Festspielfassaden, Rechenfehler, billiger Erfolg und die humanisierende Kraft von Musik: In Salzburg bleiben die Widersprüche unversöhnt. Thomas Rothschild lässt sie in seinem 2. Bericht hervortreten.

Salzburger Festspiele

Ob blöd oder nicht, es ist eine Vorschrift

Von den Salzburger Festspielen, Teil 2

Von Thomas Rothschild

Thomas Hampson  © Dario Acosta
© Dario Acosta

Thomas Hampson in der Lobby des Hotels Sacher, umgeben von Japanerinnen, zu denen er sich leutselig herabbeugt und die sich mit dem stattlichen Sänger fotografieren lassen; der Überlebenskampf der hohen Absätze und der bodenlangen Klamotten gegen die Wassermassen beim Gewitter vor den Festspielhäusern; der stadtbekannte nicht mehr ganz junge Mann mit den schrillen Krawatten, der Abend für Abend mit einem handgemalten Schildchen nach Karten sucht, aber nur geschenkte annimmt, der auf wundersame Weise selbst bei ausverkauften Vorstellungen in die Säle dringt und dem die genervten Billetteure als Vergeltung das Fahrrad vierfach an einen Laternenpfahl gekettet haben: das alles gehört zu den Salzburger Festspielen. Jedenfalls auch. Das Klischee von den mit Klunker behangenen Alt- und Neureichen, denen es nur um Selbstfeier und ein kulturelles Alibi vor dem Filetsteak im Goldenen Hirschen geht, trifft zu. Aber es stimmt auch, dass man auf den billigen Plätzen zu Preisen, die unterhalb jenen großstädtischer Konzert- und Opernhäuser liegen, hochkarätige Kunst genießen kann, wie sonst, jedenfalls in dieser Dichte, kaum wo.

Helga Rabl-Stadler, Alexander Pereira © Luigi Caputo
© Luigi Caputo

Intendant Alexan­der Pereira hat wenig Verehrer. Seine Kompetenz als künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele stößt fast nur auf nachsichtige bis erboste Kritik. Die schlimmsten Befürchtungen haben sich erfüllt. Aber immerhin sei er ein begabter Organisator, ein geschickter Geldauftreiber, heißt es aus der kleinen Schar seiner Fürsprecher. Nun erweist sich, dass noch nicht einmal das stimmt. Das einzige, was Pereira wirklich beherrscht, ist die Selbstdarstellung, die Täuschung nach dem Modell der kommerziellen Werbung. Er prahlt mit steigenden Kartenverkäufen und verschweigt, dass die wachsenden Einnahmen mit den ebenfalls wachsenden melagomanischen Ausgaben nicht Schritt halten können. Just seiner Partnerin, der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, blieb es vorbehalten, dieser Tage zu verkünden, dass es bei den Festspielen heuer wahrscheinlich erstmals seit 1999 ein Defizit geben werde, was Pereira seinerseits als „ekelhafte Unkenrufe“ qualifizierte. Was bleibt von der Herrlichkeit des Unkenpartners, wenn nicht einmal die Kasse stimmt? Ob die Mailänder Scala tatsächlich weiß, wen sie sich da eingehandelt hat? Salzburg jedenfalls ist ihn ab 2014 los.

Anpassungen an den Zeitgeschmack

Gerne wüsste man auch, wie man es zu interpretieren hat, wenn die angegebene Gesamtbesucherzahl für 2012 bei einer Platzauslastung von 90% um 20000 höher liegt als die Zahl der „verfügbaren Karten“. Was sind unverfügbare Karten und wer sind die 20000 Besucher (von insgesamt 281000), die in deren Genuss kommen? So viele Kritiker – um den vorhersehbaren Gegenschlag vorwegzunehmen – gibt es nicht einmal in Salzburg. Sollte es sich aber um Freikarten für die Gäste der Sponsoren handeln, nimmt sich deren Großzügigkeit gleich viel spärlicher aus: Die insgesamt 7835000 Euro Sponsorengelder geteilt durch 20000 ergeben rund 390 Euro. Das ist in etwa der Preis einer besseren Opernkarte in Salzburg.

