Diario 4.9. bis 6.10. 2013

DC do Brasil

Die kulturelle Kompassnadel zeigt auf Brasilien, das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2013. Was wissen wir über das größte Land Südamerikas? Faust-Kultur hat den Soziologen Detlev Claussen gebeten, auf seiner Reise dorthin täglich ein Online-Tagebuch zu führen, kurze, sehr persönliche Eindrücke, Reflexionen und ein paar Bilder zu senden, – und das alles mit dem iPhone.

6.10.2013

Zum Schluss: Bücher im Elfmeterschiessen

Was bleibt von so einer Traumreise? Der Wunsch, sie zu wiederholen. Der alte Hegel hatte schon recht; erst durch die Wiederholung werde etwas wirklich. Auch die Bilder im Kopf und die Geschmäcker und Gerüche werden gespeichert. Maracujacreme z.B. Ein Diario bot auch die Möglichkeit, dem schönen Augenblick Dauer abzugewinnen. … Und letztlich die Bücher, die noch gelesen und noch geschrieben werden müssen. Mittwoch, d. 9.10. kommt meine Sammelrezension in der taz, die ich unter Palmen bei wackeligen WLAN schreiben konnte. Aber auf einem von der Uni Florianopolis geliehenen PC und nicht wie der Diario auf meinem alten iPhone4. Zur Messe kommt eine Flut von neuen Büchern; aber vergessen wir die alten, die guten alten nicht. Auf meinen Brasilienreisen 2011 und 2013 hat mich eine handliche Manesseausgabe von Machado de Assis (1839-1908) „Die nachträglichen Memoiren des Bras Cubas” (mit einem grandiosen Essay von Susan Sontag) beeindruckt. Im Jahr 1880 hat dieser Brasilianer schon geschrieben, was aus der Sicht eines Büchermenschen über den Menschen gesagt werden kann: „Ein denkendes Druckfehlerverzeichnis, das ist er. Jedes Lebensalter ist eine Auflage, die die vorige verbessert und die ihrerseits verbessert wird, bis hin zur endgültigen, die der Verleger gratis an die Würmer verteilt.” Von einem Diario im Internet werden sie nicht so viel haben. FINE

5.10.2013

Nachspielzeit im Frankfurter Hof

Gott sei Dank: Die englischen Fußballfuzzies sind weg. Brasilianer am Nebentisch besprechen mit deutschen Geschäftspartnern kulinarische Großveranstaltungen. Zwei schwergewichtige Araber neben mir essen Riesenburger und trinken eiskaltes Bier! Qatar? Deutschland (Frankfurt) steckt im Korruptionsbusiness mittendrin: Deutschland ist Weltmeister in Stadionbau und Überwachung! Die FIFA-Standards bringen deutsche Unternehmen in eine hervorragende Startposition für öffentliche Aufträge. Aber auch örtliche Unternehmen profitieren von FIFA-Standards. FIFA verlangt schnellen Stadionbesuch. Wie das im brasilianischen Verkehrschaos? Einführung des RTS (Rapid Transport System) – das verlangt separate Busspuren, Subventionierung der meist privaten Verkehrsbetriebe, Erhöhung der Fahrpreise. Proteste, die nicht auf Studenten beschränkt bleiben. Gleichzeitig zeigen sich Schwulen und Lesben in massenhafter Form auf der Straßenpromenade von Ipanema.

Eine religiös diverse Demonstrantin

Am ersten Sonntag meiner Reise gab es in Copacabana eine Riesendemo. Erst dachte ich: oh religiös, ein Graus, schnell weg hier! Dann erinnerte ich mich, dass ich mir auch, als Jan Pawel nach Polen kam, als Soziologe anschauen musste, wie Religion in einer säkularisierten Gesellschaft funktioniert. Und in der Tat lernte ich Neues über die Lage der Religion in einem sich in rasender Geschwindigkeit säkularisierenden Land, dem immer noch größten katholischen Land der Welt. Bei näherem Hinsehen entpuppte sich die Demo als eine für religiöse Diversität: „Religionsfreiheiheit in einem laizistischen Staat!”, stand auf einem Plakat. Ich war so angenehm überrascht, dass ich zu fotografieren vergass.
Brasiliens Zukunft hat schon begonnen, möchte man Stefan Zweig in seinem traurigen Grabe zurufen. 2013 erscheint vieles in Brasilien so zusammengedrängt wie die deutsche Entwicklung von 1967 bis 1984. Die Euphorie des „Selbstgefühls eines neuen Lebens” (Carlos Marx) reißt einen teilnehmenden Beobachter mit. Gleichzeitig darf man die Augen nicht verschließen, dass wie die antiautortäre Bewegung, die in Deutschland 1967 begann, auch die Sommerrevolte in Brasilien in vielem vage geblieben ist. Ebenso wie wir damals nicht wussten, was wir von Willy Brandts Reformbemühungen und Helmut Schmidts Effizienzpolitik halten sollten, steht einer diffusen Bewegung eine klarsichtige, reformbereite, aber unsentimentale Exguerrillera als mächtige Präsidentin, die noch den Segen des charismatischen Lula erhalten hat. Wie stark diese Frau ist, hat sie bei ihrem Auftritt in New York gezeigt. Anders als die mächtige Frau Merkel hat sie das Treffen mit Obama abgesagt und in der UNO eine internationale Regelung verlangt, die endlich die NSA in weltpolitische Schranken weist. Ihre brasilianischen Reformen will Dilma mit forcierten ökonomischem Wachstum finanzieren. Energie heißt ihr zentrales Thema. Nun hat man auch noch riesige Mengen Öl gefunden, mit dem sich die politische Klasse schmieren lässt. Wo Öl ist, ist auch die Korruption nicht weit. Energiekonzerne sponsern alles – auch den Fußball; daher kehren Oldies wie mein alter Liebling Ronaldinho nach Brasilien zurück. Aber die gequälte Natur schreit an allen Ecken des Riesenlandes auf. Die Vögel verstecken sich in den Baumkronen, auch in den verkehrsreichsten Städten hört man ihren Gesang, sieht sie aber nicht! Der Rest wird morgen im Elfmeterschießen entschieden.

2.10.2013

Desafinado

Schutz durch Musik! Mein iPhone, ohne das dieser experimentelle Diario nicht hätte geschrieben werden können, liefert mir auch Musik, die mich bewahrt, an meinem Arbeitsplatz, dem Mar Affonso Ávilas, durch zwei englische Fußballhändler mit ihren Stadionstimmen behindert zu werden. Sie talken lauthals über Özil, Arsenal und Real Madrid. Champions League days. Der Soziologe in mir möchte zuhören; aber der Diario muss einen Abschluss finden – also Kopfhörer auf: Was liefert mein iPhone aus der Musikabteilung? Desafinado. Mit den Ohren bin ich nicht mehr in London oder Frankfurt, sondern an der Bar mit Meer: Rio.
Die Proteste des Sommers entzündeten sich an konkreten Konflikten: Busse nach Niterói. In Brasilien stößt man auf kaum zu ertragende Missstände jeder Art. Öffentlicher Transport, medizinische Versorgung, Polizeigewalt und Gefängnisse. Und alles wird durchdrungen vom schleichenden Gift der Korruption. In diesen Verhältnissen erscheint Berlusconi als ganz normaler Mann. FIFA-Chef Blatter passt auch in dieses Bild. Der brasilianische Fußballverband, João Havelange und seine Erben, krönen ihre finanziell einträglichen jahrzehntelangen Fußballintrigen mit der WM 2014. Fußball und Kunst (Ihotim?) sind nicht nur in Brasilien ideale Geldwaschanlagen.

Wiedersehen macht Freude

Ich kann mich nicht von Brasilien verabschieden. Muss ich auch nicht. Nächste Woche beginnt die Buchmesse mit Brasilien als Gastland. Da gibt es viele Wiedersehen. Am Vorabend der Messe, am 8.10., wird OSESP mit Pedro Gadelha und Adriana, der sympathischen Cellistin aus dem Nachbarhaus, im Wiesbadener Kurhaus unter der Leitung von Marin Alsop spielen. Werden wir es schaffen, vor- oder nachher, wie Adriana es vorschlug, „ein Bier zu trinken”? Ars longa, vita brevis est. Und am Mittwoch geht der Rummel los. Mein (aus Platzgründen gekürzter Essay „Brasilien, Land der Herzlichkeit” wird die Buchmessenbeilage der taz schmücken. Mein Cicerone in Rio, Marcos Alvito, muss als Teil der Seleçao der Schriftsteller am 11.10. um 19 h in Frankfurt-Sossenheim antreten. Da muss ich doch zum Beck-Empfang, auch ein clásico Werden die deutschen Spieler dann noch nüchtern sein? Tags drauf muss ich selber antreten: Am Argentinienstand 5.1 E 53 um 13.30 h über Buch und Ball sprechen. Das erfordert Kondition und Spielverständnis.
Wer schreibt, der bleibt, sagt der Volksmund, dem der Hyperidealist Hegel manchmal ganz nahe war, wenn er die Dauerhaftigkeit geistiger Arbeit pries. Die Maracujacreme muss von anderen gegessen werden; aber die mitgebrachten Bücher von Renato Pompeu und Myriam Ávila liegen hier neben mir. Myriams Vater gelang es sogar, dem verschwindenden Moment des Fußballs ein bleibendes Gedicht abzugewinnen: „Cantiga do rei Pelé”. Der Mann konnte sich ausdrücken. Er saß gerne in der Redondo-Bar in Belo Horizonte, der Stadt, in der ebenso wie in São Paulo und Frankfurt das Meer fehlt. „Bar ó meu mar” notierte er in seinem Band „O visto e o immaginado”, ein Titel, den ich selbst gern erfunden hätte. Myriam hat mir das mit Hand in mein Notizbüchlein geschrieben, das ich trotz aller Elektronik immer bei mir trage. Vieles blieb ungeschrieben, weil ich nicht so schnell schreiben kann wie denken: das MASP, ein herrliches architektonisches Ausrufezeichen, in der Mitte der Paulista. 1968 fertiggestellt, von Lina Bo Bonardi entworfen, wirkt es wie ein Versprechen der Moderne: Ich bin nur ein schöner Raum; füllt mich auf, mit dem, was ihr wollt! Brasilien wird eben nicht jetzt erst modern; seit der Modernismo in den 20er Jahren seine Dynamik entfaltet hatte, gehört die Aufgeschlossenheit für noch nicht Dagewesenes integral zur brasilianischen Kultur. In der Architektur und im Fußball wird dies sichtbar. Die Architektur bleibt, obwohl die Tropen an ihr Spuren hinterlassen. Gegenüber von MASPA liegt einer der großen Parks, in dem man eine Urwalddusche nehmen kann. Die Vögel singen im Verborgenen der Baumkronen, und Menschen unterschiedlichster Herkunft sitzen da, lassen sich betwittern, lesen oder knutschen – Oase ohne Kamele. Den nächsten großen Park, den ich noch unbedingt sehen wollte und der wieder von Roberto Burle Marx (1909-1994) gestaltet wurde – Burle ist kein Vor-, sondern der Nachname seiner Mutter, der Pianistin Cecília Burle. Sein Vater Wilhelm kam wie manch anderer deutsch-jüdischer Migrant aus Trier. Inhotim, das mich so bezaubert hat, war sein letztes großes Werk. Marx hatte Angst, dass die tropische Vegetation verschwindet – deswegen versuchte er sie in seinen Gärten zu „retten”. Deswegen wollte ich den Parque do Ibirapuera sehen, in dem es wieder ein kongeniales Zusammenspiel mit dem anderen Nestor brasilianischer Moderne, Oscar Niemeyer (1907-2012), dem Antje Kunstmann ein kleines, feines Bändchen zur Messe gewidmet hat. Darin findet sich auf S. 71 ein Foto des Museo de Arte Contemporãnea in Niterói, also der Insel vor Rio, wo Marcos Alvito und Martin Curi arbeiten. Mit der Erhöhung der Buspreise nach Nteròi begannen die Anti-WM-Proteste im letzten Sommer.

1.10.2013

Brasilien bleibt, Brasilien kommt

Was im Gedächtnis bleibt, der Park Ihotim: Fest der Sinne. Große Kunst im Garten, Gartenkunst und Teller, die sich bogen. Mein neuer Freund, der schottische Professor (um die Jahrhundertwende vom long zum short century wurden die ersten professionellen Trainer „scotish professors” genannt) Giulianotti, ein Vegetarier, begeisterte mit seinem Appetit auch die nicht gerade an kleine Portionen gewöhnten Latinos. Sein Mitbringsel vom Buffet wurde unter großem Gelächter „Arbeiterteller” getauft. Wir müssen in Kontakt bleiben, ein wunderbarer Kollege, selten im europäischen akademischen Rattenrennen. Er wollte meinen Harvard-Adorno geschickt bekommen. Selten für einen Sportsoziologen. Eben kam noch die redigierte Sammelrezension für die taz, die ich im Garten der Quinta in Florianopolis geschrieben habe. Martins lesenswertes Fußballbuch, das ich erst in Frankfurt zu Ende gelesen habe, kommt darin zu schlecht weg, weil ich mich über seinen Umgang mit theoretischen Texten gestört habe. Seine leichtfertige Formulierung „Aus heutiger Sicht” nahm ich zum Aufhänger, um gegen akademische Unsitten zu polemisieren, die auch auf den Kongressen in Floripa und BH zu beobachten waren.
Mais tarde mais, habe jetzt einen Termin …

Bar ó meu mar

Ein Diario muss zu einem Ende kommen. Der ein Journal führende Odysseus ist seit Sonntag wieder in sein Nausikaa-Frankfurt zurückgekehrt. Doch die Nachlese hört nicht auf. Überall kommt mir Brasilien entgegen. In der Kleinmarkthalle, bei Spargel Müller, hole ich mir eine reife Frühstücks-Papaya, blicke lange stumm, voller schöner Erinnerungen auf den Berg gut aussehender Maracujas, der von kulinarischen Erinnerungen. Myriam hatte mir aus Belo Horizonte eine Mail mit dem Betreff „Mensch!” Hinterhergeschickt: „Du hast Deine Maracujacreme im Eisschrank vergessen!” Orale Heimkehr: der leider vor kurzem verstorbene Freund Paul Parin, ein großer schreibender Reisender, Ethnopsychoanalytiker und selbstloser Helfer, Storyteller, hat in einem wunderbaren Essay über Psychoanalyse und Triest über Freuds Zigarrenrauchen trotz Krebs und seinen eigenen Abschied von der titoistischen Partisanen-Brüderhorde die finale Frage gestellt: Wer soll all die (Wald-)Erdbeeren essen? Aber wir haben auch Maracuja in Frankfurt. Gegenüber dem Osteingang der Kleinmarkthalle führt Eliane einen kleinen Laden namens Biovida, in dem man sich den Geschmack Brasiliens auf die Zunge zurückholen kann. Der Majacujasaft wird aus Rio – tiefgefroren – eingeflogen. Mit Pão de Quijo beliefert sie das Rhein-Main-Gebiet und am letzten Samstag des Monats bietet sie das tradtionnelle Sonntagsgericht der Cariocas an: Feijoada, wie wir sie mit Marcos in der Sambaschule Portola hatten, kulinarische Erinnerungen mit Kultur: Geht man von Biovida in Richtung Main, prangt am MMK ein Riesentransparent: Hélio Oiticica. Der Name des Kilorestaurants im Paradiesgarten Ihotim gehört einem der bedeutendsten Künstler Brasiliens, dessen Œuvre sich jetzt in Frankfurt anschauen lässt.

30.9.2013

O visto e o immaginado – letzter Take

Endlich wieder zuhause: Beim ersten Frühstück fällt mein Blick auf Barbara Klemms meisterhaftes Foto von Foz de Iguauçu an der Wand. Das ist ein Kunstwerk: Stillstand inmitten der Bewegung, schwarz-weiß, ein Denkbild sui generis. Meine Knipsfotos spielen in einer völlig anderen Liga – sie vermitteln nur zwischen dem Gesehenen und Geschriebenem. Auch der Text für den Diario war nur ein Versuch, meine Freunde auf eine Traumreise mitzunehmen. Erzählen und Reisen gehören zusammen; aber der professionelle Erzähler arbeitet seinen Stoff durch, wie es Stefan Zweig in seinem wunderbaren Buch „Brasilien, Land der Zukunft” gemacht hat. Das konnte ich nicht während meiner Reise; ich hatte keine Zeit und keine Bibliothek dabei. Auf meinem iPhone kann ich nicht so schnell schreiben wie die Girlies ihre SMS auf ihren Smartphones. Aber unüberlegte Formulierungen wie „Aus heutiger Sicht” sollten nicht einmal in einem Diario stehen: Die entscheidende Frage, die sich beim Lesen der jetzt wieder aufgelegten Bücher von Buarque, Freyre und Zweig stellt, kann ich noch nicht beantworten: Was ist von Getulio Vargas zu halten, der Olga Benario auf dem Gewissen hat, später mit dem überlebenden Ehemann Prestes koalierte, Stefan Zweig einlud, ein autoritäres Regime, den Estado Novo, errichtete, sich nach dem Krieg Wahlen stellte – und gewann! Während seiner Dekaden, in den 30er und 40er Jahren, gewann das moderne Brasilien sein Gesicht, Maracanã wurde errichtet. Immer wieder stoßen wir auf die Namen Niemeyer (seine Vorfahren stammten aus einem deutschen Duodezfürstentum) und Burle Marx, dem Sohn von Wilhelm Marx aus Trier. Pampulha, das Freizeitzentrum von Belo Horizonte, trägt ihre Handschrift – in Brasilia haben sie dann 20 Jahre später ihre architektonischen Ensembles in großem Massstab realisiert, die heute die ganze Welt kennt. In vielen Städten hat der Corbusierschüler Niemeyer seine architektonischen Fußpuren hinterlassen; sie fallen auf. Aber das gilt auch für Burle Marx. …

29.9.2013

Girl from Ipanema vanishes

Ach, das Girl from Ipanema verschwindet unter den Wolken, habe es nur noch im Ohr. Und jetzt kommt schon auf meiner Liste „Corcovado” mit Astrud Gilberto, die Pedro lieber weiter im Badezimmer hätte sehen wollen. Ich aber möchte, dass sie auf meiner Beerdigung singt – bescheiden, nur vom Band. Tristeza. An der Grenze des Kitsches. Wie oft habe ich auf den Corcovado geschaut und fühlte mich verstanden und getröstet von dem Cristo mit den ausgebreiteten Armen, obwohl ich ein hartnäckiger Agnostiker bin. Er gehört zu Rio wie die Lady Liberty zu New York. Unvergesslich bleibt mir der Blick aus dem Fußballtempel Maracanã, der nach Marcos' Worten für die kommende WM verstümmelt wurde.

Geschichte rückwärts in 11 Stunden

Über Recife haben wir Brasilien in Richtung Dakar verlassen. Dort, in Recife, gab es die erste jüdische Kolonie, Marranen, die auf holländischen Schiffen kamen. Bald gab es auch Sklavenhandel, dem Heine ein eindrucksvolles lyrisches Denkmal errichtet hat. Die aus Afrika, hauptsächlich von Portugiesen Verschleppten haben eine verschlungene Geschichte, die erst in den letzten Jahrzehnten erforscht worden ist. Sklavenaufstände gehören zur brasilianischen Geschichte; aber auch Flucht in schwer kontrollierbare Gebiete. Zum Schrecken der Europäer entstanden Gesellschaften entlaufener Afrikaner, Quilombos genannt. Auch sie gehören zu den Raizes do Brasil … jetzt überfliegen wir die Portugiesen, die auf ihren Karavellen vor fünfhundert Jahren loszogen, um die Welt zu umsegeln … Und gleich kommt die Biscaya, von der die wunderbaren Bolinhos de bacalau ihren Ausgang nahmen. Kurlanskys Weltgeschichte der Basken liegt noch ungelesen in meinem Rucksack. Sarah und Pedro haben es mir geliehen; wir waren uns einig, dass er ein großartiger Autor ist. Seine Unbekanntheit in Deutschland konnten sie nicht verstehen. Sein Buch „Salz” ist noch zu haben. Jetzt erscheint Frankfurt auf dem Display. Fine des Diario. Vielleicht schicke ich noch ein paar Nachträge; ich freue mich auf die Buchmesse. Adriana und Pedro spielen am Vorabend mit OSISP in Wiesbaden, Marcos läuft am 10.10. mit der schriftstellerischen Seleção in Sossenheim auf. Wieder wird es Abraços und Beijinhos und Saudade nach dem Land der Herzlichkeit. Ciao, ciao. dc

28.9.2013

Was ich hoffentlich nie vergesse…

Richard, der Schotte mit italienischem Nachnamen, Vegetarier seit kurzem. Ich sollte mit ihm den Kongress in BH eröffnen, ich kam zu spät, so blieb mir der Schlusspart (unter Zeitdruck!). Ein brasilianischer Forscher flüsterte mir zwischendurch ins Ohr: „Das ist der Nachfolger von Eric Dunning!” Ich schreibe es hier und sage es laut: Richard ist ein viel informierterer Soziologe als Dunning (Stiefelknecht von Norbert Elias) und dazu noch ein ganz feiner Mensch! Im Kulturparadiesgarten von Inhotim haben wir viel Zeit verbracht: ein biertrinkender Schotte mit Ahnung von moderner Kunst. Forget prejudice! Und dann hat er mich geschickt akademisch ausgefragt. Vorgeschickt: Giddens (der Habermas der Insel, says dc) sei in der englischen Soziologie zu beherrschend, aber was hältst Du von Sloterdijk? „Is it a new paradigm?” Ich antwortete: „Richard, we walk under palm trees and the birds are singing. I can't remember these names you mentioned.” Wir schauten uns an und freuten uns fortan über die Schönheit des Paradiesgartens. Ein superkluger Kerl, allein dieses Kennenlernen war die Reise wert. Warte auf Pedro: letzter walk in the neighbourhood. Jetzt kommen noch mehr Kleinkinder, ich haue ab!

