Syrien: Literatur und Kultur

Am 21. Juni 2013 erhielt der syrische Autor Nihad Siris den Coburger Rückert-Preis, denn Syrien, so die Jury in ihrer Begründung, verdiene unsere ganze Aufmerksamkeit. Dem deutschen Publikum ist Nihad Siris allerdings schon länger durch seinen mutigen Roman „Ali Hassans Intrige“ bekannt, der bereits 2008 im Lenos Verlag erschien. Darin beschreibt Siris einen beispiellosen Führerkult, der nur allzu sehr an den Kult um die syrische Diktatorenfamilie Assad erinnert. Susanne Schanda stellt den Schriftsteller und seinen Roman vor.

porträt

Nihad Siris

Schreiben zwischen tödlichem Lärm und Grabesruhe

Von Susanne Schanda

Seit anderthalb Jahren ist der syrische Schriftsteller Nihad Siris heimatlos. Der Krieg hat ihn aus seinem Land vertrieben. Dies ist umso dramatischer, als der 1950 in Aleppo geborene Autor stets eng mit seiner Heimatstadt verbunden war. In der Altstadt Aleppos spielte bereits seine Fernsehserie “Khan al-Harir” (Der Seidenmarkt), die im lokalen Dialekt gesprochen ist und den Schriftsteller in den 1990er-Jahren beim arabischen Publikum weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte. Der internationale Durchbruch begann 2008 mit der deutschen Übersetzung seines satirisch-politischen Romans “As-Samt was-Sachab” (“Das Schweigen und das Gebrüll”) unter dem Titel “Ali Hassans Intrige” im Lenos Verlag. Inzwischen ist der Roman auch ins Französische und Englische übersetzt und mit dem englischen PEN-Preis und dem Coburger Rückert-Preis ausgezeichnet worden. Wer diesen Roman heute zur Hand nimmt, wundert sich, dass er überhaupt erscheinen konnte. Es ist eine bissige Satire auf den Führerkult in einer Diktatur, die unschwer als die syrische zu erkennen ist. Im Libanon publiziert, konnte das Buch in Syrien nur illegal verteilt werden.

Der Roman erzählt einen Tag im Leben des mit Schreibverbot belegten Schriftstellers Fathi Schin, und zwar den 20. Jahrestag der Machtergreifung durch den “großen Führer”. Es ist einer dieser Tage im Leben des Melancholikers Fathi Schin, an denen er gar nicht aufstehen möchte. Die Hitze in seinem Zimmer ist drückend und durch die geschlossenen Fenster dringt der aufdringliche Lärm einer orchestrierten Großdemonstration mit Sprechchören und Marschmusik. Die Straßen der Stadt sind verstopft von einem sich langsam vorwärts wälzenden, schwitzenden Menschenstrom, jeder Zweite hält ein Plakat mit dem Bild des Führers empor, Einpeitscher mit Megaphon dirigieren die Sprechchöre, die dümmliche, sich reimende Ehr- und Liebesbekundungen für den Führer ausstoßen: “grandi… grandios… Führer, du bist groß!” Wer sich dem Umzug durch die Straßen nicht anschließt, sieht sich die Propagandaveranstaltung zuhause vor dem Fernseher an, die Lautstärke voll aufgedreht, um jeglichem Verdacht, man sei nicht patriotisch genug, zuvorzukommen. Nur Fathi Schin glaubt, sich raushalten zu können. Doch dem Regime genügt sein Schweigen nicht mehr, jetzt soll er für die Propagandamaschinerie singen. Als er sich weigert, greift die Staatsmacht zu perfiden Mitteln.

Mit diesem Roman brach der Autor sein eigenes Schweigen, das ihm nach dem Ende des Damaszener Frühlings im Jahr 2000 aufgezwungen wurde. Nihad Siris demaskiert das totalitäre Regime, das sich von der Angst seiner Bevölkerung nährt, durch Humor und Ironie. “Damit zerstöre ich die Aura der Ernsthaftigkeit, die ein Diktator um sich aufbaut”, erklärt er. Der Führer inszeniere sich als Vater und Beschützer, der seine Untertanen wie unmündige Kinder behandle: “In seiner Vorstellung sind sie eine Masse, deren Funktion es ist, ihn zu lieben und zu bestätigen. In der Masse verlieren die Menschen ihre Persönlichkeit. Die orchestrierten Kundgebungen dienten der Aufrechterhaltung der Illusion, dass sein Volk ihn liebt. Ohne die Masse ist er nichts.”

