Eva Kissels Texte sind kleine Wunderkammern. Schon im ersten Absatz inszeniert, nein lädt uns diese junge Autorin auf eine Verwandlung ein. Ihre Prosa ist von bedrohlicher Schönheit, in der Schirme, Kinder, Sandkästen, Fruchtkästen, Minze, das Gewicht eines Schlüsselbunds oder die Vorstellung eine Taube zu fangen und einzusperren, für den Leser jeweils eine kleine, poetische Schublade öffnen, etwas Skurriles aber Wahres freizulegen scheinen. Manchmal hat man das Gefühl auch die Ich-Erzählerin würde Staunen über das, was da vorgeht.

»wann habe ich zu rauchen begonnen? wann beginnt man zu rauchen? vielleicht rauche ich erst richtig, wenn ich noch mehr rauche. keiner weiß, ob er raucht. keiner weiß, ob er schreibt, ob er liebt.«

Und keiner weiß wann sie oder er zu lesen oder zu leben anfängt. Außer man lebt noch mehr, oder liest noch mehr. Eva Kissel zu lesen, ist ein guter Anfang. Matthias Göritz

neues aus dem sexyunderground

kleiner als alles

Von Eva Kissel

wenn ich fruchtkasten lese, denke ich immer an sandkasten und daran, wie es war, als ich in dem alten schlepperreifen saß, der mit sand gefüllt war. ich habe das zu meiner ersten erinnerung gemacht – wie mich mutter heraushebt und den sand mit der hand aus dem mund schabt.

ich habe meinen schirm gedankenverloren aufgespannt, was soll das? es regnet nicht, aber ich laufe mit offenem schirm. ich habe mein kind zu früh geboren, meine haare sind zu schnell grau geworden, mein bauch schon als ich jung war schlaff. wie ich den schirm aufspanne, bevor es regnet, habe ich mein leben aufgespannt – aber es regnet nicht. nur der hochgehaltene arm wird schwer und schwerer.

meine aufgequollenen augen passen zu den großen holzschweren schuhen, mit denen ich schlappen muss, es geht nicht anders. so schlappe ich mit meinen blicken. schaue von der frau hinter der theke, die mich prüfend nach dem geburtsnamen fragt, auf meine hände. ich habe keinen geburtsnamen. ich habe ihn vergessen. zur sicherheit halte ich das tagblatt in meinem arm wie andere ein kind. ich weiß, wo ich bin. ich weiß, was geschah. ich weiß, dass die schotten den lebertran tranken. aber einen geburtsnamen?!

mein kind ist schwer. der arzt sagt, sie ist gesund, ich kann sie wieder haben, aber ich merke, wie schwer sie noch ist. der arzt ist falsch. aber wohin mit der krankheit, jetzt, wo er sie nicht nimmt?

da ist sie. mit ihren leberflecken, die groß sind wie rosinen. jetzt darf ich sie küssen, jetzt darf ich über das haar fassen, sie ansehen. jetzt hakt sie sich ein, jetzt führe ich sie in mein zimmer, jetzt lieben wir uns.

da ist er. was er denkt? ja, ich bin schlank und rank, aber meine furcht ist, dass er sich vorstellt, meine langen beine würden unter dem mantel nicht enden, sie würden erst kurz vor der brust zusammenwachsen. ich hätte keinen bauchnabel, den er küssen kann. meine langen stakenden beine, so stelle ich mir sie vor. aber er küsst mich.

die minze im korb ist das einzige, was man von meinem einkauf sehen kann und das genügt. ich zeige nur die minze und jeder weiß: sie kann einen minzaufguss machen, wenn es heute nicht mehr zu regnen aufhört, sie kann morgens, wenn der mund mit schlechtem geschmack belegt ist, ein minzblatt rupfen und essen. sie wird vielleicht kleine mückchen in ihrem zimmer haben, die aus der erde schlüpfen. jedenfalls ist sie nicht allein.

sein tick, die oberlippe ständig, aber auch ständig kurz hochzuziehen, widert mich an. ich habe das schon befürchtet. ich habe gesagt: ich mag das – und gewusst, dass ich vielleicht lüge. jetzt, hier, wo er nach oben zu den alten balken mit den zapfen schaut „schöne architektur“ sagt und das zucken dabei nicht lassen kann, merke ich am meisten, wie es mich ekelt. ich muss nicken und: ja – sagen, aber ich werde heute nacht nicht schlafen können. die vorstellung, dass er neben mir zuckt, während ich träume, ist unmöglich. ich werde eine ausrede finden müssen, nicht bei ihm zu bleiben.

wie schön, auf dem weg zu einer trauung zu sein. fast bin ich lieber auf dem weg dorthin als dort. die schuhe klackern. das kleid weht. ein blütenblatt fällt und wenn eine haarsträhne aus dem knoten rutscht ist das nicht schlimm, sondern natürlich. auch ich werde heiraten. in schwarz, wie großmutter es tat. ohne gäste. ohne ring. mit einem blumenkranz und schwanger. das schwarze samtkleid fällt mir schwer über den bauch, über mein kind. mein mann steht hinter mir und küsst mein haar. wir stehen vor einem abgrund oder einem meer. und statt ja zu sagen, laufen wir los.

auch ich trag einen blumenstrauß wie die frau. aber viel größer, viel wilder, einen blumenstrauß, der aussieht wie von der österbergwiese gepflückt, die pferde schnauben im hintergrund, die krabbeltiere wirren in den kelchen. er ist in zeitung eingeschlagen, von der man zeilen aufschnappt. auch ich trag einen blumenstrauß, aber zu zerrissenen jeans, aber besser.
die sonne kommt raus.

