Alain Mabanckou spricht beim 2. Weltempfänger-Salon (www.litprom.de) mit dem Journalisten Ruthard Stäblein über seinen Roman „Zerbrochenes Glas“ Der deutsche Text wurde von Jochen Nix vorgetragen.

Alain Mabanckou, aufgewachsen in der Republik Kongo, hat beim 2. Weltempfänger-Salon von litprom mit dem Journalisten Ruthard Stäblein über seinen Roman „Zerbrochenes Glas“ und sozialpolitische Wurzeln seines Schreibens gesprochen.

Kurzporträt

Alain Mabanckou – Alles für die Sture Schnecke

Es gibt das geflügelte Wort: Wenn in Afrika ein Greis stirbt, verbrennt eine Bibliothek. Der Erzähler von Alain Mabanckou macht sich über solche bonmots lustig. Sie enthalten einen verkappten Kolonialismus. Die armen „Neger” können nur mündlich erzählen, lautet die hochmütige Botschaft. Mabanckous Erzähler ist selbstbewusster. Er durchschaut, dekonstruiert solche Mythen und erfindet seine eigenen. Sie kulminieren in dem Witz: Wenn eine Bar in Kinshasa schließt, verschwinden mit den Säufern und Kunden der Geist und die Geister, der esprit des Landes.

Der Wirt in der Bar mit dem sprechenden Namen „Angeschrieben wird nicht“ bevorzugt die schriftliche Form, als hätte er heimlich Jacques Derrida gelesen, der die mündliche Offenbarung dekonstruiert – der Wahrheit durch Diotima in Platons Dialog „Das Gastmahl“ oder in der Bibel: „Am Anfang war das Wort“, also das gesprochene, von Gott geoffenbarte Wort – als Merkmal der eurozentrischen Weltanschauung kennzeichnet. Nur wer Spuren hinterlässt und diese Spuren lesen kann, wird sich befreien können von den Altlasten der abendländischen Unterdrückung, der Bevormundung durch den Westen. Alles Mündliche dagegen ist nur „Schall und Rauch, Wildkatzenpipi“.

Wer schreibt, der bleibt, könnte so das Motto des Kongo-Wirtes „Sture Schnecke“ lauten, der einen Gast beauftragt, alles aufzuschreiben, was so an der Bar erzählt wird, was da in der Kneipe passiert.

Alain Mabanckou ist 1966 in Pointe Noire an der Atlantikküste der Republik Kongo geboren. Er verließ Ende der achtziger Jahre den Kongo, um mithilfe eines Stipendiums sein Jurastudium in Paris fort zu setzen. Er arbeitete fast 10 Jahre lang für einen französischen Wirtschaftskonzern als juristischer Berater. In dieser Zeit publizierte er zwei Lyrikbände und einen ersten Roman. Und erhielt sogleich den „Grand prix de l´Afrique noire“, Es folgten die Romane, „African Psycho“, „Black Bazar“ und „Ver casse“, der jetzt auf Deutsch mit dem Titel „Zerbrochenes Glas“ erschienen ist. Für seinen Roman „Stachelschweins Memoiren“ – mémoires de porc-épic“ erhält er 2006 den renommierten prix Renaudot. Und letztes Jahr wurde er für sein Gesamtwerk mit dem „Grand prix de littérature“ von der altehrwürdigen académie francaise ausgezeichnet. Aktuell pendelt er zwischen Paris und Los Angeles, wo er französische Literatur unterrichtet.

Auch sein jüngstes Werk, „Zerbrochenes Glas“, kann auch in den deutschen Übersetzungen – hier durch Holger Fock und Sabine Müller – durch amüsante und groteske Einfälle überzeugen. Vor nichts, vor gar nichts, haben die Besucher von „Angeschrieben wird nicht“ Respekt, weder vor der Kirche noch vor den afrikanischen Politikern, noch vor den edlen Einrichtungen der französischen Eliteuniversitäten, die der Autor Mabanckou, Ironie der Geschichte, selbst besucht hat. Sonst könnte er sie nicht so genau aufs Korn nehmen. Alles, was in dieser Bar „Angeschrieben wird nicht“ passiert, wird aufgeschrieben – auch das ist eine Ironie der Geschichte – von einem Erzähler mit Namen „Zerbrochenes Glas“. Vor lauter Aufschreiben kommt „Zerbrochenes Glas“ nicht zu seiner eigenen Geschichte.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 10.9.2013

Alain Mabanckou. Foto: Wolfgang Becker

Alain Mabanckou
Zerbrochenes Glas
Roman, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Gebunden, 224 Seiten
ISBN: 978-3-95438-006-0
Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2013

Buch bestellen