Preisträger mit Jurymitgliedern

Preisträger mit Laudator und Jurymitgliedern (v.l. Harry Oberländer, Almut Gehebe-Gernhardt, Paulus Böhmer, Ricarda Junge, Christoph Schröder, Eva Demski, Karl-Heinz Götze), Foto: Wolfgang Becker

Der Robert-Gernhardt-Preis gehört zu den wenigen Preisen, die für Unfertiges vergeben werden, damit es die Möglichkeit erhält, fertig zu werden. Am 5. September 2013 ist dieser Preis zum fünften Mal verliehen worden. Der Autor und Literaturkritiker Christoph Schröder verrät in seiner Laudatio, wie und warum diesmal Ricarda Junge und Paulus Böhmer bedacht wurden.

Christoph Schröder am Pult vor einem Foto von Robert Gernhardt
Christoph Schröder am Pult vor einem Foto von Robert Gernhardt, Foto: W. Becker
Robert-Gernhardt-Preis 2013 – Laudatio auf die Preisträger

Paulus Böhmer und Ricarda Junge

Von Christoph Schröder

Sehr geehrte Almut Gehebe-Gernhardt,
liebe Ricarda Junge, lieber Paulus Böhmer,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Heinz Erhardt hat häufiger auf der Bühne von jener schicksalhaften Begegnung erzählt, die ihn zu dem gemacht hat, was er war und die ich in Kurzform wiedergeben möchte. Im Jahr „Schalke 09“, seinem Geburtsjahr, lag er allein in der kalten Wohnung herum, sowohl die Eltern als auch der Ofen waren ausgegangen, als sich plötzlich die Wand öffnete, obwohl es sich nicht um einen Neubau handelte, und eine Fee den Raum betrat. Sie tätschelte dem kleinen Heinz den Bauch und fragte ihn: „Na mein Kleiner, was willst du denn mal werden?“ Und Heinz dachte in dieser unbequemen Situation an seine etwas feuchten Windeln und sagte: „Liebe Tante, ich möchte gerne Dichter werden.“ (Bei Heinz Erhardt hat es auch immer ein paar Sekunden gedauert, bis die Pointe gezündet hat: Video hier

Noch ein Anlauf: Die letzte Tagung der legendären Gruppe 47 in der Pulvermühle im oberfränkischen Waischenfeld stand unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass es Konflikte nach innen gab; hinzu kam, dass eine Gruppe von dem SDS nahe stehenden Studenten aus Erlangen sich vor dem abgeschiedenen Tagungsort versammelte, um die vermeintliche Weltabgewandtheit und Selbstbezogenheit der Mitglieder der Gruppe 47 zu kritisieren. Die Studenten waren wütend. Wenige Monate zuvor war Benno Ohnesorg erschossen worden. Was also skandierten sie als schlimmstmögliche Beleidigung gegenüber den Schriftstellern? Sie riefen „Dichter, Dichter!“ Das saß.

Der allerletzte Vorwurf, den man dem diesjährigen Robert-Gernhardt-Preisträger Paulus Böhmer machen könnte, wäre den der Weltabgewandtheit. So viel Welt wie bei ihm findet man selten im Gedicht, aber dazu gleich mehr. Und Paulus Böhmer, geboren 1936, gehört ja sogar rein nominell gerade noch so zu jener Generation, die sich die politische Veränderung der deutschen Nachkriegsrepublik zum Ziel gesetzt hatte. Und doch ist Paulus Böhmer ohne wenn und aber und in voller Konsequenz: ein Dichter. Und was für einer. Die Wiederauferstehung des Dichters aus den Trümmern von Kahlschlag und Gebrauchslyrik. Und was einen Dichter in erster Linie ausmacht, ist seine vollkommene Freiheit.

