards mit Enttäuschung und Wut und schließt sich nach Absprache mit seinem alten Freund Wolfgang den unter dessen Führung im Lande umherziehenden Freischärlern an. Kurzerhand entführen sie Regina mit Gewalt. Nach einigem (dramaturgisch etwas kunterbuntem, weitere Personen und Schauplätze spendierenden) Hin und Her endet schließlich alles glücklich, doch bedarf es der mutigen Initiative Reginas, den zum Äußersten entschlossenen, nämlich sich und die Entführte samt einem Pulverturm in die Luft zu sprengen beabsichtigenden Stephan eigenhändig zu erschießen, bis der Vorhang fällt. Keine Spur davon, dass Lortzing die 1848er Revolutionäre in seiner Oper glorifizieren würde. Sie figurieren eher als Zerrbild randalierender rabaukenhafter Marodeure. Im ausführlichen zweiten Chorfinale mit dem braven Kilian werden sie als leicht zu manipulierender und in Alkoholseligkeit zu versetzender Haufen gezeigt – dieses Tonstück erinnert am lebhaftesten an große „komische“ Opernszenen Lortzings wie die Chorprobe aus „Zar und Zimmermann“ oder das Billardensemble aus dem „Wildschütz“. Ansonsten pflegt Lortzing hier einen dramatisch-heroischen Stil, der sich an Weber und Marschner orientiert, aber niemals so in altmodisch-abgehobene Tonfälle driftet wie etwa die Donizetti-nahen Opern Otto Nicolais oder der steife „Cid“ von Peter Cornelius. Vielleicht kann man es so ausdrücken: Die reichen Spieloperntalente Lortzings ermöglichten, dass auch die „ernste“ Oper „Regina“ sehr lebendig, farbig und spannungsvoll geriet. Im auf Sieg gestimmten letzten Finale bahnt sich sogar ein typischer „Fidelio“-Schlussfuror an, doch wird er verhältnismäßig schnell abgebremst. Lortzing, den man sich weniger als kopfloses Theatertier denn als intelligenten, klarsichtigen Ironiker vorstellen darf, nahm das aktuelle Sujet zum Anlass, um durchaus mit demokratischen und revolutionären Ideen und Vokabeln zu zündeln – ein planes politisches „Bekenntnis“ lieferte er nicht ab; er hätte damit an jeder „Hofoper“ die Chancen für sein Werk verbaut (wir sahen, dass er trotz aller Vorsicht ohnedies erfolglos damit blieb). Die vielen „Freiheits“-Rufe, die in der Oper von den Arbeitern oder den Horden Wolfgangs angestimmt werden, haben dennoch eine schillernde Botschaft: sie erscheinen, indem sie von den „Falschen“ intoniert werden, keineswegs eindeutig pervertiert.

Für „Regina“ macht sich nun das vor allem auf Repertoire-Raritäten spezialisierte Label cpo stark. Einer seiner wichtigsten Partner ist seit langem das Münchner Rundfunkorchester (ein schönes Wunder, dass es nach wie vor besteht) und sein Chefdirigent Ulf Schirmer, der sich mit unbeirrbarer Leidenschaft und Entdeckungsfreude in selten gespielte Partituren vertieft. Mit spürbarem emotionalen Drive und Sinn für klare Konturierung vermittelt er auch den höchst unterschiedlichen Charakteren von „Regina“ scharfe Profilierung. Sehr deutlich wird etwa, in rezitativischen Wendungen, die Nähe des fatalen Stephan zu dem Kaspar des „Freischütz“. Mit Verve versieht der Prager Philharmonische Chor seinen reichen Part. Bei unbekannten Opern besteht fast immer das Problem, dass die Vokalisten, oft auch eher zweite Wahl, ihre Partien quasi „vom Blatt“ zu singen scheinen und natürlich viel gehemmter wirken als bei den ihnen geläufigen Repertoireopern. Auch bei dieser „Regina“ gab es wohl einige Kompromisse. So hätte man der Titelfigur (Johanna Stojkovic absolviert sie respektabel) ein frischeres, eindeutiger jugendliches Timbre gewünscht. Die männlichen Hauptrollen gefallen ohne Einschränkung (die Tenöre Daniel Kirch und Ralf Simon als Richard und Kilian, der Bariton Detlev Roth als Stephan, der Bass Albert Pesendorfer als Simon). Auffallend prägnant und gelungen die Dialogregie von Dominik Wilgenbus. „Regina“ als Hör-Theater zuhause: kein „richtiges“ Theater – darauf wäre weiter zu warten -, aber ein Versprechen, das die Neugier wach hält.

Kommentare


Axel Stolle - ( 25-09-2013 11:36:00 )
Das "richtige" Theater ist zu besichtigen in Kaiserslautern - Premiere vor vier Tagen am 21.9.
Berichten Sie doch mal, ob die szenische Realisierung überzeugt

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erstellt am 19.9.2013

Albert Lortzing
Albert Lortzing

Albert Lortzing
Regina
Opern-Gesamtaufnahme
Johanna Stojkovic, Daniel Kirch, Detlef Roth u.a., Prager Philharmonischer Chor, Münchner Rundfunkorchester, Dirigent: Ulf Schirmer
cpo 777 710-2

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