Bis zum Beginn des Volksaufstands im März 2011 gab es in Syrien fast ausschließlich Kundgebungen, die das Regime selbst inszenierte, um sich feiern zu lassen. Mit ihren Protesten gegen die Staatsgewalt hätten die Syrerinnen und Syrer das Schema Führer – Masse aufgebrochen, sagt Siris. “Sie fordern als eigenständige Individuen ihre Rechte ein. Dies hat im Führer einen ungeheuren Zorn ausgelöst. Er geht deshalb mit äußerster Brutalität vor, um seine Macht zu erhalten.”

Während in Ägypten Kulturschaffende und Intellektuelle mit ihren Büchern, offenen Diskussionsforen in Cafés und im Internet den Weg zur Revolution ebneten, haben in Syrien die Zensur und die zahlreichen Geheimdienste mit ihrem Spitzelsystem Vergleichbares verhindert. Zwar publizieren zahlreiche syrische Autoren ihre Bücher seit langem in Libanon, und dank des florierenden Bücherschmuggels kommt die verbotene Ware dann wieder an ihren Entstehungsort zurück. Doch wo man Bücher wie illegale Drogen suchen muss, kann keine freie Meinungskultur entstehen. In seinem Roman “Ali Hassans Intrige” zeigt Nihad Siris, wie die Willkür einer Diktatur die Menschen zum Schweigen zwingt und der Lärm der Propaganda das Denken und die Kreativität erstickt. “Dies ist für Intellektuelle ganz besonders schmerzlich”, sagt er. Aus diesem Grund und weil er Ende 2011 wieder ins Visier des Regimes geraten war, verließ der Schriftsteller Syrien, um sich vorübergehend in Kairo niederzulassen. Doch sogar dort fühlte er sich von der syrischen Staatsmacht beobachtet.

Die Lancierung der französischen und englischen Ausgaben seines Romans führten Siris bald nach Paris, London und New York. Als er sich nach einem Aufenthalt als Writer in Residence in den USA gerade wieder in Kairo eingerichtet hatte, erreichte ihn die Nachricht, dass er den Coburger Rückert-Preis erhalten soll. Während seines Aufenthalts in Deutschland und der Schweiz wurden in Ägypten die Muslimbrüder gestürzt. Syrer, die vorher in Ägypten mit offenen Armen aufgenommen wurden, sind jetzt unter Generalverdacht geraten, mit den Islamisten zu sympathisieren und werden nur noch eingeschränkt ins Land gelassen oder sogar offen angefeindet. Nihad Siris hat zum zweiten Mal die Heimat verloren. Soeben hat er in Deutschland ein Asylgesuch eingereicht.

Susanne Schanda (geb. 1960) ist freie Literatur- und Theaterkritikerin, sie arbeitet für den Schweizer Sender Radio DRS und internationale Printmedien. Nach dem Germanistik- und Philosophiestudium an der Universität Bern und war sie bis 2009 als Redaktorin in den Ressorts Kultur und Ausland tätig. Ausgedehnte Reisen führten sie nach 1990 in den Nahen Osten, 2004 war sie Moderatorin und Übersetzerin beim Ägyptischen Radio (Deutsches Programm) in Kairo.

In seinem Roman „Ali Hassans Intrige“ lässt Nihad Siris die Ereignisse eines Tages im Leben des Schriftstellers Fathi Schin Revue passieren. Es ist der 20. Jahrestag der Machtergreifung durch den „großen Führer“. Die Straßen sind verstopft durch Umzüge, von überallher erschallen Sprechchöre und Marschmusik. Das ganze Land scheint sich dem Führer zu unterwerfen, nur Fathi Schin glaubt, unbeschadet die Gefolgschaft verweigern zu können. Doch das Regime lässt nicht mit sich spaßen und greift zu perfiden Mitteln.

romanauszug

Nihad Siris »Ali Hassans Intrige«

Es ist merkwürdig – in meinem Land müssen die Losungen gereimt sein.

