Schon sein Buch über die deutsche Romantik ist auf ein enormes Interesse gestoßen. Nun hat Rüdiger Safranski mit seiner Biographie des Weimarer Dichterfürsten die Reihe der profunden literarischen Lebensbeschreibungen von E.T.A.Hoffmann über Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche und Schiller gekrönt. »Goethe – Kunstwerk des Lebens« ist ein umfangreiches, aber sehr gefragtes Werk. Otto A. Böhmer beschreibt die Gründe dafür.

buchkritik – Goethe – Kunstwerk eines Lebens

Für andere wird auch eine Sonne scheinen

Von Otto A. Böhmer

Johann Wolfgang Goethe, der Deutschen berühmtester Dichter, war ein schicksalsgläubiger Mensch. Er war dies nicht als Fatalist, der ergeben darauf wartet, dass sich über seinem Kopf etwas zusammenbraut, sondern als Mann der Tat, der davon überzeugt ist, dass es höhere Fügungen gibt, die man erkennen und zu seinen Gunsten nutzen kann. Goethe hat sich selbst denn auch als Begünstigten gesehen; in seiner Autobiographie mit dem wunderbar passenden Titel Dichtung und Wahrheit heißt es: “Am 28sten August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen. Diese guten Aspekte, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein …”

Über diesen Mann, dem ein langes, ausgefülltes Leben beschieden war, ist unendlich viel geschrieben worden, ohne dass man irgendwann das Gefühl bekam, es könnte genug sein, was auch daran lag, dass sich Goethe schon zu Lebzeiten gern allen Deutungen entzog. Er blieb sich selbst ein vertrautes Rätsel, legte auch Wert darauf, so dass er es vermutlich nicht mehr als gerecht finden würde, wenn er von unbekannter, selbstverständlich: höherer Warte aus mit verfolgen kann, wie man sich weiterhin an seinem Leben und Werk zu schaffen macht. An Goethe-Biographien mangelt es nicht, sie sind meist opulent und kenntnisreich und lassen, spätestens im letzten Drittel der Darstellung, anklingen, dass es harte Arbeit ist, mit Goethe Schritt zu halten. Der nämlich war immer unterwegs, scheute Um- und Irrwege nicht, war ein Meister des Abbruchs und überraschender Neuinszenierungen; seine Weltanschauung baute er sich schließlich zu einem Unterstand aus, an dessen Eingang er bei Bedarf selbst als Türsteher auftauchen konnte. Die Biographen hat das, wie gesagt, nicht erschreckt, sondern auf merkwürdige Weise immer wieder neu befeuert, und so verwundert es nicht, dass nun, da die alten Biographien noch gar nicht ausgelesen sind, eine neue, wiederum einschüchternd umfangreiche Goethe-Biographie erschienen ist, die auf Anhieb zum Erfolg zu werden scheint, was allerdings nicht nur an Goethe, sondern auch an ihrem Autor liegen könnte: Rüdiger Safranski nämlich ist der Goethe unter den Biographen, er hat (u.a.) E.T.A. Hoffmann, Schopenhauer, Schiller, Heidegger porträtiert, und das jeweils auf so unverwechselbare Weise, dass er, erfreulicherweise und zu Recht, zum Erfolgsautor wurde. Safranski schreibt anspruchsvoll und eingängig zugleich, er ist ein Philosoph, der bei Bedarf zum Dichter wird, sich dabei aber, bewacht von feiner Ironie, zurückhält und dem Personal seines Vertrauens nicht mehr zumutet, als dem Leser gut tut. Goethe geht uns noch immer etwas an, sagt Safranski, der ihn „ein Jahrhundertgenie“ nennt, an dem „heute“ – da „die Zeiten nicht“ mehr „günstig“ sind „für die Entstehung von Individualität“ – vor allem „die individuelle Gestalt dieses Lebens fasziniert“, das eine ganze Epoche umfasst: „Es sind mehrere historische Zäsuren und Umbrüche, die dieser Mensch durchlebte, der noch im verspielten Rokoko und in einer steifen und altertümlichen Stadtkultur aufwuchs, den die französische Revolution mit ihren geistigen Folgen umtrieb und herausforderte, der die Neuordnung Europas unter Napoleon erlebte, den Sturz des Kaisers und die Restauration, die doch nicht die Zeit aufhalten konnte; der den Einbruch der Moderne so empfindlich und nachdenklich wie kaum ein anderer registrierte und dessen Lebensspanne auch noch die Nüchternheit und Beschleunigung des Eisenbahnzeitalters und seiner frühsozialistischen Träume umgreift – ein Mensch, mit dessen Namen man später die ganze Epoche dieser ungeheuren Umbrüche bezeichnet hat: die Goethezeit.“