Böhmer schert sich nicht um Moden, um die Einflüsterungen des Zeitgeistes, um ästhetische Konventionen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass sein Werk frei wäre von Einflüssen aller Art. Sie sind oft und zurecht immer wieder genannt worden, die großen amerikanischen Langdichter, Walt Whitman am Anfang einer Kette, an deren Ende Allen Ginsberg steht, die Beat-Poeten, Brinkmann, die Musik, doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass man einen Schriftsteller, einen Dichter auch umstellen kann mit Referenzgrößen; so lange, bis man ihn selbst nicht mehr oder nur noch aus der Ferne zu erkennen vermag.

Also versuche ich, konkret zu werden: Der Robert-Gernhardt-Preis ist ein projektbezogener Preis, Paulus Böhmer wird für ein Projekt ausgezeichnet, das den Arbeitstitel trägt

„Zum Wasser will
alles
Wasser will weg“

Ein einziges, zusammenhängendes Langgedicht, wie es heißt, in das die fiktive Lebensgeschichte eines Menschen in den drei Lebensphasen Kindheit/Jugend, Erwachsenwerden und Erwachsensein und Alt werden und alt sein eingearbeitet sein soll. Das mag so sein. Aber ich hoffe, der Preisträger nimmt es mir nicht allzu übel, wenn ich sage: Im Grunde genommen schreibt Paulus Böhmer, wie so mancher großer Dichter, nur an einem einzigen langen Text, und dieser Text ist das Leben und die ganze Welt, eine Geschichte der ganzen Welt, in allem, was sie ist; in allem, wie sie sich dem sprechenden Ich darstellt. Und trotzdem ist das titelgebende Element, das Wasser, möglicherweise eine der zentralen Triebkräfte in Paulus Böhmers Werk. Wasser kann sprudeln und mitreißen, es kann überwältigen und ja, auch tödlich sein, lebensrettend aber auch zugleich lebensbestimmend. Es kann in vielen Bahnen nebeneinander herlaufen, mäandern und wieder zusammenfließen, es hat Fallhöhe und Tiefe, Wucht und Eleganz. Und all das trifft auch auf die Lyrik von Paulus Böhmer zu.

In einem 1997 veröffentlichten Band mit dem Titel „Die Ohm“ steht die Zeile „Die Seel ist wie Wasser“, und dazu muss man wissen, dass die Ohm ein Fluss ist, wir in Hessen wissen das, und dass dieser Fluss nicht weit entfernt fließt von jenem mittelhessischen Dorf, in dem Paulus Böhmer mehrere Jahre lang gewohnt hat, Nieder-Ofleiden, südlich von Kirchhain und östlich von Marburg. Nun also, unter der Prämisse, dass Böhmer seine Texte sieben-, acht- neunmal überarbeitet, sie also nicht bloß affektive Produkte, sondern genau gebaute Rhizome sind, ein kurzer Auszug aus „Zum Wasser will alles Wasser will weg“, allein schon, weil man das einmal gehört haben muss:

„Als ich noch Kind war,
eine unstete Erscheinung der Blenden, der Augenglaukome,
ein Wasserkopf, schmalbrüstig, puppig,
in tiefer Ofleidener-Nacht,
rückten nach Einbruch der Dunkelheit die großen Bäume auf mich zu
und schlugen über mir zusammen, lagen unter Stroh und Wolle
die Körper der Alten und ich konnte nicht glauben, daß einmal
irgendjemand ihre Seelen stürmisch und ungetüm
in Empfang nehmen würde,
durchstreiften Katzen die Wildnis, ballte sich
in Sielhäuten aus Fett und Fäkalien
ein Anderes meiner Selbst,
eine ungeheuerliche Masse.

