Der Darstellung von wenig glamourösen, zum Teil vergessenen Berufen und Existenzen widmet sich zurzeit eine Ausstellung im Wien Museum. Die Tatsache, dass wir nicht mehr wissen, wer Lavendelfrauen, Pülcher oder Fiaker sind, bringt Thomas Rothschild zu einem überraschenden Schluss.

Schusterjunge
ausstellung in wien

Rastelbinder und Pfannenflicker

Von Thomas Rothschild

Dass Zeitungen aussterben, eine historische Erinnerung bleiben könnten, halten vorwiegend jene, die von ihnen leben, die Journalisten, für ausgeschlossen. Das Pfeifen im Walde. Eigentlich muss man an ihrer Befähigung zum gewählten Beruf zweifeln, wenn sie in eigenen Angelegenheiten so wenig Realitätssinn zeigen, so wenig aus der Geschichte zu lernen bereit sind. Dass die Perspektive einer zeitungslosen Zukunft, nicht nur für sie, schmerzlich ist, kann man verstehen. Dass sie vor ihr die Augen verschließen, nicht. Wer das Wahrscheinliche vom Wünschenswerten nicht unterscheiden kann, ist als Journalist auf dem falschen Posten. Vielleicht trägt gerade dieses Unvermögen zur Beschleunigung dessen bei, was er verhindern will: eben des Zeitungssterbens.

Würden sich die Gesundbeter an der Geschichte orientieren, statt Fantasieszenarien zu entwerfen, müssten sie zur Kenntnis nehmen, dass es keine Kohlenträger und keine Sodawasserverkäufer, keine Wäschermädeln und keine Laternenwärter, keine Rastelbinder und keine Pfannenflicker mehr gibt. Sie fielen den veränderten technischen und gesellschaftlichen Bedingungen zum Opfer wie die Weber, deren Schicksal uns wohl nur dank Gerhart Hauptmann im Gedächtnis geblieben ist. Sie alle gehörten einst zum Wiener Alltag und schienen so unverzichtbar wie heute noch der Zeitungsjournalist.

Eine Ausstellung in dem dank dem fehlenden Bindestrich so schön doppeldeutig benannten Wien Museum, dem früheren Historischen Museum der Stadt Wien am Karlsplatz (nicht einmal Museen dürfen ihre Namen behalten), erinnert noch bis zum 6. Oktober an diese „Wiener Typen“, ein prachtvoller Katalog dazu ist mit einer Verspätung von vier Monaten im Christian Brandstätter Verlag erschienen.

Was die Ausstellung und den Katalog so sehens- und lesenswert macht, ist ihr didaktisches Konzept. Sie begnügen sich nicht mit einer großen Zahl von Bildern, die für sich schon reizvoll genug sind, sondern ordnen die abgebildeten Typen sozialgeschichtlich ein. Und so wird, was als Ansammlung skurriler Figuren oder auch als Erinnerung an die realen Vorlagen für Ferdinand Raimund und Johann Nepomuk Nestroy ausfallen hätte können, zu einer Reise in die Geschichte, die frei ist von idyllischer Schönfärberei und vielmehr Armut, Not und Elend früherer Lebensverhältnisse bewusst macht. Denn diese Ausstellung widmet sich jener Mehrheit der Bevölkerung, die in Schlossmuseen und Schatzkammern nicht vorkommt. Die Ausstellung selbst ist ein sozialpolitischer Hinweis: auf eine Museumslandschaft, die mit Vorliebe nach oben blickt und dem Irrtum erliegt, den Anschein erwecken will, dass die Noblen und Reichen mehr Beachtung verdienten als die von ihnen Ausgebeuteten. Es ist kein Naturgesetz, dass eine Kaiserkrone interessanter scheinen muss als die Butte eines Aschensammlers. Aber das Weltbild der Schulkinder, die man in die Hofburg oder eben ins Wien Museum führt, wird dadurch geprägt.

Maronibrater

Der Untertitel der Ausstellung lautet „Klischees und Wirklichkeit“, und in der Tat: die raue Wirklichkeit der „Wiener Typen“ unterscheidet sich gründlich von den verklärenden Klischees, die „Künste“ und Medien im Lauf der Zeit verfestigt haben: die Ausschneidefigur einer Lumpensammlerin, die Porzellanfigur der hübschen Maronibraterin, den gemütlichen Dienstmann mit dem Gesicht Hans Mosers.

Die Kupferstiche, Lithografien, Aquarelle und Fotografien von Wiener Charakteren werden ergänzt durch „Wiener Szenen“, die anmuten wie Theaterbilder – aus den Vorstadttheatern, versteht sich, nicht aus dem Hofburgtheater. In der Ausstellung wurde bei der Anordnung ein gescheiter Kompromiss zwischen thematischen Gesichtspunkten und der Vorstellung einzelner Künstler gefunden. Das bedingt eine Beachtung der Chronologie, die eine Übersicht über die Entwicklung sowohl der künstlerischen Verfahren wie der sozialen Verhältnisse ermöglicht. Wenn am Ende das „Comeback des Fiakers“ steht, dann belegt das die Folklorisierung des Elends im Zeichen des Tourismus. Vielleicht werden wir es ja noch erleben, dass man den Journalisten als Briefbeschwerer in Souvenirshops erwerben kann.

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erstellt am 03.9.2013

Pülcher, 1886. Foto von Otto Schmidt © Wien Museum

ausstellung

Wiener Typen – Klischees und Wirklichkeit

Wien Museum
Karlsplatz 8, Wien

Bis 6. Oktober 2013

Wolfgang Kos (Hrsg.)
Wiener Typen | Klischees und Wirklichkeit
Ausstellungskatalog
Broschur mit Klappe, 352 Seiten
ISBN 978-3-85033-764-9
Christian Brandstätter Verlag, Wien 2013

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