Goethe verlebt eine behütete Kindheit in Frankfurt a.M. Er wird von Privatlehrern unterrichtet, ist ein guter Schüler, wenn auch kein Überflieger. Das Lernen fällt ihm nicht schwer – ja, das ganze Leben, von dem er später sagen wird, er möchte von ihm “mehr und immer mehr”, erscheint ihm als leichte Übung, die insgesamt mehr Lust als Last beschert. Die Neugier aufs Leben, auf seine Gestalten, Abenteuer und Möglichkeiten, wird Goethe bis ins hohe Alter begleiten; sie ist es auch wohl, die ihn, auf seine eigene Weise, jung erhält. Er studiert in Leipzig und Straßburg. Zurückgekehrt nach Frankfurt erlebt er dann die eigentliche Wendung seines Schicksals: Der Erbprinz Karl-August von Sachsen-Weimar-Eisenach beruft ihn nach Weimar. Goethes altes Leben lässt er in Dichtung und Wahrheit mit einem fulminanten Zitat aus seinem Theaterstück Egmont ausklingen: „Kind! Kind!, nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert es sich doch kaum, woher es kam.”

Am 7. November 1775 trifft Goethe in Weimar ein, der Stadt, mit der sich bis heute sein Name verbindet. Im September 1775 war Karl August volljährig geworden und hatte die Regierung von seiner Mutter Anna Amalia übernommen. Goethe bewahrte ihm, seinem Herzog, eine lebenslange, fast väterlich zu nennende Anhänglichkeit. Noch im milden Rückblick des Alters mochte der Dichter seinem obersten Dienstherrn nur gute Seiten abgewinnen: “Er war achtzehn Jahre alt, als ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen, was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. (…) Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht. Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken …”

Goethe legt eine beeindruckende Umtriebigkeit an den Tag, macht sich unentbehrlich. Am 22. November 1775 schreibt er nach Frankfurt: “Wie eine Schlittenfahrt geht mein Leben, rasch weg und klingelnd und promenierend auf und ab. Gott weiß, wozu ich noch bestimmt bin, daß ich solche Schulen durchgeführt werde. Diese gibt meinem Leben neuen Schwung, und es wird alles gut werden …” Im Juni 1776 tritt er als Geheimer Legationsrat offiziell in den Weimarer Staatsdienst ein. Er bezieht ein Jahresgehalt von 1200 Talern und gehört zum obersten Regierungsgremium, dem sogenannten Geheimen Conseil. Die Aufgaben, die er übernimmt, sind alles andere als poetisch: Er arbeitet (u.a.) neue Feuerverhütungsvorschriften aus, übernimmt die herzogliche Wegebauverwaltung, in der es genug Arbeit gibt, denn Wege und Straßen sind in einem saumäßigen Zustand, und muss sich sogar, vorübergehend, als Verteidigungsminister bewähren. Auch im diplomatischen Dienst wird er eingesetzt und soll nebenbei noch das Weimarer Kulturleben organisieren. An die Liebe verschwendet Goethe, von zahlreichen Pflichten eingedeckt, zunächst keine unnützen Gedanken mehr. Dann aber lernt er die sieben Jahre ältere Hofdame Charlotte von Stein kennen, mit der ihn alsbald eine besondere Beziehung verbindet. Es ist eine andere Form der Liebe: Sie beginnt in der Gegenwart, schaut aber, wie durch geheime Wiedererinnerung, auch in die Vergangenheit. Goethe entdeckt seine Dichtkunst wieder. Als die Amtsgeschäfte jedoch immer mehr zur lästigen Routine werden, organisiert er seine Flucht nach Italien.

