Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Brasilien wird in diesem Jahr Ehrengastland der Buchmesse sein. Das nimmt Faust-Kultur zum Anlass, Autoren vorzustellen, die in portugiesischer Sprache schreiben. Michael Kegler betreut diesen Schwerpunkt Lusophone Literatur und stellt die Autoren in einführenden Porträts oder Gesprächen und Textauszügen vor.

Rafael Sperling zählt zu den jüngsten Autoren dieser Reihe. Er fand über die Musik den Weg zum Schreiben. Der 1985 in Rio de Janeiro geborene Autor studierte an der Universität in Rio „Songwriting“ und arbeitete als Komponist und Musikproduzent. Als „böses Spielkind der brasilianischen Literatur“ bezeichnet Michael Kegler ihn in seinem Porträt.

REIHE: LUSOPHONE LITERATUR V

Rafael Sperling – Augenblickliche Unbestimmtheit

Die neue brasilianische Literatur ist jung, außergewöhnlich, bisweilen grell, und folgt keinen ausgeprägten Strömungen, sondern meist individuellen Projekten. Einer, auf den diese Attribute besonders zutreffen, ist der 1985 geborene Rafael Sperling, Musiker und Produzent, der 2011 seinen ersten Erzählband „Festa na Usina Nuclear“ vorlegte und von manchen Kritikern als literarischer Ausdruck einer „augenblicklichen Unbestimmtheit“ der brasilianischen Literatur angesehen wird.
„Surrealismus“ diagnostizierten die einen, andere glauben einen deutlichen Einfluss der frühen amerikanischen Postmoderne zu erkennen. Sperling antwortet, er lese zwar im Moment unheimlich viel, vor allem seit er dieses Buch geschrieben habe, aber viele seiner angeblichen literarischen Einflüssen kenne er noch gar nicht. Zumindest den Altmeister der gegenwärtig jungen Wilden Brasiliens, André Sant’Anna, der auch den Klappentext für sein Buch geschrieben hat, dürfte er gelesen haben. Inzwischen veröffentlicht er regelmäßig Kurz- und Kürzestprosa in den unterschiedlichsten brasilianischen Medien und hier und da auch im Ausland. Auf Deutsch erschien in der österreichischen Zeitschrift Lichtungen im Frühjahr die Groteske „Der Schiedsrichter, der lieber Künstler geworden wäre“, in dem ein Meteorit die Welt auslöscht, während ein Fußballschiedsrichter, der lieber Künstler geworden wäre, über sein verpfuschtes Leben nachdenkt, und das einzige, was nach dem Einschlag von der Menschheit übrig bleibt, die misslungene Skulptur eines Sportlers ist, den der gescheiterte Künstler irgendwann noch hatte fertigstellen wollen. In einer anderen Geschichte prügelt Jesus Christus auf Hitler ein, um ihn zu strafen, findet allmählich Gefallen an der Gewalt und wird so selbst zur Bestie. Es sind die krassen, elementaren Dinge, die es Sperling angetan haben: Gewalt, Sexualität, Überhöhungen, das Irre im Alltag, das er mit einer gewissen Lust an der Provokation überdreht. Ihn dabei als böses Spielkind der brasilianischen Literatur zu bezeichnen, sei angesichts seines noch jugendlichen Alters gestattet.

www.somesentido.blogspot.de

Zwei Textauszüge von Rafael Sperling in der Übersetzung von Michael Kegler:

