Wer liest, wie jemand aus einem Berliner Café auf eine Straße tritt, die durch Buenos Aires führt und dort einen Freund trifft, der sich aber als ferngesteuerter Feind entpuppt, hat ein Buch von Alban Nikolai Herbst in der Hand. Jetzt ist nach „Thetis. Anderswelt“ und „Buenos Aires. Anderswelt“ „Argo. Anderswelt“, der letzte Teil der Trilogie erschienen.

Für alle, die schon jeher einer Sicherheit in der Wahrnehmung der Realität misstrauten, hat Herbst methodisch die Konsequenz gezogen: Raum und Zeit werden dem Handlungsablauf unterworfen, Realität wird in Traum und Mythos montiert, die Sinne selbst sind digital verfügbar. Die Welt, die sich aus den Scherben der uns bekannten zusammenfügt, um sich gleich wieder aufzulösen, erzählt Herbst mit verschwenderischer Fantasie, die auch Kapitelgrenzen überschreitet. In Faust-Kultur beginnt der Pfad zum 5. Kapitel.

romanauszug

Argo. Anderswelt

Von Alban Nikolai Herbst

(…)

Dabei war das, wovor sich Goltz, auch Fischer jetzt und von Zarczynski fürchte­ten und was Ungefugger offenbar zur sozialen Basis derart radikal umgestalten woll­te, in Buenos Aires längst signifikante Praxis des seelischen

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Lebens geworden – besonders dort, wo man liebte. Nicht nur, daß sich die meisten geschlechtli­chen Akte, der Krankheit wegen, also aus hygienischen Gründen, ohnedies in Orgasmatronen vollzogen (die Propaganda der Myrmidonen nannte sie Vögelvolieren:; den Begriff hatte quasi sofort die UHA übernommen und bis zur Sprichwörtlichkeit kommuniziert: Wur­den die Menschen lüstern, so schnallten sie sich ins Gerät und fielen erst dann – real völlig getrennt, in den Ganglien aber verschaltet – übereinander her). Sondern bereits die ersten Kontakte spannen sich, schwingende elektronische Fäden, fast nur noch im Cyberraum. Vermittels kleiner anonymer Profile, die durchaus annoncierenden Cha­racter hatten, machten die Menschen ihre Partnersuche bekannt. Beinahe immer wur­den sie fündig. Woraufhin sie einander sich annäherten, vorsichtig oder ironisch, je nach Mentalität, sich erst zu unterhalten begannen, schon sich zu öffnen, zu eröffnen dann, und eh sich versehen, lagen Gerte und Seil auf dem Strecktisch – man ging ja nicht mit Klarnamen ins Netz. So gab es wenig Hemmungen. Begegnete man einander schließ­lich real und matchten nicht nur die Leute, sondern die Pheromone auch, ließ sich die unmittelbare Vereinigung in den Infomaten nahezu nicht mehr vermeiden; sie eben war auch angestrebt. Selbst wenn ihr das speziell Körperliche genommen wurde – physischer Austausch und physischer Kontakt -, ließ sich der Vorgang als neue sexuelle Befreiung begreifen. Immerhin war der Gebrauch von Kondomen schon lange vor der Geologischen Revision sozial verpflichtend gewesen, auch eine Spanische Wand zwischen den Körpern; man warf die in ihren länglich schlaffen Ballons wie kleine Hoden schaukelnden Flüssigkeiten ins Klo, anstelle sie sich in den Liebesakten einzuverleiben. Schärfer ist Getrenntheit symbolisch nicht zu fassen. Und hatte allen Grund. Auch so, notwendig-profanierend, war der Zukunft zugestrebt worden, die unterdessen Buenos Aires’ Gegenwart war.

