Der Philosoph, Ökonom, Gesellschaftstheoretiker, politische Journalist und Protagonist der Arbeiterbewegung, der behauptete, kein Marxist zu sein, hieß Karl Marx und starb vor 130 Jahren. Die letzten Jahrzehnte wurde er als »toter Hund« betrachtet, nun aber besinnt man sich auf seine Qualitäten. Hans-Martin Lohmann erinnert an den wortgewaltigen Schriftsteller und brillanten Theoretiker.

kapitalismuskritik

Ein Philosoph der handfesten Dinge

Warum es sich wieder lohnt, Marx zu lesen

Von Hans-Martin Lohmann

Karl Marx jedenfalls, so viel ist sicher, wäre von der weltweiten Krise des Kapitalismus, die heute ganze Länder und Volkswirtschaften in den Staatsbankrott und in den Ruin treibt, nicht überrascht worden. Lange bevor das Wort überhaupt auftauchte (in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts), wusste er, was Globalisierung der Sache nach ist und wie sie funktioniert. Und für die staatliche Abwrackprämie, mit deren Hilfe Werte vernichtet werden, um einer an permanenter Überproduktion leidenden Industriebranche aus der Patsche zu helfen, hätte er nur Hohn und Spott übrig gehabt. Es gibt heute viele gute Gründe, Marx nicht als „toten Hund“ zu behandeln, sondern als einen großen Autor deutscher Zunge, dessen vor allem ökonomiekritische Schriften von erstaunlicher Modernität sind. Dass Marx sich in manchem geirrt hat und dass er mit einer Reihe seiner Prognosen falsch lag – geschenkt. Viel mehr fällt ins Gewicht, dass er eine Hermeneutik des Kapitalismus entworfen hat, deren Stringenz und Tiefe bis heute unübertroffen sind und die ein intellektuelles Niveau etabliert hat, das keinen Vergleich mit den Werken der bedeutendsten Ökonomen des 19. und 20. Jahrhunderts zu scheuen braucht. Egal, ob man Marx an Smith, Malthus, Ricardo, Mill, Max Weber, Keynes oder Galbraith misst – in der Reihe der Großen behauptet er einen hervorragenden Platz. Zugleich gilt, dass kaum jemand mehr als Marx das Objekt grotesker Missverständnisse und furchtbarer Fehlinterpretationen geworden ist, wie sein britischer Biograph Francis Wheen mit Recht anmerkt.
Karl Heinrich Marx, geboren am 5. Mai 1818 in Trier, war es nicht in die Wiege gelegt, zum polizeilich gesuchten Revolutionär und zum einflussreichsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts zu werden. Vielmehr hätte es dem Sohn einer gutbürgerlichen und wohlhabenden jüdischen Familie, unter deren Vorfahren es eine Reihe von Rabbinern gab, durchaus passieren können, ebenfalls vom Rabbinerschicksal ereilt zu werden, wären die Verhältnisse so geblieben, wie sie waren. Sie taten es nicht. Marxens Vater, der Anwalt Hirschel Marx, konvertierte nämlich zum Protestantismus und gelangte so in den Genuss all jener staatsbürgerlichen Rechte, die ihm als Jude und damit als Bürger zweiter Klasse bislang verwehrt waren. Es war zugleich ein politisch kluger Schritt: Die alte Bischofsstadt Trier war zwar von ihrer Bevölkerungsstruktur her konfessionell überwältigend katholisch, aber die Staatsmacht war im Rheinland seit 1815 preußisch-protestantisch.

