CD-Kritik

Schwitters' Erbin

Von Thomas Rothschild

Lange vor Rap, Hip Hop und Poetry Slams gab es Kunst aus dem Zwischenbereich zwischen Dichtung und Musik. Als Wegmarke kann die „Ursonate“ von Kurt Schwitters gelten. Sprache wird nicht, wie im Lied, zur Vermittlung von Bedeutung eingesetzt und vertont, sondern sie gibt sich selbst, meist unter Verzicht auf Semantik, als Musik. Dabei nützt sie nicht nur ihre phonetischen Möglichkeiten, die Qualitäten von Vokalen und Konsonanten, sondern imitiert auch musikalische Strukturen wie die Wiederholung, die Variation, die Verarbeitung von Motiven, die Phasenverschiebung. Dazu kommen bei Gabriele Hasler Verfahren der Konkreten Poesie, wie die Permutation, der Sprechkunst, wie das Hauchen, das Flüstern, das Krächzen, und der Technik, wie das Playback oder die Schleife.

Gabriele Hasler, die vom Jazz herkommt, gehört schon seit vielen Jahren zu den Musikerinnen, die in Deutschland auf diesem Gebiet experimentieren. Sie spielt, wie Velimir Chlebnikov, Gerhard Rühm, Ernst Jandl oder Oskar Pastior, dem sie den vielleicht schönsten Titel „cui bono?“ widmet, mit dem Gleichklang deutscher oder fremdsprachiger Wörter und Phrasen. Wo sie Musik im engeren Sinne einsetzt, bedient sie sich minimalistischer Formen wie Eric Satie oder György Kurtág.

Im letzten Stück, „planting my tomatoes“, gibt es eine kurze Passage, die entfernt an den Song „My Favorite Things“ aus „The Sound of Music“ erinnert. Tatsächlich hat das amerikanische Musical Elemente der avantgardistischen Poesie in ein populäres Genre eingemeindet. Im deutschsprachigen Bereich tut man sich damit schwer (Georg Kreisler, unter anderem, hat darüber geklagt). Bei uns haftet dem Sprachspiel, der „transmentalen Dichtung“ etwas Elitäres an. Auch Gabriele Hasler hat wenig Chancen, auf die Hitlisten zu geraten. Eigentlich schade.

Gabriele Hasler: im bauch der vokale. Foolish Music 211 113

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erstellt am 27.8.2013

Gabriele Hasler
im bauch der vokale
Foolish Music 211 113

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