Von dort kehrt er im Juni 1788 nach Weimar zurück, wo von Freude über die Rückkehr des verlorenen Sohnes nichts zu spüren ist. Die Verbitterung darüber macht ihm zu schaffen: “Aus Italien, dem formreichen, war ich in das gestaltlose Deutschland zurückgewiesen, heiteren Himmel mit einem düsteren zu vertauschen; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Mein Entzücken über entfernteste, kaum bekannte Gegenstände, mein Leiden, meine Klagen über das Verlorne schien sie zu beleidigen, ich vermißte jede Teilnahme, niemand verstand meine Sprache.” Die Frau von Stein, zuvor schon geübt darin, Kühle zu zeigen, gibt sich besonders kühl. Nicht nur die Flucht nach Italien verübelt sie ihm: Goethe hat sich mit einem einfachen Mädchen aus dem Volke, der 16 Jahre jüngeren Christiane Vulpius, eingelassen. Bald schon lebt er mit ihr in einer eheähnlichen Gemeinschaft, an die sich die Weimarer gewöhnen müssen. Weihnachten 1789 wird dem Paar der gemeinsame Sohn August geboren.

Zur französischen Revolution, dem Ereignis in Europa, geht Goethe auf Distanz: “(…) Ich konnte kein Freund der Französischen Revolution sein, denn ihre Greuel standen mir zu nahe und empörten mich täglich und stündlich, während ihre wohltätigen Folgen damals noch nicht zu ersehen waren.“ Goethe blieb, auch in der Politik, Realist; eine Staatsordnung, die, mit eingeschränkten Verfassungsrechten, passabel funktioniert, war ihm lieber als ein Gemeinwesen, das seinen Bürgern das Paradies auf Erden verspricht. Einen anhaltenden Lichtblick bedeutet für ihn die Freundschaft mit Friedrich Schiller. Was die beiden Dichter verbindet, ist weniger ein Erfahrungsaustausch, der im Umfeld der persönlichen Lebensverhältnisse verbleibt, sondern ein Gespräch, das sich mal sachbezogen, mal visionär über die Zeiten erhebt. Schiller und Goethe lassen die Wirklichkeit hinter sich, besser gesagt: unter sich. Sie schwingen sich hoch hinauf, durchmessen den Himmel des Idealen und suchen das Unvergängliche, das der Erscheinungswelt zugrunde liegt. Dennoch stehen sie mit beiden Beinen auf der Erde, sie kennen ihren Rang als Dichter. Als Schiller Anfang Mai 1805 stirbt, ist Goethe „erschüttert bis in die Wurzeln“.

Vor allem als Briefschreiber kann man Goethe noch immer entdecken, hier gibt er sich, wenn ihm danach ist, zu erkennen. Und er zieht gern Bilanz: “Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und des Geistes übrig bleiben. Alles dieses Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit (…). Wirken wir also immerfort, so lange es Tag für uns ist, für andere wird auch eine Sonne scheinen, sie werden sich an ihr hervortun und uns indessen ein helleres Licht erleuchten. – Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres Vaters Reiche sind viele Provinzen …” Die neue Zeit, die er heraufkommen sieht, erfüllt ihn dennoch mit Misstrauen: “Alles ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff, den er bearbeitet … Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt …”

Sein letztes Lebensjahrzehnt begeht Goethe wie ein penibler Nachlassverwalter seiner selbst. Er hat bereits eine Ausgabe seiner Gesammelten Werke erscheinen lassen – obwohl mit seinen Werken ja noch nicht Schluss ist. Sein Fleiß lässt nicht nach; die Hilfskräfte, die er sich hält, Sekretäre, Schreiber, Diener, haben gut zu tun. Goethe weiß sich aufgehoben in der Natur und im Göttlichen, die für ihn untrennbar zusammengehören; die Hoffnung auf ein Weiterleben im Geiste ist somit berechtigt: “Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!/ Das Ewge regt sich fort in allen,/ Am Sein erhalte dich beglückt! Das Sein ist ewig: denn Gesetze/ Bewahren die lebendgen Schätze,/ Aus welchen sich das All geschmückt./ – Das Wahre war schon längst gefunden,/ Hat edle Geisterschaft verbunden;/ Das alte Wahre, faß es an!/ Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,/ Der ihr, die Sonne zu umkreisen,/ Und dem Geschwister wies die Bahn.”

