Jorge Luis Borges übertrug 1920 mehrere seiner Gedichte ins Spanische. Er kannte Apollinaire, Hofmannsthal, Carl Einstein und Kurt Schwitters: Wilhelm Klemm war ein äußerst produktiver Dichter, dessen ‚Gesammelte Verse’ jetzt erhältlich sind.

buchkritik

Der tiefe Hang zum Großen

Die gesammelten Verse von Wilhelm Klemm

Von Bernd Leukert

Wer unter diesen Vers-Katarakt gerät, kann sich nur über die scheinbar endlose Produktivität dieses Poeten vom Anfang des 20. Jahrhunderts wundern. Und wenn er wahrnimmt, daß die Folge der Gedichtbände, die 1915 beginnt, bis 1922 reicht und erst 1964 mit dem Band „Geflammte Ränder“ endet, also eine gute 20jährige Pause einschließt, dann muß er sich angesichts der über 600 gedichteten Seiten fragen: Warum kennen wir denn weder ihn noch seine Werke?
Jan Volker Röhnert, der zusammen mit Imma Klemm diesen Prachtband herausgegeben hat, versucht, in seinem umfangreichen und sehr informativen Nachwort mögliche Ursachen anzuführen, die – möglicherweise alle zusammen – das Verschwinden des Dichters und seiner Dichtung aus dem öffentlichen Bewußtsein bewirkt haben. Er zitiert Kurt Pinthus, den Herausgeber der Lyrik-Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1919/1920), worin Klemm sich mit 19 Gedichten bekannt machte: „ … wie weit Klemm als Dichter seiner Zeit voraus war.“ Er paraphrasiert Oskar Loerke: „Es handelt sich um eine lyrische Improvisationskunst, die analog zur musikalischen Etüde und der künstlerischen Skizze mehr den artistischen, dynamischen Prozess-, als den fertigen, statischen Produktcharakter des Kunstwerks betont.“ Und – im Vergleich mit Benn und Heym – stellt er fest: „Zur Formstrenge und Artistik fehlte ihm die Disziplin … was Klemm wiederum an den Rand der expressionistischen Bewegung rückte, auch an den Rand der Literaturgeschichte, an den Rand der Wahrnehmung durch Lesepublikum und Fachwelt – was ihn freilich auch bis heute vor allzu schneller Vereinnahmung und Verortung geschützt hat.“ Diese Denkfigur hat es in sich, – setzt sie doch die Unkenntnis des Werkes zum Schutze der auktorialen Unversehrtheit ein, wenn Röhnert schreibt: „Wenn die Auslöschung der eigenen Spur mit dem Ziel, Kunst- und Lebenspraxis einander austauschbar zu machen, zu den Imperativen avantgardistischen Bewusstseins zählt, dann hat auch Klemm seinen festen Platz in der Geschichte jener Autoren eingenommen, die durch ihre vermeintliche Namenlosigkeit, durch ihr Fortleben in einer Art kanonisch gewordener Anonymität weiterhin provozieren – eine fortdauernde, weil unerhörte Provokation.“
Das ist, gelinde gesagt, eine komplexe Argumentation. Man erfährt sicher nicht zu viel, wenn man ein paar Fakten aus dem Leben des Dichters kennenlernt.

1881 wird Wilhelm Klemm in Leipzig geboren. Er studiert von 1900 an Medizin und tut seinen Dienst als medizinischer Assistent, zuletzt an der chirurgischen Poliklinik in Leipzig. Ins Jahr 1908 fallen die ersten Gedichtveröffentlichungen. 1909 stirbt der Vater, der Buchhändler Rudolf Klemm. Wilhelm übernimmt dessen Kommissionsbuchhandlung. 1912 heiratet er Erna Kröner, die Tochter des Verlegers Alfred Kröner. Im Ersten Weltkrieg arbeitet er als Oberarzt an der Westfront. Schon während des Krieges erscheinen in dichter Folge die Gedichtbände „Gloria! Kriegsgedichte aus dem Feld“, „Verse und Bilder“ und „Aufforderung. Gesammelte Verse“. 1919 kauft Wilhelm Klemm die Kommissionsbuchhandlung Carl Fr. Fleischer und wird nach dem Tod Alfred Kröners geschäftsführender Gesellschafter des Alfred Kröner Verlags. 1927 erwirbt er die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung. Zu diesem Zeitpunkt hat er fünf weitere Gedichtbände veröffentlicht. Zehn Jahre später wird er wegen ‚politischer Unzuverlässigkeit’ aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen und muß die Geschäftsführung des Kröner Verlags aufgeben. Zusammen mit Rudolf Marx gibt Klemm die ‚Sammlung Dieterich’ heraus. Zwei seiner vier Söhne sterben im Krieg, sein Betriebsgebäude in Leipzig ist zerstört. 1945 zieht er, wie andere Leipziger Verleger, unterstützt von den amerikanischen Militärbehörden, nach Wiesbaden. 1948 trennt er sich von Erna Klemm und heiratet Ilse Brandt. 1950 gehen die Kommissionsbuchhandlungen Carl Fr. Fleischer und Otto Klemm in Konkurs, fünf Jahre später wird die Sammlung Dieterich verkauft. 1958 werden zum ersten Mal seit 1922 neue Gedichte von Wilhelm Klemm veröffentlicht, 1961 eine Neuausgabe des Bandes „Aufforderung“, 1964 erscheinen die „Geflammten Ränder“. 1968 stirbt Klemm in Wiesbaden.