Vom Spiel der Hände, die wie Insekten aufflogen, sich abrupt
Wieder niederließen, ging ein Grauen, eine Besessenheit aus,
eine vage, unsagbare Angst,
als ich noch ein Kind war und träumte,
daß ich noch ein Kind war und daß eine Frau,
die neben dem Bett stand und die ich nicht kannte,
wieder und wieder hinausging, um den Hund zu beruhigen, jedesmal
mit einer neuen Bißwunde zurückkam.
Im Keller, in den Kaninchenställen, hinter den Briketts,
hielt der Vater sich nach dem Krieg versteckt, manchmal
schlich er sich hinaus und hörte Schallplatten im nahen
Basaltbruch. Vollkommen lautlos, vollgesogen
Mit Schamgries, dem Schammes, dem Suddel, dem Jauche-Tief
Der belgischen Riesen überstand er die Patrouillen
Der Amis. Zur Mitternacht weinte die Mutter.
Engel erhoben sich, flogen schwer, schwer mit Bomben beladen,
über die Oberfläche des Wassers davon – aus welchem Davor?“

In diesem bloßen Anheben, in diesem Atemholen zu einem längeren, sich weitenden Gebilde, sind die Motive und Bildwelten angelegt, die sich, davon bin ich überzeugt, ausweiten werden zu einem großen Gesang, der auch dazu angetan ist, uns Angst zu machen, so wie auch ich, warum sollte ich das nicht zugeben, nur furchtsam und tastend über Paulus Böhmers Schreiben zu sprechen wage, denn seine Gedichte scheren sich um nichts, auch nicht um mich. Das macht Angst, denn wir sind es gewohnt, Gedichte anders zu lesen oder andere Gedichte zu lesen. Selbstverständlich muss das Werk Paulus Böhmers einem Menschen Angst machen, zu dessen Hausgöttern ein Gottfried Benn gehört mit seinen statischen Gedichten und deren sich selbst immer wieder umgrenzenden Ich.

Die deutsche Tradition ist auf Knappheit festgelegt, auf Reduktion, Böhmer dagegen auf Opulenz und Entgrenzung. Wie bedrohlich, maßlos und mitreißend sie doch ist, die überbordende Virtuosität Böhmers, wie sie in seinem Hauptwerk, dem „Kaddish“-Zyklus zu bewundern ist. Böhmer erzählt uns keine Geschichten, er erfasst die Welt in ihrer Totalität. Gleichberechtigt steht alles nebeneinander, Wahrnehmungen und literarische Versatzstücke, Historisches und Gegenwärtiges, Augenblickhaftes und Monumentales. Unendlich ließe sich die Kette dieser Gegensätze fortsetzen: profan und heilig, hässlich und schön.

Doch Moment. Was heißt schön? Ist schön eine literarisch-ästhetische Kategorie? Es gibt einen nicht unwichtigen deutschen Literaturkritiker. Dessen Texte lese ich nicht mehr, denn wann immer er ein Buch loben will und ihm die Worte dazu fehlen, findet er es „schön“ oder auch „schön geschrieben“, als sei das das gleiche. Und jetzt stehe ich hier und sage: Paulus Böhmers Verse sind wunderschön. Sie sind überwältigend schön; sie wollen uns überwältigen und sollen und dürfen das auch. Nichts an Böhmer raunt; wir kennen das, wovon er spricht, aber nicht, wie er davon spricht. Unablässig rotieren die Begriffe und Metaphern, verschieben sich die Bedeutungsebenen in ihrem jeweiligen Konkretionsgehalt. Böhmers Verse, und das mag das zunächst grundsätzlich Irritierende sein, haben keine Geborgenheitspunkte, keine Fluchtinseln, auf denen man sich ausruhen kann.

