Vierteljährig erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Francisco Goldman
Francisco Goldman

Von Trauer und Schuld handelt Francisco Goldmans Roman »Sag ihren Namen«, der nun in deutscher Übersetzung erschienen ist. Klug komponiert und gut geschrieben, lässt uns dieses Buch an der Verarbeitung einer persönlichen Tragödie teilhaben.

Anita Djafaris Buchtipp

Francisco Goldman »Sag ihren Namen«

Weltempfänger 20 – Platz 7

Francisco Goldman mit Aura

Dieser Roman ist eine wahre Geschichte. Er handelt vom tragischen Tod der sehr viel jüngeren Ehefrau des Autors Francisco Goldman. Aura, die quirlige Mexikanerin, Doktorandin der Literaturwissenschaft, von ihrer ehrgeizigen und besitzergreifenden Mutter nach New York geschickt, Möchte-gern- oder Noch-nicht-Schriftstellerin, ist die Liebe seines Lebens. Ob sie es für immer geblieben wäre, ob sie, das ungleiche Paar, ihr Kind bekommen hätten, eine richtige Familie geworden wären – er wird es nie mehr erfahren. Nur vier Jahre waren sie zusammen, zwei davon verheiratet.

Die Trauer ist unerträglich, dazu kommen die Schuldgefühle und die Schuldzuweisungen der Familie seiner Frau. Die macht ihn verantwortlich, bricht den Kontakt ab, zerrt ihn vor Gericht. „Wenn du mir etwas zu sagen hast, dann kannst du es ab jetzt schriftlich tun“, lässt ihn Auras Onkel wissen. Viel schwerer aber wiegen die eigenen Gefühle von Schuld, die Fragen nach: Was wäre gewesen, wenn wir diesen Urlaub nicht angetreten hätten, wenn ich ihr das Bodysurfen nicht beigebracht hätte, ihr nicht ins Wasser gefolgt wäre, sie nicht ermutigt hätte, diese Welle zu nehmen. Die junge, übermütige, lebenslustige Aura ist bei einem Badeunfall so schwer verletzt worden, dass sie zwölf Stunden später stirbt. Den genauen Hergang des Dramas erfährt der Leser erst ganz am Schluss. Bis dahin erzählt der Autor die Geschichte seiner großen Liebe und von dem Versuch, mit dem Schmerz klar zu kommen, weiterzuleben. Dies geschieht nicht chronologisch, sondern wie ein Mosaik setzt er das Bild zusammen, von Aura, ihren Zukunftsplänen, den ersten literarischen Schreibversuchen. Er beschreibt die symbiotische Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrer ganzen komplizierten Familie, erinnert die Zeit des Kennenlernens und ihr gemeinsames Leben, die Träume und Zweifel, die es wegen des großen Altersunterschieds gegeben hatte. Er zeigt seinen Umgang mit dem Verlust und den Versuch, mit ihm zurechtzukommen. Der Blick ist zurück, aber auch nach vorn gerichtet. In einem Youtube-Video seines französischen Verlags sagt er, das Schreiben dieses Buchs war für ihn eine Möglichkeit, seine Liebe festzuhalten. Das gelingt ihm auf schonungslose und herzzerreißende Weise, er gewährt einen so tiefen Einblick in seinen Seelenzustand, dass ich schon manchmal das Gefühl hatte, durch ein Schlüsselloch zu spähen und mich fragte: Darf ich das? Will ich das überhaupt alles so genau wissen? Einerseits. Andererseits ist das Buch so klug komponiert und gut geschrieben, dass man vergisst, dass es kein Roman ist, sondern die große Kunst des Schriftstellers Francisco Goldman, uns teilhaben zu lassen an der Verarbeitung einer persönlichen Tragödie.

Noch ein Hinweis: Francisco Goldman, Mitte 50, freier Autor, Journalist und Hochschullehrer, US-Amerikaner mit Wurzeln in Guatemala hat die Weltempfänger-Jury schon einmal mit einem völlig anderen Buch beeindruckt: Die Kunst des politischen Mordens (Rowohlt 2011), Weltempfänger Nr. 12, Herbst 2011). Darin geht es um die Ermordung des guatemaltekischen Bischofs Juan Gerardi im Jahr 1998. Ein Sachbuch, spannend geschrieben wie ein Kriminalroman.
Große Empfehlung.

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erstellt am 01.9.2013

Weltempfänger 20

Komplette Liste hier

Francisco Goldman
Sag ihren Namen
Roman
Übersetzt von Roberto de Hollanda
Hardcover, 464 Seiten
ISBN 978-3-498-02521-2
Rowohlt Verlag, Reinbek 2013

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