Die Probleme des Intendanten mit dem Rechnen setzen sich im Detail fort. Bei der Aufführung von Benjamin Brittens „War Requiem“ fehlen auf der Bühne Stühle für Chorsängerinnen und im Foyer Programmhefte für die Zuhörer: Es wurden zu wenig gedruckt. Offenbar weiß man nicht, wie viele Plätze der Saal hat.

Es besteht eine doppelte Kluft – zwischen Qualität und öffentlicher Wahrnehmung einerseits und zwischen Kritik und allgemeinem Publikum andererseits. Die internationalen Medien berichten vorwiegend von den Großereignissen der Opern- und Theaterpremieren, selbst wenn diese Mittelmaß nicht überschreiten. Die qualitativ insgesamt weitaus überlegenen Konzerte scheinen ihnen nur ausnahmsweise eine Besprechung wert. Das ist nicht erst seit Pereira so.

Selten aber klaffte das Urteil der professionellen Kritik und des „normalen“ Publikums so weit auseinander wie bei den heurigen Salzburger Festspielen. Am krassesten öffnete sich die Kluft der Bewertungen bei Matthias Hartmanns Inszenierung von Nestroys „Lumpazivagabundus“. Während die Kritik fast einhellig aufjaulte, stieß das Spektakel bei den Zuschauern auf frenetischen Beifall. Es erweist sich: auch das bürgerliche Publikum des Festivals, das wie keines sonst – lobend oder kritisch – der Hochkultur zugerechnet wird, ist inzwischen derart von der Unterhaltungsästhetik des Fernsehens geprägt, dass es goutiert, was dieser am meisten entspricht. Über Anton Bruckner schreibt Christian Wildhagen im Programmheft zu einem der Konzerte der Wiener Philharmoniker: „Werk und Auffassungsgabe der Hörer waren bei ihm fast ein Jahrhundert lang nur selten in Einklang zu bringen – Leidtragende waren die Werke, die immer wieder Verstümmelungen und tiefgreifenden Anpassungen an den Zeitgeschmack unterworfen wurden.“ Das lässt sich wortwörtlich auf einen Großteil der Salzburger Darbietungen übertragen. Und das Beschämende dabei ist, dass sich die Regisseure zu den Wortführern dieser Anpassung an den Zeitgeschmack machen. Der billige Erfolg, der sich in Dezibel des Applauses bemisst, ist für sie mittlerweile die wichtigste Richtschnur. Und sie fahren gut damit. Denn alle Einwände der schreibenden Zunft werden – nicht zuletzt gegenüber den Geldgebern – beiseite gewischt mit dem Hinweis auf eben diese Zustimmung des Publikums. Snobismus und Populismus stellen in Salzburg keinen Widerspruch dar.

Die Smokings und das Makeup häufen sich, aber die Toiletten in den Festspielhäusern haben keine Entlüftung. Wenn die Vornehmheit andere Prioritäten setzte, wären die Salzburger Festspiele um einiges angenehmer. Aber die Situation kann als sinnbildlich gelten. Was zählt, ist die Fassade. Dahinter stinkt es. Das haben die Festspiele mit den Auftritten von Politikern gemeinsam.

»El Sistema«

Wenn die These, dass Musik zur Humanisierung der Welt beitrage, mehr sein soll als eine Floskel in Sonntagsreden von Politikern, die es zulassen, dass Orchester fusioniert, eingespart und vernichtet werden, dann war das Konzert des National Children's Symphony Orchestra of Venezuela das wichtigste und jedenfalls ergreifendste Ereignis der diesjährigen Salzburger Festspiele. Das Orchester ist Teil des groß angelegten Programms „El Sistema“, das seit 38 Jahren insbesondere Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien die Gelegenheit bietet, eine musikalische Ausbildung zu erfahren und so ein Erfolgserlebnis zu gewinnen, das ihnen ansonsten verwehrt bliebe. Die soziale Bedeutung dieses Programms kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das Erstaunliche aber ist, dass die daraus resultierenden Orchester eine künstlerische Perfektion erlangt haben, die keinerlei Mitleidsbonus benötigt, die selbst einen rational denkenden Menschen an Wunder glauben lässt. Und wenn international renommierte Dirigenten wie Zubin Mehta, Claudio Abbado, allen voran Gustavo Dudamel oder jetzt in Salzburg Simon Rattle mit diesen Orchestern arbeiten, dann ist das nicht ein Akt herablassender Mildtätigkeit, sondern eine Kooperation, die strengster Kritik standhält. Selbst wenn dem nicht so wäre, ließe einen das Projekt angesichts seiner Humanität an der alles überragenden Bedeutung künstlerischer Vollkommenheit zweifeln, weil sie neben dem sozialen Gewinn belanglos erscheint. Aber es ist so.