Ein poetisches Lebenswerk, als das sich die „Gesammelten Verse“ darstellen, wirft immer die Frage nach dem Mehr oder Weniger auf: Das Ganze droht dem Leser mit seiner Überfülle; einer Auswahl aber ist ja auch nicht zu trauen, denn wer hat denn ausgewählt und nach welchen Kriterien? Die Herausgeber haben sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden. Denn die „Gesammelten Verse“ sind vor allem gesammelte Gedichtbände, das heißt, – da die Gedichtfolge jedes Bandes erhalten blieb und manche Gedichte in andere Bände übernommen wurden – dem Leser begegnen solche Gedichte in den verschiedenen Bänden immer wieder.
Wovon sprechen Klemms Gedichte? Von Gott, Natur, Eros und Tod. Das sind die traditionellen Gegenstände der Poesie, die hier vorwiegend im expressionistischen, sehr oft im grotesken Gewand auftreten. Die weltlichen Themen aber sind bei Klemm ohne die religiöse Folie gar nicht zu denken. Die Auseinandersetzung mit Gott findet sich schon unter seinen ersten Veröffentlichungen, im „De profundis“ (1908): Nachdem du mich erbarmungslos verstoßen,/ Zwingt eines mich, beinahe dich zu hassen:/ Denn, um der Qualen keine zu erlassen,/ Gabst du mir noch den tiefen Hang zum Großen.
Diese Auseinandersetzung spielt auf der großen Skala von der schwärzesten Verzweiflung – der ich an nichts mehr glaube („Stunde“ 1917), über fromme Gebete („Gib o gib“ 1919) bis zu hymnischen und mystischen Apotheosen: Meine Augen sind vollgetrunken von Gott („Erregung“ 1919). Selbst in seinem ersten Lazarett-Gedicht (1915), das in einer Kirche lokalisiert ist, wird das Grauen religiös abgefedert: In der Ferne donnert das Gewitter der Schlacht, /Tag und Nacht, grimmig und ernst klagt und murrt es – /Und den Sterbenden, die auf ihr Grab geduldig warten, /Hallt es ins Ohr wie Worte Gottes. Im zweiten Lazarett-Gedicht (1916) äußert sich mit der Aufzählung der Verletzungen und Todesarten nur noch der brutale Realismus, gegen den Benns Leichenstücke sich wie ein étonner les bourgeois ausnehmen: Die Skala der Gerüche: /Die großen Eimer voller Eiter, Watte, Blut, amputierten Gliedern, /Die Verbände voller Maden. Die Wunden voll Knochen und Stroh /… Ein Darm hängt heraus. /Aus einem zerrissenen Rücken /Quoll die Milz und der Magen. Ein Kreuzbein klafft um ein Astloch. /Am Amputationsstumpf brandet das Fleisch in die Höhe. …
Mit dem 129 Stücke umfassenden Band „Aufforderung“ (1917) hat Klemm einen frühen Höhepunkt seiner poetischen Produktion erreicht. Da präsentiert sich einer, der kraftvoll und selbstbewußt die Vielfalt seiner Themen gestaltet, souverän Spielarten poetischer Genres nachformt: von spätromantischer Kreuzfahrerlyrik (Heimkehr), über die pathetische (Der Regen), sentimentale, aber auch sozialkritische, wenn er, wie in der „Abendgesellschaft“, dem Hunger der Vielen die obszöne Völlerei der Wenigen gegenüberstellt. Bei anderen Gedichten nimmt er sein expressionistisches Bedürfnis zurück und komponiert Impressionen wie im „Abend“: Dämmerung naht sich, ruhig und gütig. /Die großen Städte beginnen sich zu erleuchten. /Laternen glänzen geheimnisvoll /Die Straßen beschatten ihre verschwiegenen Winkel. //In Gärten verstecken sich Häuser mit rosa Fenstern /Lampen schimmern. In kleinen geilen Theatern /Gehen über die Bühne holde Mädchen, /Doppelt verliebt durch das Spiel. Und die Münder //Öffnen sich im verdunkelten Zuschauerraum. /Wagen rollen davon, drin lehnen Paare. /Seide knistert. Der Arm umschlingt den Nacken. /Musik – kleine weiße Hände greifen nach spitzen Gläsern.