Vamos, Claussen!

Gleich geht es los! Wir haben viel Spanisch gesprochen: Vamos, Claussen! pflegte Martinez in rauher Herzlichkeit zu sagen. Sein Referat in BH kreiste um Gumbrechts Ästhetik des Sports, zum Weglaufen, auch sonst: Narrative, Repräsentationen, Identität – kein Fußball! Aber im Bus am nächsten Tag bei der einstündigen Busfahrt nach Inhotim, dem Kulturparadies, erklärte er mit Stentorstimme von der Rückbank die Dramatik mexikanischer Fußballkorruption! Bemerkenswert seine Fleischteller in den Kilorestaurants! Mann Mann Mann! Über diese wunderbare brasilianische Institution Kilorestaurant habe ich noch gar nichts erzählt? Auf mein Kurzzeitgedächtnis ist leider nicht mehr so richtig Verlass! Mit Alex in Floripa war ich 2011 zum ersten Mal, in der Polizeimilitärschule, mittags. Auch jetzt haben wir dort immer zu Mittag gegessen. Man bekommt ein Plastikkarton und geht an ein Riesenbuffet mit allem drum und dran, packt sich auf den Teller, was einem gefällt oder – damned foreigner! – was er noch nicht kennt. Dann kommt man zu einer Frau (war bisher immer eine, mein Sample ist nicht klein) an der Waage und das Gewicht wird in einen Preis transformiert. Dann suchst du dir einen Tisch, entweder allein oder auch für fünfzehn (daher ideale Verpflegung für Kongresse!), legst deine Plastikkarte auf den Tisch und der Ober (fast immer ein Mann) bucht dein Getränk drauf. Dann kommt die Dulce tentacão: sobremesas (für mich Maracujasachen: Pudim, Mousse etc.). Unterschiedlich die Buchung: manchmal wird wieder gewogen. In der Militärschule von Floripa war ein Besuch des (sehr, sehr guten Maracujacreme, oft alle!) Sobremesabuffets (unabhängig vom Gewicht) inklusive ebenso wie Cafezinho und Cachaça vor der finalen Kasse. Aber manchmal war der Sobremesakontrolleur (immer ein Mann seit 2011!) nicht da – die Chance, ein Konferenzsport! Diesmal sammelte ein junger, sehr schlanker Professor (Name, Diskretion, wie versprochen!) die Plastikkartons der Figurbedachten und ging 4- bis 5-mal! Was für ein Spaß und was für ein Gesicht des kontrollierenden Sobremesapolizisten!?! Leider ist es schon vierzig Jahre her, dass Peter Brückner zu mir sagte: „Das möchte ich auch mal können: Zum Mittagessen ein Beck's nach dem anderen trinken und so schlank bleiben wie Du!” The times they are a changin' ! Peter Brückner ist längst tot, ich trinke schon lange kein Bier mehr (nicht mal mit Adriana, auch nicht mit meinem neuen schottischen Fußballfreund mit dem nicht ganz schottisch klingenden Richard Giulianotti) und ich nehme nur 10 Gramm Maracujazeug. „Einmal im Jahr! Is' egal!” , sagt Sarah, Pedros Frau, die mir erlaubt hat, ihr Foto vor der bestechenden peruanischen Ceviche zu veröffentlichen. Was noch viel bestechender war: vor dem Essen in diesem Speak-easy peruanischer Migranten (se habla naturalmente español, Martinez!), war ich mitten in „Crackolandia” auf einer Probe von Sarah mit einer Gruppe junger Musiker:  Stockhausen, down in Sampa! Glaub' ich nicht Super, Sarah, Kompliment! Unbelievable, danach zum Peruaner … Für Euch ist es Alltag, für mich sind es Abenteuer des Bewusstseins … (to be continued)

27.9.2013

Statt Gym 1000 Schritte

Gym auf der Baustelle, das dann doch nicht. Eigentlich gehe ich gerne ins Studio, aber nur, wenn ich mich wohlfühle. Dazu gehört Einiges. Aber wenn ich keinen Sport mache, beginne ich mich nicht gut zu fühlen. Im Hotel wird mit einer Sportmöglichkeit auf dem Dach geworben! Beim Swisshotel in Chicago hatte man einen sensationellen Blick auf den vereisten See; hier nur eine verstaubte Baustelle, keine Energie! Pedro erzählte mir gestern, er fahre manchmal mit dem Fahrrad nach dem Konzert nachhause. Der Anstieg auf dem Monte Alegre ersetze den Workout. Ich mache ihn heute von der Sumaré zu Fuß. Mann oh Mann! Erschöpft, aber auch etwas stolz sinke auf mein Bett im 8. Stock, stecke das iPhone in die Steckdose. Doch die soziologische Neugier treibt mich doch noch einmal aus dem Haus. Wie sieht das Raiz am Freitagabend aus? Geschäft ist ruhig, Kellner begrüßen mich wie erwartet. Das liegt nicht nur an den Trinkgeldern: Cordialidade, wie gehabt. Nur die Muskulatur im Hintern tut mir weh. Vom Bergesteigen. Kenne ich vom Bergwandern aus dem Engadin. Leider sind ein paar „brasilianische” Kinder, die nicht wie Sarahs um 22 h im Lokal einschlafen, sondern im Raiz unterhalten werden wollen. Als Gäste von morgen werden sie vom Personal liebevoll umsorgt. Schattenseite der Cordialidade.
Gestern Abend hat uns die Cellistin Adriana, Nachbarin von Pedro, mit dem Auto in die Sala mitgenommen. Für ihre Kinder hatte sie Babysitter und entschuldigte sich, wir könnten nach dem Konzert leider „kein Bier zusammen trinken”, aber vielleicht könnte es am 8.10. klappen, wenn das OSISP nach Wiesbaden kommt. Wenn man Adrianas Aufzug gesehen hat, käme man nie auf die Idee, sie könnte je ein Bierglas in die Hand nehmen. Sie ist eine charmante Chauffeuri, stets um die Unterhaltung besorgt. Sie erinnert sich, dass ich auch schon vor 2 Jahren in der Sala war. Pedro hat mir ein Ticket für Angehörige besorgt und meinte, bei dem schlechten Wetter würden nicht so viele Leute kommen, und ich könnte nach dem dritten Läuten mir einen guten Platz suchen. In der erste Halbzeit, beim für Klavier transponierten Violinkonzert, hatte ich einen guten Blick auf die Cellogruppe, während Pedro von richtig dicken und großen Bässen verdeckt wurde. (22 h, verdammt; es kommen immer mehr putzmuntere „braslianische” Mittelschichtskinder ins Raiz! Am Freitagabend werde ich nicht wieder hingehen. Leicht gesagt! Im Ginebrá war es viel schöner, aber ich hatte Angst vor dem Aufstieg auf den Monte Alegre im Dunkeln! Von hier sind es nur zwei Esquinas, mehrheitlich bergab zum Hotel. Jetzt spielen sie auch noch Getz/Gilberto für mich! Ciao, ciao, sagt man hier) weiter von gestern: Vor der 2. Halbzeit kam ich durch Pedro mit einem deutschsprachigen Musikagenten ins Gespräch, der mir schmeichelte, er würde mich durchs Internet kennen. Gebe zu, bin auch bestechlich. Tat mir gut, 2000 light years from home. Pedro hatte schon von seinem Podiumsplatz aus gesichtet, dass in der „Königsloge” Nr. 9 Plätze frei waren. In letzter Minute erreichte ich die Loge, die Platzanweiserin, von Pedro instruiert, wies mir lieb den besten noch freien Platz. Ich musste mich aber durch die örtlichen Honoratioren durchkämpfen. Dann aber Lohn der Angst, etwas falsch zu machen. Ich konnte Pedro „auf die Finger sehen”, hatte das Gefühl, jeden Ton, den er produziert, könnte ich auch vernehmen. Ein Konzert wie für einen Fürsten. Das Stück, von dem ich hätte mehr wissen können, weil es Stefana Sabin in der ansprechenden „Alten Oper”-Reihe „Mein Lieblingsstück” vorgestellt hat, wurde mit Verve und Engagement gespielt. Ein gelungener Abend, über den man auf dem Heimweg mit den gleichfalls zufriedenen Performern gut reden konnte. Gut. Bei Musik höre ich lieber zu, als darüber zu schreiben. Bin zu sehr Laie, lerne – auch mit 65 – gerne von Pedro. Der Rest ist nun Schweigen, nur nicht für das eine „brasilianische” Kind. Aber wie so oft ist es gar nicht „brasilianisch”, sondern nur ein Produkt gedankenloser postmoderner Mittelschichtseltern. Haut bloss endlich ab; denn jetzt, 22.45 h wird das Raiz richtig voll, es wird geflirtet und geklatscht, meistens an Zweiertischen, dass sich die schlanken Balken biegen. Es gibt nichts Vergleichbares (außer dem Kindergeschrei) in Frankfurt. Ich werde das Raiz vermissen. Boa noite.

Nicht nur die Ohren möchten nachhause

Endlich haut diese superdoofe Middleclass-Family ab. Als der gefühllose Daddy nach zwei Stunden das „neckless monster” (Liz Taylor) auf den Arm nahm, war es sofort still. Forget it! Nun um 23 h wird's wieder gemütlich … Und musikalisch sind sie immerhin bei Wynton Marsalis Gott, die meistern schnattern, küssen oder abraçieren sich, unterbrochen nur durch den Ohren betäubenden Lärm der Shakemaschinen, ein Mixerparadies at high coast, aber viel besser als dieses unkontrollierte Geplärre.
Die Ohren wollten nachhaus. Aber wo ist es? Auf meinem iPhone, aber nur partiell: From  Ain't No Mountain High Enough bis zu Blue Monk ist alles da, Girl of Ipanema, klar. Aber für „Lieder ohne Worte” oder „Lied an die Erde”, für Barenboim, Janet Baker möchte ich wieder im Chair sitzen, meine Bilder angucken, und einfach zuhören. Ich tue es jetzt nur am Nebentisch – eine Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Er tut cool und zurückhaltend; aber elha (sie) tut alles in die Kommunikation. Er wird nicht widerstehen können; es ist richtig süß, aber ich trau mich nicht, das zu fotografieren.

Conclusio der Freuden

Was darf man ausplaudern? Am letzten Abend bin ich allein; aber wegen des Diario habe ich mich nie einsam gefühlt. Gab sogar einige Rückmeldungen, nicht nur Positive. Pedro: „Du machst für das Raiz Reklame! Die stehen für die Aufchickung unseres Viertel!” Aber Mittwochabend, als wir noch in Ruhe mit den Kindern essen wollten, schleppt er uns Geribá an der Durchgangsstraße Sumaré, die Perdizes umschließt. Der Stil von Geribá ist cool, Baixa Cocina; aber was auf den Tisch kommt, schmeckt klasse: schlicht einfach, lecker, Bolinhos de bacalao erinnern an Portugal, schmecken aber besser. Davor gibt es eine in der Tasse daherkommende schwarze Bohnensuppe, in der aber die Bohnen nicht zu sehen, sondern passiert sind. Hält auch bei fallenden Temperaturen Leib und Seele zusammen. Und dann die Teigtaschen! Meine Lieblinge sind Krabbenpasteten, die mich an die Stadionkneipe in Floripa erinnen. Die haben den gleichen süßlichen Geschmack wie in den Acarajé. Der begleitend frisch gepresste Maracujasaft bleibt auf der Zunge … Geribá, eine Riesensiperbar, Mittwoch beim kalten Sturmwetter waren nur ein paar ältere Herren außer uns da. Heute, am Freitagabend, kommen die Leute nach der Arbeit. Und die Frauen werden immer blonder. Fake Blonde, wie Marcos sie nennt, ist in Brasilien in. „Gibt es auf der Buchmesse auch”, habe ich den schriftstellerischen Nationalspieler gewarnt, „aber nicht so viele!” Was Pedro nicht weiß: Vor 2 Jahren war ich in der Vorgängerkneipe von Ginebrá. Da war sie ein ungewolltes Cachaça Museum aus dunklem Holz. Staub lag fingerdick auf allen Flaschen, heute sieht alles wie geleckt aus. The times they are a changin' … die ganze Ecke hier wird aufgechickt. Die namensgebenden Indianer sind ebenso verschwunden wie die Perdizes, die vor 50 Jahren auf irgendwelche Espedinhos gesteckt worden sind. Auch die rote Chilihaussauce schmeckt lecker. Die Teigtaschen erinnern an indische Somosas. Brasilianische Freunde sind immer wieder überrascht, wenn ich sie darauf aufmerksam mache, dass es ohne México weder in Indien noch hier gebe. Und Mango, Papaya und Maracuja – wie kommen sie wo hin? Hier verzieren sie jeden Tisch. Fröhliches Erbe des Kolonisalismus! Obrigado. Es wird mir zu kalt. Ob es im Raiz besser ist?

Abschied von gestern

Mit Alexander Kluge bin ich mir völlig einig, dass „Abschied von gestern” ein wunderschöner Titel ist, den ich von ihm übernommen habe. Der gleichnamige Film mit seiner schönen Schwester in der Hauptrolle gehört zu meiner Éducation sentimentale, die noch nicht einmal mit 65 Jahren zuende ist. Tania Martini, „meine” Redakteurin bei der taz, hat mich beim Redigieren aus Berlin gezwungen, diese Kategorie Buarques zu erläutern. Ich habe es versucht. Man wird es in der Buchmessenbeilage der taz am 9. Oktober nachlesen können.
Cordialidade – ein Beispiel: Beim Warten auf der Baustelle des Flughafens von Belo Horizonte kam ich mit Renato Pompeu ins Gespräch. Wir stellten schnell fest, dass English unser tertium datur ist. Trotzdem überreichte er noch auf der Straße sein Buch „A saída del primero tiempo” (Am Ende der ersten Halbzeit” – versteht man sofort!) und sagte, er habe noch viele Exemplare davon, weil es Schwierigkeiten mit dem Publikum gebe: „Die Philosophen haben keine Ahnung vom Fußball und die Fußballer interessieren sich nicht für Philosophie!” Wie wahr!

Ich schlage das Geschenk gleich auf. Wie von Geisterhand treffe ich genau die Mitte und sehe die ansprechende Ankündigung der 2. (Buch-)Halbzeit: „Segund parte. O Futebol. Crítica da economia política”. Verwandte Seele, verwandte Lebensgeschichte. „Manche sagen, das Buch sei marxistisch, aber es ist mehr Hegel.” So soll es sein. Ich verstehe sofort. Und die Buchidee hätte ich auch gern selbst gehabt: Die erste Hälfte erzählt fiktiv die Geschichte eines Doktoranden, der eine sozialwissenschaftliche Arbeit über Fußball schreibt, die zweite ist die Dissertation selbst. Wow! Am nächsten Tag, bei Renatos Referat brauche ich keinen Kopfhörer, alles leuchtet mir ein. Es klingt etwas demodée (Repräsentation, Identität, Narrativ – so ein Zeug braucht er nicht, um seine Geschichte zu erzählen), aber es ist einfach der Wahrheit nah. Ich spüre, auch die anderen intellektuellen Fußballenthusiasten (und davon gibt es einige auf diesem Kongress! Und nicht nur hyperambitionierte Kulturwissenschaftler!) verneigen sich innerlich: Geistiges Jogo bonito! Ich bin einfach nur bestochen durch eine weitere Seite des Kennenlerngesprächs im roten Staub der Flughafenbaustelle von BH? „Was haben Sie denn über Fußball veröffentlicht? Ich bin nur Journalist.” Jetzt heißt es, den richtigen Ton treffen. „Ich habe nur ein kleines Buch über Béla Guttmann geschrieben, heißt im Untertitel 'Weltgeschichte des Fußballs in einer Person'” Und jetzt kommt der Hammer: „Ich war 1957 dabei, als Béla nach Sāo Paulo kam. Er brachte uns das 4-2-4-System, mit dem wir 1958 zum ersten Mal Weltmeister wurden.” Der erste Augenzeuge, den ich treffe, der genau das erzählt, was ich in meinem kleinen Berenbergbuch behaupte – gestützt auf eine schriftliche Aussage des Zeitgenossen Ferenc Puskas, der 1957 auch dabei war. Beglückter Autor kurz vorm Herzstillstand!? Ich starre Renato mit aufgerissenen Augen im Flughafenchaos an. Er weiter: „Es gibt drei wirklich wichtige Leute im Fußball: Pelé, Guttmann und Didi.” Sprachlosigkeit. Woher soll dieser mir bis vor zehn Minuten unbekannte Mann das wissen? Als zehnjähriger Junge bei der WM in Schweden entbrannte vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher eines betuchten Sportkameraden meine Vaters (wir hatten so etwas nicht in unserem bildungsbürgerlichen Haus) meine ewige Liebe zu Pelé, Didi und Menschen, die so spielen wie sie. Jahrzehnte später erfuhr ich den Namen für den Fußballstil, an dem mein Herz hängt: Jogo bonito. 1958 nahm ich mir den eleganten, schlanken schwarzen Mann mit dem unendlich traurigen Blick zum Vorbild: Didi. Von meinen fußballspielenden Altersgenossen (Namensähnlichkeit hilft) ließ ich mich gern so nennen, obwohl mein spartanisches Talent mich eher zum Torwart designierte. Didis Freistöße, Folha seca genannt, die wie ein fallendes Blatt im Herbst hinter der Mauer ins Tor flattern, mit plumpen, schweren Lederbällen erzielt, sehe ich noch vor mir, wenn ich die Augen schließe und träume. Als Renato mir in der Unwirtlichkeit der Flughafenhektik von Didi sprach, kamen alle fußballerischen Jugendträume zurück. Nach seinem Referat am nächsten Tag fragte er mich – leicht enttäuscht, für mein Gefühl: „Sie haben gar keine Fragen gestellt?” Das akademische Fragespiel schien mir völlig unangemessen: „Warum soll ich Fragen stellen? I agree what you said!” Inzwischen hat Alex aus Floripa Renato ins Portugiesische übersetzte Fußballtexte von mir gemailt. Die Kommentarmails vom großen paulistanischen Fußballautor Renato Pompeu, die mich erröten ließen, kommen in aller Diskretion in mein E-Mail-Archiv. Liebe zum schönen Spiel, Cordialidade mit Menschen, die so etwas teilen können. Es kommt mir völlig normal vor, dass wir uns inzwischen mit Vornamen anreden und in Kontakt bleiben wollen. Ich muss jetzt bald nach Deutschland zurück; aber in Brasilien empfinde ich die Intensität von Goethes schlichten lyrischen Zeilen aus „Willkommen und Abschied” , die für Liebesbeziehungen jeder Art gelten: „Welch ein Glück, geliebt zu werden, und zu lieben, welch ein Glück!” Jetzt aber zurück zur Hochkultur: MASP! Muss sein, time is running out …

26.9.2013

A Kind of Blue, tristeza

Wieder sitze ich in meinem fancy Café Raiz in Perdizes, sie spielen classicos von Miles: A Kind of Blue. Für mich ist es immer wieder eine Quelle der Freude, wenn ich mit Assen über klassische Musik spreche, die weit mehr Ahnung von Jazz haben als ich. Gerade in und ums Ensemble Modern in Frankfurt gibt es Leute, die auf beiden scheinbar unvereinbaren Ebenen Produktionen zustande bringen, die aufhorchen lassen. Aber ich will und kann nicht über Musik schreiben; es bliebe immer laienhaft; ich lasse mich lieber aufklären. Pedro hat mir eine Musik vorgeführt, die „choro” genannt wird. Es gibt viele Parallelen zum Jazz, die auch verständlich machen, warum die Leute aus USA und Brasilien Ende der 50er Jahre zusammenkamen. Bossa Nova? Bloss nichts behaupten, was sich dann nicht halten lässt. Als ich die schöne Geschichte erzähle, dass Stan mit Joaos Gesang unzufrieden war und er oder der Produzent die strickende Astrud bat, mal die Garota zu singen, obwohl sie bis dahin nur im Badezimmer gesungen habe, macht mich Pedro sanft darauf aufmerksam, hier meinten manche, es wäre auch besser gewesen, wenn sie weiter nur im Badezimmer gesungen hätte. Er hat mir noch ein Suhrkamp-Buch geschenkt, das ich wohl auf dem Rückflug lesen werde. Helmut Böttiger, habe ich auf der Rückseite gesehen, hat sich zu einem emphatischen blurb hinreißen lassen. Er war einer der ersten im deutschen Feuilleton, die mit Verve über Fußball geschrieben haben. Seine zeitgenössische Begeisterung für Netzer kann ich verstehen – und zugegeben – ich hätte es damals in den 70ern nicht gewagt, mich so öffentlich zum Fußball zu äußern.