In Salzburg spielte das National Children's Symphony Orchestra of Venezuela lateinamerikanisch inspirierte Kompositionen von George Gershwin und, dirigiert vom 18jährigen Jesús Parra, von Alberto Ginastera sowie Mahlers erste Symphonie. Als Zugaben kamen ein Mambo und – als lateinamerikanische ethnische Musik, wie Sir Simon Rattle schelmisch ankündigte – der „Radetzkymarsch“ hinzu. Die Begeisterung im Saal und auf der Bühne der Felsenreitschule kannte keine Grenzen. Und als sich auch noch die „Professoren“ der musizierenden Kinder verneigten, schlug ihnen so viel Liebe und Jubel entgegen, dass man einmal mehr an ein Wunder zu glauben geneigt war.

Ergänzt wurde die Veranstaltung durch ein weiteres Konzert des White Hands Choir. Auch er ist Teil von „El Sistema“, ein Chor von behinderten Kindern, der vervollständigt wird durch hörbehinderte Kinder, die, anstatt zu singen, mit weiß behandschuhten Händen – daher der Name des Chors – den Gesang gestisch begleiten. Und wiederum – unbändiger Jubel im Publikum, in dem, unverkennbar, auch zahlreiche Lateinamerikaner saßen. So sieht die humanisierende Kraft von Musik aus, wenn sie nicht den Politikern überlassen wird.

Ist es bei den Projekten von „El Sistema“ vor allem das Wissen über die Herkunft der Kinder, denen da eine Chance geboten wurde, die ihnen anderswo und ohne solche Initiativen vorenthalten bleiben, was so sehr berührt, so ist das Streichquartett, diese Erfindung des frühbürgerlichen Zeitalters, an sich ein Sinnbild für gelebte Solidarität, für die Utopie eines Nebeneinander ohne Konkurrenz. Die Ernsthaftigkeit, die Konzentration die man den Spielenden an den Gesichtern ablesen kann, führt erst zum angestrebten Ergebnis, wenn jeder Einzelne auf den Anderen hört, sich dem gemeinsamen Klang unterordnet. Das Hagen Quartett, das aus Salzburg stammt und längst zu den weltbesten Streichquartetten zählt, erfüllt diesen Anspruch in exemplarischer Weise. Jedes Detail, jede dynamische Nuance, jede Tempoveränderung scheint wie aus einem Guss, ohne dass deshalb die einzelnen Stimmen verkleistert würden. In diesem Jahr offerierte das Hagen Quartett einen sechsteiligen Beethoven-Zyklus, den es bereits 2012 mit zwei Konzerten angekündigt hatte, und bewies, wie wenig Aufwand nötig ist, um Menschen glücklich zu machen. Der Applaus im Saal des Mozarteums war gewiss nicht weniger herzlich als bei spektakulären Events drüben in den Festspielhäusern. Auch hier, im Kleinformat, erwies sich die humanisierende Kraft der Musik.