wenn ich diese schnellen schritte des kleinen weißen zottelhundes sehe, bin ich ganz neidisch und ich möchte einen backstein auf seinen rücken binden, damit er sieht, wie es ist. die leute denken ja immer, weiß gott wie alt das kopfsteinpflaster sein mag. dabei war schotter hier, alles voll schotter. wenn man da fiel, hatte man sand in der wunde und ging zum nächsten besten und kniff die augen zu, damit er die kleinen steinchen rauspickte. den kopfstein, den vertrag ich nicht. wo fällt man heutzutage noch, wo kneift man die augen zu?

der nachbar sagt ja immer, statt meiner frau hab ich jetzt meinen hund, der läuft auch vorneweg und ich hinterher. der dreht sich auch nicht nach mir um. der rennt und rennt und wenn ich mir nur zigaretten hol. sicher, wenn ich pfeifen würde, weiß ich, würde er stehen bleiben und den kopf drehen, ich könnte die kleine zitternde zunge sehen. aber ich pfeife nicht, das ist alles.

das wetter weht mir die haare in den mund und wenn ich es auch manchmal liebe, so hasse ich es heute. Ich will hinfallen und mir das kinn blutig schlagen, ja. ich will da vorne in die ammer spingen, hinein ins wasser und tropfnass sein und triefen und schreien, dass ich nicht schwimmen kann. ich will gerettet sein. Ich will von diesem edlen mann, der da entgegenkommt gerettet sein, der reine braune haare hat und duftet, jetzt schon duftet, obwohl noch so weit weg. die kleidung sitzt warm an ihm. der kragen ist ein kragen, der, wenn es anfängt zu regnen, kein wasser hineinlaufen lässt. die runde brille, das alte rad. er kennt sich aus. er kann schwimmen. und doch springe ich nicht.

ich bin leichenwagenfahrer – flüster ich wieder und wieder. man gewöhnt sich nicht daran. man fährt langsamer um die kurven, man hört kein radio, man ist behutsam. man trägt einen bart. und wenn man parkt, wechseln die alten menschen die straßenseite.

eines tages fange ich eine taube und halte sie in einem winzigen kasten gefangen. ich will ein könig sein. ich will der taube futter geben, wann ich denke. ich will der taube mit einem bindfaden den schnabel zu binden, wann ich denke. ich will sie streicheln, wann ich denke und sie mit wasser übergießen. ihr die kaputten füße lackieren. ich will sie ein fremdes ei brüten lassen. und dann will ich sie, wann ich denke, wieder frei geben.

die glockenschläge der stadt höre ich immer, auch wenn ich eine knisternde plastiktüte in der hand halte. es sind da die glocken und ich hebe den kopf und stelle mir vor: gerade steht da jemand auf dem stiftskirchenturm und schaut über die stadt wie ein engel.

man muss sich leicht machen, das ist alles.

wann habe ich zu rauchen begonnen? wann beginnt man zu rauchen? vielleicht rauche ich erst richtig, wenn ich noch mehr rauche. keiner weiß, ob er raucht. keiner weiß, ob er schreibt, ob er liebt.

meine brüste sind groß und schwer und deshalb habe ich heute nacht geträumt, es gebe eine brustschneidmaschine, wie es eine brotschneidmaschine gibt. nichts tat weh. und ich war endlich leicht. war zum ersten mal endlich leicht.

dass in meinem aktenkoffer ein apfel und ein besticktes taschentuch meiner großmutter liegt, weiß niemand. ich kann so tun, als sei der koffer schwer. dazu stelle ich ihn manchmal ab.

ein bisschen stolz bin ich schon auf meinen gebrochenen arm. oma kann ich erzählen: vom starken träumen ist er gebrochen. sie wird es mir glauben, sie wird nicken und es mir glauben. denn oma nimmt mich ernst.

was soll ich jetzt tun?

ich laufe langsam wie eine schnecke, denn ich bin 70 und schön. ich kann es mir erlauben. noch nie hat ein mann mich so geküsst, wie heute.

das klimpern des großen schlüssebundes mag ich, aber wenn er herunter fiele, könnte ich das nicht ertragen. so, wie ich nicht auf polterabende gehen kann, doch aber einen kasten mit altem geschirr zum flohmarkt tragen. es genügt, wenn es droht, zu zerbrechen.

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erstellt am 04.9.2013

sexyunderground nennt sich eine Initiative junger Frankfurter Autoren, die seit der Schulzeit gemeinsam schreibt. Matthias Göritz ist Mentor der Newcomer-Gruppe. 2007 hatte er im ersten „Schreibzimmer“ des Frankfurter Literaturhauses dem harten Kern von sexyunderground bereits erste Schritte des professionellen Schreibens vermittelt. In Faust stellt er die Arbeiten der Nachwuchs-Autoren in loser Folge vor.

Eva Kissel
Eva Kissel

Eva Kissel, geboren 1991 in Bensheim, wohnt und studiert in Frankfurt am Main. Teilnahme an der Schreibwerkstatt »Schreibzimmer« des Literatur­haus Frankfurt unter der Leitung von Norbert Hummelt (2008). Teil­nahme an der Schreib­werk­statt »open writing« mit Markus Orths (2009) und Thomas von Steinaecker (2010). 2010 ausgewählt zum Treffen Junger Autoren. 2012 hat sie das Studio Literatur und Theater Tübingen kennengelernt. Sie ist Ehemalige des sexyunderground.