Wieder und wieder gleiten seine Gedichte durch die Tages- und Jahreszeiten, malen Landschaften, nehmen Farben, Gerüche, Gestalten, Stimmungen auf, die bisweilen romantische Motive aufrufen: Gewitter grollt in der Donnerhecke, /Flatternde Füße eilen davon, /Steilwände tasten die Tiefe ab, /In den Lüften rauscht Geträum. (Das Geliebte 1921). Und freilich spielt die romantische Tradition gerne herein, wenn es um „die Weiber“ geht und er die „Samtkapellen deines Leibes“ sucht. Die Gedichte, die von Verzauberung, Begierde, auch von Enttäuschung sprechen, verteilen sich gut über die Jahre. 1922 aber – zu früh für die Goldenen Zwanziger – wagt Wilhelm Klemm mehr und veröffentlicht den Band „Die Satanspuppe“: Deine Beine sind Zauberpflanzen von tropischer Küste, /In deiner Scham glänzt ein goldener Stern, / Unermeßlich schimmert das Reich der Brüste, Deine Augen gleiten weich und fern. //Der Reiz des Fremden umhaucht dich berückend, /Wild und schüchtern öffnet sich fragender Schoß. /Ein Feuerturm schießt über mir auf, beglückend. /Wir glühen empor, schweigend und weltengroß. (Umarmung) Das war wohl zuviel für die Gesellschaft der frühen Weimarer Republik. Obwohl der Band vorsichtshalber unter dem Autorennamen Felix Brazil erschien, stellte Klemm nach den kritischen Reaktionen auf die „Satanspuppe“ die Publikation eigener Gedichte vorerst ein. Hin und wieder ist aber schon vorher eine eigenartige Erosion der lyrischen Texte zu bemerken, eine wortkombinatorische Routine: Die Verse schreiben sich gleichsam selbst; und manchmal glaubt man eher Notizen zu Gedichten zu lesen, so als ob ihm das poetische Bedürfnis abhanden gekommen wäre, nicht aber die Schreiblust.
Wenn man von drei eingebetteten Zyklen (das Mysterienspiel „Totentanz“ 1919, „Passion“ und „Tage und Nächte“ (1920) absieht, hat Wilhelm Klemm keine größeren, von regelhaften Ordnungsstrukturen gebundenen, Werke hinterlassen. Aber er hat wohl auch nie worterfinderisch, experimentierend nach den Sternen gegriffen, also das Unsagbare evoziert. Was dieses große, mit Vignetten und Tuschezeichnungen des Dichters gestaltete Buch inhaltlich zusammenhält, ist die apokalyptische Bilderwelt, die strophenweise hervorbricht oder unentwegt hintergründig lauert. Sein lyrisches Ich scheint umstellt von Szenen, die Breughel, Bosch, Kirchner und Beckmann zusammen erfunden haben könnten, wie in „Der Traum“ (1921): Trompeten wieherten, reife Engel lockten, /Hunderte Hunde waren hinter ihm her. /Spätlinge schrieen, die auf Felsköpfen hockten, /Stimmen kreischten ihm nach: wohin und woher? //Ausbrechend auf dämonenhaften Motiven /Fuhr er dahin am schwelenden Höllenrand, /Wo die bleichen Legionen der Weiber schliefen. /Tempel wiegten sich wild im Feuerbrand. //Bis die Ebenen kamen und endlose Steppen. /Da machte er Halt am dorrenden Zauberbaum. /Riesenvögel ließen die Flügel schleppen. /Aus seinen gläsernen Knochen rann kalt der Traum.

Kommentare


Bram - ( 02-02-2015 03:27:08 )
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erstellt am 13.9.2013

Wilhelm Klemm
Gesammelte Verse

Gebunden, 712 Seiten
ISBN 9783871620775
Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, München 2012

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