Mit einem „Deutschen Trauerspiel“ von Friedrich Hebbel, „Die Nibelungen“ eröffnete das Schauspiel Frankfurt die neue Saison. Ein großes Stück. Ein mutiger Start. Ein gelungener Auftakt. Die junge Regisseurin Jorinde Dröse wagte sich auf Neuland vor. Sie inszenierte die alte Sage auch als (modernen) Kampf um Anerkennung. Die Handlung, ursprünglich in Worms beheimatet, wurde von ihr sozusagen aus grauer Urzeit in die Gegenwart verlegt. Und das funktionierte gut.

theaterkritik

Vom burgundischen Worms ins heutige Frankfurt

Martin Lüdke war in der Premiere von Hebbels „Nibelungen“ in Frankfurt

Der Boden schwarz, die Wände schwarz, schwarz auch die Mauern, die wie riesige Bauklötze die Bühne strukturieren und sich um ihre eigene Achse drehen können. Dunkel ist auch der Bühnenhimmel. Nur die Burgunder, König Gunther und seine Brüder, Hagen Tronje, sein Onkel, sind in dunkelgraue, knappe Anzüge gesteckt, als hätten sie sich gerade aus der (noch) gegenüberliegenden Europäischen Zentralbank ins Frankfurter Schauspiel verirrt. Sie kommen nacheinander aus dem Dunkel, stellen sich nebeneinander in eine Reihe und skandieren mit stetig ansteigender Stimme: „Wir, wir, wir, wir sind Männer, wir sind stark, wir sind jung, wir sind mächtig“. Und, ob es nun an diesem wuchtig beeindruckenden, wie aus mythischen Zeiten überkommenen Bühnenbild liegt oder auch an seiner radikalen Abstraktheit, alles ist rechteckig (und, wie gesagt, schwarz), der kleine Chor lässt bereits die Fortsetzung des kraftprotzenden Gebrülls ahnen, wir, „wir sind mutig“ und, die noch unausgesprochene Konsequenz, wir sind bald tot. Denn dann kommt schon Siegfried. Der Held. Drachentöter und Besieger Alberichs, des Zwergs, der den Nibelungenhort bewachte. Nach dem Bad im Drachenblut ist er fast unverwundbar, bis auf eine kleine Stelle am Rücken. Bei Hebbel erscheint Siegfried eher noch als tumber Tor. Hier ist er ein großer Junge mit Kapuzenpulli, der zugleich die Tarnkappe ersetzt. Verspielt, etwas naiv und unbeholfen. Er fordert gleich von Gunther „mit dir zu kämpfen um dein Reich“. Worauf ihm dieser trocken sagt: „Hier kämpft man nicht um das, was man schon hat.“ Doch Siegfried nimmt das nicht so ernst. Auch Kampf ist ihm nur Spiel. Lukas Rüppel, neu aus Stuttgart zum Frankfurter Ensemble gestoßen, verkörpert ihn sehr eindrucksvoll.

Aus der Kollision unterschiedlicher Einstellungen entwickelt Jorinde Dröse den (für sie) zentralen Konflikt. Natürlich besiegt Siegfried, sogar wieder spielerisch, was die Sache nur verschlimmert, seine burgundischen Gastgeber. Aus dem ritterlichen Kräftemessen wird so ein Kampf um Anerkennung.

Hebbel hatte im Grunde die Sage nur nacherzählt. Sieben Stunden dauerte sein Stück, das 1861 in Weimar, allerdings an zwei Abenden, uraufgeführt worden ist. Deutsche Tugenden sollten darin zum Vorschein kommen, Stärke, Kraft und Mut und vor allem Treue, aber auch schon der Zusammenprall mythischer Gewalten mit modernen Einstellungen. Die „Nibelungen“ wurden von den Nazis gefeiert und genutzt, als wäre das Stück zur Schlacht von Stalingrad geschrieben. Alle späteren Inszenierungen bis hin zu Thalheimers Berliner Aufführung vor etwa zwei Jahren haben sich mehr oder minder intensiv mit diesem Missbrauch auseinandergesetzt und dabei folgerichtig die Gewalt immer in den Vordergrund gestellt.

