Die sensible Wahrnehmung von künstlich geschaffenen Naturräumen versus ursprüngliche Natur steht im Mittelpunkt des Werkes von Romana Menze-Kuhn. Mit Installationen im öffentlichen Raum wurde die Künstlerin bekannt. Geprägt ist ihr Werk durch Arrangements von verschiedenen künstlerischen Medien zu ästhetischen, inhaltlichen und kritischen Arbeiten. Diese balancieren zwischen Raum und Raummalerei, zwischen Fertigem und Prozesshaften, wobei ihr Schwerpunkt auf der Malerei liegt.

gespräch

Mein künstlerischer Prozess beginnt bei der Wahrnehmung

Romana Menze-Kuhn im Gespräch mit der Kunsthistorikerin Petra Skiba und der Galeristin Christine Rother anlässlich ihrer Ausstellung NATURÄUME in der Wiesbadener Galerie Christine Rother.

Petra Skiba: Warum genau beschäftigst Du Dich mit dem Thema NATUR? Gab es eine Initialzündung und was ist es, was Dich immer wieder veranlasst, dieses Thema zu bearbeiten?

Romana Menze-Kuhn: In der Natur fühle ich mich wohl, spüre mich selbst am ganzen Körper, sehe immer Neues. Sie ist für mich der Ideengeber meiner Kunst. Ich brauche nur in den Garten zu gehen und auf einen Quadratzentimeter Fläche schauen, dann sehe ich den großen Farben-Formen-Ideenreichtum. Ich untersuche Spuren menschlicher Eingriffe in dem Landschaftsraum und beschäftige mich mit dem Bedeutungswandel dieser Orte. Hier im Rhein-Main-Gebiet, in dem ich lebe, wird ständig die Landschaft beschnitten, der Landschaftsraum wird immer enger. Das Grün nimmt ab, die Natur wird vertrieben. Jedoch die Sehnsucht des Menschen nach Natur bleibt. Einerseits zerstört er sie, andererseits schafft er sich wieder Idyllen, möchte es wieder gutmachen.

Petra Skiba: Wann hast Du angefangen, den jeweiligen Raum in Dein Werk einzubeziehen? Und wie begegnest Du einem Raum, den Du gestalten wirst. Erlebst Du den Raum eher emotional oder intellektuell?

Romana Menze-Kuhn: Seit 1996 beschäftige ich mich mit Räumen, Landschaftsräumen, Gesellschaftsräumen. Meine erste ortsbezogene Installation im öffentlichen Raum war 1996 in meinem Wohnort Eschborn mit dem Titel „Nahstelle Westerbach“. 2000 entstand die begehbare Skulptur „Nahtstelle Müll-Fenster zur Deponie“ an der Mülldeponie in Flörsheim innerhalb des Regionalparks RheinMain. Sie zeigt die Erdschichten der dortigen Landschaft im Dialog mit den Schichten des Müllberges verbunden mit einer „Wundnaht“.

2002 bespielte ich ein Feld in Bezug zur Mülldeponie, weiter räumte ich 2008 eine Kirche um und thematisierte den Wandel der Gesellschaft.

Zunächst einmal erlebe ich den Raum mit meinem ganzen Körper sinnlich, emotional. Ich schreite ihn langsam ab, erfühle ihn, lasse Erinnerungsgedanken aufkommen und führe einen Dialog mit den Geschichten des neuen Ortes.

Petra Skiba: Mit jeder Variation einer Installation gehst Du behutsam auf den jeweiligen Ort ein, denn Du beschäftigst Dich ja mit der Veränderung der Orte. Welche Rolle spielt die Erinnerung in Deinem Werk?

Romana Menze-Kuhn: Jeder Ort hat seine Geschichte, und ich habe meine Geschichten. Mich interessieren neue Orte, ich beschäftige mich mit ihnen und führe ein Dialog mit ihnen. Welche Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen habe ich an diesem Ort? …Damit spiele ich. In meiner letzten Ausstellung „Naturaum“ in der Galerie der Trinkkuranlage in Bad Nauheim konzipierte ich zwei Rauminstallationen, die sich sowohl architektonisch als auch inhaltlich auf den Ort beziehen.

Petra Skiba: Hast Du sofort eine Vorstellung von dem zu verwendenden Medium und von dem Material? Und welche Bedeutung hat das Material in Deiner Kunst? Du sprichst einerseits von „reichem“ Materialien wie Öl/Acryl und Stahl und andererseits von Materialien des „Alltags“.

Romana Menze-Kuhn: Ja, … meist habe ich bei der Begegnung eines neuen Ortes spontane Ideen und benutze gerne dort vorgefundene Materialien und füge aus meinem Fundus etwas hinzu. Das Material ist mir sehr wichtig, das Haptische, Sinnliche, das Erleben mit dem ganzen Körper. Ich verwende „reiche“ Materialien wie Öl, Acryl und Stahl, die ich je nach Thematik mit Materialien des „Alltags“ (z. B. Petrischalen, Bau-Netzen) kombiniere und somit aufwerte. Ich gestalte diese, bezeichne sie, forme sie wie Malerei im Raum. Die Inszenierung der Dinge, – Inhalte und Form – soll assoziativ gesehen werden. Die Oberflächen der Materialien sind vergleichbar mit den Oberflächen der Malerei im Bild. Ich arbeite mit Kontrasten zwischen organischen Formen und geometrischen Strukturen, zwischen klar geordneten und sich im Prozess befindenden Oberflächen. Ich suche nach einer Malerei im Raum, zwischen Skulptur und Malerei. Die Inszenierung ist ein Raum, der sich malt und zeichnet, in dem der Betrachter steht und selbst sich seine Gedanken machen kann.