Am 6. Juni 1827 stirbt Charlotte von Stein, anderthalb Jahre später Goethes langjähriger Freund und Förderer Karl August. Der Dichter sieht dies als Zeichen in eigener Sache: auch für ihn wird es Zeit. Eine letzte große Tat steht noch aus: die Vollendung des Faust. Seinen letzten Brief diktiert Goethe am 17. März 1832; er ist an Wilhelm von Humboldt adressiert und enthält ein Bekenntnis zur Selbsterziehung des Menschen: “Zu jedem Tun, daher zu jedem Talent, wird ein Angebornes gefordert, das von selbst wirkt und die nötigen Anlagen unbewußt mit sich führt, deswegen auch so geradehin fortwirkt, daß, ob es gleich die Regel in sich hat, es doch zuletzt ziel- und zwecklos ablaufen kann. – Je früher der Mensch gewahr wird, daß es ein Handwerk, daß es eine Kunst gibt, die ihm zur geregelten Steigerung seiner natürlichen Anlagen verhelfen, desto glücklicher ist er; was er auch von außen empfange, schadet seiner eingebornen Individualität nichts. Das beste Genie ist das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles zuzueignen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbestimmung, demjenigen, was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag tue, vielmehr solches noch erst recht erhebe und durchaus nach Möglichkeit befähige.”

All das und noch viel mehr erfährt man aus Safranskis großer Goethe-Biographie, die auch deshalb empfehlenswert ist, weil sie Neues im Bekannten aufspürt und zu veränderten Lesarten führt. Den Autor muss man, einmal mehr, loben, auch wenn seinem Buch gelegentlich anzumerken ist, dass auf dem langen Marsch mit Goethe kleinere Wiederholungen und Ermüdungsbrüche auftreten können. Als Fazit für uns Heutige bleibt: „(…) was die Freiheit betraf, so hat Goethe „sie politisch-rhetorisch nie gefordert, aber er hat sie gelebt. Die äußeren Umstände hatten ihn begünstigt. Doch auch für die ererbte Freiheit gilt, dass man sie erst wieder erwerben muss, um sie zu besitzen. Goethe hat seine Freiheit schöpferisch gebraucht. Er ist ein Beispiel dafür, wie weit man damit kommen kann, wenn man es als Lebensaufgabe annimmt, zu werden der man ist.“

Zum Schluss stellt sich mir noch eine Frage, die mit Goethe wenig, mit Safranski dafür um so mehr zu tun hat: Was macht dieser Autor, der so eindrucksvolle Biographien vorgelegt hat, als nächstes? Macht er überhaupt noch etwas, oder setzt er sich allmählich zur Ruhe, was, finanziell gesehen, wohl möglich sein sollte. Ich hoffe, dass er weitermacht, hoffe es sehr; vielleicht wechselt er ja auf ein anderes Feld: Safranski nämlich, der über einen stillen, in den Biographien eher sparsam eingebrachten Humor verfügt und pointierte Sprachbilder zu setzen weiß, könnte z.B. auch einen Roman schreiben. Ich würde ihn lesen und, Stand heute, auch gut finden.

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erstellt am 15.9.2013

Goethe. Illustration von Alfred Schüssler
Goethe. Illustration von Alfred Schüssler

Rüdiger Safranski
Goethe – Kunstwerk eines Lebens
Biographie
Gebunden, 752 Seiten
ISBN 978-3-446-24454-2
Carl Hanser Verlag, München 2013

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