Die Frankfurter Inszenierung setzt hier mit ihren Korrekturen an. Hebbels „deutsches Trauerspiel“ formt sie zum Drama um. Die Gewalt rückt buchstäblich in den Hintergrund. Sie wird erzählt, nicht vorgeführt. (Abgesehen von einer erschütternden Szene am Ende, die im Publikum zu einigen schrillen Schreckensschreien führte. Hagen Tronje streichelt den Sohn Kriemhilds und des Hunnenkönigs Etzel sanft über den Kopf und dreht dann ihm dann plötzlich – das laute Knacken ist deutlich zu hören – den Hals um. Der Junge fällt tot zu Boden.)

Natürlich geht es auch bei Jorinde Dröse immer noch um Rache. Aber die Rache erscheint nicht mehr als mythisch begründete Schicksalsmacht, sie wird auch psychologisch entwickelt. Hagen fühlt sich von Siegfried gedemütigt, gerade weil der nichts ernst meint. Und Siegfried, arglos bis zu seinem Ende, tappt in eine Falle nach der anderen. Er hatte, als Gegenleistung für seine Hochzeit mit Kriemhild, dank seiner Stärke und seiner Tarnkappe, für den Burgunderkönig die nordische Sagengestalt Brunhild besiegt, die natürlich glaubte, von Gunther erobert worden zu sein. Durch tragische Verwicklungen verrät ihr Kriemhild diese Täuschung. Und dann geht’s los. Hagen (glaubwürdig verschlagen von Nico Holonics gespielt) sieht seine Chance, sich und seine Burgunder an Siegfried zu rächen. Bei einem Jagdausflug ermordet er ihn. Kriemhild schwört Rache.

Im zweiten Teil ist die Bühne mittlerweile vollständig geräumt. Auf einer riesigen runden Drehscheibe, eine Stufentreppe über dem Bühnenboden, spielt sich nun das ab, was kaum noch Handlung zu nennen ist. Die Auseinandersetzungen über den Normenkonflikt zwischen den Gesetzen der Gastfreundschaft und den (verständlichen und durch einen Schwur legitimierten) Forderungen nach Rache werden in Dialogen nur noch hörbar gemacht. Die Burgunder sind an den Hof Etzels, des Hunnenkönigs, gekommen. Kriemhild hatte einst, und zwar in dem Augenblick, als ihr dämmerte, sie könne die Hunnen für ihre Rache einspannen, dem Werben des Königs nachgegeben. Durch ein erst kaum sichtbares, dann immer noch nur leichtes Lächeln deutet Verena Bukal (als Kriemhild) diese Einsicht an. Am Ende, als sich die Rache vollzieht, kommt dieses Lächeln wieder.

Seit sieben Jahren lebt sie bereits an dem Hof der Hunnen. Seltsamerweise bricht hier der Spannungsbogen etwas ab. Ging es im ersten Teil, auch dank der erforderlichen rigorosen Kürzungen, oft durch knappe Berichte des ungezeigten Geschehens aufgefangen, stetig voran, werden in dem deutlich kürzeren zweiten Teil Redundanzen unvermeidlich. Faszinierend noch einmal, wie die Burgunder auf ihrer Drehscheibe im Bühnenboden verschwinden und nur noch, allerdings in riesigen Großaufnahmen auf der Hinterwand der Bühne zu sehen sind.

Das Gemetzel, dem schließlich alle zum Opfer fallen, lässt sich, stilisiert, an diesen Riesengesichtern ablesen. Etzel, der Hunnenkönig, durch einen Besuch beim Papst und vielleicht auch durch seine zweite Frau Kriemhild zivilisiert, steht vorn an der Rampe und starrt ins Dunkel, während sich hinter ihm der Rückfall in die Barbarei vollzieht.

Es gab großen, aber nicht rauschenden Beifall für eine richtig gelungene Premiere.

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erstellt am 15.9.2013

Szenenfoto © Schauspiel Frankfurt

Friedrich Hebbel
Die Nibelungen

Regie Jorinde Dröse
Bühne / Kostüme Susanne Schuboth
Dramaturgie Sibylle Baschung

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto © Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto © Schauspiel Frankfurt