Marx, preußischer Staatsbürger und protestantisch getaufter Jude, starb als Atheist und Staatenloser. Im Laufe seines Lebens befreite er sich äußerlich von allen Bindungen, die mit Religion, sozialer Klasse und Staatsbürgerschaft zu tun haben. In einer seiner berühmtesten Schriften, in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852), schrieb er freilich: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“ Das war zwar ganz allgemein auf die Gesellschaft gemünzt, könnte aber auch als verdeckte Selbstaussage gelesen werden. Wie viel er selber von der Last der väterlich-jüdischen Tradition mit sich schleppte, ist schwer zu sagen. Aber es gibt doch zu denken, dass Marx, obwohl kein Antisemit (wie sein Aufsatz Zur Judenfrage zeigt, in dem er sich vorbehaltlos zur Emanzipation der Juden bekannte) mit einer gewissen Gehässigkeit mehr als einmal die Besonderheit des Judentums – dessen angeblich ausgeprägten Sinn für „Eigennutz“ „Schacher“ und „Geld“ – im Rahmen der von ihm kritisierten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft thematisierte. Ganz zu schweigen von seinen späteren Ausfällen gegen seinen Konkurrenten Ferdinand Lassalle, den er abwechselnd als „Jude“, „Itzig“ und „jüdischen Nigger“ titulierte. Auch sein Verhältnis zur Religion blieb von Ambivalenzen geprägt. Über seiner berühmten Formulierung von der Religion als „Opium des Volks“ (eine Lieblingsphrase aller Atheisten) vergisst man leicht, dass er auch schrieb, das religiöse Elend sei der Ausdruck des wirklichen Elends und zugleich „die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“ So etwas kann nur einer sagen, der in der Religion mehr sieht als lediglich eine Droge oder einen schäbigen Betrug. Ähnlich wie Marx erkannte hundert Jahre später auch der Philosoph Ernst Bloch in seinem Buch Atheismus im Christentum (1968) einen gleichsam revolutionären Überschuss von Religion. Marx’ Einlassungen zu diesem Thema erinnern in ihrer intellektuell widersprüchlichen Konsequenz ein bisschen an jenen geistreichen Witzbold, der an der Wand das Graffito „Gott ist tot. Nietzsche“ las und darunter sprühte „Nietzsche ist tot. Gott“. Und seine zahlreichen Biographen bestätigen mehr oder weniger übereinstimmend, dass Marx, allem Bohemienhaften seines Lebensstils zum Trotz, „tief im Innern“ ein bürgerlicher Patriarch war. Dem Bann seiner jüdisch-bürgerlichen Herkunft vermochte auch ein Marx sich nicht völlig zu entziehen.

Über Marxens Kindheit und Jugend ist relativ wenig bekannt. Offenbar stand es um seine allgemeine gesundheitliche Verfassung nicht zum Besten, wie aus brieflichen Ermahnungen des Vaters an den angehenden Studenten hervorgeht. Aus diesem Grund wurde er auch vom Militärdienst freigestellt, wobei nicht ganz klar ist, wieviel Drückebergerei dabei im Spiel war. Jedenfalls blieb Marx’ Gesundheit Zeit seines Lebens labil. Verstärkt wurde diese Anfälligkeit durch die große Armut, die fast sein gesamtes späteres Leben im Exil bestimmte, und durch den Raubbau, den er an sich betrieb: durch langes nächtliches Arbeiten, durch schlechte Ernährung, ausschweifendes Trinken und ständiges Rauchen. Klagen wie diese sind in Marx’ Korrespondenz Legion: „Seit about 12 Tagen leide ich fürchterlich an meinen alten Leberbeschwerden. Ich saufe die alte Medizin von Gumpert, aber bis jetzt ohne Erfolg.“ „Ich bin nun seit der vierten Nacht total schlaflos infolge des Rheuma.“ „Nach meiner Rückkehr von Harrogate hatte ich d’abord einen Karbunkelanfall, dann kehrten meine Kopfleiden wieder, Schlaflosigkeit etc.“ Neben der ständigen Sorge um Geld, für dessen Beischaffung in erster Linie der Freund Friedrich Engels zuständig war, ist sein miserables gesundheitliches Befinden ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Marxens Lebensgeschichte zieht.


