Buchkritik von Peter Henning

Lust und Verzweiflung

Ein Fall von früher Meisterschaft: Der Brit-Kanadier Tom Rachman und sein Roman „Die Unperfekten“.

„Anders als Autoren wie Jonathan Franzen oder Jonathan Safran Foer sehe ich meine schriftstellerischen Wurzeln mehr im Journalismus denn in jener Art von Literatur, wie sie in all diesen berühmten Workshops entsteht!“, sagt Tom Rachmann, dessen mit gewaltigen Vorschusslorbeeren aus den USA zu uns herüber gekommener Roman „Die Unperfekten“ tief im Journalismus wurzelt – und trotzdem Literatur in Reinkultur zu bieten hat. Denn der 1976 in London geborene und im kanadischen Vancouver geborene Shootingstar, dessen Romanmanuskript unter Amerikas Top-Agenten einen wahren Preiskrieg entfachte, ehe es schließlich für eine der höchsten Vorschusszahlungen der letzten zehn Jahre beim Buchgiganten Random House landete, ist von Haus aus Journalist.

Seine ersten Sporen verdiente er sich als Auslandskorrespondent der römischen Assosiated Press, die ihn nach Japan, Süd-Korea und in die Türkei entsandte, ehe er bei der International Harald Tribune in Paris anheuerte, wo er die Idee zu seinem ersten Roman gebar. „Ich habe versucht, darin Journalismus und Literatur zu verbinden, Faction zu schaffen auf der Grundlage meiner Redaktionserfahrungen“, sagt Rachmann, der in seinem nahezu perfekten Romanerstling eindrucksvoll demonstriert, wie so etwas funktioniert, indem er Selbsterlebtes in tiefenscharfe Bilder gießt. Zudem vollbringt der Youngster, der Giganten wie Tschechov, Tolstoi oder George Orwell seine literarischen Hausgötter nennt, das Kunststück, seinen sich aus elf längeren Stories aus der Welt des Journalismus zusammensetzenden Episodenroman zu einem homogenen Ganzen zu verschmelzen. „Ich liebe die Short Story als erzählerische Form“, sagt er, „und weiß, dass sie eine ganz spezielle Wirkung auf den Leser hat. Deshalb habe ich bewusst auf das Episodische gesetzt, auch wenn es am Ende ein Roman sein wollte.“ So liest sich sein Buch, das Geschichten aus dem Alltag einer englischsprachigen, in Rom ansässigen Zeitung erzählt und nebenbei ein knappes Dutzend Zeitungsmacher porträtiert, wie der Rundgang eines hellwach beobachtenden Besuchers durch eine Handvoll Redaktionsräume, in denen sich all das finden lässt, womit sich dort ihr Berufsleben zubringende Menschen für gewöhnlich tagtäglich herumzuschlagen pflegen: Neid, Missgunst, Konkurrenzdenken und das ewige Gefühl, nicht genug Beachtung für das zu finden, was man tut. Angefangen bei Arthur, dem Nachrufschreiber, der, „weit entfernt vom Zentrum der Macht“, mit seinen Sätzen gelebte Leben in druckfähige Kurzbeiträge zu verwandeln hat. Bis er eines Tages seinem eigenen journalistischen Instinkt mehr vertraut als den Vorgaben seines halsstarrigen Vorgesetzten – und dafür kurzerhand zum Kulturchef expediert wird, sodass er am Ende „nicht mehr so nahe am Schrank mit den Stiften“, sondern „näher am Wasserspender“ sitzt – und damit wieder „näher am Zentrum der Macht“. Und wenn Abby, die Buchhalterin des Blatts, während eines Flugs in die USA unwissend ausgerechnet mit jenem gegen sie hasserfüllten Dave Belling anbändelt, den sie aus Spargründen vor die Tür setzten ließ – dann demonstriert Rachmann mit rabenschwarzer Schärfe, wie nah Lust und Verzweiflung in seinem Buch mitunter beieinander liegen.

Denn wenn all die darin auftretenden Charaktere eines eint, dann dies: das nicht selten geradezu verzweifelte Ringen darum, nicht als nächster von der Lohnliste der mehr und mehr in ihrer Existenz bedrohten Zeitung gestrichen zu werden. Und so schreckt der alte, längst ins Abseits geratene Pariskorrespondent Loyd nicht einmal davor zurück, mit alles andere als gesicherten Geheiminformationen seines angeblich im französischen Außenministerium arbeitenden Sohnes (was natürlich nicht stimmt!) an den Nachrichtenchef des Blattes, Craig Menzies heranzutreten, bloß um sich mal wieder gedruckt zu sehen. Dass es in dieser Episode dann aber für alle Beteiligten anders kommt – und Loyd und sein abtrünniger Sohn über diesen Umweg endlich zueinander finden, ist nur eine der zahlreichen großartigen und höchst überraschenden Pointen in diesem fabelhaften Roman. Einem Buch über Menschen, die zäh um ihr kleines, nur scheinbar zwischen gedruckten Buchstaben liegendes Glück ringen – und die dabei auf Umwegen etwas ereilt, das sie am Ende unversehens klüger macht und zu sich selber bringt: Einsicht und Selbsterkenntnis, so schmerzhaft beide mitunter sein mögen.

Peter Henning

erstellt am 02.11.2010

Tom Rachman
Tom Rachman

Tom Rachman
Die Unperfekten
Roman
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Aus dem Englischen von Pieke Biermann
Deutsche Erstausgabe, Oktober 2010
400 Seiten

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