Dennoch gab es Liebe, sogar mehrere Lieben zugleich, die sich dadurch legitimier­ten, daß nicht an körperliche Realisierung gedacht war. Bereits der verbale Kontakt affizierte nahezu jeden cerebralen Bereich, so daß bereits die alten Chats nicht wenig von den heutigen Infomaten gehabt hatten; das gegenwärtige Web sowieso. Man liebte, um es paradox auszudrücken, den Klang, den die geschriebene – unterdessen nur noch gedachte – Mitteilung des nicht selten fünf/sechshundert Kilometer entfern­ten Gesprächspartners hatte. Opfer hätte man für ihn gebracht. Und brachte sie bis­weilen. Es gab große Sehnsucht. Wer mit seinem Jürgen in Sevilla lebte, konnte sehr wohl mit Achim ein zweites, seelisch nicht minder intensives, vielleicht sogar inten­siveres Leben in Genua führen. Mit einem dritten, vielleicht noch einem vierten Mann im Freiburger Breisgau und Nomentana. Paradoxer-, gleichzeitig moderieren­derweise ließ sich so das traditionelle Konzept der Monogamie erhalten, das doch, zugleich, strikt allen Boden, außer eben diesem, verlor. Selbst brüchige Menschen fanden ihr inniges Auskommen nun, mochte auch Physis oder Geist zu geschwächt sein, um eine reale Partnerschaft zu ertragen.

Etwa war, ein Jahr vor ihrem Tod, Corinna Frieling mit Cord-Polor Kignčrs bekannt­geworden, der sich im Euroweb Wolfsgrau nannte und ihr eine Form von Lebens­kraft schenkte, ohne die sie ihre Krankheit möglicherweise weniger stolz ertragen hätte. Kignčrs, das sagte schon sein etwas mythischer Name, stammte aus dem tief­sten Osten, er war Söldner gewesen, ein Mann, der nicht viel fragte, wenn es zuzuhau­en galt. Aber das Innre voller Poesie, im Sturmgepäck stets Ungaretti dabei. Er konn­te viel reden, eine sich zuzeiten unabreißbar entladende Suada, die zwar auf ih­rem intellektuellen Recht nicht ohne triftige Gründe bestand, aber doch etwas so Ge­waltsames hatte, daß sich Gesprächspartner schnell wie ein gestelltes Wild vorka­men. Meist indes saß er in den Kampfpausen da, stumm, grollend irgendwie, entwe­der in seine Gedanken versenkt oder das Gedichtbändchen nah an den Augen; nicht selten murmelte er Verse mit:

Ma se mir guardi con pietà,
E mi parli, si diffonde una musica,
Dimentico che crucia la ferita.

Er war Freischärler der unteren Stufe gewesen, hatte niemals soldatisch Karriere im Blickfeld gehabt; deshalb war er nach dem Ostkrieg ausgemustert worden. Er hatte dem Osten für immer, dachte er, seinen Rücken gekehrt und verzehrte seinen kargen Ruhesold in Palermo. Aber fand keinen An­schluß in der Stadt, hauste in der Einzimmerwohnung mit dem Balkon vor sich hin, war insgesamt schroff, doch hing an schmalen Frauen. Er trank viel, das mochten die nicht. Da betrat er zum ersten Mal einen Chat, Wolfsgrau, das paßte, und da er so gut lesen konnte, verstand er es zu schreiben. Daß ihm, wo immer er war, der Tod so klein wie ein Wellensittich auf der rechten Schulter saß, war seines mächtigen Nackens wegen nicht gleich zu erkennen. Doch hatte er mit seinen beiden Ehefrauen einst, direkt nacheinander und jeweils bis ans Ende, eine so selbe tragische Er­fahrung gemacht, daß er sich, obwohl für sowas schon da zu alt, jedenfalls hätte ihn keiner gezogen, für Skamanders Sonderbrigaden hatte anwerben lassen. Da gehöre er, dachte er, hin. Sogar an zwei der Freischärler-Kommandos Brems war er beteiligt gewesen. – Su­sanne wie Maren waren tödlich erkrankt und beide elend gestorben.