Schon während seines Jura- und Philosophiestudiums in Bonn und Berlin – 1841 wurde er mit einer Arbeit über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie promoviert – entwickelte sich Marx zu einem polyglotten Vielleser, der alles aufsog, was an zeitgenössischen Gedanken und Ideen in der Luft lag. Der Mann war nach dem Urteil aller, die ihn kannten, in einem Maße hochgebildet, das alle heutige Bildungspropaganda als lächerlich entlarvt. Natürlich studierte er auch die Schriften des berühmten preußischen Staatsphilosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, die in den dreißiger und frühen vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts in deutschen Intellektuellenkreisen regelrecht Mode waren. Sich an der Hegelschen Dialektik schulend, die sein späteres ökonomiekritisches Werk (besonders die postum publizierten Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie) in methodischer Hinsicht stark prägte, machte sich Marx, inspiriert durch den anthropologischen Materialismus und die Religionskritik Ludwig Feuerbachs zugleich daran, die Hegelsche Philosophie inhaltlich „vom Kopf auf die Füße“ zu stellen. Denn unter dem Eindruck wachsender sozialer und politischer Spannungen im vormärzlichen Deutschland glaubte er erkannt zu haben, dass es nicht der metaphysische Gang einer sich selbst vollendenden Vernunft oder Idee ist, welcher den Gang der Weltgeschichte bestimmt, vielmehr der höchst säkulare Gang gesellschaftlicher Kämpfe und Konflikte – an die Stelle des Hegelschen Idealismus tritt jetzt die Betrachtungsweise des historischen Materialismus. In den Blick geraten handfeste Dinge wie Geld, Kapital, Konkurrenz, Privateigentum, Arbeit, Ausbeutung und Klassenkampf. Während der Barmer Fabrikantensohn Friedrich Engels in seinen Briefen aus dem Wuppertal über die desolate Situation der Industriearbeiter und die pietistische Frömmelei der Reichen berichtet und Die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt, entwirft Marx in seinen Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, bekannter unter dem Titel Pariser Manuskripte, die Umrisse einer radikalen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, in deren Zentrum der Begriff der „Entfremdung“ steht. Als entfremdet wird jene gesellschaftliche Daseinsform charakterisiert, in welcher der Wert der „Sachenwelt“ im Maße zunimmt, wie der Wert der „Menschenwelt“ abnimmt und in welchem das Produkt der Arbeit dem Produzenten als „fremdes Wesen“ gegenübertritt, schließlich, in welcher der Produzent selber zur käuflichen Ware wird. Wer sich auch nur eine gewisse Sensibilität bewahrt hat, wird feststellen müssen, dass Marxens Diagnose frühkapitalistischer Zustände im Kern auch auf die heutigen Verhältnisse zutrifft. Hundert Jahre nach Marx registrierte der Sozialphilosoph Günther Anders angesichts der Herrschaft der Dingwelt über das Lebendige Die Antiquiertheit des Menschen (1956), und in seiner soeben (2009) neu aufgelegten Kritik der Warenästhetik aus dem Jahr 1971 konstatiert Wolfgang Fritz Haug die finale Kolonisierung des Bewusstseins durch die Allgegenwart der Markenwerbung. Wenn ein Unternehmen sein Produkt zum Soundtrack der Internationale mit der Oktoberrevolution und dem Slogan „Manager-Komfort zum Klassenkampf-Preis“ bewirbt, vollendet sich, was Marx 1844 Entfremdung genannt hat. 


Es ist fraglich, ob Marx je für eine akademische Karriere getaugt hätte. Vielmehr erwies er sich rasch als begabter Journalist und Schriftsteller – seine Sporen verdiente er sich bei der liberalen Rheinischen Zeitung in Köln –, der, mit Geist, Witz und einer gehörigen Fähigkeit zur Polemik ausgestattet, gegen die beengenden und reaktionären Verhältnisse des preußischen Obrigkeitsstaates publizistisch zu Felde zog. Als die preußische Zensur mit Verboten gegen die liberale Presse vorging, wich Marx nach Paris aus, um von dort aus seinen Kampf für Pressefreiheit, aber auch zunehmend für die Sache des Proletariats zu führen, dessen verzweifelte Lage der Hungeraufstand der schlesischen Weber soeben aller Welt vor Augen geführt hatte. Dort lernte er nicht nur den Emigranten Heinrich Heine kennen, den er trotz politischer Meinungsverschiedenheiten als Dichter zutiefst verehrte, sondern auch Friedrich Engels, der mehr als vierzig Jahre später schrieb: „Als ich Marx im Sommer 1844 in Paris besuchte, stellte sich unsere vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen Gebieten heraus, und von da an datiert unsre gemeinsame Arbeit.“ Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass die loyale Kameradschaft, die Engels mit Marx verband, eine wichtige Voraussetzung dafür war, dass der Namensgeber des Marxismus seiner Neigung zu gründlichen theoretischen, ökonomischen und historischen Studien nur deshalb so exzessiv frönen konnte, weil Engels im Notfall für Marx und seine Familie materiell stets in die Bresche sprang – in einer Uneigennützigkeit, die manchmal bis an die Grenze zur Selbstverleugnung ging. „Ohne Dich“, konzedierte Marx im Mai 1867, „hätte ich das Werk (gemeint ist Das Kapital) nie zu Ende bringen können, und ich versichre Dir, es hat immer wie ein Alp auf dem Gewissen gelastet, daß Du Deine famose Kraft hauptsächlich meinetwenig kommerziell vergeuden und verrosten ließest und, into the bargain noch alle meine petites misères mitdurchleben mußtest.“ 