Allüren der Stars gehören ebenso zu Salzburg wie der Snobismus ihrer Bewunderer auf den teuren Plätzen. Was genau dahinter steckt, wenn die Sprecher der Wiener Philharmoniker just zur Festspielzeit verkünden, dass sie sich einen Rückzug aus der Stadt vorstellen könnten, weiß niemand. Pokern sie nur um Gagen und Einfluss? Oder haben sie vielleicht doch erkannt, dass selbst sie ersetzbar sind? Die Zahl der Orchester, die sich durchaus an den Wiener Philharmonikern messen dürfen, ist beträchtlich. Selbst das Gustav Mahler Jugendorchester braucht einen Vergleich mit den alten Herren – und es sind tatsächlich immer noch vorwiegend Herren – nicht zu scheuen. „Exklusiver Partner der Wiener Philharmoniker“, verraten uns die Programmhefte, ist ROLEX. Die Philharmoniker gleichen ihrem Partner für Angeber: eine Rolex ist zwar teurer, aber nicht unbedingt genauer als andere Uhren.

Aber in Salzburg bestätigt sich auch, dass nicht jeder Dirigent alles kann, und dass die aufregendsten Leistungen zustande kommen, wenn der richtige Dirigent, das richtige Orchester und das richtige Werk auf einander treffen. So gehörten zu den Höhepunkten dieser Saison Wagners „Rienzi“ in der konzertanten Interpretation durch das genannte Gustav Mahler Jugendorchester unter Philippe Jordan, ein Konzert mit Kompositionen von Harrison Birtwistle mit dem Klangforum Wien unter der Leitung von Sylvain Cambreling, Bruckners fünfte Symphonie mit den Wiener Philharmonikern unter Christian Thielemann sowie, mit dem selben Orchester, dem unüberbietbaren Solistenquartett Krassimira Stoyanova, Elīna Garanča, Piotr Beczała, Dmitry Belosselskiy (was täten wir ohne Osteuropa), der formidablen, allseitig einsetzbaren Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und Riccardo Muti, der dieses Werk nicht zum ersten Mal in Salzburg dirigierte, Verdis „Requiem“, die Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Antonio Pappano mit dem „War Requiem“, in dem Anna Netrebko ihre eigene Mitwirkung in der konzertanten Aufführung von Verdis „Giovanna d'Arco“ übertraf, was freilich auch zu gepfefferten Eintrittspreisen zu berechtigen schien. Und die Mozart-Matineen mit dem Mozarteumorchester, die seit Jahrzehnten zu Salzburg gehören wie die nach dem Sohn der Stadt benannte originale, echte oder nicht ganz so echte Kugel? Man kann sich natürlich über ihren Konservatismus lustig machen. Sie betreiben Mozart-Pflege wie die Bayreuther Wagner-Pflege. Immerhin beanspruchen hier keine Nachfahren mit der scheinbar größten Selbstverständlichkeit öffentliche Gelder für ein Familienunternehmen, das nach vordemokratischen Prinzipien geleitet wird. Und immerhin sind sich Künstler wie Ádám Fischer, John Eliot Gardiner oder der Chefdirigent Ivor Bolton nicht zu gut, die Matineen zu dirigieren. Wenn Ingo Metzmacher in diese Rolle schlüpft, erweist sich, dass das fleißige Orchester nicht nur Mozart, sondern auch Ives oder Strawinsky makellos zu spielen vermag.

Sven-Eric Bechtolf, Leitung Schauspiel © Luigi Caputo
© Luigi Caputo

Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf hat als Auftakt zu einem neuen Da-Ponte-Zyklus die vierte Salzburger Inszenierung von „Così fan tutte“ innerhalb von dreizehn Jahren persönlich in die Hand genommen. Für den im Streit ausgeschiedenen Dirigenten Franz Welser-Möst ist Christoph Eschenbach eingesprungen. Die von Karl Böhm dirigierten Inszenierungen von Oscar Fritz Schuh und Günther Rennert standen seinerzeit mit wenigen Pausen über 24 Spielzeiten auf dem Salzburger Programm. Am Anfang hat Bechtolfs symmetrische Inszenierung ihren Reiz, aber nach einer Weile lassen die Glätte und die Gleichförmigkeit dieses Kostümtheaters das Interesse erlahmen. Bechtolf, als Regisseur von Marivaux' „Der Streit“ und der anderen zwei Da-Ponte-Opern einschlägig ausgewiesen, hat „Così fan tutte“ bereits 2009 an Alexander Pereiras früherer Wirkungsstätte, dem Opernhaus Zürich, mit Malin Hartelius als Fiordiligi und Martina Janková als Despina inszeniert. Bühnen- und Kostümbildner Rolf und Marianne Glittenberg sowie die Dramaturgin Ronny Dietrich sind ebenfalls in Salzburg die selben wie beim Zürcher Vorlauf. Da war Franz Welser-Möst noch im Team. Im Februar konnte man die Inszenierung noch in Zürich und in Winterthur bewundern, für Februar 2014 ist sie erneut angekündigt. Pereira tönte bei einer Pressekonferenz, mit der Zürcher Inszenierung habe Bechtolf den Untersberg erklommen, mit der Salzburger Reprise wolle er den Großglockner ersteigen. Es wurde dann doch nur die Ramsauer Hochebene. Auf gut Deutsch aber bedeutet Pereiras Vergleich: die Zürcher müssen sich weiterhin mit dem Untersberg begnügen.