Darum lag es an ihm, daß sich die Frieling und er niemals trafen, sondern eine Cy­ber-Affaire durchlebten, die zart wie unter Jugendlichen war und ganz so intensiv. Die Sehnsucht schäumte und schäumte. Kignčrs dachte, sähe er Corinna nicht, dann bekäm sie der Fluch nicht ins Auge. Die Frieling wiederum, der ihr nahes Ende schon anzusehen war, war gleichfalls froh darum; sie mochte sich nicht zeigen fast ohne Haar. Dennoch war sie jeden Tag stundenlang mit dem Mann. Es war das erste Mail seit Broglier und nach der kurzen Affaire mit Deters, daß sich diese lebenskluge Frau wieder derart auf jemanden einließ. Wahrscheinlich war Kignčrs ihre überhaupt beste Wahl. Sie mailten einander Bilder von sich, sie aus der Zeit vor dem Krebs, er aus einer, die ihn ganz saftig aussehen ließ, obwohl durchaus schon die massiven Spuren zu erkennen waren, die der Alkohol in sein Antlitz geätzt, ja hineingewühlt hatte. Doch die spezielle Hyperchondrie, die ihn quälte, seit er so galoppierend alterte, war seinem Wesen da noch fremd gewesen. Eigentlich war es auch keine, sondern eine Melancholie, die im Altern körperlich wurde.

Nun erlebte er einen dritten Frühling im Geist, und die Frieling konnte lieben, ohne sich aus chemotherapeutisch zugefügter Erschöpfung ständig vor dem Mann erbrechen zu müssen, und sie mußte ihm auch nicht die breite häßliche Narbe zeigen, die ihrer schönen, wunderschönen linken Brust Ort eingenommen hatte, direkt über dem Herzen. – Schwieg mit einem Mal. Er war ratlos. Rief bei ihr an, denn seit einem Jahr telefonierten sie bisweilen, auch wenn ihre Stimmen etwas anderes erzählten, als die geschriebenen Küsse sehnsuchtsvoll erwarten ließen.

Niemand nahm ab.

Er versuchte es, vergeblich, etwa eine Woche lang.

Er wäre nicht ein solcher Soldat gewesen, hätte er da sich nicht aufgemacht und wäre nach Rheinmain in die Wilhelm-Leuschner-Straße gefahren; ihre Adresse kannte er, denn er hatte ihr zweimal dahin Blumen geschickt. Nun schritt er – massiv, ein wenig hinkend wegen der alten Verwundung – ratlos auf die Nummer 13 zu, es war der 6. November. Unterm Arm hielt Kignčrs ein Päckchen mit dem teuren, nicht synthe­tischen Olivenöl, das er der Frieling besorgt. Er war ein guter Koch, ihr hatte das ge­fallen. Oft hatten sie, jeder an seinem Screen, imaginäre Gerichte zubereitet: Strac­cetti auf Rucola, Coniglio al rosmarino, auf Panacotta verstand er sich besonders.

Frielings Name stand auf dem Klingelschild, es gab hier nicht die sonst üblichen Pa­neele, in die ein Zahlencode zu tippen war.

Sie öffnete nicht.

Er klingelte woanders, klingelte an drei Türen insgesamt, bis ihm endlich eine distan­zierte und mißtrauische Person schroff bekanntgab, Frau Frieling sei vor wenigen Ta­gen von einem Krankenwagen abgeholt worden.

Kignčrs telefonierte herum, wurde ausfällig, brüllte, bis er das Krankenhaus endlich gefunden hatte und sogar vorgelassen worden war.. Ein bißchen Gewalt war nötig gewesen, ein Griff, der einem Pfleger, der dem Portier beispringen wollte, den rech­ten Arm zerbrach. Man schrie „Polizei!“, jemand drückte auf einen Alarmknopf. Doch hatten die Beamten, als sie eingetroffen waren, so viel menschliche Einfüh­lungskraft, daß sie den ausgehärteten Menschen ein wenig trauern ließen, bevor sie ihn verhafteten. Er setzte sich nicht zur Wehr, stapfte, die Lippen zusammengeknif­fen, den ganzen kahlen Gang entlang schwer durchs Spalier der Entrüstung, die Poli­zisten links und rechts. Zwei getrocknete, gleichsam staubige Tränenpfade führten über die narbige Haut seiner fleischighohen Wangenknochen zu breiten Nasenflan­ken. Als er sich auf den Rücksitz des Wagens setzte, der ihn zur Vernehmung fuhr, murmelte er, aber die Leute verstanden ihn nicht:

E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare.