Das Ich, das hier spricht, ist selbst Materie und Material, kein Zentrum, sondern ebenfalls virtuell, im Fluss; nicht Autorität, sondern mitgerissenes Treibgut im Strom der Empfindungen, Beobachtungen, Erfahrungen, Wirklichkeiten, Sprachebenen. Die Welt in ihrer Totalität, wenn sie denn benannt, beschrieben und mit Sinn gefüllt werden soll, wenn sie also in dem, was sie ist, erkannt werden soll, braucht eine Form. Und wie jeder Dichter, wie jeder Schriftsteller von Rang, gibt auch Paulus Böhmer der Welt eine Form, einen Tonfall vor, der nicht mehr abzustreifen ist. Böhmers Gedichte sind Weltprägungen im Bewusstsein ihrer Leser. Böhmer dichtet nicht sein Leben, er dichtet um sein Leben; er schreibt den Tod und überschreibt ihn zugleich; er setzt sein eigenes Zeitmaß gegen das offiziell anerkannte und gültige. Das ist in sich vollkommen schlüssig, und ich bin überzeugt davon, dass es nicht nötig ist, alles davon im Detail zu verstehen, wenn man allein das erst einmal verstanden hat.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben zwei Robert-Gernhardt-Preisträger, aber ich bin nicht der Sportmoderator Gerhard Delling und muss deswegen auch nicht jeden meiner Sätze in einen zwanghaften Sinnbezug zum voran gegangenen setzen. Dabei wäre das in diesem Fall ganz einfach, denn Paulus Böhmer und Ricarda Junge, die zweite Gernhardt-Preisträgerin, sind auf eine wundersame Weise miteinander verbunden; viele von Ihnen werden das wissen; der Rest muss noch ein wenig warten.

Ricarda Junge ist ein leider nicht mehr allzu seltener, aber für uns dennoch tragischer Fall. Wir Hessen haben sie an die Hauptstadt verloren, an die Bundeshauptstadt. Das schmerzt, aber wir geben nicht auf, und vielleicht ist es ja doch kein ewiger Zustand. Geboren wurde Ricarda Junge in Wiesbaden, dort ist sie auch aufgewachsen, studiert hat sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Den Preis bekommt sie für den Beginn ihres neuen Romanprojekts „Die letzten warmen Tage“, und wir müssen jetzt nicht über unwichtige tatsächliche biografische Parallelen spekulieren, wenn ich sage, dass die Ich-Erzählerin des Romans eine in Berlin lebende Schriftstellerin ist, die mit ihrem neuen Roman nicht so recht weiterkommt und in einer Kneipe einen Mann kennen lernt, der sich wochenweise ein Appartement gemietet hat, um nur so lange bleiben zu müssen, wie es ihm gefällt.

Die beiden schlafen miteinander, und danach liegen sie beisammen im Gästeappartement, und sie sagt: „Du musst wissen, dass ich ein Flüchtlingskind bin.“ Er missversteht das, denkt, sie wolle gleich schon wieder gehen, doch sie präzisiert: „Ich meinte, dass meine Mutter ein Flüchtling ist.“, und er sagt: „Eine Zigarette danach verstehe ich. Aber wenn die Mutter gleich nach dem Sex im Bett auftaucht, stimmt etwas nicht.“ Das ist gut. Und: Der Mann hat Recht. Es stimmt einiges nicht, und die junge Frau hebt an, von sich zu erzählen, fängt an, ihr Leben zu erzählen und ihre Kindheit.

Ihr Aufwachsen in einem bürgerlichen Milieu, Wiesbaden-Sonnenberg, da wohnt man gut, mit Einfamilienhaus und Doppelgarage und Rhododendronbusch vor der Tür, in dem die Erzählerin und ihr Bruder sich ihre Höhlen bauen. Wir erfahren gleich zu Beginn, dass die Frau zum Zeitpunkt der Erinnerung an diese Nacht, etwa ein Jahr später, ein Kind haben wird, und das ist eine komplizierte Fügung. Die Kunst von Ricarda Junges Erzählen ist seine Doppelbödigkeit. Sie kann in einer durchlässigen Sprache und aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die wahlweise nach den Sternen und in die Weite des Himmels schauen können und kurz darauf sich heransaugen an die Glut einer Zigarette, Milieus entwerfen und ausleuchten. Und gleichzeitig liegt über den Szenarien ihrer Bücher immer ein Schatten, eine Form von transzendentalem Unbehagen, das jeden Verdacht auf platten Realismus umgehend den Garaus macht. Ricarda Junge betrachtet die Dinge genau und sieht, was in ihnen steckt, was sich hinter ihnen verbirgt. So ist es, im Kleinen, mit dem Rhododendronstrauch vor dem Haus in Wiesbaden-Sonnenberg, der eines Tages nicht mehr nur ein Spielplatz ist für die beiden Geschwister, sondern auch irgendwann zum Auslöser eines Gedankenspiels geworden ist: Was, wenn da jetzt plötzlich einer rausspringt und mich anfällt?