Wahrscheinlich verfügt die Partei über ein spezielles Propagandazentrum zur Formulierung und Verbreitung von Parolen, die den jeweiligen Erfordernissen der Etappe exakt entsprechen. Jeder Phase ihre Losung – aber »gedichtet« müssen sie sein! Vor wenigen Augenblicken hatte ich eine brandneue Parole vernommen. Offenbar war sie erdacht worden, um die Massen dankbar zu stimmen, dass Gott sie in der Epoche des Großen Führers erschaffen hatte. Der Einpeitscher brüllte: »… grade … gradelos … Führer, du bist groß!« Und die Menge jubelte: »… rate … ratelos … Führer, du bist groß!« Was sollte das heißen? Ganz gleich, sie schrien mit größtem Vergnügen, Hauptsache, es ließ sich gut skandieren. Die Menschen in meinem Land verehren jede Art gebundener Rede – hymnische Poesie, enthusiastische Verse. Seht sie euch an! Bereitwillig wiederholen sie Phrasen ohne Sinn, wenn sie nur rhythmisch klingen. Da der Machthaber wünscht, dass die Massen ihn wahrhaft lieben, sollte er unverzüglich ein Zentrum für aktuelle Personenkultparolen gründen. Die einzige Bedingung für ihren Erfolg wäre, dass sie einem Gedicht ähneln. Wir sind nun mal ein Volk, das die Dichtung hochschätzt. Ja, wir lieben alles, was nur entfernt daran erinnert. Zur Not reichen uns Knittelverse. Der Inhalt ist uns egal. Und da sagt man, die Epoche der Massen sei ein Zeitalter der Prosa! Dabei ist es gerade umgekehrt: Die Dichtung zielt auf die Menge, und die Prosa, wie ich sie hier schreibe, wendet sich an das Individuum. Aus diesem Grund wurden die Ideale der Französischen Revolution ja auch nicht in Verse gegossen, selbst wenn es einen Mirabeau gab. Nein, sie wurden in Prosa formuliert, nämlich in den Schriften des Jean-Jacques Rousseau. Prosa richtet sich an den Intellekt des einzelnen, während Lyrik die Massen anspricht und lenkt. So ist es übrigens nicht verwunderlich, dass der Rückgang der Lyrik zuerst im Westen einsetzte. Verse sind geeignet, dumpfe Begeisterung zu schüren, sie eliminieren die Persönlichkeit. Prosa hingegen bildet den Verstand, die Individualität. Und schließlich sei daran erinnert, dass mein Land noch immer im Massenzeitalter verharrt. Deshalb sind Losungen in Metrum und Reim für uns eine absolute Lebensnotwendigkeit. Meine in Prosa verfassten Werke gelten als Hirngespinste eines Abweichlers, eines »elenden Verräters«, wie der Khakimann mich vorhin bezeichnet hatte.

Doch kehren wir zurück zu den hundertfünfzig, angeführt von ihrem Einpeitscherduo. Nach einer Weile bewegte sich der Umzug weiter, brüllend entfernte sich die Kolonne von meinem Standort an der Apotheke. Nun rückte ein Pulk von Oberschülern heran, allesamt in paramilitärischer Einheitskleidung, der sogenannten »Khakimontur«. Die Schüler schrien womöglich noch lauter als der vorige Trupp. An ihrer Spitze marschierten wieder zwei im Doppelpack. Der Untermann war ein Reservist. Vielleicht war er auch der Ausbilder des Schreihalses auf seinen Schultern, jedenfalls nehme ich es an. Dieser Anführer verkündete seine Parolen per Megaphon mit Batteriebetrieb. Der Pulk wiederholte sie, aber viel deutlicher als der vorige Trupp. Eine Erklärung wäre, dass es sich um Gymnasiasten handelte, die eine gewisse Bildung besaßen. Immerhin sprachen sie die Losung richtig aus, und die Wörter waren nicht verstümmelt: »… grandi … grandios … Führer, du bist groß!«

An dieser Stelle möchte ich das Getöse näher beschreiben, sofern das überhaupt möglich ist. Das Megaphon des Schülerpulks war nur einer von insgesamt drei Verstärkern, die in diesem Moment derart auf mich einbrüllten, dass mir fast die Ohren abfielen. Die beiden anderen Lautsprecher hingen irgendwo über mir. Ich hatte ihr Getöse schon gehört, als ich noch in meiner Wohnung war. Doch jetzt übertrug der eine Kampflieder und der andere die Stimme eines Moderators, deren sonores Pathos bestens geeignet war, Enthusiasmus und Liebe zum Großen Führer in die Herzen der Menschen zu pflanzen.

»… Bürger … Bürger …«, rief die Stimme den Massen zu. Sie schilderte die Liebe des Volkes zu seinem Führer, seinem Kommandanten, und die Liebe des Führers zu seinem Volk. Aus der Sicht des Moderators war diese unübersehbare Menge ein unbeträchtlicher Teil der großen, weiten Welt, die den Führer über alles liebte. Denn da waren ja auch die Bäume, die Vögel, die Wolken … und, bei Gott, selbst die Steine und der Erdboden neigten sich in Demut, wenn die Füße des Führers über sie hinschritten. Und weiter verkündete die Stimme, der Große Kommandant werde sein Volk ganz gewiss zum eindeutigen Sieg führen …