Mit der Auflage, sich aus Palermo nicht zu entfernen, ließ man ihn einstweilen ge­hen; bis zur Eröffnung des Verfahrens blieb ihm noch Zeit für die Trauer. Mit Be­währung schließlich kam er davon und einem zu zahlenden Schmerzensgeld, das klein war gemessen an dem anderen, großen, das er in seiner Seele bezahlte:

Er stand vor der Zimmertür Nr. 26, wußte schon, was geschehen war, als er die Klin­ke hinunterdrückte und zugleich den vor Schmerz immer wieder aufschreienden, äch­zenden Pfleger wegstieß, den er mit sich schleppte, weil der nicht losließ. Kranken­schwestern und einige Patienten waren zusammengelaufen, standen in entsetzten, hyste­rischen Trauben. Besucher gab es außer ihm keine. Er stieß den klammernden Pfle­ger endlich weg. Kam durch die Tür. Aber verkantete sie nicht. Sondern, zart fast, schloß sie nur. Dann wandte er sich zu dem Bett.

Die Tote war noch nicht abgedeckt. Man sah Kabel und dünne Schläuche, auch der Tropf stand noch da. Die Apparatur bereits aber ausgeschaltet. Dennoch summte et­was, maschinell, vielleicht die Deckenlampe.

Kignčrs setzte Fuß vor Fuß. Blieb vorm Bett stehen. Beugte sich. Nahm Corinna Frie­lings noch nicht völlig erkaltete Hand, die linke, nahm sie in beide Tatzen. „Ver­zeihung“, sagte er, „Verzeihung, daß ich jetzt erst komme.“ Er sah sie an, sah das fei­ne Haar an, das ihr wie einem Säugling neu gewachsen, legte seinen Männerblick auf ihre Stirn, folgte ganz langsam den Erhebungen und Senken. „So also warst du. Du siehst ja, auch ich bin ganz anders. Doch schöner bist du, als deine Bilder sind.“ Als eine Träne auf ihr Kinn fiel, ließ er sie ihr. Kniete. Umfing die Frau mit dem Ober­körper, den Kopf, die Wange rechts, auf ihrer dürren Schulter. Weinte. Hörte nicht, daß die Tür geöffnet wurde, die Polizisten standen darin. Begriffen. Schlossen die Tür wieder und verharrten draußen, einige Minuten, Gardisten gleich, die Wache stehn. So schützten sie die Tür. „Noch nicht“, sagten sie zu den Leuten. Ein entrüste­ter Arzt drang auf sie ein. „So seien Sie doch barmherzig“, sagte der ältere Beamte. Der Arzt, die kleine Kohorte Studenten um sich: „Und wenn er flieht? Durchs Fens­ter?“ Darauf der jüngere Beamte: „Halten Sie endlich den Mund.“

„Darf ich bitte?“ fragte drinnen, indem er Abschied nahm, Kignčrs. Er stand wieder und zog vorsichtig einen Ring von Corinna Frielings rechter Hand, der war für seine Pranken viel zu fein. Er versuchte erst gar nicht, ihn drüberzustreifen, drückte ihn zwischen die drei hinteren Finger und den Ballen seiner Rechten. Mit deren Daumen und Zeigefinger und mit der anderen Hand nahm er das Laken vom Stuhl und zog es der Toten sorgsam bis über den Scheitel. Dann schritt er zur Tür, öffnete, sah die Po­lizisten an, nur sie, nicht den Pulk um sie herum, der ohnedies zurückwich. „Es tut uns leid“, sagte der ältere von beiden, „aber wir müssen…“ Er nickte. „Bitte“, sagte der ältere und wies vor sich nach links Richtung Fahrstuhl. Da stapfte, sich wendend, Kignčrs zweidrei Sekunden voraus, doch so gemächlich, daß die Polizisten schnell neben ihm waren. Die Leute, den Gang herauf, tuschelten.

