Ein Sumpfgott, der das Vergessene nicht vergessen kann. Die Literaturzeitschrift „Flandziu“ ist nach einer Figur aus Wolfgang Koeppens Werk benannt. Alexandru Bulucz stellt sie anhand eines Textes des Herausgebers Jürgen Klein zur Erinnerungskultur vor.

literaturzeitschrift

‚Flandziu‘ – Eine Literaturzeitschrift im Sinne der Aufmerksamkeit

Von Alexandru Bulucz

„Der Kritiker soll nicht Leser,
sondern Zeuge eines Lesers sein,
wie dieser liest und gerührt wird.“
(Paul Valéry)

‚Flandziu‘, das weiß, wer sich mit Wolfgang Koeppen befasst, ist eine Figur aus dessen Werk. „Fland-“, man kennt Flandern, geht zurück auf „Fladmari“, was „flacher Sumpf“ bedeutet, und „Ziu“ meint in der nordischen Mythologie, so Krünitz, einen „der obersten Götter der alten Deutschen“. Vielleicht, wer weiß das schon, ist Flandziu ein Gott, ein Heiliger, und als solcher der Namenspatron der ‚Halbjahresblätter für Literatur und Moderne‘, die Jürgen Klein seit 2009 im Hamburger Shoebox-House-Verlag herausgibt. Vielleicht, niemand wird es bestimmen können, ist Flandziu ein Gott des Sumpfes, ein Schlamm-, ein Sumpfgott – jemand und besser noch: etwas, das seinen Ursprung im Wasser hat. Diese Spekulationen katapultieren uns gewissermaßen aus der sicheren Unbestimmtheit des Namens ‚Flandziu‘ in die schwankende „Vorwelt“ der Benjamin‘schen Sumpftheorie, die er an Kafka festmacht. Hervorgehoben sei aus dieser Theorie eine einzige Überlegung, denn sie ist es, worauf es dem Herausgeber und Autor der Literaturzeitschrift ‚Flandziu‘, nämlich Jürgen Klein, ankommt: „Seine [Kafkas] Romane spielen in einer Sumpfwelt. Die Kreatur erscheint bei ihm auf der Stufe, die Bachofen als die hetärische bezeichnet. Daß diese Stufe vergessen ist, besagt nicht, daß sie in die Gegenwart nicht hineinragt. Vielmehr: gegenwärtig ist sie durch diese Vergessenheit. Eine Erfahrung, die tiefer geht als die des Durchschnittsbürgers, trifft auf sie auf. ‚Ich habe Erfahrung,‘ lautet eine der frühesten Aufzeichnungen Kafkas, ‚und es ist nicht scherzend gemeint, wenn ich sage, daß es eine Seekrankheit auf festem Lande ist.‘ Nicht umsonst erfolgt die erste ‚Betrachtung‘ von einer Schaukel aus.“ Eine Notiz Benjamins aus dem Kontext seiner Kafka-Studien lautet: „Schamlosigkeit der Sumpfwelt. Ihre Macht liegt in ihrer Vergessenheit“. Schließlich bringt er in seinen Aufzeichnungen Kafkas Absicht auf den Punkt: „Um dies Vergessene und Vergessenste heimzuholen, nimmt Kafka die ganze Welt in eine rückwärtige Stellung zurück. Er räumt Jahrtausende der Kulturentwicklung.“ Auch die Literaturzeitschrift ‚Flandziu‘ räumt Geschichte. Das tut sie in jedem Text, der dort erscheint; so auch in Jürgen Kleins ‚Der Verdacht‘, der auf den gefährlichen Sumpf des Vergessens fragend zurückgeht. Aber dazu etwas später.