… Und abends in die Sala

When will I see You again? Das Ohr bereitet die Heimkehr vor. Vielleicht weil wir gestern so viel über Musik gesprochen haben. Pedro hat mich mit „Choro” bekannt gemacht – Musik, die sich in Brasilien parallel zum Jazz entwickelt hat. Musikalische Insiderkenntnis, die mir fehlt, und Soziologie des Musikmachens in allen drei Welten, in denen er Kenntnisse besitzt, die auf eigenen Erfahrungen beruhen, machen ihn zur sprudelnden Quelle für mich. Es macht Spass ihm zuzuhören. Pedro hat mich heute abend in die Sala eingeladen, einem üppigen Bahnhof der Belle Époque, in der ich sein São Paulo Symphonie Orchestra (man sagt, es sei das beste Symphonieorchester Lateinamerikas) vor zwei Jahren schon einmal gehört habe. Hochkultur in den Tropen. Von wegen Tropen!? Letzte Woche sollen 30 Grad gewesen sein. Aber das ist Vergangenheit. Auch heute morgen wieder Sonnenschein; aber bittere Kälte! Das scheinen sich auch die Bauarbeiter zu sagen; man hört sie nicht. Die Frauen sind auf die Wiederholung besser vorbereitet als gestern. Die Winterklamotten sind wieder da. Die saia justa, der enge Rock, wird kombiniert mit einer warmen Jacke. Pumps mit sehr hohen Hacken lassen sich immer einsetzen. Wem das zu business minded ist, trägt beängstigend enge Jeans, an den Füßen hat man “tennis”, wie man Stoffsportschuhe in allen Farben nennt. Um die Ecke des Hotels gibt es eine „clinica à tennis”, wo meist Schülerinnen und Studentinnen ihre Fußbekleidung wieder herrichten lassen. Aber es werden auch die total unpraktischen 11-cm-Stilettos repariert, die den Straßen von São Paulo Tribut gezollt haben; denn es geht nicht nur wie in San Fran oder BH ständig up and down, sondern auch kaputte Pflasterungen aus Mosaiksteinen oder von Baumwurzeln aufgesprengte Betonplatten, die jeden, der schon einmal einen Bänderriss hatte, angstvoll auf den Boden schauen lassen. Das ist aber auch nicht ungefährlich. Pedro machte mich gestern auf eine vom Sturm abgerissene Hochspannungsleitung aufmerksam, die wie eine schwarze Schlange im Nachtwind auf Kopfhöhe herunterbaumelte. Augen auf, besonders wenn man mit den Ohren schon auf dem Heimweg ist! My darling, believe me … (Aretha, auf dem „Soundtrack of My Life”, wie Robert de Niro auf ihrem 70. Geburtstag so schön sagte)

25.9.2013

Saukalt in Sampa

Auf das Wetter ist kein Verlass! Heute Morgen strahlender Sonnenschein, hatte großes touristisches Programm vor. Aber demasiado frio! Die Frauen, die eben noch mit Fähnchen von Seidenblusen, Spaghettitops oder schulterfrei in der Kälte der Klimaanlagen sich munter wie Fische im Wasser bewegt haben, zaubern plötzlich winterliche, chice Steppjacken hervor (woher eigentlich?). Um ein farbiges Halstuch ist eine Mittelschichtsbrasilianerin nie verlegen, amazonasfarben, Schmetterlinge und bunte Vögel, très chic. Das war schon im 19. Jahrhundert so: Paris, Hauptstadt! Intellektuell wie modisch. Die Pariser Modemacher fanden die Tropen gar nicht traurig, sondern inspirierend. Pardon, verehrter CLS! Muss jetzt aber dringend ins Hotel, Pullover holen, bevor wir zu den Peruanern fahren! Sonst hole ich mir noch den Pips: kühlen lässt sich hier alles, aber heizen so gut wie nix! Grüße nach Südchina, boa noite, dc do Sampa

Monte Alegre, der fröhliche (Wein)berg

Cubanischer Arbeitsanfang der Bauarbeiter 11:30 h! Der Mittag kommt, ich gehe um die Ecke, meine Ramalho/Cardoso, benannt nach dem linksliberalen, smarten Soziologen, der nach der Militärdiktatur vom Volke zum Präsidenten gewählt wurde. Lula hat dann gezeigt, dass es eine noch linkere Mehrheit im Volke gibt. In Brasilien herrscht Wahlpflicht! Das hat Nachteile; denn oft wissen die Leute nicht, wen sie wählen sollen. Die Stimmabgabe erfolgt im Wahllokal elektronisch: Endergebnis des ganzen Riesenlandes mit kontinentalen Ausmaßen 2 Stunden nach Schließung der Wahllokale! Man muss nicht warten wie in Hessen … allerdings weniger nachahmenswert üppige Wahlversprechen, Wahlgeschenke, Stimmenkauf und Parteiwechsel sind an der Tagesordnung, einfach ekelhaft – hätte Joseph Roth gesagt. Mit Myriam, der witzigen Literaturwissenschaftlerin und Komparatistin aus BH teile ich den gleichen Geschmack, bei Literatur, Essen und Fußball. Bevor die Erinnerung verblasst:
Literatur: Myriam begrüßte mich vor dem Fußballkongress mit den Worten „unser Freund Gumbrecht ist gar nicht gekommen!?” Sie kennt diesen akademisch supererfolgreichen (Stanford!, wo er sich nach eigenem Zeugnis „Sepp” von den Hi-Brow-Kollegen nennen lässt) Romanisten gut: er hat nicht nur ein Buch – betitelt  „Lob des Sports” – geschrieben, das ihm auch eine Einladung zum Fußballkongress in BH eingetragen hat, er kommt gerne nach Rio und hat ein affiges Buch bei Hanser über sein Amerikanischwerden (nicht nur Green Card, sondern Citizenship!, gabs auch dank Schirrmacher eine ganze Feuilletonseite in der FAZ!) geschrieben, das ich mit Benjaminscher Kannibalenlust in der taz zerrissen habe. Wichtiger ist die Literatur: Wir beide halten Stefan Zweig für einen unterschätzten Autor. Sein Brasilienbuch „Land der Zukunft” wird weder durch seinen Selbstmord noch sein positives Präsident-Vargas-Bild (den viele, vor allem linke Lateinamerikahistoriker als Faschisten einstufen) dementiert. Myriam und ich waren uns einig, dass Stefan Zweig im brasilianischen Exil sein bestes Buch „Die Welt von gestern” geschrieben hat. Autobiographisch, ohne der strukturellen Verlogenheit des Biographismus zu verfallen – er, Stefan Zweig, die neben dem inzwischen zurecht vergessenen Emil Ludwig Ikone biographistischer Erfolgsschriftstellerei! Kracauer, Adorno  etc. haben diesen Biographismus gegeißelt. Ich habe im Vorfeld meiner Adornobiographie  nicht nur die wunderbare „Welt von gestern” entdeckt, sondern auch Zuckmayers „Als wär's ein Stück von mir”. Seither denke ich anders über diesen Star westdeutscher Theaterliteratur: „Des Teufels General”  zum Beispiel, das mir Nachgeborenem als Verharmlosung von Auschwitz vorkam. Sein Stück „Der fröhliche Weinberg” wurde in der Weimarer Republik militant bekämpft. (Gewaltsame Sprengung von Aufführungen! wie sonst nur bei Filmvorführungen von Remarques „Im Westen nichts Neues”) Er war Anfang der 20er eine zeitlang mit „Mirl”, der späteren Frau von Peter Suhrkamp, liiert und blieb nach der Trennung mit ihr befreundet bis ans Ende ihrer Tage. Ihr Briefwechsel liegt bei Wallstein vor, in dem auch der Briefwechsel von Olga Benario und Juan Carlos Prestes zu haben ist. Kompliment, Herr von Wallmoden. (Über Myriams letztes Jahr verstorbenen Vater Affonso Ávila, den großen brasilianischen Lyriker, muss ich wohl noch einmal schreiben; denn er verschwand mit meiner „tropischen Nacht-Mail”) Deutsche Exilanten in den traurigen Tropen: Der Mont Alegre(fröhliche Berg) spricht von ihnen. Es gibt nicht nur ein Édificio Mendelssohn (die meisten Gebäude tragen wie in den USA Namen), sondern auch eine bezaubernde kleine Plaça Anna Seghers, von der man auf den paulistischen Fußballtempel Parcambeu (indianischer Name) herabschauen kann, wo ich 2011 mit Guille und Pablo die inwischen abgestiegenen  „porcos” (Spitzname für italienisch-lastigen Traditionsverein Palmeiras) in der Gluthitze eines Septembertages gesehen habe. – *futebol, ganz kurz. Heute kann man auf eurosport.com die Tore vom Sonntagsspiel Athletico vs. Vasco sehen: Rei Ronaldinho!!! Mit Rodrigo Duarte, dem großen Adornokenner, habe ich das Spiel live auf der Terrasse der Nachbarschaftskneipe „Espedinho São Pedro” gesehen. Das leitet über zum letzten Punkt: – Essen. Hier im Raiz ist schon das ästhetisch ansprechende Buffet aufgetischt. Geschäftsleute, Lehrer(innen) und Student(inn)en essen aber auch à la carte (tolle, schmackhafte, kalorienarme Gerichte) oder an der Bar. Der anschließende cafezinho macht den Ruf dieses Cafés Raiz aus … in der Kneipe von Rodrigos Viertel „São Pedro” aßen wir die namensgebenden „espedinhos” (Spießchen), er mit Frango (Hühnchenbrust),  ich picanha (Filetstückchen vom Rind). Lecker, nicht teuer.  Myriam, die gerne das Spiel auch gesehen hätte, ist so sehr Fan, dass sie aus Angst vor Bluthochdruck nicht ins Stadion geht, in dem wir am letzten Mittwoch waren. Mein Gott, wie lang ist das her! Damals spielte der Lokalrivale Cruzeiro, den die Athleticofans total ablehnen. Auf ihnen ruhen die Hoffnungen aller Bayernfeinde, dass nach dem Triple nicht auch noch die Vereinsweltmeisterschaft (früher Weltpokal) kommt. CAM ist der letzte Copade-Libertadores (lateinamerikanischer Champions League)-Gewinner. CAM ist wie Botafogo und Corinthians schwarz-weiß gekleidet, favelanah wie sonst noch Flamengo in Rio (rot-schwarz wie die Eintracht). Von „Italienern” wie Cruzeiro oder Palmeiras, „Portugiesen” wie Vasco (da Gama) werden sie als Diebe und Mörder diffamiert, während sie umgekehrt als feminin und schwul („Bambis” zum Beispiel) angefeindet werden. Aus Favelasicht sind diese Vereine entweder Aufsteiger aus dem (italienisch/portugiesischen) Kleibürgertum oder „Aristokraten” (wie „mein” Guttmann-Club FC São Paulo oder Fluminense, über den wir – Sylvia Strasser, Marcos und ich – 2008 so viel schönes Drehmaterial gesammelt haben. Sylvie hat das ins Internet gestellt; aber ich weiß nicht, wie man es findet. Lunch over, jetzt wende ich mich der japanischen Imigration zu, abends gehen Pedro und ich (Geheimtip!) peruanisch essen …
Schnell nochmal ins Hotel. Jeder Walk ersetzt Workout, weil es immer auf und ab geht. Das war schon in BH  so … Und dabei kommt man nicht nur außer Atem, sondern man kann sich auch herrlich verlaufen … Erstmal Siesta (die Bauarbeiter sehen's auch so, éviva Cuba)

V wie Victory!

Wenn ich Bücher schreibe, möchte ich ein Publikum erreichen, das es wissen will. Meine Diss. „List der Gewalt” habe ich geschrieben, um dem journalistischen Zirkel um den Terrorismus Ende der 70er zu entkommen. „Grenzen der Aufklärung” habe ich von 1978 bis 1985 geschrieben, weil ich das Gefühl eines unfinished job mit dem Nationalsozialismus hatte. Ich habe das als Habilitation eingereicht, weil ich psychisch nicht in der Lage war, über etwas anderes zu schreiben. Ich danke den Fischerlektoren Günther Busch und Walter Pehle, dass sie aus dem schwierigen Ding einen Longseller gemacht haben, das inzwischen die 4. Auflage erreicht hat. Zu „TWA – ein letztes Genie” musste ich überredet werden: Angst vor der Gefahr des Biographismus; aber Herausforderung, meinen Lehrer einem großen Publikum vorzuführen, ohne ihn zu popularisieren und zu banalisieren. Der Überredungskunst meines Agenten Thomas Karlauf, der später eine fulminante George-Biographie geschrieben hat, und der Geduld meines Lieblingslektors Peter Sillem (S.Fischer) ist es zu verdanken, dass es 2003 veröffentlicht werden konnte. Und „Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs in einer Person” habe ich geschrieben, weil ich sicher sein wollte, nur noch über etwas zu schreiben, wo ich garantiert mehr Ahnung habe als das „letzte Genie”. Der außergewöhnliche Verleger Heinrich von Berenberg hat mir das Vertrauen gegeben, ein Buch über BG sei genau das Richtige. Mit diesem kleinen Buch haben sich (ohne Absicht) mir Stadiontore zu neuen Welten eröffnet: Live-Veranstaltungen mit Rudi Michel, Andras Szepesi (dem ungarischen Radioreporter des WM-Endspiels 1954 in Bern) Supertrainern wie Hans Meyer, Volker Finke und Mirko Slomka, eine Veranstaltung neben einem der größten Milanspieler aller Zeiten und hartnäckigem Gegenspieler von Milanboss Silvio Berlusconi, Vizeweltmeister von 1970 Gianni Rivera und schließlich die „Duzfreundschaft” mit dem Weltmeister von 1994 Jorginho. Die von meinem PhD-Stolz Nina Clara Tiesler in Lisboa organisierten Konferenzen zur EM 2004 und WM 2006 haben mich mit tollen Leuten wie Rolf Rüssmann, furchtbaren Kerlen wie Kickerboss Holzschuh, unfreiwilligen Komikern wie Schiedsrichterlegende Eschweiler zusammengebracht. Dort, in Lisboa 2006, begann die wunderbare Freundschaft mit Marcos Alvito, dem Anthropologen, der in Niteroi lehrt. Dort hat auch Martin Curi, dessen jüngstes Buch „Brasilien, Land des Fußballs” im Werkstatt Verlag angelesen auf meinem Frankfurter Schreibtisch liegt, sein wissenschaftliches Zuhause gefunden. Das Buch ist auch so etwas wie ein fußballerischer Reiseführer zur WM 2014. Er lebt seit 11 Jahren in Brasilien, ist brasilianisch mit einer Designerin namens Ivana verheiratet, hat alle Stadien und Städte der WM schon besucht und besser noch, er kann kulinarisch begründete Hinweise geben. Sein brasilianisches Fußballbuch hat also Gebrauchswert. Martin wird auf der Straße manchmal erkannt und angesprochen (habe ich selbst miterlebt), weil er in einer populären Kochsendung eine „Martinsgans” gekocht hat. War aus Mangel an Gänsen eine Ente. Chapeau, Martin! Er hat mich auch Mittwoch letzter Woche im Minas-Stadion, mit einem „tropeiro”, dem lokalen Fußballeintopf von BH, versorgt. Obrigado, Martin! Martin hat einen anschauenswerten Blog imlanddesfussballs , auf dem er auch schön und kurzweilig über unseren Stadionbesuch und unseren Kongress berichtet. Kompliment, Martin! Ich habe ihm auch gerne ein Interview unter den Palmen Inhotims gegeben. Er bloggt seit einem Jahr und ihm macht es Spaß zu experimentieren. Mir macht es auch sehr viel Spaß. Wenn Ulla Bayerl, die Seele von Faustkultur (entschuldige, Werner, Du fußballaffiner Macher!, der mich zur Frankfurter Fußballschule angestiftet hat), mich nicht gefragt hätte, hätte ich das nie auf mich genommen. Und für wen blogge ich nun? Für meine Freunde. Das wollte ich allen heute noch gesagt haben.

24.9.2013

Autobiographisches Schreiben, Verzerrung

Das Tagebuch gehört zur autobiographischen Lüge. Bei großen Künstlern lesen wir es trotzdem. Thomas Mann wusste haargenau, dass wir noch nach 100 Jahren lesen werden, wie er gesehen werden wollte. Grenzt an Größenwahn. Die meisten Autobiographien enttarnen sich schon auf den ersten Blick als Münchhauserien. Ein Blog kommt dem gefährlich nahe, der Selbstüberschätzung des Subjekts. Dem kann nur begegnet werden mit dem Respekt vor dem Objekt – und das ist in diesem Fall Brasilien. Meine Aufgabe ist es, Brasilien, das Land der Herzlichkeit, zu verstehen. Ich versuche der cordialidade (Sergio Buarque) auf die Spur zu kommen. Auch in meinem Essay für die Buchmessen-Literaturbeilage der taz habe ich diesem ungewöhnlichen Charakter dieser Gesellschaft nahekommen wollen. Das verlangt auch eine Selbstreflexion des Beobachters, der nicht einfach nur enthusiasmiert sein darf. Für meine brasilianischen Freunde ist das manchmal gar nicht einfach, meine Euphorie zu ertragen, die von der mich umgebenden Lebenslust stimuliert „Drei Wochen Brasilien sind ganz schön; aber würdest Du es nach drei Jahren auch so sehen?” Hat mir Pedro gestern abend entgegengehalten. Ich weiss, ich weiss, der erste Eindruck und die Oberfläche können täuschen. Doch ich bin zum dritten Mal hier: Wiederholung macht die Wirklichkeit aus. Guter, viehlo Hegel „was wäre das Wesen, wenn es nicht erschiene?” Im brasilianischen Alltagsleben erscheint etwas, was den kategorialen Apparat herausfordert. Buarque ist dem mit „cordialidade” auf die Spur gekommen; aber man muss den meisten Akademikern von heute erst mal erklären, dass das keine Schmusekategorie ist, sondern ein Differential von Herrschaft. Auch beim Blog sollte der weg von innen nach außen gehen; aus der subjektiv beobachten Einzelheit sollte die Totalität in ihrem objektiven Übergewicht erkennbar sein.
Sitze jetzt an „meiner” Ecke Ramalho/Cardoso, sehe dem ein und Ausgehen der Leute zu und mache meine soziologischen Gedanken. Mit „soziologischem Tatsachenblick” erfasst, ist Schönheit (beleza) eine soziale Kategorie. Auch in so einem Mittelschichtambiente (grenzt an Chici-Mici und Chardonnaysozialismus!) gibt es atemberaubend schöne Frauen, die keineswegs den blond-hellhäutigen Journalen entsprechen. Männer können dagegen auch schwarzhaarig als „latin Lover” durchgehen, obwohl blonde Heroen viel Aufmersamkeit erregen. Keine Sorgen, liebe Leser, ich trage wie in D auch baseball cap, um mir nicht die Hirnhaut verbrennen zu lassen. Jetzt gehe ich zu Pablo, um mich musikalisch fortbilden zu lassen. Morgen mehr, vielleicht habe ich etwas gelernt … bjs. aus dem schönen, aber regnerischen Zklaseviertel Perdizes

P.S. Sitze im Café und versuche meinen Diario-Beitrag zu liefern, kommt eine mittelalterliche Frau an meinen Tisch und fragt mich, ob ich ihr Date sei. In meinem spärlichen Portugiesisch beteuerte ich ihr, ich würde auf niemand warten. Der erschreckte Blick, der verarbeitete, ich würde nur so tun, weil sie mir nicht gefiele, bleibt in meinem Gedächtnis: verletzen, ohne es zu wollen. Jetzt aber zur Musik.