Und in Točná rezitierte der Achäer:

„So wuchs des Peleus‘ Sohn auf, der Thetis opalnem Gelege
meeresgezeugter Schlupf Achill, der links immer lahmte,
fersenwund seit dem Bootsbruch; ein Splitterchen steckte noch lange
drin, das er selbst sich herausschnitt, blind fast, taub fast vor Schmerzen,
denen aber ein andrer Schmerz, der ihm schuppend im Rücken,
juckend festsaß, entgegenstand und von dem er nicht wußte,
was er war, noch was er war, selbst, der zu künden geschickte
Barde, voll der achäischen Lieder, um Vater zu werden,
Niams Vater, der rächenden Lamia, euch zu befreien.
Hätt ein Gott sie gezeugt, wer sicherte Göttern den Äther?
Niemand, selbst nicht er selbst, nur sie hörte Thetis, die Mutter,
aus sich rufen und alten Rechts Erneuerung fordern:
daß sie die Dichter inspiriere und lehre die Räte
Weisheit und Mut alle Männer der Lanze; in Tränen wie Taunaß
steige glitzernd herab sie, wiedergekehrt wie die Woge,
brüllend, wenn sie die Welt überflutet, von ihr gerufen!“

Das war nun nicht mehr gesprochen, das war gerufen. Ein raschelndes Schauern ging über die Hörer. Selbst Brem stellten sich auf beiden Armen die Härchen auf, selbst Goltz. Kurz warfen die Männer einander den Blick zu; der Ruf bekam etwas Flächi­ges. Durch den Osten ging, und wehte nach Westen davon, eine Bö, die, als sie die Dunckerstraße erreichte, schon ganz zerweht und wehe war: Nahezu sieben Jahre hatte sie gebraucht, um dort anzukommen, und bewirkte nun kaum mehr als eine weitere Bebung in dem Berg aus Wäsche vorm Ofen. Dennoch, das durfte nicht werden. Das dachte Brem. Man müsse dem Erissohn hier schon, in Točná, die Verse zerbrechen, am besten gleich den ganzen Mann. War fast schon im Sprung.

Beherrschte sich. Wartete ab. Er stand noch zu sehr in Goltzens seitlich von den Amazonen gesicher­tem Blick. Zumal schob Kali an Gelbes Messer heran, langsam, unabsichtlich, nur war ihr dieser Duft in die Nase geraten, der etwas Schänderhaftes hatte, auch wenn er nicht nach Astern roch. Von rechts wiederum näherte sich Thisea, ebenfalls und neu­erlich aufgescheucht die Kriegerin in ihr. Goltz hatte gar nichts anweisen müssen. Sein unentwegter Blick hatte völlig genügt.

Brem tat stur und rührte sich nicht. Er nahm die Blicke nicht auf, sah unverwandt zu dem Achäer hoch, der immer und immer, sich wieder mäßigend, weitersprach, von seinem offenen Hänger herab in die Menge ins bogenlampenbeleuchtete Dunkel der Schönhauser Allee, aus der Ferne waren Rufe von Tieren zu hören. Nur selten mal ein Auto, oder ein Motorrad röhrte stadtauswärts. Sowie ein Straßenköter jaulte im Kiez.

Ich ging zum Fenster, öffnete es, sah hinaus. Vierspurige Straße. Mitten darin er­streckte sich der Streifen einer dunklen Passage, Roosevelt Ave, über die sich die Hochstrecke der U-Bahn entlangzog, derart nachtstill bis nach Mitte, daß es gar nicht schwierig war, dahinten Točná zu wähnen und den kleinen Platz auch zu sehen, die mundoffnen stehenden Dörfler, vier Amazonen und verkleideten Goltz, sowie den Achäer, außer­dem Brem – und schon auch den niedergeschlagenen, wieder grantigen Kignčrs, tags, der aus der Wache trat und zur nächsten Station der Straßenbahn stapfte, weil er nicht wußte, was sonst tun. Wie mit dieser Traurigkeit umgehn und mit der Schuld?