Sicherheiten gibt es nicht in der Welt Ricarda Junges. Ich möchte als Beleg dafür auf zwei ihrer voran gegangene Romane eingehen (die gibt es und sogar noch mehr; Ricarda Junge verfügt bereits über ein Werk), die mir paradigmatisch erscheinen für den permanenten Schwenk zwischen einem Jetzt und einem fernen Anderswo: In ihrem zweiten Roman „Eine schöne Geschichte“ beginnt alles damit, dass Gegenstände des Alltags verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen: Geldbörsen, Schlüssel, Zahnbürsten, Taschen. Und zuerst immer der Gedanke: Das hast du gestern im Suff verlegt. Dann verschwinden aber auch Häuser, Menschen, ganze Straßen. In dieser rätselhaften Stadt, in der sich die Erzählerin Marie befindet, ist alles permanent in Bewegung. In diesem Wirbel von Verlieren und Suchen stehen Marie und Peter, ein Liebespaar, das sich hier findet und zu bestehen versucht. Marie ist krank. Schwerkrank, todkrank: „Zwei Wochen später haben mir die Ärzte gesagt, dass ich sterben werde. Lungenfibrose, haben sie gesagt. Ich werde ersticken.“ Die verschobene Wahrnehmung der unzuverlässigen Erzählerin strukturiert den Roman; gleichzeitig jedoch ist die Krankheit real und konkret, schwellen Marie Hände und Füße bis zur Unkenntlichkeit an, kämpft sie mit Verve gegen eine Mischung aus Selbst- und Fremdekel, körperlicher Lust und Angstzuständen. Die Balance zwischen Leben und Tod hält Ricarda Junge bis zum Schluss durch, noch dazu hat sie eine Menge Einfälle, mit denen sie ihren Handlungsort ausstaffiert. Auch hier, ohne eine künstliche Parallele zu Paulus Böhmer herstellen zu wollen, gibt es keinen Fixpunkt mehr. Das zweite Beispiel, das ich anführen will, um Ricarda Junges große erzählerische Kraft und Begabung zu unterstreichen, ist der bislang letzte, 2010 erschienene Roman „Die komische Frau“; ein Roman, der, das gebe ich zähneknirschend zu, ohne Ricarda Junges Umzug nach Berlin wohl so nicht geschrieben worden wäre, führt er doch in einen ehemaligen sozialistischen Vorzeigebau in einer Seitenstraße der Berliner Karl-Marx-Allee, erbaut 1954, in dem die Vertrauenshausfrau, so hieß das wirklich, in den so genannten Hausbüchern festhielt, was sich dort zugetragen hat: Mieter und Mieterwechsel, Geburten und Sterbefälle, West-Besuche. Was sich in den Hausbüchern nicht mehr wiederfinden lässt, das sind die Geschichten ihrer Bewohner, die Erschütterungen in den Existenzen, das Unheimliche, das Abweichende, das auch von der neuen Bewohnerin, der Ich-Erzählerin Lena, Besitz ergreift.