Mal 'ne alte Frage: darf man in Illustrierten schreiben?

Mein alter Lehrer Max Horkheimer liebte es, Sachen aufzuheben. Das Horkheimer-Archiv in Frankfurt beweist es. Dort fand ich eine Mappe zum Thma: „Darf man in Illustrierten schreiben?” Die Frage kam nicht von MH, sonder von einem Hi-brow-Blatt, das verachtungsvoll auf Stern, Constanze und Quick herabschaute – die schnöselige ZEIT wahrscheinlich. Das muss in den 50er Jahren gewesen sein, die als „long fifties” bis mindestens 1963 dauerten. Missisippi burning… und dann kamen Bob Dylan & Joan Baez und haben uns die Melodie vorgespielt: „The times they are a-changin'”! Das gilt auch für die Frage, wie ein Intellektueller in der Öffentlichkeit auftreten sollte. Heute, 50 Jahre später, ist nahezu jeder Intellektuelle (außer Botho S., der ca. alle 20 Jahre im Spiegel schreibt, wie und warum die Welt untergeht) froh, wenn er in einem Printmassenmedium die Chance bekommt, gedruckt zu werden. Ich auch. Mit Adorno war ich am 11. September 2003 im Frühstücksfernsehen. Ich wäre auch zu Harald Schmidt gegangen; aber die haben mich nicht eingeladen. Wenn Du etwas zu sagen hast, musst Du auch versuchen, gehört zu werden. Aber Funk, Fernsehen und Printmedien sind eine saia justa, ein enger Rock, der geistige Arbeit stranguliert. Das Internet erscheint als Ausweg: Ich kann ohne Restriktionen veröffentlichen, was ich will. Aber so einfach ist das – Gott sei Dank! – auch nicht. Ich möchte nicht etwas ins Netz spucken, sondern in einem strukturierten Zusammenhang erscheinen: faustkultur.de was my choice. Aber so, ist soziologisch gesehen, dieser Text nicht mehr nur mein eigener, sondern auch der eines Kollektivs… und – danke Wowereit – Das ist auch gut so! Die Redaktion sollte skeptisch bleiben gegenüber dem, was alles so ins Haus gemailt wird.
Jedes Medium sollte Kriterien haben, was gewollt werden soll. Also Blogs? Was gehört in einen Blog? Das „O Diario dc do Brasil” ist ein Reisetagebuch, Reiseform des Wissens, das ohne Bibliotheken auf einem iPhone produziert wird. Fehleranfällig. Aber es gibt eine viel gefährlichere Fehlerquelle: was soll in einer neuen Zeitung drinstehen? Narzisstische Selbstbespiegelungen, Intimitäten, „juicy stories”, wie sie unsere Studienfreundin Angela Davis nannte? Nein, dreimal nein. Es geht um die Vermittlung subjektiver Eindrücke. Gefährlich grenzt das an Autobiographisches Schreiben, das noch mehr zur Lüge verführt als Biographisches. Ich bleibe bei meiner schriftstellerischen Grundregel: Jeder Satz muss stimmen! Die Grenzen werden durch das Taktgefühl gesetzt: kein Exhibitionismus, kein Narzissmus! Ehrlich? Etwas von beidem ist immer dabei. Aber ein Salat sollte nicht nur aus Olio und Balsamico bestehen. Etwas zu beissen sollte geboten werden: Stoff, und den möchte ich liefern. Gute Nacht für die Leser auf der nördlichen Halbkugel.

Geschichten von gestern

So eine Dulce/Queijo-Kombi hatte Pedro gestern zum Abschluss des Wiedersehens im 16. Stock seines Appartements in Perdizes serviert. „Stell' das sofort in den Kühlschrank zurück! Sonst hören wir nie auf …” Schwer aufhören können wir aber nicht mit dem Essen, sondern mit dem Reden. Wir haben uns so viel zu sagen – Pedro Gadelha, 1. Kontrabassist des besten Symphonieorchesters Lateinamerikas (sie kommen am 12.10., einen Tag vor Eröffnung der Brasilien-Buchmesse nach Wiesbaden!) und der globetrotternde happy emeritus aus Frankfurt. Pedro kennt Frankfurt ganz genau; denn er hat jahrelang im Ensemble Modern mitgewirkt. Ich kannte ihn nur über meinen langjährigen argentinischen Freund Guille, der in den frühen 80ern mein Frankfurter Nachbar war. Wir haben uns im September 2011 bei Pedro getroffen, um Sampa zu erkunden. Sorgen über einen Aufenthalt melted away durch Pedros Ciceronetätigkeit. Ein paar Tage voller intensiver Erlebnisse genügten, um Freunde zu werden. In seinem Appartement im 17. Stock einer Riesenwohnanlage über den Dächern von São Paulo fühlte ich mich schon schnell wie zu hause. Wie vor zwei Jahren saß ich Pedro gegenüber und unter ihm lagen die Straßen von São Paulo. Das Gefühl vom Up and Down, das ich bisher nur in San Francisco gehabt habe, war schon in BH wiedergekehrt – BH und Sampa liegen in einer Hügellandschaft, in der es Gold, Edelsteine und großen Reichtum zu gewinnen gibt. Meine Freunde und ich gehören nicht zu den Reichen, aber es fallen doch so viele Brosamen vom Tisch des Überflusses herab, dass man als linker Intellektueller nicht am Hungertuch nagen muss. Luxus für alle wäre das Ziel. Höre sicherheitshalber hier auf: Dear Apfel, hilf mal, wie kann ich verhindern, dass meine Entwürfe plötzlich verschwinden? Soll ich sie lieber auf Pages schreiben? Auch die Bewältigung technischer Probleme gehört in ein Tagebuch. Aber was gehört wirklich in einen Blog? Fragt sich dc im wetterwendischen SP

In den Straßen von Perdizes

Heute Frühstücksbuffet verschlafen. Macht nichts: um die Ecke gibt es alles. In der mir von Alex' empfohlenen Bäckerei, die sich selbst zurecht Casa de paês nennt, hat man eine Superauswahl an Broten. Aber Bäckerei? Hätten wir bloß so etwas wie hier in Perdizes im Nordend! Man geht durch ein Drehkreuz rein, muss wie in der Metro ein Plastikticket ziehen. Auf diesen Cartão wird alles elektronisch geladen, was im Laden kostenpflichtig ist. Als erstes gehe ich zur Bar, wo schon Männer mittleren Alters à la italiana herumschwatzen. Man hat die Wahl zwischen betörend aussehendem Obst(mein Favorit auf dieser Reise: vollreife Papaya!), Pasteten und dem Stolz des gerade verlassenen Minas Gerais: Pão do Queijo! Hier schmeckt es optimal. Wie mir die Minas-Spezialistin Myriam beigebracht hat, kommt es auf die Konsistenz an und auf die Qualität des Käses. Namen habe ich leider vergessen; aber wir hatten ihn in BH zum Abschiedsfrühstück. Ein fettarmer Kuhkäse, der wie milder Schafskäse schmeckt. Minas produziert, wenn nicht gerade die Erde aufgerissen wird, eine Unmenge „geschmackloser” (fettarmer) Käse, die man in unendlichen Variationen mit Süßem kombinieren kann: Romeo & Julieta nennen sie das … es gibt noch so viel zu erzählen, aber statt geplanter Hochkultur mache ich lieber erstmal Siesta. Abraços, dc

23.9.2013

Aus dem Café Raiz

Habe es wiedergefunden, wo ich schon vor zwei Jahren abgehangen habe: Café Raiz, gleich um die Ecke. Alle Orte, die etwas auf sich halten, haben freies WiFi … Von Café Felice, dem paradiesischen Garten Ihotim bis zum Flughafenschnellbus in BH, in den mich Pedro heute morgen gesetzt hat. Der Bus war klimatisiert. Obwohl ich schon etwas Langärmliges an hatte, holte ich schnell noch einen Pullover aus dem Rucksack und bereute, dass ich meine Caps in den Koffer getan hatte. Der Airport BH ist eine Riesenbaustelle; macht den Eindruck, noch stören die Fluggäste; aber es wird geflogen – hörst Du, Medick! Leider sind die leicht provinziellen kleinen Geschäfte wegrationalisiert, bei denen man für ein paar Rais einen Sack nicht bearbeitbarer Edelsteine kaufen konnte. Zum Mercado Central am Sonntagmorgen hatte ich keine Zeit, weil wir drei, Myriam, Rodrigo und ich, endlich mal wieder diskutieren, quatschen und klatschen konnten. Wir taten das bei einer Bäckerei italienischer Provenienz (Lebensmittel sind italienisch dominiert in Südbrasilien. Zum Mittag und Abend gibt es kleine Gerichte, wie hier im Raiz auch, aber die Bäckerei backt auch am Sonntag das beste Brot (ich konnte zwischen 50 knusprigen Sorten für das Montagsfrühstück wählen) und sie bieten zum Nachtisch Patisserie an, der die meisten meiner brasilianischen Bekannten nicht widerstehen können. Bei Rückbesuchen muss es mindestens Siesmayer sein … Ich schick das vorsichtshalber schon einmal los und nehme hier einen der hervorragenden Cafés (Gott sei Dank gibt es keine süße Versuchung)… habe Bolinhos de bacalão gegessen, einen meiner Lieblingssnacks portugiesischer Provenienz. Ich habe ihn in seiner brasilianischen Version zum erstenmal mit Marcos in einer schlichten Kneipe in Niteroi 2008 gegessen, seitdem komme ich nicht mehr davon los. Bin beim Nachforschen darüber auf Marc Kurlansky gestoßen, der mit „Kabeljau” eins der besten Foodbücher überhaupt geschrieben hat. Achtung, Ramsch, zugreifen! Hier, im Raiz ist es veredelt; für Herkunftsideologen vielleicht nicht das Richtge; aber „roots” sind mir schietegal: der Gebrauchswert einer Speise ist entscheidend, und hier haben wir mit den Bolinhos eine leichte Abendspeise. Auch die Bratwurst muss nicht im Fett ertrinken. Im Stadion letzten Mittwoch hatten wir „Tropeiro”, einen Eintopf, ganz übersichtlich zubereitet und sehr hygienisch im Stadion dargereicht.

Wie konnte das geschehen?

Kalter und heißer Abschied aus BH. Wir wollten uns noch nicht trennen: Myriam, Rodrigo und ich. Heute Nacht, als mir die Nacht im Mädchenzimmer zu tropisch wurde, habe ich die Geschichte unserer wunderbaren Freundschaft aufgeschrieben. Sie begann 2010 in Madrid. Schuld sind der Madrider Prof. Zamora, der das wunderbare spanischsprachige Internetprojekt constelaciones-rtc.net auf die Beine gestellt und Jordi Maiso, der mich für die Zeitschrift interviewt, begeistert und gewonnen hat. Seine Übersetzungen sind meine spanische Stimme. Bei meinem „Abschied von Maggies Farm” im Februar 2011 kamen wir alle im Sprengel Museum Hannover zusammen. Alex Vaz kam extra aus Brasilien, Jordi Maiso von exzellenter Doktorprüfung aus Salamanca. Rodrigo weilte mit Myriam schon zu einem Forschungsaufentalt in Deutschland. Dieses Jahr treffen wir uns alle in Brasilien wieder. Ich habe schon 2011 in seinem Seminar in Belo Horizonte über die „Banalisierung des Bösen” referiert. Rodrigo hat das nicht nur hervorragend übersetzt, sondern mir die Platzierung in der schön layouteten Zeitschrift Vivo zum Geschenk gemacht. Ich habe es gegoogelt: edel, edel. Gewisser Autorenstolz. Jetzt aber Flug zuende Aussteigen in São Paulo. 2011 hatte ich etwas Bedenken angesichts all der Horrorstories, die so im Umlauf sind. Jetzt aber weiß ich, wie man's am besten macht. Mein Bekannter um eine Ecke, Pedro Gadelha, hatte mir ein Hotel in der Nähe seines Appartments in Perdizes gebucht: gute Gegend, man kann auch abends gut zu Fuß herumgehen. Nur der Weg in sein Appartement war 2011 mit Hindernissen gepflastert, die uns heute noch lachen machen. Mal sehen, wie das heute Abend wird. Leider kann ich ihn noch nicht chic zum Essen für seine Ciceronetaten einladen; denn er muss die Kinder hüten. Stunden später, ausgepackt: Appartement-Hotel, geh' mal was einkaufen! Später mehr! Beijo aus Sampa

22.9.2013

Tropische Nacht in BH

Als ich im Mädchenzimmer meiner Freunde Myriam und Rodrigo einschlief (ihre Tochter Natalya ist gerade ausgezogen), stritt sich eine Horde junger Leute vor meinem Fenster lautstark in tropischer Nacht. Nachts bleibt es lange schwül-warm und gestern begann der Frühling in Brasilien, als Hessen sich noch die Augen rieb angesichts der wiedergekehrten „hessischen Verhältnisse”. Erklär das mal hier, warum eine linke Koalition im Bund „unmöglich” ist, in Hessen möglich wäre; aber Aussagen gemacht werden, die sie ausschließen? Wer war Ypsilanti? Ein griechischer Freiheitsheld, den Lord Byron besungen hat, oder eine etwas naive, ehrgeizige linke Sozialdemokratin aus Hessen, die von einer unheiligen Allianz von FAZ, Spiegel online, Roland Koch und Frau Wagner (Friede der FDP-Asche, olvida Hahn!) zur Schnecke gemacht worden war. So konnte Koch, der Kohlkopf Hessens, im Amt gehalten werden, der dann den schwarzen Regierungsstab an Bouffier übergeben konnte, der absichtlich die Hessenwahl auf den Termin der Bundestagswahl legte, um vom erwarteten Merkelaufwind zu profitieren (wie ein Geier im Aufwind über dem Wasserfällen von Iguauçu). Liegt Hessen denn in Brasilien? Myriam und Rodrigo kennen Hessen ganz gut; denn sie haben Ende der 80er Jahre in Kassel studiert. 1990 hat Rodrigo eine Stelle als Dozent für Ästhetik in BH, der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais. Ich habe ihn 2010 bei einer Präsentation der spanischsprachigen Online-Zeitschrift für Kritische Theorie kennengelernt, für die wir beide regelmäßig schreiben. Ich stand damals für die nördliche Halbbkugel, Rodrigo für die südliche. Duch constelaciones …

Irgendwie hat das Web die Mehrheit meiner „Tropischen Nacht in BH” verschluckt! Die erfrischende Morgenkühle kommt, die FDP in Hessen hat doch noch 5 % und die einsame Mücke im Mädchenzimmer habe ich getötet. Nachher mehr, abraços, dc

Denk' ich an Deutschland…

Ich denke nicht als Erstes an die Wahl, nicht einmal an Werder. Die gute Nachricht vom Auswärtssieg im Derby erreichte mich schon gestern im paradiesischen Garten Inhotim, wo es wie in allen besseren brasilianischen Orten ein kostenloses WiFi gibt. Nein, ganz im Sinne des oft missbrauchten Heinegedichts, als aller Erstes denk' ich an die von mir geliebteste Person, die sich – weit weg von mir – dort befindet. Und ich freue mich darauf, sie am nächsten Sonntag endlich wiederzusehen. Das Schöne in dem ganzen Gedichtband „Deutschland, ein Wintermärchen” lebt von der Dissonanz von Individuum und Gesellschaft, der Nicht-Identität von Ich und Kollektiv. (Mittagspause)

Während wir essen waren, hat die Welt sich verändert, zumindest Deutschland. Einer meiner seit Jahrzehnten innigsten Wünsche wurde erfüllt. Die FDP ist weg vom Fenster! Wir haben alles auf der Deutschen Welle gesehen, inkl. Elefantenrunde. Musste aber erst im „Spiegel online” nachlesen, warum der Elefant Brüderle nicht in den Pozellanladen durfte. Bin zu Gast bei Rodrigo Duarte und Myriam Ávila, über die ich erst morgen mehr erzählen kann; da ich jetzt zu müde bin. Wir waren noch in der Fußballkneipe um die Ecke, um CAM Athletico Mineirho gegen Vasco aus Rio zu sehen. Mein Freund Ronaldinho war in Spiellaune! 1 gol, 1 ass?…

20.9.2013

Fußball total

Oh, Gott, niemand weiß, wann uns die Götter wieder gnädig sind und diese Mail nicht wieder in die elektronische Vorhölle des Postausgang zurückstoßen. Inzwischen sind wir im neuen WM-fähigen Stadion, Minas Arena neumodisch getauft, gewesen und haben das Spitzenspiel der 1. Liga gesehen: der blaue, heimische Cruzeiro gegen das berühmte Botafogo im verhassten Schwarz-Weiß, das auch der Lokalrivale und Copa Libertadores Titelträger Mineiro trägt. (Der Text stockt … Muss gleich auftreten. Immer noch Lampenfieber. Um Kosten zu sparen auf Englisch. Meine Lecture hat Rodney Livingstone übersetzt, der für seine Übertragung von „Adorno – the last Genius” den Ungar Price gewonnen hat. Mit seinen eleganten Übersetzungen fühle ich mich immer auf der sicheren Seite; die Dolmetscher hier machen einen sehr professionellen Eindruck. (Trotzdem performance pressure). Später weiter.

19.9.2013

Das Beste kam zum Schluss

Geweckt von einer Horde schwarzer Vögel vor meinem Fenster in einer Palme, die in ihrem Nest – wenn nötig – blitzartig verschwinden können. Von diesen Vogelhäusern, eigentlich kokosnussbeschwerte Netze, gibt es hunderte im Garten des Hotels. Der diskrete Charme der schwarzen Vögel mit gelbem Kurzschnabel vor meinem Fenster. Wenn sie auffliegen, offenbaren sie ein kaminrotes Unterfederkleid … Zum Verlieben, aber zu schnell für meine iPhone-Fotografie! Auch die Nasenbären sind beim Sonnenschein rausgekommen; sie sind – darwinistisch stark – wie die Racoons in beiden Amerikas. Man soll sie nicht füttern, aber sie holen sich – auch von den Menschen – was sie brauchen. Nur die Affen in Singapur waren frecher … Abenteuer der Zivilisation in den Tropen! Auch das noch: Gerade organisiere ich meinen Transfer, da erscheint der Regenbogen über den Wasserfällen! Kitsch as Kitsch can …

Zurück zur Kultur

Glück gehabt: Flug nach Sampa hatte Verspätung, den Platz 13 F, den mir Alex' Sekretärin mit dem wunderschönen Namen Lisandra Invernizzi aus dem Floripaner Unisekretariat der USFC (sprich uffzi!) in aller Herrgottsfrühe besorgt hatte, gab es nicht. Anderes Flugzeug als geplant, ohne Reihe 13. Nach längerer Diskussion durfte ich auf 14 F sitzenbleiben. Gegen meine Gewohnheit Fensterplatz, herrliches Flugwetter und die richtige Seite. Was für ein Blick! Maravelhoso! Wunderbar, wie mein Freund Marcos aus der cidade maravelhosa Rio auf Deutsch zu sagen pflegt. Ich bin schon von Kopf bis Fuß auf Fußball eingestellt. Die umgebuchte Fluggesellschaft heißt GOL, einfach TOR! An ihr war gestern sogar meine Reiseagentin, die mit sicherer invisible hand aus der Kronberger Straße (Metropolitan Reisebüro, das beste Reisebüro, das ich in meinem langen travel life je hatte) meine Bewegungen leitet, Frau Constanze Marx (sic!) gescheitert; denn die Gol-Website war zusammengebrochen. Man konnte weder buchen, bestätigen noch kaufen. Der verspätete Flug machte mir Sorgen über den Wolken: Umsteigezeit sehr knapp, meine Tumi-Koffer, bleiben sie wieder in Sampa stehen wie 2011? (Auch so eine Marxgeschichte, die mir Ungläubigem das Marxvertrauen gegeben hat: nach 13 Flugstunden und 3 weiteren Stunden auf dem Flughafen in Rio, als ich mit meinem sparsamen Portugiesisch meine Koffer mit Gepäck für 6 Wochen, den Tränen nahe, zu beschreiben versucht hatte, erreichte mich im Arpoador Inn eine SMS von CM: „Habe Ihr Gepäck in Sao Paulo gefunden, habe es ins Arpoador geschickt, kommt in vier Stunden!” … Und es kam. Ich blickte zu Cristo Redentor, dem Wahrzeichen Rios auf dem Corcovado, auf, und dachte dankbar an CM- nicht Carlos, sondern Constanze Marx.