Das war, was er fühlte. Ohne ihn, ohne ihre Bekanntschaft, würde Corinna Frieling immer noch leben. Sie hatte, sogar durchs Telefon, den Wellensittich singen hören, und er sie, anstelle sie vor ihm zu schützen, alleine gelassen, ja nicht einmal bemerkt, wie krank sie da schon gewesen war. Alle seine Frauen erkrankten, man wird diesen Sittich nicht los. Indessen sich Herbst, in Deters’ Arbeitswohnung, auf seinen Schreibtisch konzentrierte; den Laptop geöffnet, beschrieb er, wie ich noch fast eine halbe Stunde lang in die Nacht schaute und sich mir über den davonschreitenden Kignčrs ein wieder anderes Bild, das transparent war, deckte, in dem der Mann ganz ebenso erhalten blieb wie Erissohn und seine Hörer. Kamatipura sah ich und die an Tauen quer über die Straßen gehängten Käfige der Prostituierten. Pfiffe kamen aus den Häusern, um Freier anzulocken. Die Hitze, das Licht und der Schmutz.

Nebenan schlief leise mein Junge. Schlief auf dem Hochbett eines Berliner Kinder­zimmers in das Knattern einer Zuckerrohrpresse. Im Schneidersitz saßen die Regen­schirmflicker.

Belpuristände Ohrenputzer. Tardeo Chowk. Rechts führte über die Geleise, die man von hieraus nicht sah, der weite Betonbogen des langgezogenen Fly-Overs, je zu den Seiten die Händler, paar Gewürzbuden unten gleich rechts an der Ausfahrt, teils brei­teten die Menschen Tücher auf den schmalen, aufgesprungenen Gehsteigen aus, dar­auf kunstvoll getürmt Bohnen Möhren Tomaten Guaven. Es war so heiß, daß mir das Hemd am Rücken backte; gegen den Schweiß und die Sonne trug ich ein dünnes, im Nacken geknotetes Handtuch über dem Kopf. Lieben, tippte, ins aufgerissene Le­derpolster des alten englischen Stuhles gedrückt, Herbst, Leben. Merkte, daß etwas an ihm zog, daß er wieder unsichtbar wurde, die rechte Hand, ausgerechnet, fing da­mit an. Er stand auf, ging in die Küche, um in der Pavoni den Latte macchiato zu be­reiten, deshalb bemerkte er die nächste Regung im Wäscheberg nicht – und daß sich alles auf die folgende, eine vulkanische Phase dieser Erzählung vorbereitete, an der er selbst nicht mehr teilhaben würde, jedenfalls nicht direkt, weil das fragile Gebilde einer stabilierten Harmonie auf neuen Ausgleich drängte – aber imgrunde war das längst geschehen, das wußte Herbst in diesem Moment nur nicht mehr. Nämlich hatte auch Cordes es vergessen, als er in die Schönhauser Nacht sah, darin seine Fantasien spazierenführend. Nicht Niam nur war angerufen: es gab da, von durchaus kosmischer Natur, eine Archivdatei, worin abgelegt war, was die Welt vorübergehend nicht brauchte. Nicht nur eine, selbstverständlich. Tausende, dachte ich, Hunderttausende, Millionen Daten, die wie ein schlafender Virus warten, endlich aktiviert zu werden. Über die fundamentale Bedeutung, die Viren für die Evolution spielen, hat Luis Villareal einen mehr als erhellenden Aufsatz geschrieben. Moment, ich sehe einmal nach.