Hans Sachs lehrt in den „Meistersingern von Nürnberg“: „All' Dichtkunst und Poeterei/ ist nichts als Wahrtraumdeuterei.“ Und weil das chauvinistische Schlussplädoyer von Hans Sachs für uns Heutige schwer erträglich ist, weil wir wissen, was aus dem Nationalismus, der vor der Gründung des Deutschen Reichs noch einen anderen Stellenwert hatte, in unserem Jahrhundert geworden ist, lässt Regisseur Stefan Herheim vom Ende her die ganzen „Meistersinger von Nürnberg“ als den größenwahnsinnigen Traum eines zum Beckmesser gewandelten Hans Sachs in der Gestalt des Deutschen Michel erscheinen.

Hier bewährt sich das Verfahren, einem dramatischen Text einen Rahmen zu verpassen, den eigentlichen Text als Traum erscheinen zu lassen, als subjektive Ausgeburt aus dem Kopf einer der Figuren, das ansonsten zurzeit inflationär eingesetzt wird – in Salzburg eben erst auch in „Falstaff“. Das aber heißt doppelt gemoppelt. Denn Literatur ist bereits Fiktion, Erfindung. Sie bedarf keines Rahmens, der ihre Widersprüche, ihren Mangel an Logik scheinbar rational erklärt, indem er sie als Traum deklariert. Genau betrachtet beweist die Einbettung in einen Traum, wo der nicht von vornherein vom Autor vorgesehen war, nur das mangelnde Vertrauen in die Eigenart von Dichtung. Indem man sie als Traum präsentiert, unterstellt man, dass sie, gäbe es da nicht ein träumendes Subjekt, den Gesetzen der Alltagswirklichkeit, der kausalen und temporalen Logik zu folgen hätte.

Dem „Jedermann“ auf dem Domplatz war in den vergangenen Jahren der Glaube abhanden gekommen, jedenfalls als allegorische Figur. In der neuen Inszenierung ist er nun wieder aufgetaucht, allerdings von einer Frau zu einem Mann gewandelt. Jenseits des stets ausverkauften Spektakels hat sich der Glaube ebenfalls breit gemacht. Schon 2012 hat der Kurzzeitintendant Alexander Pereira eine einwöchige „Ouverture spirituelle“ eingeführt. Jetzt begegnen wir der religiösen Thematik quer durchs Programm. Aber auch ihre Institution, die Kirche, scheint allgegenwärtig, kommt jedoch nicht immer so gut weg wie der Glaube. In „Rienzi“ sorgt sie für Ordnung, wie sie sie versteht, und das wankelmütige Volk „ehrt der Kirche Hochgebot“. Beim in Salzburg mehrfach variierten Jeanne d'Arc-Stoff aber, in der konzertanten Aufführung der vergessenen Oper von Walter Braunfels, sowie in Verdis „Don Carlo“ gegenüber den Häretikern macht sie sich durch Scheiterhaufen bemerkbar. Anderen Organisationen hat man eine derart verbrecherische Vergangenheit nicht verziehen. Der katholischen Kirche scheint sie nicht nachhaltig geschadet zu haben. „Wir haben eine Heilige verbrannt!“, heißt es am Ende der „Jeanne d'Arc“ von Braunfels. Die Untat bleibt ungesühnt. Der Glaube bleibt unbeschädigt. Eine Heilige muss das Bauernmädchen, das die Kirche verbrannt hat, immerhin sein. Menschenmord allein reicht nicht aus.