Christine Rother: Hier in der Ausstellung, die Naturräume im Allgemeinen und solche von China und Mexiko zeigt, liegt der Schwerpunkt auf der Malerei. Was ist Dir wichtig dabei?

Romana Menze-Kuhn: In meiner letzten Ausstellung in Bad Nauheim „Naturaum“ habe ich sehr viele künstlerische Möglichkeiten ergriffen. Hier reduziere ich bewusst und stelle die Malerei in den Mittelpunkt. Mein künstlerischer Prozess beginnt bei der Wahrnehmung. Die Wahrnehmung von Gesehenem und die Umsetzung eines gewohnten Abbildes der Realität hinterfrage ich in meinem künstlerischen Werk. Ich setze mich mit besonderem Interesse der Eigenwertigkeit von Farbe und deren Wirkung auseinander. Die differenzierte Oberflächenstruktur der fließend aufgetragenen Farbe steht im Dialog mit kompakt aufgetragener Farbe. Ich reflektiere die Farbe als Materie der Malerei.

Seit 2009 unterscheide ich mehr zwischen Figur und Grund, wobei ich mit Weiß über die Farbe gehe, also Farbigkeit wegnehme.

Das Fließen der Tusche bekommt einen großen Stellenwert sowie der Einsatz von breiten Pinseln zum Auftragen dicker Farbmaterie. Ich untersuche die sinnliche und emotionale Qualität von Farbe auf ihre lebendigen Ausdrucksmöglichkeiten, ohne die Abstraktion zu verlassen. Seit 2010 setze ich die Fotografie als weiteres Bildelement ein. Die realistische Darstellung stellt einen Dialog mit dem Ungegenständlichen her, wobei die Fotografie sich im Malerischen verliert.

Christine Rother: Ist es nur der Globalisierungsgedanke, der Dich nach Mexiko und China geführt hat, oder verbindet Dich noch etwas anderes mit diesen beiden Ländern?

Romana Menze-Kuhn: Ich reise gerne und hole mir Inspiration in Ländern, die sich von unserer Kultur stark unterscheiden. Auf meinen letzten Reisen nach China und Mexiko interessierte mich der dortige Naturraum. Wie wird er vom Menschen verändert, was geschieht daraus und wie geht der Mensch damit um. Meine Gedanken hier im Alltag, auf den Wegen, die ich jeden Tag gehe, begleiten mich dabei. Mir geht es um das Erforschen der Unterschiedlichkeit und gleichzeitig auch um das Gemeinsame im Unterschiedlichen. Darum geht es auch auf der 55. Biennale in Venedig durch das Tauschen des deutschen und französischen Länderpavillons.

Petra Skiba: Wie wünschst Du Dir den Betrachter einzubinden? Geht es Dir um die reine Wahrnehmung der Bilder/Installationen, um ein Gefühl für Farbe, Formen und Kompositionen zu entwickeln? Erhoffst du, die Perspektive der Betrachter anzusprechen und zu verändern?

Romana Menze-Kuhn: Zum einen geht es mir um die Sensibilisierung der Wahrnehmung, dem emotionalen Nachempfinden und zum anderen um einen Dialog mit dem Betrachter über das Medium Kunst. Indem ich mit meinen künstlerischen Mitteln ein Nachdenken über die Natur und unsere Umwelt anrege, trete ich in Kommunikation mit dem Betrachter.

Kommentare


Nadja El-hagge - ( 16-09-2013 07:14:19 )
Liebe Romana,
Wirklich ein tolles Interview und gut auf den Punkt gebracht. Weiter so!!!!!!! Alles Liebe nadjQuery

Kommentar eintragen









erstellt am 08.9.2013

Romana Menze-Kuhn: „fließend“ Installationsansicht Galerie der Trinkkuranlage in Bad Nauheim, 2013

ausstellung

Romana Menze-Kuhn „NATURÄUME“
Bis 24.10.2013

Galerie Rother
Adelheidstraße 13
Wiesbaden

Romana Menze-Kuhn: „transgen oder der verlorenen Duft der Rose 5“ Installationsansicht Galerie der Trinkkuranlage in Bad Nauheim, 2013

Romana Menze-Kuhn: „Nahtstelle Müll – Fenster zur Deponie“, Großskulptur an der Deponie Flörsheim/Wicker, 2000

Romana Menze-Kuhn: Installation „new landscapes“ 2002

vita

Romana Menze-Kuhn

1957 geboren in Würzburg, lebt in Eschborn / Frankfurt am Main

1977-1988 Staatlich anerkannte Physiotherapeutin, Ausbildung Tanz und Pantomime in Frankfurt, Performance Centre in New York bei L. Fernandez und K. Emsig, ClownTheatre NY

1988-1996 Lehrgänge im Berufsverband Bildender Künstler, Atelier Pohle-Stiehl, Kronberger Malschule, Städelschule Frankfurt bei M. Siegel

Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler

Internationale Ausstellungstätigkeit u.a. China, Norwegen, Canada, Polen , Tschechien, Paris, Luxembourg, Haiti, São Paulo, Mexiko

Lehrtätigkeit seit 2003, Performances; Diverse Preise und Auszeichnungen

www.romanamenzekuhn.de

Romana Menze-Kuhn