Glück im Unglück: konnte im Flugzeug sitzenbleiben! Die Tumis sind im Bauch des Vogels geblieben. Die Flughafenbar mit den Frangopasteten in Sampa werde ich nicht so schnell wiedersehen! Hambre! Das Essensangebot an Bord von Gol ist ebenso abschreckend wie das der Konkurrenzgesellschaft TAM. Da hatte ich vorgestern einen Sandwich gegessen, einfach ekelhaft, hätte Joseph Roth gesagt, der es leider nicht einmal wie Stefan Zweig bis hierher geschafft hat. Dem Supermarkt „zona sul” aus Ipanema sei Dank: im Handgepäck habe ich eine schwarze Lindt, 85 % cacau, die einzige, die mir erlaubt ist. Ich breche einen Riegel ab: Es lebe Lindt! Es lebe Sprüngli! Die handgeschöpfte 85%ige, die ich Myriam mitbringen wollte, kann unversehrt bleiben … Schreibpause! Im Stau gestanden, vom Flughafen ins Hotel, vom Hotel zum Stadion, heißt jetzt Minas Arenas, sehr schön, Cruzeiros hat 3:0 gegen Verfolger Botafogo gewonnen, unterhaltsames Spiel, 3 Tore, davon 2 sehr schön, 2 Elfmeter, Riesenstimmung, 50 000 Zuschauer; die WM kann hier sehr schön werden, bloß nicht mit dem Auto ins Stadion. Hätte noch so viel zu erzählen, todmüde, morgen mehr. Boa noite!

17.9.2013

As time goes by

Pedimani ist vorbei. Jedes Edelhotel hat inzwischen ein Spa. Für die Geräteabteilung war ich nach dem Marsch durch den Regenwald zu faul; aber die Spaabteilung war sehr elegant, wie alles hier in teurem Holz, aber modern, minimalistisch. Maren empfing mich (das Modell des salão de beleza: schlank, knabenhaft, (fake) blond, gutes English, freundlich. Die Arbeit am Körper machte Leila. Zwar gibt es eine starke syrio-libanesische Migration, besonders hier im Grenzgebiet zu Argentinien, Paraguay – manche behaupten, die antiisraelischen Attentate in Buenos Aires zu Menems Zeiten seien hier ausgeheckt und geplant worden – aber diese Leila scheint mir eher Thai-orientiert. Malaysia, Pakistan? Die Musik im Hintergrund, eher eso-asiatisch, also alles unklar. Zu fragen habe ich mich nicht getraut … Der Kerl in der Pianobar spielt tatsächlich „As time goes by”. Nicht mal schlecht, abgebrüht, auf diesen Pianisten wird niemand schießen. Demodée. Der amerikanisch dominierte Tourismus der Nachkriegsjahre (Ein Amerikaner in Paris) hat die romanische American Bar, mit Whisky und Piano, geschaffen. Im Fridge auf dem Zimmer gibt es Whisky, aber keine Cachaça. In der Bar selbst gibt es gute Sandwiches (amerikanisches Country Club Niveau, Vorsicht kulinarische Antiamerikaner: das ist hoch!) Cataratas war für die gleiche US-Clientel geplant, die 1958 Cuba verloren hatte. Auch die Zigarren gibt es noch: Romeo y Julieta; nur raucht auch hier niemand mehr. Nicht mal ich. Der Pianist ist ins Bett, wenn nicht in Rente gegangen. Mach ich lieber auch. Nur mit der Demodée-Sache bin ich längst noch nicht fertig. Auch der „Hotelpatriotismus” muss nochmal angegangen werden. Nur nicht heute …

Entschuldigung, Barbara!

Noch nie bin ich beim Rauschen eines Wasserfalls eingeschlafen; es ist anders als die Brandung, die in ihrem Vor und Zurück etwas Ontologisches hat. Das Leben kommt aus dem Meer und deswegen war es unter Seefahrern sehr beliebt, die Asche ins Meer zu streuen. Auch Engels hat sich das gewûnscht. Iguaçu – das große Wasser nannten die Indianer diese Eruption der Natur. Die Erde hat sich aufgetan; es erfüllt einen mit Freude, diesen ungeheuren Schrecken sehenden Auges zu überstehen. Immer wieder wirft man einen ehrfurchtsvollen Blick in die Tiefe und beglückt, besprüht vom Lebens spendendem Wasser schaut man sich um: Das soll die grüne Hölle sein? Sie hat wohl auch meinen Text verschluckt, den ich heute Nacht geschrieben habe. Übermüdet muss ich wohl eine falsche Taste gedrückt haben; denn ich war wieder aufgewacht, von Höllenlärm der Wasserfälle, die anders als die Wellen (man denke nur an Ipanema) nichts Beruhigendes, sondern etwas Beunruhigendes; vergleichbar mit dem Kraterrand großer Vulkane. Man muss wohl an den Ursprung denken, an die Urgewalt, die den Mythos hervorgebracht hat. Barbara Klemms Foto, das sie mir von ihrer Reise ans Ende der Welt mitgebracht hat, hält Bewegung und Stillstand, quasi als Auge des Taifuns, fest – das ist Kunst, große Fotokunst. Nun bin ich aber inmitten dieses Infernos selbst angekommen. Und da ich zu spät losgegangen bin, bin ich umgeben von Menschen, die das Gleiche tun wie ich: Knipsen! Das Gedrängel erinnert an die Tokyoter U-Bahn; Lahme und Behinderte drängeln sich, für Rollstuhlfahrer wird gesorgt. Lebenskraft scheint für alle vom Sprühnebel Gebadeten da zu sein – ein Hauch von Lourdes, als ob man von einer Übermacht – sive Deus, sive Natura – gesegnet wird. Wenn man auf dem nassen Steg bis in die Mitte der Wasserfälle läuft, spürt man plötzlich einen ungeheuer starken Aufwind (vom Paradiese her?), der erklärt, warum die schwarzen Flugkünstler in großer Höhe unentwegt über den Wassern schweben (weit weg von den Menschen). Mein Großvater, der gelehrte Biologe, wäre enttäuscht von mir, dass ich alle die wunderbaren Vögel, die ich hier sehe, nicht benennen kann. Ich schaffe es nicht einmal, sie zu knipsen. In Rio waren sie meist zu weit entfernt; aber den mit der gelben Brust habe ich jetzt am Hotelfenster vor dem Kaminzimmer erwischt. In Floripa war der Hotelgarten voller Vogelhäuschen; aber wenn die Menschen kamen, verschwanden sie blitzschnell und ihr Gesang kam aus der Röhre. Vor den knipsenden Massen haben die meisten Tiere den Rückzug angetreten. In naiver Malerei (eine Art naturalistischer Realismus) sind sie im Hoteltreppenhaus festgehalten. Ich kann gar nicht fotografieren. Ich bin nicht einmal ein Amateurfotograf. Ich knipse als Gedächtnisstütze meiner Reiseerzählungen und zur Abstützung der soziologischen Fantasie. Aber Barbara Klemm hat mir das Minderwertigkeitsgefühl genommen, als sie mir bei einem Treffen in Washington, D.C. erklärte, ich mache auch „Knipsfotos”, einfach so, aus der Hüfte sozusagen, Privatsache. Meine Scheu, so etwas zu veröffentlichen, hat faustkultur.de überwunden. Stefana Sabin fragte mich vor einiger Zeit, ob ich ihre L.A.-Handy-Fotos essayistisch begleiten wollte. Der Essay, wirklich ein Versuch, hat mir Spaß gemacht und mich ermutigt, zu diesem Diarioprojekt SIM zu sagen. Vor zwei Tagen sagte mir ein deutsch lesender brasilianischer Freund, der mich eher als kritischen Theoretiker und Fußballautor schätzt und mir nicht schmeicheln muss: „Deine Texte zu L.A. gefallen mir ganz besonders!” Ein Lob auf iPhone, Internet und Blogging … Vieles ist Mist, Mobbing, Exhibitionismus in Social Media, soziale Kontrolle und NSA. Doch das ist alles kein Teufelswerk, wie Kulturpessimisten beschwören, sondern „Dialektik der Aufklärung im Alltagsleben”. Oh, die Sonne kommt durch: Vielleicht gibt es noch einen Regenbogen!? Kitsch as Kitsch can …

16.9.2013

Auf dem Weg nach Iguauçu

Ich sitze noch im Flugzeug und warte auf den Abflug nach Sampa; Floripa ist ein Regionalflughafen; alles geht über Guarolhos, den Internationalen Flughafen von São Paulo. Vorsicht, Falle! Man will nur ein nationales Ziel erreichen; aber der Flug geht international weiter. Wer dann erst 1 Stunde früher kommt, hat verloren. Du musst bei internationalen Flügen, auch wenn Du nur ein nationales Ziel hast, zwei Stunden früher da sein. Kein Erbarmen! Bin eben daran gescheitert, mir für Guarolhos 3 Stunden WiFi zu kaufen. Bürokratisches Portugiesisch – ich gebe auf! Im Luxushotel Las Cataratas in Foz de Iguauçu wird es wohl wieder möglich sein. Jetzt checke ich noch einmal die spärlichen Flughafen-Shoppingmöglichkeiten – Brasilientrikots und Edelsteine von H. Stern. Dessen Museum habe ich schon 2011 in Ipanema besucht. Die anschließende „Weinprobe” mit charmanter Beratung war etwas teurer, aber eine „Edelsteinprobe” ist auch nachhaltiger. Man hat etwas, was man im Handgepäck nachhause mitbringen kann.
Leider hat eine ungezogene Horde von anglo-brasilianischen Schulkindern das Flugzeug geentert, die die Kunststoffgetränkebecher mit Begeisterung über den selbst erzeugten Krach zerstören. Zwei „Lonely Planet”Reisende entlarvten sich als Deutsche, die Hin und Herdiskutieren, wie sie das Maximum zu sehen bekommen. Der Captain bereitet uns auf 14 Grad und Turbulenzen vor. Hoffentlich kommen meine Koffer mit.
Stop writing! IPhone-Schreiben bei Turbulenzen fehlerträchtig!
Vor dem Traum kommt der Albtraum. Der Flughafen Las Cataratas empfängt trotz aller Abgeschiedenheit alle 5 Minuten einen Flug, hat aber nur ein kurzes Gepäckband in einem dunklen, engen Raum. Selbst in Managua, kurz nach dem Sieg der Sandinisten, ging es weniger hektisch zu. Am meisten Stress machen europäische Touristen, die um ihr Gepäck fürchten. Sorgen mache ich mir auch in diesem Chaos: Kämen die Koffer nicht, wären meine Bekleidungsmöglichkeiten in den verbleibenden 14 Tagen erheblich eingeschränkt. Aber tranquillo, meistens löst sich alles in Wohlgefallen auf, der Stau zum Beispiel, im letzten Moment. Die Brasilianer allerdings vertrauen unmöglich verpackte, übergroße Gepäckstücke der Fluggesellschaft, oft triefende, durchgeschwitzte Riesen-Pappkartons, die zusammen mit den Koffern kommen. Manchmal fallen sie vom Gepäckband, was zu neuer Hektik führt. Manchmal sind sie zu unhandlich und zu schwer für die schon etwas älteren Besitzer. Konnte wegen meines cardiovaskulären Trainings manchmal hilfreich eingreifen. Vor mir stand ein junges Mädchen aus der anglobrasilianischen Gruppe. Auf der Suche nach ihrem Koffer beugte sie sich vor und das ganze Band verschwand hinter einem langen Vorhang von braunen Haaren. Jeder Koffer war eine Überraschung und man musste bereit sein, blitzschnell zu reagieren. Nach diesem massentouristischen Erlebnis kam der Eintritt in den Nationalpark, in dem die Dependance von Copacabana Palace liegt. Der Traum wird wahr: Regenwald, Wasserfall und Luxushotel. Joseph Roth, dem Hotelpatrioten, hätte es gefallen. Das Hotel „Las Cataratas” wurde 1958 erbaut (1. brasilianische Fußballweltmeisterschaft, kubanische Revolution); es ist etwas demodée, aber der Blick aus dem Schlafzimmer bezaubert. Das Schlafzimmer im schweren Tropenholz (ökologisch ohne Schuldbewusstsein) erinnert an Machado de Assis. Die sozialwissenschaftlichen Bücher sind in den Koffer gewandert … Ich werde schön schlafen, morgen früh aufstehen und dann ganz allein durch den Regenwald wandern, die gewöhnlichen Touris kommen erst ab 9 h … boa noite!

Weiter mit Lonely Planet

Der taz-Artikel wird nach Berlin gemailt. Die Brasilienbücher, die mitreisen durften, kommen in den Koffer. Bartelts Buch bei Wagenbach, sicher das kompetenteste Brasilienbuch seit langem, macht anhand von Copacabana klar, was Brasilien ist und wohin es sich bewegt. Herzstück bleibt eine Architekturgeschichte der Zona Sul. Es geht auch ohne kulturwissenschaftlichen Schnickschnack. Konstruiert werden Häuser, nicht Identitäten. Wenn etwas „eingeschrieben” wird, dann in den Sand. Bartelts Buch bewegt sich in der großen Tradition der brasilianischen Soziologie. Das Appartement, in dem Stan Getz das Girl of Ipanema bläst, ist weder Herrenhaus noch Sklavenhütte, sondern ein Ort, an dem sich ein gutes Leben führen lässt, wie es alle sich wünschen, die nicht mehr hart körperlich arbeiten wollen – ein bisschen Manhattan, ein bisschen South Beach. Lustige Tropen. Auf das Copacabana Palace, das seit den 20er Jahren existiert, blickt man ein bisschen nostalgisch zurück – ein Hauch von Negresco in den Tropen. Große Garderoben, Edelsteinboutiquen, Glücksspiel die ganze Nacht – könnte man hier zum „Hotelpatrioten” (Joseph Roth) werden? Nicht meine Welt, einfach unerschwinglich, auch heute noch. Es reicht gerade für einen Aperitif am Pool. (Habe ich 2011 gemacht, brauchte ich 2013 nicht zu wiederholen). Aber im Hotel sah ich einen Verweis auf die Dependance bei Foz de Iguauçu im Grenzdreieck Argentinien, Brasilien und Paraguay. In meiner Frankfurter Wohnung blicke ich seit einiger Zeit auf ein herrliches Foto von Barbara Klemm, der ich von meinem Wasserfalltraum erzählt habe und die mit Goethes Hilfe im nahe gelegenen Curitiba letztes Jahr ein Fotoseminar gegeben hat. Der schöne Augenblick, der auf dem herrlichen Foto den Modus des Verweilens erreicht, wirkt auf mich wie ein Versprechen, das nun mihilfe meines Frankfurter Metropolitan Reisebüros wahr werden soll. Also werden heute die Bücher umgeschichtet, alles in den Koffer, der hoffentlich nicht beim Umsteigen in São Paulo verloren geht, nur der Lonely Planet fliegt im Handgepäck mit … Gleich geht es zum Airport, etwas Reisefieber, mais tarde mais …
Bjs., dc do Brasil

15.9.2013

… müde in Floripa

Artikel geschrieben, trotz herrlichen Wetters. Nach dem bürgerlichen Sonntagsvergnügen Rodizio (du darfst so viel Fleisch essen, wie du wiegst:), das außer jeder Form von zartem Fleisch noch eine sensationelle Mousse de Maracuja zu bieten hatte, zogen wir wie alle anderen Sonntagsausflügler auch an die Bahia und mit Blick auf die an Golden Gate erinnernde Bridge haben wir noch einmal alles durchdiskutiert: Horkheimer-Rezeption in Lateinamerika und Spanien, Veränderung der Klassentheorie, SDS und RAF… Und die Sonne geht hinter den Bergen unter wie in einem Kitschroman. Das leitet über zu der unvermeidlichen Frage: wer ist kitschiger, Argentinier oder Braslianer? Nelson Ned soll ich mir auf youtube ansehen; aber ich bin zu müde. Neue Frage: Klimaanlage aus, weil zu laut, oder an, weil zu heiß? Wo kommen plötzlich die ganzen Insekten her? Frühlingsanfang? Freue mich auf die Berge.
P.S. Für morgen ist ein Kongress mit 5000 Feministinnen angekündigt. Es wird mit Stau gerechnet …
Boa noite!

14.9.2013

Heimspiel mit Garnelentasche

The proof of the Pastel Camarão is in the eating. Da kann einem der ganze linguistic turn, diese Ausdörrmethode des Denkens, die eine weltweite philosophische Versteppung zur Folge hatte, gestohlen bleiben. Camarão, das Gedächtnis lässt nach, aber mithilfe elektronischer Stützen wie „I translate” bin ich wieder drauf gekommen: Garnelen, in allen Formen der Zubereitung – z. B. mit Brombeeren! Es gibt auch Baiana; d. h. wie in Bahia. Aber da ist die Fußballnahrung acarajé, unübersetzbar, erinnere Dich, lieber Leser, an den Hippiemarkt in Rio! In der WM-Stadt Salvador de Bahia soll es über tausend Baianas geben, die ambulanten Acarajéhandel betreiben. Die FIFA wollte das unterbinden (ebenso wie bei der WM 2006 in Deutschland, als keine lokalen Bratwürste, Biere oder andere Getränke im Stadionbereich verkauft werden durften). Die Acarajéfrauen haben gegen dieses Stadionverbot gekämpft und vor dem höchsten Bundesgericht gewonnen. Endlich mal ein Doppelsieg des Volkes und des guten Geschmacks, selten in der Geschichte. In diesen letzten Wintertagen, Sonnenschein min 17, max 26 Grad Celsius) kommt man im Palmengarten der Quinta Bica de Agua dem Paradies in Oasenform so nahe, dass der bloße Gedanke an die Verausgabung von „Hirn, Nerv und Muskel” (Marx) lähmend wirkt. Das gilt ebenso fürs Schreiben wie für Tempofußball. Aber die Garnelenpasteten warten schon.
Mais tarde mais, bjs.

13.9.2013

… endlich Fußball

Gleich geht's los! Die Kritische-Theorie-Konferenz in Floripa endet mit meinem Auftritt zur „Dummheit im Fußball”. Hanns Eisler hat einmal über die „Dummheit in der Musik” gesprochen und der kluge Robert Musil 1937 einen Vortrag „Über die Dummheit” gehalten. Für die Performance habe ich mich verkleidet: Den akademisch anmutenden Sacco mit grün-weißem Werderschuh im Knopfloch werde ich ablegen. Darunter kommt mein klassisches Barcelona-Trikot mit Rückennummer 3 (Pique) zum Vorschein und zwei Schweißbänder (rechts Werder, links Arsenal) werden sichtbar, die bei der aufkommenden Mittagshitze auch nützlich sein können. Das Outfit soll praktische Kritik am Identitätswahn leisten.
Ich hatte das Riesenglück, den gerade in Brasilia zum Professor der Soziologie ernannten Stefan Klein als Übersetzer zugeteilt zu bekommen. Der junge Mann ist nicht nur perfekt zweisprachig, sonder viel wichtiger, er versteht etwas vom Fußball. Er arbeitet über die Kritische-Theorie-Rezeption in Lateinamerika, hat seine Abschlussarbeit über Horkheimer der 50er Jahre gemacht. 2000 Light Years from Home dieses Interesse, diese Aufmerksamkeit für Personen, die zwar schon lange tot; aber mit denen selbst oft in einem Raum gesessen hat. Wer ein gutes Gespür hat, kann auch durch genaue Lektüre und verantwortliche Archivarbeit die richtigen Fragen entwickeln. Stefan hat ein Jahr in Frankfurt in den Archiven gearbeitet. Schade, dass ich ihn jetzt erst kennengelernt habe. Er kennt selbstverständlich die junge Philosophieprofessorin, die vor fünf Jahren zu einem Vortrag von mir ins Frankfurter Jüdische Museum kam, um mir intellektuelle Mitbringsel meines Freundes Alex zu überbringen. Sie selbst war von Prof. Pisani nach Frankfurt geschickt worden, ein polyglotter Italiener, mit dem man blitzschnell über jeden Philosophen der letzten 250 Jahre ins Gespräch kommen. Zu meiner Begeisterung hatte er dem Freund der jungen Philosophin (ich sage das so unpersönlich, weil ich ihren Namen nur noch unvollkommen im Gedächtnis habe), der über John Rawls disputieren wollte, geraten, er solle sich in in den letzten 14 Tagen vor der Prüfung noch mal mit Horkheimer beschäftigen. Horkheimerkenner Stefan gab ihm im Auto auf dem Weg zum Mittagessen bereitwillig Auskunft. Gutes Gefühl des happy emeritus: Es gibt nicht nur karrieregeile Jungakademiker, sondern solidarisch hilfsbereite Enthusiasten, die man im universitären Alltag ausgestorben glaubt. Aber mein Doktorendencolloquium der letzten 10 Jahre hat mich das auch gelehrt; sonst wäre ich nicht hier. Michelle leitet die Session heute; ich habe letztes Jahr ihren Deutschlandaufenthalt betreut. Auf ihre Diss über Tanz und Körper freue ich mich schon. Morgen (für Euch heute) gehen wir in grupetto zum Fußball, 2. Liga leider nur. Als ich vor 2 Jahren zum erstenmal hier war, war es anders: Beide Floripavereine waren erstklassig. Ich sah live Rivaldo in seiner letzten Saison, Lincolns Rückkehr nach Brasilien, Zauberfußballer Ronaldinho mit einem Gastspiel von Flamengo und von Ferne meinen Duzfreund Jorginho, der damals noch Coach von Figuerense war. Das beste kommt zum Schluss: Krabbenpastete im Vereinslokal! „Detlev, gehen wir, obwohl es nur 2. Liga ist?” „Klar, allein wegen der Krabbenteigtasche.” „… Und vielleicht entdeckst Du ja ein paar unerkannte billige Talente für Werder”, stichelt Alex. Die Horrorgeschichte der letzten 2 Jahre meines Vereins musste ich in verschiedenen Sprachen gefühlte 100 mal erzählen.

