Frühe Aufnahmen des renommierten Jazzgitarristen Volker Kriegel aus dem Archiv des SWR sind nun als Doppel-CD erschienen. Auch vom Modern Jazz Quartet fanden sich im SWR-Fundus Live- und Studioaufnahmen.

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Sitting On My Knees

Von Thomas Rothschild

Er gehörte zu den deutschen Jazzmusikern von internationalem Format: der Gitarrist Volker Kriegel. In der Reihe des Jazzhaus-Labels, das nach und nach Aufzeichnungen aus dem Archiv des Südwestrundfunks auf CDs zugänglich macht, ist nun eine Doppel-CD mit frühen Aufnahmen Kriegels aus den Jahren 1963-1969 erschienen.

Zugegeben: die ersten Mitschnitte des damals Neunzehnjährigen, der vor einem Jahrzehnt im Alter von nur sechzig Jahren an Krebs gestorben ist, klingen noch recht schlicht und epigonal. Aber schon hier erkennt man den typischen Schönklang, den Kriegel den Saiten stets entlockt hat und der geradezu nach dem Vibraphon als Ergänzung schreit – Melodie bedeutete ihm stets mehr als Expression, die in jener Zeit, zumal im Rock, dominierte –, und sein ausgeprägtes Feeling für Swing. Wenn man dann aber seine Version von Lennon/McCartneys „Norwegian Wood“, seine eigene Komposition „Somewhat, Somewhere, Somehow“, „I'm On My Way“ von seinem Kollegen am Bass Hans Rettenbacher oder Frank Zappas „Mother People“ anhört, wird einem bewusst, welch eine Entwicklung dieser Musiker in nur fünf Jahren hinter sich gelegt hat.

Volker Kriegel, übrigens obendrein ein anerkannter Grafiker, war nicht nur ein begnadeter, wenn auch stets bescheidener, fast unauffälliger Solist auf seinem Instrument, er hat zudem einige der schönsten Themen erfunden, die großenteils den Geist des damals aktuellen Jazzrock tragen und durchaus den Vergleich mit Joe Zawinul, Nat Adderley oder auch Ramsey Lewis zulassen. „Sitting On My Knees“ hatte das Zeug zu einem Hit in sich, und Wolfgang Dauners United Jazz + Rock Ensemble hat von Kriegels kompositorischem Talent ein paar Jahre später gründlich profitiert.

Das erste Stück der Doppel-CD ist „Django“ von John Lewis, der wahrscheinlich bekannteste und am häufigsten gecoverte Titel des Modern Jazz Quartet. Auch von diesem Starensemble der Jazzgeschichte fanden sich „Lost Tapes“ in den Archiven des zum SWR fusionierten SDR und SWF. Nun gibt es vom MJQ zahllose LPs und CDs, und da das Quartett immer wieder auf sein Repertoire zurückgriff und die Unterschiede zwischen den einzelnen Aufnahmen ihrer berühmten Titel relativ gering sind, gibt es keinen unmittelbaren Bedarf für diese Produktion. Sie dient eher der Vollständigkeit der Dokumentation als der musikalischen Bereicherung. Die teils live, teils im Studio eingespielten Aufnahmen stammen aus den Jahren 1956-1958. Kurz davor hatte Connie Kay Kenny Clarke am Schlagzeug ersetzt. Die CD enthält auch einen Titel mit dem Harald Bantner Ensemble und zwei Stücke mit dem Orchester von Kurt Edelhagen, und das ist nicht unbedingt ein Gewinn. Die Bläsersätze, die sich in die tendenziell introvertierte, an der klassischen Kammermusik orientierte Spielweise des Quartetts mischen, stören eher als dass sie etwas hinzufügten, und man hat den Eindruck, dass John Lewis, Milt Jackson, Percy Heath und Connie Kay sie schlichtweg nicht beachten. Das war wohl ein Einfall des SWR, der damals noch SWF hieß. Dem Geist des MJQ entspricht es nicht.

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erstellt am 07.9.2013

Volker Kriegel
Lost Tapes – Mainz 1963-1969
Jazzhaus 101 726 (2 CD)

Modern Jazz Quartet
Lost Tapes – Germany 1956-1958
Jazzhaus 101 731