Eine Tasse Tee

Ich ging zum Herd und stellte Wasser auf. Dann vergaß ich es und kam erst zwei Millionen Jahre später zurück; das Wasser war immer noch da. Ich gab das Wasser in eine Teetasse und dazu 250.000 Kilo Schwarztee, denn ich mag meinen Tee stark. Ich stellte meinen Tee auf ein Tablett, dazu ein Gefäß mit dem restlichen heißen Wasser, die 100 Kilo Schwarztee in Beuteln, die von den 350 Tassen übrig geblieben waren, falls noch jemand Tee wollte. Ich ging die 10.000 Meter bis in mein Wohnzimmer, wo meine Frau war. „Willst du Tee?“ brüllte ich ihr mit aller Kraft ins Ohr. „Bitte?“ Ich habe gefragt, ob du Tee möchtest?“, murmelte ich vom anderen Ende des Wohnzimmers. „Ja, will ich.“ Ich gab den Tee in eine Tasse, sie trank ihn und sagte, es sei der schlechteste Tee der Welt, rief die russische Armee an und befahl, meinen Kopf zu bombardieren, doch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, zerschmetterte ich mit einem Sprungtritt das Hauptkabel der Telefongesellschaft, und die Stadt hatte kein Telefon mehr. Jemand sah das und begann mit einer Bazooka auf mich zu schießen, aus Rache. Ich flüchtete auf einen anderen Kontinent und versteckte mich in einem 50.000 Kilometer tiefen Loch. „Hier wird mich niemand finden“, sagte ich, nachdem ich das eiserne Tor mit einer Kombination aus 720 Zahlen und Buchstaben gesichert hatte, doch kaum drehte ich mich um, stand da meine Frau und schwang ein stählernes Schwert auf meinen Kopf zu. Zum Glück kam in diesem Moment ein Reiher geflogen, und meine Frau traf den Schädel des Reihers. Da dieser sehr hart war, prallte das Schwert an dem Schädel ab und flog in Richtung des Schädels meiner Frau. Bevor das Schwert sie traf, feuerte der Kommandant der russischen Armee (der die Nachricht meiner Ehefrau nicht verstanden hatte, aber befürchtete, sie sei in Gefahr) eine Kugel auf das Schwert ab und tötete es. Ich weinte und umarmte meine Frau und sagte, ich würde nie wieder den schlechtesten Tee der Welt zubereiten. Wir nahmen die Seilbahn zurück nach Hause. Nach einem Bad begann sagte ich meiner Frau aus dem Stegreif ein episches Gedicht auf über eine große Schlacht im Namen ihrer Liebe, gegen alle Widrigkeiten des Universums. Als ich fertig war, war sie eingeschlafen, war wieder aufgewacht, hatte geduscht, ein episches Gedicht über einen Helden geschrieben, der keinen Tee kochen konnte (und damit sein Imperium zugrunde richtete) und war zur Arbeit gegangen.

Original in der Zeitschrift Rascunho

***

Gerade hatte ich mir Fertignudeln gekocht. Sie sind noch warm. Und alle Leute der Welt sind gestorben. Nur ein Typ labert die ganze Zeit Scheiße. Und lacht dabei. Er sagt ein paar Dinge, die ich nicht verstehe:
„Also mein Herz macht alle vier Sekunden „tum“. Danach macht es „tumtumtumtumtumtum“ in nur einer Sekunde.“
„Aha.“
Und dann redet er über hypnotische Trance. Und Energiefluss. Aber ich hab keine Ahnung, was das für ein Mist sein soll. Und er redet weiter:
„Ich war gerade dabei, eine Melone zu schneiden. Mein Finger war ganz weit weg. Und dann PUM. Ich traf ihn, obwohl er ganz weit weg war. Er begann stark zu bluten. Ich fragte meine Mutter, was mit dem Finger los sei, wenn er blutet. Sie sagte, ‘schau dir mal dieses Hündchen an’, und starrte auf ihren Computerbildschirm und merkte nicht einmal, dass mein Finger blutete. Ihr Freund schaute mich an, aber er sagte nichts. Da sagte ich ‘Mutter! Was ist mit meinem Finger los?’ Dann gab ich es auf und ging aus dem Zimmer. Da merkte sie es und schreckte auf. ‘Mein Gott, Junge!’ Ich blieb stehen und schaute sie weinerlich an und brüllte ‘Sag schon! Was passiert mit mir?’ Sie sagte, ich solle ein Desinfektionsmittel aufsprühen. Dann setzte ich mich vor den Computer und suchte im Internet nach ‘habe mir in den Finger geschnitten’. Ich fand viele Antworten. Das Blut rann über die Tastatur“, murmelte er.
Dann fing ein komischer Film an. Erst ganz normal und dann immer verrückter. Schließlich ergab er gar keinen Sinn mehr. Also sagte ich:
„Ich habe nichts davon verstanden.“
„Ich schon, ich bin in der Mitte eingeschlafen und bin erst am Ende wieder aufgewacht.“

Aus: Ovelhas Amargas. In: Festa na Usina Nuclear. Editora Oito e Meio, Rio de Janeiro 2011, übersetzt von Michael Kegler

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 28.8.2013

Rafael Sperling
Rafael Sperling

Rafael Sperling
Festa Na Usina Nuclear
Editora: Oito e Meio

Die portugiesischsprachige Buchhandlung TFM (Centro do Livro e do Disco de Língua Portuguesa) in Frankfurt besorgt Ihnen das Buch gerne:

TFM online

Schwerpunkt

Portugiesischsprachige Literatur

Michael Kegler betreut auf Faust-Kultur den Schwerpunkt: Lusophone Literatur und stellt in loser Folge Autoren und Autorinnen in einführenden Porträts, Gesprächen und Textauszügen vor.

mehr