11.9.2013

Glücklich, ein Emeritus zu sein (happy emeritus)

Am Abend des 11. September saßen wir im barockisierenden Hotelrestaurant unseres Gartenhotels zusammen: Jordi Maiso, z.Zt. Madrid, früher Berlin, Emiliano Gambarotta aus La Plata (Argentina), Referent des Abends, Stefan Klein aus Brasilia, Referent des Morgens und der blutjungen Professorin aus Floripa Franciele Bete Petry, Moderatorin des Abends. Wer die Leute nachschauen will, kann das hier nachschauen. Unter all diesen jungen Akademikern aus beiden Welten bin ich nun der elder statesman, der emeritus aus Frankfurt, der Stadt der gleichnamigen Schule, quasi noch über die Anciennität mit einem zusätzlichen Lokalnimbus ausgestattet. Über den Vortrag reden wir nicht; das wäre wahrscheinlich sehr kontrovers ausgefallen – es war der schräge Versuch, Horkheimer gegen Habermas' Normativitätsvorwurf mit Max Weber zu verteidigen, so weit ich das auf spanisch verstanden habe. Mit dem atlantischen Abstand und der säkularen Differenz verschwimmen anscheinend die aus der räumlichen und zeitlichen Nähe unübersehbaren Unterschiede. Das Verstehen des Spanischen wird besonders in Südbrasilien vorausgesetzt. Argentinien und Uruguay sind (auch im Fußball) doch so nah. Gestern musste Alex Vaz, der unermüdliche Organisator der Konferenz, mich während der Diskussion meines Vortrags kurz verlassen und er bat Jordi, meine deutsche Antworten ins Spanische zu übersetzen. Nur bei den portugiesisch gestellten Fragen hatten wir leichte Probleme. Da Jordi und ich aber beide italienisch (das gesprochene Brasilianisch ist viel artikulierter als das Portugiesische und klingt daher „italienischer” auch als Spanisch) und wir uns gut verstehen, kamen wir mit kurzfristigem Schrecken davon und intellektuell unbeschädigt aus der Situation heraus. Jordi ist einer der besten Doktoranden, die ich je hatte. Ich sollte Zweitgutachter seiner Diss werden, den er an seinem Berliner Studienort nicht finden konnte. Als er mich in Frankfurt zu einer Besprechung besuchte, fragte er mich, ob er mich für eine spanischsprachige Online-Zeitschrift interviewen könnte. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. www.constelaciones-rtc.net. Mit Jordi habe ich den idealen spanischen Übersetzer meiner Beiträge gefunden. Ich konnte ihm zwar keinen Job im deutschen akademischen Betrieb besorgen; aber ich konnte ihn mit Alex zusammenbringen, der ihn gerne zumindest als Gastprofessor gewänne. Die brasilianische Gesellschaft ist seit Lula auf Bildungsexpansion gepolt. Wenn Dilma wiedergewählt wird, heißt das für in Europa blockierte Nachwuchsakademiker: Brasilien, Land der Zukunft. Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich es sofort machen. Aber ich bin es nicht und im Verlaufe des Gesprächs werde ich von dem glücklichen Gefühl übermannt, wie schön es ist, ein Emeritus zu sein. Die Nöte der Nachwuchsakademiker am Tisch sind kein Gejammer, sondern beängstigend. Der hoch talentierte Theoretiker Jordi verdient sein Geld bei einer EU-finanzierten naturwissenschaftlichen Forschungsorganisation. Das Geld für die Projekte ist 2013 für die Gehälter ausgegeben worden. Arbeitslosigkeit trotz Vertrages droht 2014. Von einer meiner besten ehemaligen Doktorandinnen, erfindungsreiche Forscherin und grandiose Netzwerkerin weiß ich aus Lisboa, dass ihr in einem laufenden Vertrag das Gehalt um ein Drittel gekürzt wurde. Wie soll die Familie ernährt, die Wohnung abbezahlt werden? Der deutsche akademische Arbeitsmarkt ist viel zu schmal für im Ausland (auch noch) erfolgreiche potentielle Rückkehrwillige. Die deutsche Universitätspolitik vernichtet geradezu ihre eigene Zukunft. Nur die argentinischen und brasilianischen Jungwissenschaftler reden über den ganz normalen akademischen Irrsinn, dem ich froh bin, entronnen zu sein: Ranking, Peer Review, Drittmittel, Verwaltung, Pseudos von Benotungen, Quantifizierungsbemessungen von Erfolg, Exzellenz. Trotzdem bleibt es ein Privileg, an einer Hochschule lehren und/oder forschen zu dürfen, anstatt in der Fabrik zu schuften, Busse zu fahren, Häuser und Hotels zu putzen, ambulant Getränke oder Chiclets zu verkaufen, Maiskolben zu rösten oder leere Dosen einzusammeln. Aber viele dieser Unterprivilegierten hoffen auf eine Zukunft. Ihre Kinder sollen es einmal besser haben. Für dieses bessere Leben steht Lula, einst ein rechtloser Arbeiter am Fließband, der sich mit seiner PT daran machte, den hart arbeitenden (oft unsichtbaren) Brasilianern ihre Würde wiederzugeben und den ungeheuren Reichtum des Landes umzuverteilen Tudo bem? Noch lange nicht. Aber die Investition in Bildung ist ein Hebel, Brasilien eine gerechtere Zukunft zu ermöglichen. Gut leben ließ es sich hier schon lange, nur konnten es lange nicht alle.

Nachtrag zum 11. September

Der fulminante Text von Stefan Zweig „Brasilien, Land der Zukunft” erschien 1941 bei Bermann-Fischer in Stockholm. 1942 beging Zweig mit seiner Frau Stefanie in den Hügeln von Petropolis Selbstmord. Wirklich Traurige Tropen. Kein Wunder, dass man an so etwas am 11. September denkt. „Weisst Du, dass es in Santiago de Chile eine Straße des 11. September gibt, fragt mich Alex, als wir auf das Betanken seines Autos warten – im Centro Commercial Gérmanico wartend. Hätte ein Freudentag sein können; denn vor 110 Jahren wurde Adorno geboren, ohne den ich niemals das Renommée hätte bekommen können, das zu meinen transkontinentalen Einladungen führte. Der für den Tod des gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 Verantwortliche war ein ebenfalls vor den Nazis geflohener Jude namens Henry Kissinger, für den Friedensschluss in Vietnam mit dem Friedensnobelpreis geehrt – nicht nur die Tropen, sondern das ganze short century ist traurig. Deswegen waren so viele auf der Suche nach dem Land der Zukunft. „Aber auch Hoffnung kann enttäuscht werden” sagte der Philosoph des „Prinzip Hoffnung”, ebenfalls ein nach USA emigrierter Jude aus Süddeutschland. Doch all dies wird überlagert durch 9/11, heute vor 12 Jahren, von dem kaum noch jemand etwas hören will. Jetzt aber Gute Nacht, von der kalt gewordenen WLAN-Bank im Dunkeln.

Access in den Subtropen

Die Vögel zwitschern jeder auf seine Weise in der Morgensonne; ich sitze im Palmengarten des Hotels (Vorsicht vor herabfallenden Kokosnüssen!) und nutze den Zugang zum Internet, der in meinem Teil des Hotels nicht vorhanden ist. Der alte, nicht-WLAN-fähige Teil enthalt die alten Fincamöbel, die das Haupthaus verlassen mussten, da dort ein inzwischen altmodisches Restaurant mit viel Holz Platz gefunden hat. Die Sala de Café hat eine eigene Hütte, mit Blick auf den dezenten Neubau, in dem das WLAN besser funktioniert, auf den peinlich von herabfallenden Blättern gereinigten Pool und „meine” WLAN-Bank, auf der ich schon mal nachts gesessen habe und mit der Außenwelt Verbindung aufrecht erhalten konnte. Der Gebrauch dieses Mediums lässt einen spüren, wie nahe Freiheit und Abhängigkeit beieinander liegen. „Access”: da war doch was, Jeremy Rifkin?
Den Vögeln zuzuhören hat etwas Paradiesisches. Man mag gar nicht den Laptop aufschlagen und den der „taz” versprochenen Brasilien-Essay schreiben. Ich wollte ihn „Cordialidade – Brasilien, Land der Herzlichkeit” nennen. Es ist eine Referenz an zwei alte, aber sehr lesenswerte Bücher, die zur Messe zu Ehren des Messegastlandes neu aufgelegt wurden. Beide sind zur Zeit der Vargasdiktatur geschrieben und beide libelli hatten sehr unterschiedlich fata. Stefan Zweig, der diese Liebeserklärung an Brasilien in Petropolis, in der luftigen Bergluft verfasste, blieb der „Welt von gestern” – Titel seines ebenfalls in der Emigration verfassten wundervollen Erinnerungsbuchs – treu und beging kurz nach Beendigung dieser Eloge Selbstmord. „Es ist unendlich viel Hoffnung in der Welt, nur nicht für uns”. Hoffnung der Hoffnungslosen durchströmt diesen Text. Kafka und Benjamin, der zum gleichen Zeitpunkt an einer anderen Ecke der Welt Selbstmord beging, lassen grüssen. Leider muss ich aus dem Kopf zitieren… Ohne viele Bücher on the road. Habe nicht mal Kindle. Chico Buarque de Holandes hatte ein milderes Schicksal als Stefan Zweig.Sein Sohn Chico Buarque folgte auf das „Girl from Ipanema”. Andere Texte, weniger leichte Musik. Unter der Militärdiktatur erlangten seine kritischen Sambas Popularität – eine findet sich In schwarzer Schrift auf tükisenen Kacheln vor der Metrostation „Siqueiro Campos” in Rio. Foto steckt leider im meiner Kamera. Kann sie nicht für die Diarioleser hochladen. „Ich bin nur der Vater von Chico” soll Sergio ironisch in den 80er Jahren gesagt haben. Kurz nach Errichtung der Militärdiktatur, brachte Günther Busch (einer der beeindruckensten Sachbuchlektoren des deutschen Verlagswesens, 1929-1995) in der „edition suhrkamp” , 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung, „Wurzel Brasiliens”. Für westdeutsche Studenten, die sich für Lateinamerka zu interessieren begannen, eine Pflichtlektüre. In ihm taucht der Begriff der „cordialidade” auf, der die braslianische Gesellschaft charakterisieren soll. In meinem Vortrag gestern abend über „Das Veralten der Kritischen Theorie” versuchte ich „cordialidade” dialektisch mit der Kategorie „diversidade” (diversity) zusammenzubringen, ohne die ein „gutes Leben” nicht möglich ist. Eine lange Diskussion auf deutsch, portugiesisch und spanisch schloss sich an. Man müsste in noch so viel mehr Sprachen zu lesen, reden, zuhören und schreiben können… und die Vögel zwitschern unbeirrt im Hintergrund, während ich dies mühsam ins iPhone tippe. ein Paradies (ohne Mühsal) bleibt eine Utopie; aber in Brasilien fühlt man sich an sie erinnert.
Beijinhos aus Floripa

P.S. So viel nachzuholen: wer portugiesisch lesen kann: Marcos Alvito A Cores de Acari: uma favela Carioca (über die Favela, die ich 2008 mit ihm besuchte) und über die Samba: Marcos Alvito Historias do Samba. Googelt selbst! Die Sonne blendet; der Bildschirm spiegelt!) So viel Gutes bleibt unübersetzt, Günther Busch gibt es nicht mehr; denn die freie Hand, die er für einen kurzen Moment in der westdeutschen Verlagsgeschichte hatte, gehört zu einem verlorenen paradiesischen Zustand.

9.9.2013

Willkommen in Floripa

Gestern wurde es in Rio schon richtig heiß: der Winter geht zuende. Nach Tiefschlaf zwar empfingen mich gestern abend in Florianopolis die Doktorandin Michelle, die ein Jahr lang in Hannover mein Doktorandencolloquium besucht hat und im Februar 2014 hier zu Tanz und Körpererziehung promovieren soll und herrlicher Sonnenschein bei 20 Grad, aber über Nacht haben sich die umliegenden Berge in Nebel gehüllt. Florianopolis, liebevoll Floripa genannt, ist die Hauptstadt des südlichen Inselstaats Santa Catarina, die eine staatliche Universität besitzt, an der mein ehemaliger Doktorand Alexandre Vaz Professor geworden ist. Über ihn kamen nicht nur einige brasilianische Studenten zu mir, er schleppte immer auch brasilianische Freunde an, die ihn in Deutschland besuchten. Einige hatten wie auch Alex Sportwissenschaft in Hannover studiert, manche – wie oft Studenten aus der damals noch so genannten Dritten Welt – Ingenieurswissenschaften. Zu Alex war ich durch seinen sportwissenschaftlichen Doktorvater gekommen, der in der Fakultät V als Häuptling der „rechten” Fraktion galt. Eines Tages setzte er sich in der Fakultät neben mich, legte seine Hand auf meinen Unterarm und vertraute mir an: „Herr Claussen, ich habe einen brasilianischen Studenten, der schreibt in seiner Diss über Elias, Dialektik der Aufklärung usw. Ich versteh' das alles nicht. Darf ich den 'mal zu Ihnen schicken?” Alexander Vaz bereicherte mein Fußballseminar, das ich zur WM in France 1998 angeboten hatte. Er bot ein Referat über die „corinthianische Demokratie” an, die den Sturz der brasilianischen Militärdiktatur eingeläutet hatte. Nur den Kapitän der Corinthians, Dr. Sokratis, der bei der unglücklichen WM 1982 in Spanien auch Spielmacher der Seleçao war, kannte ich – die politische Bedeutung der Rebellion auf dem Platz in São Paulo war mir unbekannt. Leider hatte der geniale Ballverteiler Probleme mit der Caipirinha. Fidel bot ihm 2011 spektakulär die Hilfe cubanischer Ärzte bei einer Lebertransplantation an. Dr. Sokratis ist leider inzwischen verstorben; aber sein Andenken wird auch in Rio noch hochgehalten. Nahe dem Posto 5 an der Copacabana fand ich die „Barraca Dr.Socratis”, an der sich eher superbraune bis schwarze sportliche Jungs versammelten, während nebenan garotas von ähnlicher Couleur duschend die Bikinimode von heute vorführten – keine Akademikerkinder. Das Foto sandte ich dem Corithianfan Alex als Begrüßungsgeschenk. Die Corinthians werden trotz des Gentleman-Clubnamens mit den Favelas von Sāo Paulo, kurz Sampa, assoziiert. Letztes Jahr gewannen sie alles, was es zu gewinnen gab, inkl. Copa Libertadores und Worldcup. Das muss Bayern erst einmal dieses Jahr schaffen… Alex hat nicht nur eine tolle, in Brasilien bekannte Doktorarbeit geschrieben, sondern er ist auch einer der besten Gastgeber in der akademischen Welt. Nun bin ich zum zweiten Mal auf seine Einladung hin nach Floripa gekommen. Heute abend Performace Pressure: Vortrag über das „Veralten der Kritischen Theorie”. Ich darf auf deutsch reden, Alex' Übersetzung wird an die Wand projiziert – xenophiles Brasilien. Deutschland könnte etwas lernen.

8.9.2013

Abschied von Felice

Der Abschied von Rio fällt mir schwer. Vor fast genau zwei Jahren saß ich in der Ecke vom Felice Caffé und schrieb in meine Reisenotizen: Ich möchte noch einmal wieder hierherkommen können. So geht es mir heute nach einem traumhaften Sonntag wieder. Habe mir zwar die Füße wund gelaufen; werde aber inspiriert und beschwingt zurückkommen. Habe gar nicht die Zeit, alles nachzulesen, was ich nicht weiß. Nach dem Café mit WLAN werde ich über die zurückgelassene Praia, die von diesen merkwürdigen Lampen beleuchtet wird wie einst die Zonengrenze, ins Hotel zurückkehren, mich aufs Bett legen und der Brandung zuschauen, bis mir die Augen zufallen. Angesichts der intensiven tropischen Eindrücke (Farben, Gerüche, Geräusche) muss man sich zum Lesen zwingen. Der Ozean ist arbeitsfeindlich. Das spüren die, die arbeiten müssen. Das gilt selbst für dieses beschwingt wirkende Ipanema-Café. Das herzliche Servicepersonal läuft nach diesem langen Arbeitssonntag wie mit Blei in den Schuhen. Es ist schon ruhiger geworden, auch die arbeitende Mittelschicht muss sich morgen früh einem nicht leicht zu bewältigenden Alltag einer tropischen Metropole stellen …, und sei es nur dem Stau auf dem Weg zur Arbeit. Die im Bus fahren müssen, haben es viel schlechter – die Busse hängen selbst im Stau, ein Gedränge und Gewackel, kein Wunder, dass die sozialen Proteste bei der Erhöhung der Buspreise ihren Ausgang nahmen … Jetzt kostet die Fahrt wieder 2,75 Rs. Nicht wirklich teuer, aber anstrengend und unzuverlässig. Gerade wollte ich ein Loblied auf die Metro anstimmen; für die hart arbeitenden und wenig verdienenden unteren Klassen ist sie relativ teuer (einfache Fahrt 3.20 Rs); aber die Lebenshaltungskosten in den boomenden Metropolen explodieren. Auf dem Wohnungsmarkt macht sich das dramatisch bemerkbar. Je einkommensschwächer, desto länger wird der tägliche Arbeitsweg. Nur in der Favela bist Du näher dran. Du musst nur von oben nach unten kommen … Und wieder hoch. Die bezaubernde Geographie Rios hat ihre Tücken. Die Berge fallen ins Meer; das macht diese zauberhaften Veduten aus. Zu den Bergen gehört der Urwald, der in die Stadt hineinragt – wie sonst nur in Singapur. Beide Metropolen haben einen wissenschaftlich angelegten botanischen Garten – Ort der Aufklärung und Aufklärer, die sich dieser überwältigenden Natur bewusst werden wollten. Läufst Du in diesen alten Gärten gedankenlos der Nase nach lang, bist Du plötzlich im Urwald, nicht nur mit seinen Gefahren wie Spinnen und giftigen Schlangen, sondern auch Räubern, die auf leichte Beute warten. Diesmal bin ich nicht in den wunderschönen Jardim Botanico gegangen, sondern habe an der Praia Vermelha die Pista Claudio Coutinho genommen und war nach all den Militärinstitutionen und Seilbahnen am Anfang der Bucht in zwei Minuten (fast) allein im Wald. Marcos hätte mich gewarnt, wenn es gefährlich gewesen wäre. Vielleicht weil das Militär überall in Bucht und Wald gut getarnte Camps geschaffen hat, trauen sich da keine Räuber hin – dafür wunderschöne Vögel und klitzekleine Äffchen, die aber nach Marcos' Aussage gar nicht da hingehören und ähnlich wie die amerikanischen grauen Eichhörnchen die alten einheimischen Tiere verdrängen. Man mag es kaum glauben, wenn die kaum mehr als handgroßen Kuscheltierchen sieht …

ultima noit na Rio

Werde von meiner eigenen Bilderflut überrollt; das ganze Hirn, das nicht mehr so viel Speicherplatz frei hat, quillt über: Farben, Licht, Szenen … Dabei waren wir noch gar nicht beim Fußball, hier noch wichtiger als Borstenvieh und Schweinespeck, die zu jeder Feijoada gehören. Südstaatler, zu denen auch die traditionelle Majorität werden Gaúchos genannt, was sie näher an die Rinder züchtenden uruguayischen und argentinischen Nachbarn heranrückt. Rio ist die Stadt anderer großer Migrationsbewegungen in den letzten beiden Jahrhunderten … Arme Portugiesen wanderten im langen 19. Jahrhundert aus. Der König selbst war schon während der Napoleonischen Kriege aus Angst vor dem großen Zerstörer alter Ordnungen nach Rio geflohen. Das Leben des portugiesischen Königshofes zu Beginn des 19. Jahrhunderts liest sich wie eine Operette von Alonge-Perücken in tropischer Landschaft. In der Restaurationsperiode gelang es den wichtigsten lateinamerikanischen Kolonien, sich von den geschwächten iberischen Königshäusern zu befreien. So kam es auch zum 7. September, den ich nach gestern nicht mehr vergessen werde. Muss das aber noch einmal nachlesen: Die Kleine Geschichte Brasiliens aus dem Beck Verlag konnte ich als Reiseliteratur noch gut einstecken. Gestern habe ich schon drin gelesen, als ich mir über die Praia Vermelha im Klaren werden wollte: Der Rote Strand! Habe ich das Bild schon geschickt – vom Zuckerhut aus gesehen?
beijinhos, mais tarde mais

mais tarde mais

Die New Yorker haben ihren Super Saturday gestern nicht zu Ende gebracht, ich meinen Text vom Unabhängigkeitstag auch nicht. Die ersten Sonnenstrahlen kommen hinter dem Arpoadorfelsen hervor – ein Sonntag, der dem Wortsinn entspricht, bahnt sich an. Unmengen von Cocoverde werden per Pick-up an den Strand transportiert – die billige Familienerfrischung. Sonntags kommen auch Familien aus den Favelas ans Meer, weil die traditionellen Geschäfte schließen. Dafür gibt's andere Konsummöglichkeiten. Ich freue mich schon auf den Hippiemarkt um die Ecke. In Europa würde ich so etwas nie betreten; aber an einer Ecke des General Osorio Platzes kommen die Baianas mit den besten Acarajés meines Lebens … Mais tarde mais

7.9.2013

Super Saturday in Rio

Super Saturday macht jeden Tennisfan kribbelig: Kein Grand-Slam-Turnier hat so einen Tag zu bieten wie New York, die beiden Herren Semifinals und anschließend das letzte große Damenfinale der Saison – kein Rasen- oder Sandspezialist kann hier trumpfen. Du musst hier alles können, Ball und Gegner beherrschen, Dich gut bewegen und die Balance suchen. Serena Williams wird es dieses Jahr wohl machen.