Was Lena so lakonisch mit den Worten beginnt „Im Folgenden werde ich davon berichten, was sich zwischen dem dreizehnten April und dem zehnten Mai dieses Jahres im Haus Löwenstraße Nummer eins in Berlin-Friedrichshain Sonderbares ereignet hat.“, weitet sich aus zu einer modernen Geistergeschichte. Lena wird zum Durchlauferhitzer von Gegenwartsneurosen und Vergangenheitsgespenstern. Welche davon von aus ihr selbst heraus kommen und welche von außen an sie heran getragen werden, bleibt offen.

Was aus diesen Texten spricht, ist das höchst aktuelle Gefühl von Überforderungsangst. Die Erzählerinnen in Ricarda Junges Romanen sind moderne Frauen in einer Schieflage. Sie erkennen die aktuelle Tendenz zum Alleskönnen und Alleswollen, die sowohl ihre private Welt als auch die Arbeitswelt ihr aufzwingen; sie erkennen, dass man heutzutage an etwas mitwirken muss, was mit dem hässlichen, ja Ekel erregenden Wort „Selbstoptimierung“ bezeichnet wird – und sie sind unfähig, mitzumachen. In diese Richtung, auf diese Spur führt auch eine Begebenheit am Beginn des Manuskripts, das wir heute auszeichnen; eine Begebenheit, die ich geradezu als ein Leitmotiv auffasse: Auf dem Sportplatz hinter der Schule, so hat die Erzählerin es noch im Ohr, hat der Sportlehrer ihr zugerufen: „Du hast die Beine einer Leichtathletin. Warum läufst du nicht so?“ Ja, warum?

In „Die letzten warmen Tage“ scheint Ricarda Junges Blick sich panoramahaft zu weiten. Angelegt ist der Roman als eine Erzählung zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Rostock, Lübecker Reihenhaussiedlungen und Wiesbadener Adoleszenz, zwischen Kindheit und Erwachsensein. Es gibt viele Gründe, sich auf dieses Buch zu freuen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich hatte angedeutet, dass es zwischen unseren beiden Preisträgern Verbindungen gibt, und es gibt auch für mich als Jurymitglied keinen Grund, darüber zu schweigen. Wir wussten nicht, wen wir auszeichnen würden; die Einsendungen sind anonym, aber ich gestehe, dass die Freude besonders groß war, als wir die Namen erfuhren.

Paulus Böhmer hat als Leiter des Hessischen Literaturforums Ricarda Junges erstes Arbeitsseminar des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen geleitet, an dem sie im Alter von 17 Jahren teilgenommen hat; er hat gemeinsam mit Werner Söllner ihre Bewerbung am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig unterstützt; bis heute hat Ricarda Junge ein Arbeitszimmer in der Wohnung von Paulus und Lydia Böhmer. Nachdem ihre Familie in den Norden gezogen ist, ist die Böhmersche Wohnung ihr Heimatstützpunkt und ihr hessisches Zuhause geworden. Der Titel des ersten Romans „Kein fremdes Land“ ist am Küchentisch in der Sachsenhäuser Schadowstraße im Gespräch mit Paulus Böhmer entstanden. Und es gibt weitere Gemeinsamkeiten: Beide Gernhardt-Preisträger rauchen wie die Schlote, sind große Katzenliebhaber und essen für ihr Leben gern Pellkartoffeln mit Kräuterquark.

Ach, und noch eine Kleinigkeit: Ricarda Junge ist die Mutter von Paulus Böhmers Enkelin. Aber das ist eine andere Geschichte. Zu lang, um hier erzählt zu werden. Die nächste Zigarettenpause für die beiden Preisträger steht an. Aber vorher der Preis.

Ich gratuliere den Preisträgern Ricarda Junge und Paulus Böhmer sehr herzlich.

Ich kann mir keine besseren vorstellen.

Paulus Böhmer und Ricarda Junge (mit Tochter)
Paulus Böhmer und Ricarda Junge (mit Tochter), Foto: W. Becker

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 06.9.2013