Wie schreibt man die Geschichte einer Familie, die erfahren musste, dass das Streben nach einem freien und selbstbestimmten Leben unter den Bedingungen einer Diktatur zum Scheitern verurteilt ist? Dieser Frage geht Lena Goreliks neuer Roman „Die Listensammlerin“ nach. Eugen El hat ihn für Faust Kultur gelesen.

buchkritik

Liebe in Zeiten der Diktatur

Lena Goreliks Roman „Die Listensammlerin“

Von Eugen El

Im Sommer 2004 las ich Lena Goreliks ersten Roman „Meine weißen Nächte“. Dabei hat sich mein Blick auf das eigene Leben als russischsprachiger, junger Einwanderer in Deutschland verändert. Goreliks Roman sprach Dinge an, die ich vorher nur gespürt und geahnt hatte – Dinge, die auf einmal sozusagen öffentlich wurden, und mit ihnen auch meine eigene Erfahrung. Auch in ihrem neuen Roman „Die Listensammlerin“ gelingt es Lena Gorelik, unter der Oberfläche schlummernde Erfahrungen anzusprechen.

Die Handlung dieses Romans ist auf zwei Zeitebenen angesiedelt: in der bundesdeutschen Gegenwart und in der sowjetischen Nachkriegszeit der fünfziger bis siebziger Jahre. Sofia, die Ich-Erzählerin in der Gegenwart, ist eine Frau, die ihre Ängste durch das Schreiben von Listen zu bändigen versucht. Sie ist Schriftstellerin. Als sie Dokumente aus dem Nachlass eines Onkels entdeckt, der in der Sowjetunion als Künstler und Homosexueller selbstbestimmt leben wollte und mit seinem rebellischen Versuch gescheitert ist, erforscht Sofia sein Schicksal und schreibt seine Geschichte auf. So wird die Geschichte, die Sofia erzählt, zu einem konstitutiven Teil der Geschichte, die Gorelik erzählt.

Dabei wehrt sich der Roman gegen eine simple, quasi autobiographische Deutung. Vielmehr regt er dazu an, über die alltägliche Unterdrückung in der sowjetischen Diktatur nachzudenken. Seit längerem schon haben Schriftsteller die Lebensumstände und den Alltag im realexistierenden sozialistischen System zum literarischen Motiv gemacht. So verankerten zum Beispiel Uwe Tellkamp und Eugen Ruge die DDR in der deutschen Gegenwartsliteratur. Gorelik – wie der Österreicher Vladimir Vertlib – schöpft aus der Geschichte der vom sowjetischen System gezeichneten Eltern, die den Weg der Auswanderung wählten.

Dass junge Menschen die Erfahrungen einer anderen Generation reflektieren können, auch wenn sie diese selbst nicht miterlebt haben, führt Goreliks Roman vor. „Die Listensammlerin“ zeigt, wie gefährlich Leben und Lieben nach den eigenen Vorstellungen in der Sowjetunion war. Deshalb hat der Roman meinen Blick auf die Geschichte des Landes, aus dem meine Eltern kommen, um einen wichtigen Aspekt erweitert.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 13.9.2013

Lena Gorelik. Foto (Ausschnitt): © Charlotte Troll

Lena Gorelik, 1981 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren, kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman »Meine weißen Nächte« (2004) wurde die damals dreiundzwanzigjährige Autorin als Entdeckung gefeiert, ihr zweites Buch, »Hochzeit in Jerusalem« (2007), war für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Lena Gorelik
Die Listensammlerin
Roman
Gebunden, 352 Seiten
ISBN 978-3-87134-606-4
Rowohlt Berlin, 2013

Buch bestellen