Da wir hier fast zeitgleich mit New York sind, wird es dunkel und das 2. Herren-Semifinal hat gerade erst begonnen. Die große Erfolgsserie der schwarzen Williams-Schwestern täuscht und lässt vergessen, wie schwer es Schwarze lange Zeit im Weißen-Sport hatten. Ende der 50er Jahre durften Schwarze und Weiße weder Base- noch Basketball als Ligasport betreiben. Gar nicht so lange her. Althea gewann im Mekka des Weißen Sports nicht nur das Einzel, sondern auch das Doppel. Danach trat sie ab und überließ ihrer Doppelpartnerin den Center Court: Eine der größten Tennisspielerinnen aller Zeiten kam in die bis dahin angloamerikanisch dominierte Tenniswelt – Maria Esther Bueno. Sie kam nicht aus Ipanema, sondern aus Sāo Paulo. Eine schwarz- bronzene internationale Kombination hatte die weiße Welt des Sports verändert. Heute Nacht wird im Arthur-Ashe-Stadium gespielt, benannt nach dem wunderbaren männlichen schwarzen Star, der Ende der 60er Jahre mit extremer Eleganz und nicht nur Spielintelligenz die alten Grand-Slam-Veranstalter zum Nachdenken brachte. (Ich hatte das Glück, ihn 1968 live auf Court 1 zu sehen. Mein einziger Tag in Wimbledon bisher. Er verstarb 1993 nach einer Herzoperation, weil er eine mit HIV kontaminierte Blutkonserve bekommen hatte).

Rassismus im Sport ist eine langanhaltende Sache – wie im Rest der Gesellschaft auch. Eine meist mit exculpatorischer Funktion ist die Ansicht, Sport sei ein Spiegel der Gesellschaft. Unterschiedliche Gesellschaften bringen unterschiedlichen Sport und eine unterschiedliche Wahrnehmung von Sportlern hervor. Maria Esther Bueno, die alle Grand-Slam-Titel im Einzel und Doppel gewann, wurde in Sampa mit einer Konfettiparade geehrt. Von Steffi Graf, die immerhin 1988 den Golden Grand Slam als einziger Tennisspieler (Vorsicht, Sprachfeministen: genereller Plural!) gewann, ist das nicht bekannt. Wo hätte die Parade auch stattfinden sollen- auf der Hauptstraße in Heidelberg?

Vom provinziellen Deutschland zurück in die metropolitane Welt. Sicher ist die Aussage, es gäbe in Brasilien keinen Rassismus, genauso falsch wie die Behauptung, es gäbe in Italien keinen Antisemitismus. Um die Ursachen dieser Behauptungen argumentativ zu entschlüssel, hätte ich lieber meinen Laptop als dieses Mobilfon – wenn ich auch in meinem Lieblingscafé in Ipanema sitze. Das Servicepersonal (beijinhos, beijinhos) ist untereinander und mit den Gästen herzlich und von jeder Couleur. Manche sind chic und sexy, manche offensiv schwul, aber alle herzlich. Das Publikum wechselt im Laufe des Tages und der Nacht – mal pingelig-business orientiert, mal familial-kinderfreundlich, zeitweilig schwul-lesbisch und dann wieder nachtschwärmerisch. Nur ich always stay the same; man hat mir gleich das WLAN Password (senha) ins fon getippt und so kann ich für nothing bei faustkultur.de bloggen – mais que nada!).
„Ipanema ist nicht Brasilien, auch nicht Rio” – mein Freund Marcos Alvito hat immer seit 2008 ein Aufklärungsprogramm für mich, damit ich nicht ins Schwärmen kommen. Meine Happiness in Ipanema soll ich mir wohl verdienen. Aber je mehr ich weiß, umso mehr bin ich in Rio verliebt. 2008 waren wir in Acari, „seiner” Favela – wie ich schon schrieb, einer der schönsten Tage meines Lebens. Leider konnten wir den Film über Fußballexportland Brasilien nicht drehen; aber die Erfahrungen in der Favela haben mein Denken verändert. Ein andermal mit Laptop, nicht im Halbdunkel mit Mobilfon. Nur so viel: Vor der Favela Acari liegt ein Banlieue wie es vor Lyon nicht anders aussieht. Hier wurde Jorginhos Vater ermordet. Der Weltmeister von 1994, lange Zeit Bayern- und Bayerspieler, kehrte nach Rio zurück und baute mit Bebeto eine Schule für 1000 Schülerinnen und Schüler auf, nicht um Kanonenfutter für Europa zu züchten, sondern um über den Fußball Kinder und Eltern für die Schule zu interessieren. Mit Marcos' Hilfe wollten wir 2008 ein Interview machen. Ich war furchtbar aufgeregt und stellte eine sehr komplizierte Frage auf deutsch, die Marcos auch noch ins Portugiesische übersetzen sollte. Als ich Jorginho mit „Herr” anredete, unterbrach er mich auf deutsch: „Du kannst ruhig Du zu mir sagen!” Es gab gar kein Eis mehr zu brechen. Jorginho sprach von den „Sportlern für Jesus”, Neoprotestantismus, der mich abstößt. Jorginho klärte mich auf, warum für Sportler far from home so etwas gut sein könne. Jorginho hatte mein Werder-Schweißband am Handgelenk gesehen: „Weißt Du, wer uns das Holz für die Klassen gespendet hat – Rune Bratseth.” Der fairste Spieler der Bundesliga, auch ein Sportler für Jesus, war nach seinem Ende der Karriere ins norwegische Trondheim zurückgekehrt und Manager einer Holzexportfirma geworden. Holz ist besser in den Tropen als das billigere Wellblech. Der Weltmeister und ich haben dann noch über Luther, Protestantismus und Katholizismus diskutiert. Sein Schulprojekt ist mitnichten evangelikal – dieser auf die Erbübel der traditionalen brasilianischen Gesellschaft folgenden Heimsuchung. Die Abraços am Ende des Gesprächs kamen von Herzen.

Nun, fünf Jahre später, am 7. September, sitzen Marcos und ich im Bus nach Norden. Wir wollen die berühmte Sambaschule Pelosa besuchen, Feijoada, das cariocinische Nationalgericht essen und die Show mit und für eine andere Bevölkerung genießen, für die CIL Ausland ist. Der Busfahrer hält nie, legt ein Höllentempo vor, wie ich es nur aus „Speed” mit Sandra Bullock kenne, und kommt gerade noch vor einem Brückenpfeiler zum Stehen. Rechts ist Stau, links gähnende Leere. „Er versucht den Stau zu umfahren.” „Ja, welchen? Wir stehen doch im Stau?” „Ja, er vermeidet den, den Du nicht siehst!” Nur wenn wir so fahren, wie er jetzt fahren will, kommen wir nach Niteroi (eine Insel, zu der Marcos täglich 20 Minuten mit der Fähre fährt, weil auf der Prestigebrücke der Miltärdiktatur oft Stau ist). „Wir wollen aber nach Norden, Madureira!” Ich fange an zu lästern: „Erinnert mich an Miami, als Busse von Ortsunkindigen nach Havanna entführt wurden. Die armen Kerle wanderten für Jahre in den Knast. „Was ist denn hier los?” „Ja, es ist Unabhängigkeitstag! Die Polizei befürchtet Demos und hat das Zentrum abgeriegelt.” „Ach so, deswegen kamen die Kriegsschiffe mit Heli-Begleitung an meinem Seaview vorbei!” Der Bus fährt in die vollkommen falsche Richtung weiter. Die Passagiere reden auf den gut gelaunten, Mobilfon nutzenden Fahrer ein, der 15 Stationen nicht bedient hat. Nach Marcos' Intervention erklärt der Driver sich bereit, uns nahe an einer Zughaltestelle rauszulassen. Oh Jesus Redentor, all unseren trouble hat er gesehen …

6.9.2013

Fußnoten zu O Diario, Part VI

Mais que nada

Die Erlebnisse überfluten den Reisenden, der Erlebtes zu erinnern versucht. Aus einer unendlichen Ferne folgt eine Welle der anderen. Wenn man dann noch Bücher hat und Wikipedia in vielen Sprachen erreichbar bleibt, lässt sich auch zwischen Strand, Café und Hotelbett mit Seaview ganz gut schreiben … Aber man man kommt den Ereignissen nicht hinterher. Also, vor dem Frühstück noch ein paar Fußnoten:
1) Bartelts lesenswertes Copacabanabuch bei Wagenbach habe ich schon erwähnt. Kaum wollte ich aus ganzem Herzen schreiben: Bartelt kommt ohne jeden kulturwissenschaftlichen Schnickschnack aus, da stolpern meine Augen angesichts von Körpern und Sexualität, die in einem Copacabana-Buch nicht fehlen dürfen, über „brasilianische Identität”. Das muss doch nicht sein! In meinem Doktorandencolloquium, das sich über eine Dekade mit „kollektiver Subjektivität” beschäftigte, durfte man dieses seit den 70er Jahren inflationierte klebrige Füllwort nicht benutzen, sondern musste auf den Begriff bringen, was man zu sagen hatte. Zur Ehrenrettung von Bartelt muss ich sagen, dass er am Ende des zweifelhaften Abschnitts das kulturwissenschaftliche Schwatzwort aus der akademischen Banalitätensammlung „eingeschrieben” in Anführungsstriche setzt, als ob er den vorgetragenen Erkenntnissen selbst nicht so recht traut. Mein Lehrer nannte Anführungsstriche „Eingeständnisse einer formulatorischen Niederlage”. Habe ich mir gemerkt und halte mich dran.
2) Bartelt weist darauf hin, dass Antônio Carlos Jobim, der sich gern Tom nennen ließ, einen seiner größten Erfolge in den USA mit einer Doppel-LP 1967 feierte, zu der ihn der berühmteste und beste Sänger der Cosa Nostra namens Francis Albert Sinatra eingeladen hatte. Cuba war verloren; aber auch in Las Vegas ließ sich Tropisches genießen.
3) Das von Bartelt witzig beschriebene Carnegie Hall Konzert von 1962, das New Brazlian Jazz vorstellen sollte, hatte 1938 in der New Deal Periode einen kulturpolitischen Vorläufer: Das „Jazz in Carnegie Hall”Konzert machte den Jazz und die vom jüdischen Klarinettisten ins Programm geholten Musiker salon bzw. kulturfähig. Die US-amerikanische bürgerliche High-Brow-Kultur, aber auch das TV taten sich noch lange schwer mit schwarzen Musikern. Bei den brasilianischen Jazzern waren 1962 nicht nur Weiße dabei, sondern unter anderem auch Sergio Mendes, der es noch heute mit jungen Leuten aufnehmen kann: „Mais que nada” wurde gerade erst wieder eingespielt.

4) Ein Musiker, der neben Charlie Byrd zum musikalischen Mittler zwischen beiden Americas, aber auch zu Europa wurde, hieß der 1937 im Bundesstaat Rio geborene Baden Powell de Aquino. Sein Musikervater hatte ihn nach dem US-amerikanischen Begründer der Boyscout-Bewegung genannt – Signal dafür, was Brasilianer in den 30ern für modern hielten. Wie Byrd beherrschte auch Powell die Gitarre mit allen Feinheiten klassischer Technik. Er saß schon neben seinem Freund Vinicius de Moraes in der Eckkneipe hinter einer Flasche Whisky, als Helô vorbeikam. Seine Soloeinspielungen sind ein gitarrenvirtuoser Hörgenuss: Sambas ohne Worte. Leider hat ihm der Alkohol schwer zu schaffen gemacht. Nach langem Aufenthalt in Deutschland verstarb er 2000 in Rio.

5) Harte Drinks. Zur Jazzszene gehörte das Ansprechen mit Vornamen, das gefiel auch den brasilianischen Künstlern. Herkunft, die sich aus Nachnamenshäufung in iberischer Tradition erschließen soll, ist egal. In diese Szene geriet ich 1978 in New York, als die Literaturagentin und Mitarbeiterin von André Schiffrin, Ursula Bender (auch mal zu Tuttis Zeiten bei S. Fischer und später noch zu Klaus' Zeiten bei Wagenbach) die Ehefrau Jimmy Garrison ins Sweet Basil mitbrachte. Sie war mit allen Drogen gewaschen, sprach nur von „Trane”, kannte aber auch Miles in der großen Zeit des John Coltrane Quartetts. Viele dieser alten Bekannten waren 1978 schon tot oder hingen an der Nadel. Wir tranken sehr stylish Remy Martin, begleitet von Perrier – diese Mixtur nannte sie „Chaser”. „Straight no Chaser” ist eine der mitreißendsten Aufnahmen von Trane und Miles; der sein Leben lang mit Drogen kämpfende Thelonius (Monk) hat's geschrieben.

So viel noch zu gestern. Bekomme tolles Feedback auf's Diario. Teile gibt's schon auf portugues … Beijinhos aus Felice Caffé

Brasilianidade, o diario

Habe etwas gemacht, was ich schon 2011 machen wollte: 2008 waren wir auf dem Corcovado, ich gebe es zu: breathtaking! Einer der wenigen Punkte, an dem der Erlöser nicht weit über Dir ist! Heute morgen, nach dem Frühstück, bin ich auf den Arpoadorfelsen geklettert: Sonnenschein, Schmetterlinge umschwirren Dich, die Kakteen blühen auf, die warme Nordwestbrise lässt die Surfer schweben. Den nektarsüchtigen Tropenvogel mit langem Schnabel und gelber Brust habe ich zu fotografieren verpasst, weil ein schwules Pärchen vor mir in Glücksschreie ausbrach und ihn verscheuchte. Sexuelle Diskriminierung wird in diesem Inbegriff des Macholandes öffentlich verfolgt, zumindest in Rio. An den Strandbuden hängen amtliche Avisos, die jegliche geschlechtliche Diskriminierung untersagen. Würde sich die Stadt Frankfurt das trauen? Es gäbe einen Aufschrei unserer gegen Polical Correctness pseudorebellischen Medien … Auch der Fahrstuhl im Hotel ist überwacht. Es glänzt ein Aviso, der jedem sexuellen Assault mit Strafe droht. Bei meinem ersten Aufenthalt 2008 sah man oft ältere weiße Herren mit Kindern im Hotelfahrstuhl verschwinden.

Puritanismus in den Tropen? Nein, der sexuellen Begehrlichkeit werden öffentlich Grenzen gesetzt … und wir sind beim Thema, das schon beim Wort Copacabana mitschwingt. Her name was Lola? She was a Show girl… die erste Copacabanamode kam für die Amis mit dem Copacabana Palace, Baccarat, Roulette, Drogen jeden Kalibers … Und das gab es Ende der 50er Jahre auch noch, als das größte Bordell Amerikas den Vereinigten Staaten verloren ging: Cuba. Rio kam auf, Movie Stars waren schon längst da gewesen. Auch die coolen Jazzer wollten raus aus den Landtourbussen, den Korsetten der Swingorchester, den Diskriminierungen drittklassiger Südstaatenaufenthalte und erstklassiger Nordstaatenhotels. Manche blieben in Westeuropa Ende der 40er Jahre, einige entdeckten Brasilien, wo man als Amerikaner nicht ständigen Polizeikontrollen unterworfen war, die schon manchen in Gefängnis und/oder Psychiatrie gebracht hatten. Auch die künstlerisch inspirierten jungen Leute in Rio wollten weder Show Stars der alten Klasse sein, die zu musizieren hatten, wenn die alte Oberschicht tanzen, Edelsteine und schöne Kleider zeigen wollten. Im Nachtleben Rios der 50er wuchsen Leute heran, die zwar bereit waren, Anzug, Krawatte, das kleine Schwarze oder Weiße anzuziehen, wenn man nur Chancen für Auftritte bekam. Notorische Whiskysäufer wie Moraes oder Jobim, der gar nicht singen konnte, aber große kompositorische Fähigkeiten besaß, hingen tagsüber in Kneipen herum, an denen Helô vorbei zum Strand ging. Sie hatten nicht Samba im Blut, sondern eine in den 50er Jahren besonders chice Form des Alkohols. Aber sie kannten jede Note Samba, die bis dahin gespielt worden war. Es sollte auch etwas Neues sein, obwohl das Alte ausgereizt zu sein schien: Bossa Nova sollte das neue Ding heißen; die neue Welle schwappte um die Welt. Ein Desaster der Kulturpolitik: Die brasilianischen Kneipenstars wurden in die Carnegie Hall eingeladen. Von der Performace her ein Desaster. Doch Miles, Dizzy, Gerry, Errol Garner(!), die im 3000-Mann-Publikum saßen, hatten gehört, was zu hören war: ein neuer Ton. Auch der Jazz war gerade aufgrund der kulturalistischen CIA-Bestrebungen in den 50er Jahren zur Weltmusik geworden. Unsere Ohren waren darauf vorbereitet, als Stan Getz Astrud zum Gang an den Strand von Ipanema begleitete. Sie war ja gar nicht vorgesehen; aber einige im Studio hatten bemerkt, dass sie viel besser als Ehemann Joao war. Astrud wurde ein Weltstar aus dem Badezimmer, die Ehe war damit allerdings kaputt. Brasilianische Musik, US-amerikanische Musik? Bornierter Schnickschnack. Letzte Ironie der Musikgeschichte: João lernte Chicos Schwester, die Tochter von Sergio Buarque kennen (der Witz wird später im Diario noch aufgelöst), doch Englisch lernte er auch im Exil nicht, dass Astrud so bezaubernd kongenial dem Portugiesischen hinzufügte. „Girl from Ipanema” funktioniert als zweisprachiger Hit, der nicht portugiesischsprachige Listener versteht und möchte dazulernen – die endlose Suche seit 50 Jahren nach der „Garota” beginnt.