Um es sogleich zu sagen, beim Anglisten Jürgen Klein befindet sich ‚Flandziu‘ in guten Händen. Er ist ein hellhöriger und scharfsinniger Beobachter der Zeit, bei dem nicht nur die schriftstellerische Arbeit, die zu studieren sich lohnt, im Vordergrund steht, so ist auch seine zuletzt erschienene Studie zur „Mathematik des Begehrens“ ein feinfühliges Werk: auch seine Herausgebertätigkeit übt er mit einer Sorgfalt, die vorbildlich ist für jeden Herausgeber. Sie zeigt sich beispielsweise daran, dass er als Verleger, wie Siegfried Unseld früher, – trotz allem, aber auch und vor allem aus gutem Grund – Wolfgang Koeppen die Treue hält. Dessen Texte werden regelmäßig abgedruckt und – wie die anderen Texte ‚Flandzius‘ auch – trotz „Enttäuschungen, Verzögerungen, Pannen“ und finanzieller Schwierigkeiten hervorragend betreut. Diese – für viele unrentable – Treue oder Betreuung kommt mit jedem Heft als Editorial zum Ausdruck, das Jürgen Klein den Texten und Lesern vorausschickt, um sie liebevoll in das breite Spektrum der Zeitschrift einzuführen, die beinah alle Textsorten versammelt: Gedichte, Prosatexte, Essays, literaturwissenschaftliche Arbeiten etc. Der theoretische Anspruch der Zeitschrift hindert Jürgen Klein nicht daran, sie als Pendelbewegung zwischen „Spannung und Entspannung“ zu definieren. Aber kann man bloße Bewegungen und Kräfte wirklich definieren? Nein. Und darin liegt die Stärke dieses zweimal jährlich erscheinenden Literaturprojekts, das in ‚Verbindung mit der internationalen Wolfgang Koeppen-Gesellschaft‘ entsteht: Als „Dazwischen-Zeitschrift“, d. h. als Durchgangsmedium beinah aller literarischer Medien, ist sie ein Medium ohne Mitte, und zwar deshalb, weil sie außerhalb von „Normativitäten“ spricht. Und sie spricht mehrstimmig. Ihre Stimmen singen gleichzeitig: ohne Stimmgabel. Jürgen Kleins Literaturzeitschrift genießt das Privileg, keine Stimme ausschließen müssen zu können. Ja, müssen zu können. Alle ihrer Stimmen be-, hinter- und umfragen sich: gleichzeitig. Manchmal pathetisch, wie diese Zeilen hier. Diese Stimmen befruchten einander wie die Freundschaften geistig Verwandter und ihre Gespräche setzen sich auch außerhalb der Zeitschrift fort, wie bekanntlich dasjenige zwischen Jürgen Klein selbst und dem Romanisten Hans Ulrich Gumbrecht. Es geschieht nicht zufällig, dass Jürgen Kleins autobiographischer Text ‚Der Verdacht‘ auf diesen referiert. Inwiefern und aus welchem Grund tut er das?

Der Text Kleins siedelt sich in der Zeit an zwischen 1953 und 1962: „Das Jahr 1962 sollte letztlich das Ende meiner Kindheit sein.“ Zu diesem Zeitpunkt ist Jürgen Klein siebzehn Jahre alt, in einem Alter also, das nicht nur das Ende seiner Kindheit markiert, sondern das ihm zudem Einsichten in die vorgetäuschte Demenz des „‚Erfolgsland[s]‘ Deutschland“ gewährt: „Kurz, ich bekam einen Schimmer von der Kontinuität des Dritten Reiches in der Nachkriegszeit“. „Mein Verdacht bestätigte sich zunehmend, dass die Realität Deutschlands, das zudem noch geteilt war, mit der hehren Selbstdarstellungsrhetorik der Bundesregierung nicht so ganz übereinstimmte.“ Zur Herrlichkeit oder vielmehr: Hehrlichkeit der Selbstdarstellungsrhetorik der Bundesregierung gehörte beispielsweise (und gehört noch immer) die Gigantomanie, in der sich die um die Jahre 1933-1945 verkürzte Bildung fortsetzte: „Die Schule war gigantoman gebaut wie eine historische Burg: dicke Mauern, das unterste Geschoss wurde durch Säulen aus Marmorguss getragen.“ (Ist das nicht eine Beschreibung des I.G.-Farben-Hauses, der heutigen Bildungsstätte der Goethe-Universität?) „Der Verdacht ließ sich nicht auslöschen: Was wird hier verschwiegen?“ Kein Wunder, dass dem siebzehnjährigen Jürgen Klein eine erste „Kultivierung des Geschichtsbewusstseins“ erst außerschulisch und dazu noch im Ausland ermöglicht wurde – durch eine „Reise nach England“. In Cambridge „landete“ er „schließlich in einem kleinen, voll gepackten Antiquariat“, dessen Besitzer ein Vertriebener von Hitlers Schreckensherrschaft war und „der einzige Überlebende seiner Familie“: „Seine Schrecken teilten sich mir mit und Lücken in meinem Verdacht schlossen sich. […] Alle Gedanken und Empfindungen drehten sich um das, was mir der Antiquar erzählt hatte, von der systematischen Zerstörung des Rechts, von der von den Nazi-Führern nahezu widerstandsfrei durchgesetzten Mordbrennerei im Großindustriellen Format. Wo waren Recht, Gerechtigkeit, Humanität in diesem Dritten Schreckens-Reich geblieben? Warum hat die systematische Zerstörung von Menschen Tausenden kleiner Mitmacher die Lizenz zur Brutalität und Gewalt, zum Verlust jeden Rechtsmaßstabs geben können.“ Das Thema des autobiographischen Aufsatzes Jürgen Kleins: Genozid und Gedächtnis. Aber wie gedenkt man der Vertriebenen und Ermordeten, der „Vergessene[n] und Vergessenste[n]“, des Vergessens von „Jahrtausende[n] der Kulturentwicklung“ selbst? Das Gespräch mit dem Antiquar ist Jürgen Kleins „Grundlage dafür“, „in der Folgezeit nie mehr einer offiziellen Gedenkrede“ zu glauben und „immer wieder Zweifel“ „bei der Einrichtung von Denkmälern oder Tafeln“ zu hegen.

