Noam Chomsky
Noam Chomsky
dvd-kritik

Der Unbestechliche

Von Thomas Rothschild

Im Jahr 1992 drehten die Kanadier Mark Achbar und Peter Wintonick einen mehr als zweieinhalbstündigen Dokumentarfilm über Noam Chomskys Medienkritik und deren Autor, der einen Höhepunkt in der Geschichte des Genres darstellt. Sein Haupttitel ist einem Buch Chomskys von 1988 entlehnt: „Manufacturing Consent“, auf deutsch: „Die Konsensfabrik“, und der ist, wie man aus dem Film erfährt, wiederum von dem großen Journalisten Walter Lippmann übernommen. Ihrer Produktionsfirma gaben die Filmemacher den Namen eines anderen, 1989 erschienenen Buchs des bahnbrechenden amerikanischen Linguisten, Anarchisten, Intellektuellen und Moralisten: „Necessary Illusions“.

Der Film zeichnet sich durch eine avantgardistische Montage, durch Selbstreferentialität und vor allem durch Humor aus. Was man hierzulande selten begreift und noch seltener umsetzt: dass auch und gerade ernste Themen mit Witz und Ironie abgehandelt werden können: „Die Konsensfabrik“ stellt es unter Beweis. Achbar und Wintonick arbeiten mit Archivmaterial, mit Ausschnitten von Vorträgen und Interviews mit Chomsky und mit wenigen gestellten Szenen. Ihr Film ist im besten Sinne didaktisch, ohne langweilig zu werden.

Seine internationale Bedeutung erlangte Noam Chomsky zunächst durch die Revolution, die er innerhalb der Linguistik ausgelöst hat. Dieser Aspekt interessiert Achbar und Wintonick nur am Rande. Aber ausgerechnet dieser Mann, der als Wissenschaftler nach naturwis­senschaftlicher Exaktheit auf einem traditionell geisteswissen­schaftlichen Gebiet strebte, der also Sprache zunächst von ihren sozialen und historischen Determinationen zu abstrahieren trach­tete, mischte sich, zunehmend unter dem Eindruck des Vietnam-Kriegs, in gesellschaftliche Angelegenheiten ein. Er schrieb über die Verantwortung der Intellektuellen (die damals auch im deutschsprachigen Raum diskutierte Oppenheimer-Problematik), be­schäftigte sich mit dem Anarchismus, den bei uns viele nach wie vor mit Terrorismus assoziieren, aus Unkenntnis und weil jene Kreise, die von einer Theorie der Herrschaftslosigkeit etwas zu befürchten haben, dieses Missverständnis bewusst schüren. Noam Chomsky, der als Typus alles eher ist als ein Fanati­ker, kritisierte die Außenpolitik seines Landes und die Willfäh­rigkeit der Medien und wurde, was manche Amerikaner mit guten Gründen das Gewissen der Nation nennen. Charakteristisch für Chomskys Engagement ist seine Kolumne in der kleinen Zeit­schrift „Lies Of Our Times“. Der Titel ist ein Wort­spiel. Er meint einmal die Lügen unserer Zeit, dann aber vor allem die Lügen der „(New York) Times“. Das “Magazine to Correct the Record” hat es sich zur Aufgabe gemacht, festzuhal­ten, wo die amerikanische Presse und insbeson­dere die „New York Times“ direkt lügen oder indirekt, indem sie Nachrichten und Tatsachen unter­drücken. Chefredakteur ist der Volkswirtschafter Edward S. Her­man, der auch zusammen mit Chomsky drei Bücher verfasst hat.

Man erfährt von Chomsky, wie und warum die Presse Jahrzehnte hindurch den Völkermord in Ostti­mor verschwiegen hat. Man kann über­prü­fen, wie Chomsky in Gesprächen, Artikeln, Büchern und Reden argumentiert, etwa in seiner Kritik am Golfkrieg und an der Berichterstattung darüber, etwa über die Einmi­schung der USA in Nicaragua. Chomsky kritisiert die zionistische Politik gegenüber den Palästinenser und verteidigt das Recht auf freie Meinungsäußerung selbst dort, wo er den Inhalt der geäußerten Meinung für falsch hält. Chomsky stellt Fragen, die kurioserweise kaum je gestellt werden, etwa: Warum nimmt der Sport in den Medien so viel Raum ein und welche Funktion hat es, das Interesse daran wach zu halten? Chomsky gibt eine plausible Erklärung dafür, was es bedeutet, wenn die Medien Diskussionsbeiträge auf zwei Minuten beschneiden: dass man nämlich nur schlagwortartig äußern kann, was dem allgemeinen Konsens entspricht, aber keine Möglichkeit hat, eine abweichende Meinung zu begründen. Man darf davon ausgehen, dass deutsche Moderatoren seine Argumente ignorieren oder sie, ohne sie zu kennen, als Unsinn deklarieren. Und man kann sich in dem Film von Achbar und Wintonick davon überzeugen, wie die feinen Herrschaften in den Medien und den Universitäten ihre Conténance verlieren, wenn es ans Eingemachte geht. So ereifert sich der Präsident der Boston University in einer Diskussion mit Chomsky: „Sie sind ein Schar­latan, Mister, und es wird höchste Zeit, dass die Leute Ihr Ge­schreibsel auch mal so einschätzen.“