Am 25. September soll die Entscheidung über Pereiras Nachfolgerin oder Nachfolger fallen. Bis dahin darf noch fleißig intrigiert werden. Als Vorgeschmack zum Demokratieverständnis österreichischer Politiker – hier ein Auszug aus einem Gespräch der „Salzburger Nachrichten“ mit dem Landeshauptmann von der ÖVP, deren langjähriges Mitglied in Spitzenpositionen Helga Rabl-Stadler war:

SN: Auch der Präsidentenposten ist ausgeschrieben. Wird es auch dafür ein Hearing geben?

Haslauer: Die Ausschreibung ist gesetzlich vorgeschrieben. Aber Helga Rabl-Stadler muss sich keinem Hearing stellen, denn wir im Kuratorium kennen sie. Und ich mache auch kein Geheimnis daraus: Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir sie als Präsidentin wieder bestellen.

SN: Also erfolgt diese Ausschreibung nur pro forma.

Haslauer: Wir im Kuratorium sind der Meinung, dass wir den Vertrag der Präsidentin verlängern wollen. Und wir schreiben aus, weil es im Gesetz steht.

SN: Es ist also ein blödes Gesetz?

Haslauer: Ob blöd oder nicht, es ist eine Vorschrift. Und wir wollen eine gewisse Kontinuität sichern, wir wollen nicht beide Positionen im Direktorium gleichzeitig neu besetzen. Das wäre fatal.

Im Klartext: Gesetze sind Vorschriften, an die man sich halten, deren Sinn man aber nicht erfüllen muss. Die Ausschreibung hat nur eine einzige Funktion: öffentliche Gelder und Arbeitszeit zu verschleudern und mögliche Bewerber hinters Licht zu führen. Wie sehr kann sich eine Präsidentin freuen, die unter solchen Umständen „gewählt“ wird? Und wie mag sich ein künftiger Intendant fühlen, der mit einer auf solche Weise bestellten Präsidentin zusammenarbeiten muss?

26.8.2013

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erstellt am 25.8.2013

Salzburger Festspiele

19. Juli – 1. Sept. 2013

»Es besteht eine doppelte Kluft – zwischen Qualität und öffentlicher Wahrnehmung einerseits und zwischen Kritik und allgemeinem Publikum andererseits.«

Thomas Rothschild

Nestroys Lumpazivagabundus: Ensemblemitglieder Junge Burg, Michael Maertens (Zwirn) © Reinhard Werner

»Wenn die These, dass Musik zur Humanisierung der Welt beitrage, mehr sein soll als eine Floskel in Sonntagsreden von Politikern, dann war das Konzert des National Children's Symphony Orchestra of Venezuela das wichtigste und jedenfalls ergreifendste Ereignis der diesjährigen Salzburger Festspiele.«

Das National Children's Symphony Orchestra of Venezuela dirigiert vom 18jährigen Jesús Parra © Nohely Oliveros

»Das Orchester ist Teil des groß angelegten Programms „El Sistema“, das seit 38 Jahren insbesondere Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien die Gelegenheit bietet, eine musikalische Ausbildung zu erfahren und so ein Erfolgserlebnis zu gewinnen, das ihnen ansonsten verwehrt bliebe.«

Das National Children's Symphony Orchestra of Venezuela, hier dirigiert von Sir Simon Rattle

Chormitgliedern von Superar © Katharina Schiffl

Richard Wagners „Rienzi“ in der konzertanten Interpretation durch das genannte Gustav Mahler Jugendorchester unter Philippe Jordan © Silvia Lelli

Così fan tutte 2013: Ensemble © Michael Pöhn

Die Meistersinger von Nürnberg 2013: Michael Volle (Hans Sachs)
© Salzburger Festspiele / Forster

Falstaff 2013: Ambrogio Maestri (Sir John Falstaff), Ensemble
© Silvia Lelli

Jedermann 2013: Brigitte Hobmeier (Buhlschaft)
© Salzburger Festspiele / Forster