Herbst kam, während sich das Wasser in der Maschine erhitzte, aus der Küche zu­rück und fing an, die drei Zeitungstürme abzutragen, die hinter dem Schreibtisch, seitlich neben den Schallplattenreihen, hochgewachsen waren. Irgendwo mußte die Ausgabe sein. Ich sah ihn wühlen. Einer der Riesenstapel rutschte, glitt, ergoß sich drittels über die Dielen. Ah, dort! Die Zeitschrift war noch umgeschlagen und ge­knickt, genau an diesem Artikel gefalzt. Man dürfe nicht vergessen, das war unter­strichen, daß Viren mit den Organismen, die sie befielen, Informationen tauschten. Somit seien sie ein fester Bestandteil des genetischen Netzwerks. Die meisten, die wir kennten, fielen gar nicht auf, sondern überdauerten als harmlose Untermieter ganze Ären der Evolution. Von denen kam keine Krankheit. Andere nutzten den Replikationsapparat der lebenden Zelle nur, um sich zu vermehren. Das Interessante sei, wie sie der Immunabwehr entgingen. Faszinierend und lehrreich.

Die Pavoni zischte. Ich also in die Küche zurück. Derweil schob sich Cordes die calle dels Escudellers in den Blick. Es gibt Orte, die einem lebenslang gewärtig bleiben. Manchmal tauchen sie aus der Arbeit direkt wieder heraus, als würden sie rufen: Ich bin nicht vergessen! Tu gefälligst etwas mit mir!

Am Nebenhaus zum Eingang ins Boudoir klebte, auf der Wilhelm-Leuschner-Seite, ein Plakat: NIE WIEDER SCHMERZ! Darunter eine Informationsadresse des Familien- und Gesundheitsmi­nisteriums. Offenbar hatte Ungefugger ein weiteres Mal instinktiv rea­giert, nunmehr auf die konspirative Begegnung der beiden Kabinettsmitglieder mit Aissa, von der er doch so wenig wußte wie von Goltzens mit Deiameia. Dennoch war er in die Offensive gegangen. erbsHHEs gebe, las ich, praktisch keine bekannte Komponente des Immunsystems, die nicht von irgendeinem Virus manipuliert werde. Weichensteller, dachte ich. Meine Hand war, nachdem ich das Täßchen Espressos gestürzt hatte, wie­der sichtbar geworden. Auch in dem Wäscheberg, dachte Cordes, rührte sich nichts. Wiederum rief Herr von Zarczynski den Kollegen Fischer tatsächlich an. „Was schlagen Sie vor?“ „Man müßte die Vertrauensfrage stellen.“ „Das werden wir nicht durchbekommen.“ „Wenn wir die Sache aufdecken, schon.“ „Und wenn die Dokumente gefälscht sind? Wenn die Wölfin falschspielt?“ „Dann stehen zwei Ministerstellen zur Disposition.“ „Ungefugger wird gegen uns Ermittlungen einleiten.“ „Selbstverständlich.“ „Und Ihre Familie?“ „Und die Tausenden Familien in Stuttgart?“ „Sie haben recht. – Aber lassen Sie mich erst hinfahren. Ich will mir das persönlich ansehn. Außerdem werde ich die Dokumente mit den Instruktionen der Polizeibe­hörden und der Schutztruppen abgleichen lassen.“ „Gibt es dafür Leute Ihres Vertrauens?“ „Nein.“ „Ich spreche mit Goltz, während Sie vor Ort sind.“

Auf diese Weise kamen die Dokumente in Karol Beutlins Hände, der in seinen Ar­beitspausen immer noch darum bemüht war,

6

das kleine wandernde Icon des Goldenes Vlieses von seinem Bildschirm zu krie­gen.

Aus: Alban Nikolai Herbst, Argo.Anderswelt: Epischer Roman, Abteilung IV, Kap. 4 (Ende) auf 6 (Anfang).

Mit freundlicher Genehmigung © Elfenbein Verlag, Berlin 2013

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erstellt am 11.9.2013

Alban Nikolai Herbst
Argo. Anderswelt
Epischer Roman
Gebunden, 872 Seiten
ISBN 978-3-941184-24-4
Elfenbein Verlag, Berlin 2013

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Alban Nikolai Herbst liest aus seinem Roman, © Literaturtelefon Kiel