Die ideologische Nähe der Filmemacher zu ihrem Hauptzeugen, zu Noam Chomsky eben, dient der Aufgabe. Nicht er, der Gegenstand seiner leidenschaftlichen Kritik ist auch die Zielscheibe ihrer Dokumentation. Chomsky und mit ihm die Filmemacher anerkennen, was etwa Feminismus oder die Bürgerrechtsbewegung zum Abbau von Autorität und Herrschaft beigetragen haben, aber sie weisen darauf hin, dass das Hauptübel gar nicht wahrgenommen wird, nämlich die private Verfügung über die Ressourcen. Vielleicht erklärt gerade dies die inzwischen erhebliche Akzeptanz von partikulären Emanzipationsbestrebungen: dass sie von der grundlegenden Ausbeutung im Kapitalismus ablenken, sie weitgehend gar nicht beargwöhnen. Eine Bundeskanzlerin Merkel mag ein Sieg für die Frauengleichstellung sein. Ein Sieg über die kapitalistische Ausbeutung ist sie gewiss nicht. Chomsky, der sich als Anarchist definiert, kommt in seiner Kapitalismuskritik dem Sozialismus nahe.

Was Chomsky spezifisch über die Rolle der Medien in der kapitalistischen Gesellschaft sagt, wussten auch die 68er in Deutschland, als sie Springer als einen der Hauptfeinde der Demokratie erkannten. Inzwischen haben sie mehrheitlich ihre Erkenntnisse vergessen und sich zum Teil zu Kollaborateuren eben jener Kräfte gemacht, die sie einst bekämpft haben. Der Unterschied zwischen „Bild“ und den übrigen Medien ist kaum noch wahrzunehmen, und deren Personalpolitik hat daraus Konsequenzen gezogen. Es scheint nicht mehr absurd, dass jemand, der gestern die Interessen des Springerkonzerns vertreten hat, heute für angeblich liberale oder gar linke Medien arbeitet. Da kann „Die Konsensfabrik“ auch 20 Jahre nach ihrer Entstehung Aufklärung leisten. Auch im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion über das Zeitungssterben, die weitgehend von jenen dominiert wird, die handfeste materielle Interessen am Fortbestehen der Zeitungen haben, sollte man diesen Film zur Kenntnis nehmen. Ob die Medien unter den bestehenden (Besitz-)Verhältnissen ein Garant der demokratischen Meinungsbildung sind, ist nicht ausgemacht. Vielleicht sind ja Formen der Öffentlichkeit denkbar oder sogar schon zugänglich, die jene Mängel überwinden können, auf die Chomsky wie wenig andere hingewiesen hat.

Was Chomsky zu sagen hat, kann man auch seinen zahlreichen Büchern entnehmen. Die DVD hat ihnen gegenüber den Vorteil, dass man Chomsky beim Sprechen zusehen und zuhören kann – und dieser Vorteil ist nicht geringzuschätzen. Denn wie immer man zu seinen Ansichten stehen mag: die Körpersprache und der Tonfall der Rede legitimieren ihn als klugen, abwägenden, bescheidenen Denker. So sieht kein Eiferer aus. Neben ihm machen seine Kontrahenten keine gute Figur. In einem Spielfilm würden Schauspieler, die so arrogant und selbstherrlich auftreten, der Übertreibung geziehen. „Die Konsensfabrik“ aber ist ein Dokumentarfilm. Sie chargieren nicht: sie sind so.

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erstellt am 31.8.2013

Ein Film von Mark Achbar und Peter Wintonick
Die Konsensfabrik. Noam Chomsky und die Medien
DVD 9, codefree, Farbe, 167 Min., Englisch, deutsche Untertitel
ISBN: 978-3-8488-4010-6
absolut MEDIEN Dokumente 4010

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Noam Chomsky – Wissenschaftler und Rebell (Sternstunden Philosophie SF 2012)

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