Inzwischen glaube ich – auch mit soziologischem Tatsachenblick – sie gibt es nicht mehr. Ein Ipanema Girl geht nicht mehr sambamäßig zum Strand, sie läuft in Joggingklamotten(wenn sie radfährt – in Radlerhosen). Don't get me wrong: Alles kann sexy sein, tolle Körper, super Appeal, aber anders … Ich kann Stunden auf der Terrasse verbringen und mich meinen soziologischen Beobachtungen hingeben. Die Strandpromenade ist viel demokratischer, als man denkt – und in die Körper sind viel weniger „eingeschrieben”, als uns die meisten Kulturwissenschaftler glauben machen wollen. Dazu gibt es noch so viel zu sagen … Genau so viel, wie zur „Brasilianität”, zu der sich die meisten Autoren anlässlich der Brasilien-zentrierten Buchmesse meinen äußern zu müssen. Nur ein Hinweis: Nietzsche, der von manchen (Idioten) für ein Inbegriff des Deutschen gehalten wird, hat die kluge Aussage gemacht, es sei charakteristisch für die Deutschen, dass die Frage „Was ist deutsch?” nie ausstirbt. Leider leiden viele Brasilianer auch unter dieser Krankheit: Was ist wirklich brasilianisch? Morgen weiter mit bolinhos, feijoada… (portugiesisch?)

Promendenmischung

9/6/13 nach 5 a.m. Wenn ich um 5 a.m. In der Frankfurter Wolfsgangstr. aufwache, dann höre ich die Austräger der FAZ in der menschenleeren Stadt. Hier am Strand und auf der Promenade erwacht das Leben auch um 5 h. Es sind die Stunden des hard working people of Rio. Sie streben ihren Arbeitsplätzen zu. Sie werden überholt von den schwarzen Surfern, die bei Sonnenaufgang die Morgenbrandung nutzen wollen. Auch jede Art von Strandläufern sind zu sehen, Vögel wie Menschen. Und jede Menge Hunde von jeder Rasse, die Menschen hinter sich herziehen- entweder Idylliker, die vom Arpoador den Sonnenaufgang beobachten wollen, oder die guten Hausgeister, die den Hunden ihrer Herrschaft Auslauf verschaffen. Wieder Material für die orangene Tonne.

Gut, wenn man einen Arbeitsplatz hat. Manche haben sich selbständig machen müssen… und sammeln Blechdosen. Da muss man schon vor der Strandreinigung da sein. Umweltbewusstsein kommt: überall verunstalten überdimensionale orangefarbene Mülltonnen die Landschaft. Die meisten hart Arbeitenden kommen aus den Favelas heruntergerieselt. Hinter den Appartementhäuser, die in den 60er Jahren die zwei- und vierstöckigen Häuser verdrängt, schlängeln sich die Favelas den Berg rauf. Mein querido amigo Marcos Alvito hat über eine namens Arcari seine Doktorarbeit nach zwei Jahren sozialwissenschaftlicher Recherche geschrieben. 2008 haben wir (die Frankfurter Filmemacherin Sylvie Strasser hat damals begleitend Probeaufnahmen für einen Film gemacht, der leider aus Geldmangel nie realisiert werden konnte) die schwer zugängliche Favela besucht. Wir brauchten einen Passierschein der lokalen Machtgruppe. Schrecken erregender Name fällt mir gerade nicht mehr ein (muss Marcos fragen). Ein Tag in der Favela – es sollte – so paradox es klingt – einer der schönsten Tage meines Lebens werden… es ist hell geworden: 7 a.m. Ein neuer schöner Tag kann beginnen. Der Kaffee duftet von der Terrasse. Das Frühstücksteam – jetzt in Schwarz-Weiß gekleidet – wartet auf mich.

Beijinhos von der Praia, neben Posto 7 auf den blauen Stühlen

5.9.2013

Faz vento!

Faz vento! Der erste Satz, den ich Anfang der siebziger Jahre gelernt habe, als ich die Nelkenrevolution studieren wollte… doch der Wind,der von Portugal wegtreibt ist hart. Man muss gut segeln können, um ohne Schiffbruch in anderen Welten anzukommen. Die Portugiesen brachten die Saudadestimmung mit, die ihren Kolonialismus begleitete: Traurige Tropen! Ein immer noch lesenswertes Buch von Claude Lévi Strauss – aber es ist kein Buch, das ignoranten Europäern Brasilien erklärt. Es ist ein Buch der Emigration, eines Emigranten, der auf der langen Reise auch sich selbst und die Welt, die er zurückgelassen hat, entdeckt. Dieses alte Buch kommt zart, leise und traurig daher … Es verknüpft Reise und Erfahrung, die in Reiseliteratur und Sozialwissenschaften auseinanderzufallen drohen. Ratgeber wie Loneley Planet haben Gebrauchswert; aber die durch gesellschaftlichen Kontakt vermittelte Erfahrung kann diese Gebrauchsliteratur nicht ersetzen.Ich schreibe das in Erwartung meines Freundes Marcos Alvito – auf der von einer atlantischen Brise umwehten Terrasse, wo wir uns vor fast genau zwei Jahren voneinander verabschiedet haben. Inzwischen ist viel geschehen. Nicht nur Brasilien, auch sein Leben ist in ständiger Bewegung. Vom Althistoriker ist er zum urbanen Anthropologen geworden – ein Carioca, wie er nicht nur im Buche steht, sondern der mich mit Rio bekannt gemacht hat, dem ganzen Rio, nicht nur mit CIL … (habe ich vergessen zu erklären: der Streifen am Meer-Copacabana-Ipanema-Leme). Die Brasilianer scheinen Abkürzungen zu lieben…

Marcos habe ich vor der WM 2006 auf einem Fußballkongress in Lisboa kennengelernt; er kam aus England, wo er für ein Jahr die Fankultur von irgendetwas Drittklassigem (Oxford United) studierte. Er hielt einen Empirie gesättigten Vortrag über brasilianische Fußballexporte, der mein ganzes Denken über fußballerische Globalisierung veränderte. Ich wollte und musste mehr wissen, um die ganze Welt des Fußballs zu verstehen. Ich merkte durch die Begegnung mit ihm, dass mein Schwärmen für brasilianischen Fussball auf Schwarz-Weiß-TV-Bildern von 1958 beruhte. Zauber auf dem Platz, das war meine fußballerische Utopie- aber wie sie zustande kam, war mir noch nicht richtig klar, bis ich Marcos kennenlernte. Heute überraschte er mich mit der Nachricht, er sei in die Seleçao der brasilianischen Autoren berufen worden und käme zur Buchmesse nach Frankfurt. Goethe sei Dank. Manha mais, boa noit!

Beijinhos, dc

tudo bem!

Über Nacht hat der Wind aus Nordwest aufgefrischt: Was aussieht wie eine Horde Robben im Meer, das sind die Surfer in ihren Neoprenanzügen. Sie kommen gerne zum vorgelagerten Arpoadorfelsen, um an den Strand (Posto 7) sich von den Wellen tragen zu lassen. Gestern gab es kein Strandleben, die Strandbudenbesitzer standen allein im Regen. Ein See von Kokosnussmilch (cheap thrill 4 reais, ca. 1,50 €) blieb ungetrunken; das soll heute anders werden. Mit den blauen Streifen am Himmel ändert sich auch das Meer: Es wird grüner. Der Zauber, der den Gang der Garota beschwingte, beginnt zu wirken: chega de saudade! (Schluss mit der Schmachterei! Man braucht gar keinen Champagner, um in Laune zu kommen. Sand, Sonne und Meeresluft. Fun, fun, fun. Nach dem Bossa Nova kamen schon die Beach Boys: Surf in USA. Rio und USA haben einiges gemein. Die hiesigen strukturellen Antiamerikaner, oft bei der Immigration schlecht behandelt, hören das nicht gerne. Die permanent gute Laune, die nach oben gestreckten Daumen (tudo bem!) entsprechen dem „Keep smiling”, der herzlichen Freundlichkeit in der US-amerikanischen Servicekultur, die über das Geschäftsverhältnis hinausgeht. Und erst die Stimmung an Praia oder Beach: South Miami, Venice Beach und CIL liegen, wenn schon nicht an demselben Meer, doch nahe beieinander. Surfer, Runner, Flaneure. An der Leine promenierende frisch frisierte Mittelschichthunde mit Schleifchen und Halstüchern treffen Straßen-, besser Strandköter. Nur die Pit Bulls sieht man hier unten nicht. Die Kampfhunde begleiten ihre Uzi bewaffneten Herren, die auf ihren Hondas das Favelabild komplettieren. Aber ohne die zivilen Favelabewohner gäbe es das Strandleben gar nicht: Sie haben schon die Tische auf die Terrasse geräumt, Rühreier und Süssspeisen zubereitet, den Strand gefegt und die Kokosnüsse zum Trinken vorbereitet. Leider begleitet ihre entfremdete Arbeit ein endloses Quasselradio, dessen Hauptprogrammbestandteil die Werbung zu sein scheint. Die Songs werden mit der gleichen Schreistimme angepriesen wie die übrigen Waren. Das kennen wir von zuhause … mehr Spass scheinen Angestellte und Arbeiter zu haben, wenn sie sich das Warten mit Games und Gadgets auf ihren Mobilfonen verkürzen. Wenn sie sehen, dass Du Dich an ihrer Freude freust, werden die Daumen lachend in die Höhe gereckt: tudo bem? Mais tarde mais

beijinhos, dc

garota de Ipanema

Der Soziologe in mir hat, seit ich 2008 zum ersten Mal hierher kam und sofort meine Liebe zu Ipanema entdeckte, weiter die „Garota” gesucht, also nicht Helô, sondern einen soziologischen Typus, aber auch keinen Weberschen Idealtypus. Bartelt hat das „Girl from Ipanema” wunderbar lokalisiert. Im “„Ahh” ist das Aufatmen einer jungen Mittelschicht zu spüren, die sich dem Hier und Jetzt zuwendet: eben carpe diem! Brasilien war um 1960 ganz auf der Höhe der Zeit, das Utopische schien wirklich zu werden. Das Potential, „Land der Zukunft” zu sein, das der Emigrant Stefan Zweig erkannt und kurz vor seinem Selbstmord so liebevoll zum Ausdruck gebracht hatte, schien sich endlich zu entfalten: Brasilia wurde gebaut, während quer durch Deutschland eine systemtrennende Mauer errichtet wurde. Architekt Ulbricht konnte Oscar Niemeyer nicht das Wasser reichen.

Doch der Militärputsch 1964 stoppte mit Rückendeckung der USA. Brasiliens Weg in eine demokratische Moderne – ein schrecklicher Backlash. Eine radikale Protestkultur entwickelte sich weltweit; nicht die „Garota” aus konservativem Elternhaus, sondern die, die sie besungen hatten, wanderten aus (manche verkannten die Zeitzeichen und gerieten in die Mühlen der Militärdiktatur). Andere nahmen einen (erfolglosen) bewaffneten Kampf auf, den westdeutsche Polittrottel wie die RAF und ihre apologetischen intellektuellen Analphabeten für al pari mit ihren politisch kontraproduktiven Aktionen hielten. Aus den bitteren brasilianischen Kämpfen ist die heutige Präsidentin Djilma Roussef hervorgegangen, eine Ex-Guerrillera, der die heuchlerische Rechte von heute ihre Frisur- und Schminkkosten vorwirft. Hypokrisie in einem beautyfanatischen Land, das mit Iran und Südkorea um das Maximum an ästhetisch-chirurgischen Operationen konkurriert. Mir ist Djilma sympathisch; sie will das Land im Sinne ihres Vorgängers Lula, eines wirklichen Arbeiterführers, verändern; aber sie hat es sehr schwer. Sicher ist Djilma nicht das „Girl from Ipanema”. Ich liebe sie trotzdem …

Beijinhos, dc do Brasil

4.9.2013

Repetiçao

Das iPhone diktiert die Kürze der Texte, Zwang zur Pointierung, aber auch die Möglichkeit der Verbildlichung: iPhoto.

Endlich wieder da! 2008 war ich zum ersten Mal an meinem Sehnsuchtsort: Arpoador, ein mythenumwobener Felsen im Meer. 2011 habe ich mir dann für 10 Tage den Sehnsuchtsort gegönnt, den ich mir vor meinem ersten Herzinfarkt ausgeguckt hatte. Nach dem Zweiten wollte ich unbedingt wieder hin. Dieser Punkt der Erde verlangt gebieterisch die Wiederkehr. Und nun bin ich noch einmal wiedergekehrt: carpe diem. Jeden Augenblick geniessen: verweile doch, Du bist so schön … Das Hotel Arpoador Inn ist nicht das Allerchicste; das wäre für einen happy Emeritus auch unbezahlbar … Arpoador ist der einzige Punkt zwischen Copacabana und Ipanema, an dem die breite Küstenstraße hinter dem Hotel verläuft. Der Seaview vom Schlafzimmer ermöglicht deshalb einen ungestörten Blick auf den Atlantik. Das einzige Land, das Du siehst, ist der Strand von Ipanema und die heute verregnet den Kopf hängenlassenden Palmen. Man muss aufpassen, dass einem keine überreife Kokosnuss auf den Kopf fällt. Sitzt man auf der Terrasse (im Augenblick zu nass), vielleicht um 17 Uhr zum Sunset, Caipirinha-Hour mit Blick nach Süden: Schönheit an der Grenze des Kitsches. Napoli sehen und sterben? Nein, Rio sehen und sterben … Chega de Saudade! Das war das Programm des Bossa Nova. Als ich in meiner Adoleszenz vor 50 Jahren von Getz/Gilberto verzaubert wurde, wusste ich noch nichts von Saudade und auch nicht von Adornos Jazzkritik. Nur das „Girl from Ipanema” hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. Als ich vor einigen Jahren das Bild der inzwischen 60-Jährigen in der Zeitung sah, war ich keineswegs enttäuscht. Heloise, Helô genannt, hat eine erwachsene Tochter, auch sehr hübsch. Nein, das Schöne ist keine Phantasie, sondern hier ist es wirklich. Man muss nur auf der Terrasse sitzen und auf die Strandpromenade von Ipanema schauen. Könnte dann nicht das „Gute” und das „Wahre” auch wirklich sein? Wir sind hier weit weg von Goethe.

Beijinhos, dc do Brasil

P.S. Wer mehr über diese Ecke Rios wissen will, dem sei „Copacabana” von Dawid Danilo Bartelt bei Wagenbach empfohlen – ein toller Essay, den man selbst gern geschrieben hätte. Chapeau: Überhaupt ist das Wagenbachprogramm zu Brasilien 2013 das Beste. Suhrkamp hat noch ein paar lesenswerte alte Bücher wiederaufgelegt. Mais tarde mais…

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 05.9.2013

Mein Meer ist die Bar!
Mein Meer ist die Bar!
Adriana, die Cellistin von nebenan
Adriana, die Cellistin von nebenan
Im Appleshop
Im Appleshop
Japan, Chocolate und Frankfurter Hof
Japan, Chocolate und Frankfurter Hof
Sarah vor Ceviche
Sarah vor Ceviche
Pedros Orchester
Pedros Orchester
Fussball in Erwartung
Fußball in Erwartung: Priscila & Renato (Säule dahinter zählt die Tage zur WM)
Auch Kunst: eingeschlossen im Fussball
Auch Kunst: eingeschlossen im Fussball
Strassen-Aschenbecher
Straßen-Aschenbecher
Kokosnusswasser erfrischt
Kokosnusswasser erfrischt
Tierliebe im Perdizespark
Tierliebe im Perdizespark
Polizeigewalt auf der Paulista
Polizeigewalt auf der Paulista
Polizeigewalt auf der Paulista
Polizeigewalt auf der Paulista
Schottischer Fussballsoziologe vor „Arbeiterteller"
Schottischer Fußballsoziologe vor „Arbeiterteller"
Bücher, die schönsten Mitbringsel
Bücher, die schönsten Mitbringsel
Morgenpresse
Morgenpresse
Pão do Queijo
Pão do Queijo
Aufgeklärter kiosko
Aufgeklärter kiosko: links oben Grsundheit, rechts unten Freud und Marx
Im Café Rais, meine Ecke
Im Café Rais, meine Ecke
Das Gürteltier. Offizielles WM-Maskottchen
Das Gürteltier. Offizielles WM-Maskottchen
Sachliche Gemütlichkeit: Café Raiz, Perdices
Sachliche Gemütlichkeit: Café Raiz, Perdices
In der Cafeteria
In der Cafeteria
Hinter BH
Hinter BH
Fleischlos glücklich
Fleischlos glücklich
Dc bringt Myriam und Priscila in einer Cachaça Bar zusammen..
Dc bringt Myriam und Priscila in einer Cachaça Bar zusammen..

Natalya, Myriams Tochter, will über eine torcida Diplomarbeit schreiben: Prescila, Sportwissenschaftlerin, die Seele des Kongresses, hat über die Frauen-Torcida von Cruzeiro Belo Horzonte promoviert…

Menschliche Bezugspunke in BH

Elcio (rechts) hat mich eingeladen. Romeo(sprich Silvio) ist der örtliche Star der Sportwissenschaft und Julia(sprich Priscila) war die Seele des Kongresses.

Wasserfälle mit Regenbogen
Wasserfälle mit Regenbogen
Ein Hauch von U-Bahn Tokyo
Ein Hauch von U-Bahn Tokyo
Die Wasserfälle in Iguauçu
Die Wasserfälle in Iguauçu
Hier kann ich gerade nicht schlafen
Hier kann ich gerade nicht schlafen
Auch der Lizzard macht Siesta...
Auch der Lizzard macht Siesta...
Garnelentasche
Garnelentasche
Speisekarte mit Kalorienangabe
Speisekarte mit Kalorienangabe
Barracuda – ein Meeresfrüchte-Schuppen – superlecker
Barracuda – ein Meeresfrüchte-Schuppen – superlecker
So sieht es heute an meinem Arbeitsplatz aus
So sieht es heute an meinem Arbeitsplatz aus
WLan Bank im Hotelgarten
WLan Bank im Hotelgarten
Barraca Dr. Socratis, Copacabana
Barraca Dr. Socratis, Copacabana
"Der" Buchladen von Ipanema
"Der" Buchladen von Ipanema
DC mit Marcos Alvito in der Sambaschule
DC mit Marcos Alvito in der Sambaschule
Äffchen
Äffchen
Abschied von Rio
Abschied von Rio
So wird Acarajé zubereitet
So wird Acarajé zubereitet ...
Wenn man nicht weiss, was eine baiana ist...
Wenn man nicht weiß, was eine Baiana ist ...
Hinten Copacabanabucht, erster Strand: Praia vermelha!
Hinten Copacabanabucht, erster Strand: Praia vermelha!
Küstenstr. Sonntags für Autos gesperrt.
Küstenstr. Sonntags für Autos gesperrt, Superstaus auf den Parallelstr.
Warten auf Einlass
Warten auf Einlass

Über dem Portal steht, was man alles lernen kann … sogar Lehrberufe für die „Karnevalsindustrie”, eine brasilianische Variante der Kulturindustrie…

Nebenan das schwarze Kulturzentrum
Nebenan das schwarze Kulturzentrum
Wir gehen nicht zur Demo, sondern zur Sambaschule Portela im Norden Rios
Wir gehen nicht zur Demo, sondern zur Sambaschule Portela im Norden Rios
Genauer hinschauen: Unabhängigkeitstag!
Genauer hinschauen: Unabhängigkeitstag!
Garota-Nachwuchs am Tisch 44
Garota-Nachwuchs am Tisch 44
Der Erlöser (Cristo Redentor) zeigt sich  am Morgen von Arpoador
Der Erlöser (Cristo Redentor) zeigt sich am Morgen von Arpoador
Bolinhos de Bacalhau - excellente!
Bolinhos de Bacalhau- excellente!
Es heisst übrigens " boa noite", nicht zu verwechseln mit catalan "bona nit"...
Es heißt übrigens " boa noite", nicht zu verwechseln mit catalan "bona nit"...
Hier entstand das Lied, von dem so oft die Rede ist...
Hier entstand das Lied, von dem so oft die Rede ist ...
Marcos Alvito findet dc auf der Terrasse des Arpoador Inn
Marcos Alvito findet dc auf der Terrasse des Arpoador Inn
Felice Caffé
Felice Caffé
Surfer am Felsen
Surfer am Felsen
9/5/13 ein neuer Tag, Blick nach Süden bei Nordwestwind
9/5/13 ein neuer Tag, Blick nach Süden bei Nordwestwind
DC beim Frühstück
DC beim Frühstück

Brasilianer frühstücken gern süß; der handyfotografierende Hotelgast ist DC, der in den Spiegel schaut und Ipanema im Rücken hat.

Wird es denn nie wieder hell?
Wird es denn nie wieder hell?
Der normale Abend am Arpoador
Der normale Abend am Arpoador
Vom Hotelbett aus gesehen...
Vom Hotelbett aus gesehen...

Alle Handyfotos © Detlev Claussen