Dieses leere Gerede, das bei unseren Aufmärschen ununterbrochen aus den Schalltrichtern tönt, lässt sich am ehesten mit dem Fernsehkommentar zu einem Fußballspiel vergleichen. In beiden Fällen schwafeln die Sprecher, ohne etwas mitzuteilen. Sie überschütten die Menge mit einem Schwall von Worten, um sie zu frenetischer Begeisterung aufzustacheln. Die Ähnlichkeit liegt in der Art und Weise, wie Fanatismus geschürt wird. Allerdings gibt es auch einen wesentlichen Unterschied: Der Sportreporter beschreibt, was er auf dem Spielfeld sieht, der Moderator einer Kundgebung aber beschwört etwas nicht Vorhandenes und suggeriert es dem Volk. Außerdem geht der Reporter von zwei gegnerischen Mannschaften aus, während bei unseren Umzügen immer nur eine einzige existiert. Eine absolute Mannschaft. Ihre Aufgabe ist es, die Subjektivität der Menschen auszulöschen und sie wie Tropfen in der tosenden Flut der Masse aufgehen zu lassen. Jede Individualität stellt eine drohende Gefahr für die Herrschaft des Führers dar, und so zielt diese massenhafte Zusammenrottung nur auf eines: die Eliminierung von Individualität. Eine Menschenflut in Form eines Aufmarsches zu schaffen bedeutet freilich mehr, als die einzelnen Tropfen zu sammeln und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Noch wichtiger ist die Bildung einer psychischen und geistigen Flut, und dieser Moderator leistete seinen Beitrag dazu. Wenn er eindringlich schilderte, dass die Menschen, die Steine und Bäume allesamt den Großen Führer liebten, rührte er an die innerste Substanz eines jeden Menschentropfens, der in diesem Moment tatsächlich glaubte, was er fernab der Logik vernahm. Die Folge war, dass Differenzierungen des Charakters, des Denkens und Fühlens zwischen den einzelnen Partikeln der Menschenflut beseitigt wurden. Alle Gefühle strömten nur noch in eine Richtung: zum Großen Führer hin.

Das Getöse, das die Hochrufe und die Lautsprecher bei unseren Kundgebungen erzeugen, dient vor allem dazu, das Denken auszuschalten. Denken bedeutet Widerstand. Es ist ein Vergehen, ja Verrat am Führer. Da aber Ruhe und Stille zum Nachsinnen anregen, werden die Massen regelmäßig zu Brüllorgien zusammengetrieben. Das ist notwendig, um die Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen und sie von Gedankendelikten abzuhalten. Wozu sonst wäre ein solches Höllenspektakel gut? Die Liebe zum Großen Führer bedarf keiner Überlegung, sie ist selbstverständlich. Der Führer verlangt ja auch nicht, dass man die Liebe zu ihm begründet. Man muss ihn einfach lieben, wie er ist, weil er ist, und damit basta. Jedes Grübeln über das Warum könnte einen – Gott behüte! – womöglich eines Tages von der Liebe zu ihm abbringen. Zufällig könnte dir zum Beispiel auffallen, dass er beim Reden ständig zwinkert. Du aber verabscheust diese Angewohnheit, so dass deine Liebe zu ihm ein wenig beeinträchtigt werden könnte. Und das wäre nun wirklich ein schweres Verbrechen.

Ich habe bisher versäumt, einen Grund für diese Veranstaltung zu erwähnen. Obwohl – es braucht keinen besonderen Anlass, um die Massen auf die Straße zu holen, und Vorwände finden sich immer. Der Führer mag Aufmärsche, das genügt. Ein Tag wird festgelegt, an dem die Menschen in einer bestimmten Stadt auf die Straße gehen. Schließlich muss er ja den Umzug im Fernsehen verfolgen können, und deshalb dürfen die Veranstaltungen nicht in allen Städten gleichzeitig stattfinden. Handelt es sich um einen Gedenktag, in diesem Fall um den zwanzigsten Jahrestag der Machtübernahme durch den Großen Führer, so beginnen die Aktionen eine Woche davor und enden eine Woche danach. Für jede Stadt ist ein Tag eingeplant, um eine geordnete Abfolge von Live-Sendungen im Fernsehen zu ermöglichen. Anschließend werden die Aufzeichnungen archiviert. Man munkelt, eine Kopie gehe direkt ans Archiv des Führerpalastes, damit er sich in seinen Mußestunden noch einmal daran erfreuen könne.

Auszug (Seite 17-22) aus: Nihad Siris: Ali Hassans Intrige. Aus dem Arabischen von Regina Karachouli
Mit freundlicher Genehmigung © Lenos Verlag, Basel 2008

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erstellt am 02.9.2013