Es sind diese Überlegungen, die mich dazu veranlassen, über diesen und keinen anderen Text aus ‚Flandziu‘ zu schreiben. Denn sie erinnern an vier Verse, die ich, und deshalb will sich dieser Kommentar nicht als Kritik im strengen Sinne verstanden wissen – die ich vor zwei Jahren über die Institution ‚Goethe-Universität‘ schrieb: „Der Glanz von Marmor, Monument und Mahnmal. Ich rede/ von deinem Nimbus, dessen Schönheit retuschiert. Weshalb ich/ um deine Hasenscharte weiß? Die Hasen auf der Wiese/ fühlen sich tagsüber betrogen.“ Die Zeile, die in diesem Gedicht keinen Platz fand, schleicht sich etwa ein Jahr später in den besagten ‚Flandziu’-Beitrag von Jürgen Klein: „Allein die Stolpersteine überzeugten mich zutiefst.“ Platz fand diese Zeile in meinem Gedicht deshalb nicht, weil Stolpersteine glücklicherweise nicht aggressiv sind; weil sie nicht rhetorisch sprechen wie Agenten, die einem Schuld aufreden wollen wie Versicherungen; weil sie nicht herausragen wie Gigantomanien; weil sie leicht zu übersehen sind – so klein sind sie; weil man wenigstens in Kenntnis der Vergangenheit leben muss, um die Möglichkeit haben zu können, sie zu sehen; weil man trotz gewisser Kenntnis der Vergangenheit sich noch bücken muss, um sie zu sehen; weil sie nicht mega-in und modisch sind; weil sie kein Jetzt kennen, sondern nur Vergangenheit und Zukunft, Schuld und Sühne. Dostojewskij wusste das, Kafka wusste das, Benjamin wusste das, Jürgen Klein weiß das. Dabei geht es gar nicht darum, dasjenige, was Benjamin das „Vergessenste“ nennt, das Unfassbare, zu benennen. Das wäre unmöglich. Vielmehr geht es darum, in Kenntnis des Vergessensten, der „Schattenseiten“ in uns allen, zu leben; darum, das Vergessenste nicht zu vergessen: „Das ist die Latenz, von der Hans Ulrich Gumbrecht spricht.“

Die Aufgabe des Denkens, und Jürgen Klein ist ein Denkender, ist, diese Latenz so in die Aktualität, in der sie ohnehin schon ist, zu überführen, dass sie niemals sich selbst reaktualisieren und dass sie sich nie wieder unsereiner bemächtigen kann.

Jürgen Kleins ‚Der Verdacht‘ ist ein Stolperstein. ‚Flandziu‘ ist eine Instanz, vielleicht ein Sumpfgott, der das Vergessenste glücklicherweise nicht vergessen kann. Das Thema ‚Holocaust‘ kann nicht oft genug thematisiert und poetisch variiert werden, denn das „Vergangene ist nie tot; es ist nicht einmal vergangen“ (Faulkner).

Kommentare


Prof.Dr.Jürgen Klein - ( 17-09-2013 03:11:20 )
Sehr geehrter Herr Bulucz,
ich möchte mich sehr für Ihre großartige Besprechung von Flandziu bedanken. Ich bin erstaunt und gerührt, wie Sie die Intention von Flandziu und vom ganzen Verlag auf den Punkt getroffen haben. Was Sie in Ihrem Text schreiben, darum genau geht es uns - in diesen düsteren Zeiten. Wir sollten in Kontakt bleiben! Vielleicht haben Sie Lust, hin und wieder für Flandziu zu schreiben)

Herzliche Grüße

Jürgen Klein

Kommentar eintragen









erstellt am 11.9.2013

Flandziu-Hefte

Flandziu erscheint im Shoebox House Verlag