Die Jahre in Paris waren der Beginn von Marxens lebenslangem Emigrantendasein, das ihn, nach einer Zwischenstation in Brüssel, für die längste Zeit nach England verschlug, dem politisch fortschrittlichsten und ökonomisch entwickeltsten Land im damaligen Europa. Das England der industriellen Revolution bildete den anschaulichen Hintergrund für Marx’ Beobachtung, dass die Epoche der Herrschaft des feudalen Grundeigentums abgelaufen war und jetzt eine junge soziale Klasse sich anschickte, das künftige Schicksal der Gesellschaft zu bestimmen – die Klasse der geldbesitzenden Bourgeoisie. Niemand erkannte schärfer als Marx, dass mit dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft, vom Feudalismus zum Kapitalismus ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen wurde und dass es sich hier um die erste globale Revolution handelte, die keine natürlichen, geographischen und sozialen Schranken mehr kennt. Bemerkenswert ist, mit welchem Enthusiasmus Marx und Engels das revolutionäre Bürgertum und das von ihr durchgesetzte Kapitalverhältnis als Durchbruch zu einer neuen Epoche feiern: „Die Bourgeoisie wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung’. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt…Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“


Es gibt wohl bis heute keinen Text, der die Durchdringung und Kolonisierung der Welt durch das ökonomische Regime des modernen Kapitalismus klarer und wortmächtiger erfasst hätte als das Manifest der Kommunistischen Partei aus dem Jahre 1848. Mit geradezu prophetischer Gabe und grandioser Präzision analysieren die Autoren einen Prozess, der erst 150 Jahre später seine eigentliche Erfüllung gefunden zu haben scheint. Was heute Globalisierung genannt wird und uns als relativ neues ‚postmodernes’ Phänomen vorkommt, haben Marx und Engels bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts, d.h. im Frühstadium der kapitalistischen Industrialisierung, als Tatsache („Weltmarkt“) erkannt – eine enorme intellektuelle Leistung. Das Kommunistische Manifest ist ein Dokument, das so gut wie alle zentralen Entwicklungen und Begleiterscheinungen des Kapitalismus in den Blick nimmt. Es prognostiziert und beschreibt den allgemeinen Zug vom „Idiotismus des Landlebens“ zur Verstädterung, das Aufkommen der Frauenarbeit, die permanente Krisenanfälligkeit des Systems („Epidemie der Überproduktion“) und die Herstellung neuer Bedürfnisse, „welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen“. Es schildert das schwindelerregende Tempo des Wandels, dem die modernen Gesellschaften unterworfen sind, und den Furor der Vernichtung, der alle traditionellen Gewerbe und Industrien erfasst. Und als hätten sie die weltumspannenden Möglichkeiten des Internets vorhergesehen, beschreiben Marx und Engels „die unendlich erleichterten Kommunikationen“, die auch den letzten Winkel der Erde und „die barbarischsten Nationen“ an die kapitalistische Zivilisation anschließen. Nicht zuletzt diagnostizieren sie die politischen Konsequenzen einer vollständig globalisierten Ökonomie: den unvermeidlichen Machtverlust der nationalen Regierungen und die Verwandlung der modernen Staatsgewalt in einen „Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“, die heute von den multinationalen Unternehmen repräsentiert wird. Nichts illustriert den letzteren Sachverhalt besser als die gegenwärtige Krise, in der die nationalen Regierungen mehr oder minder hilflos dem machtvollen Diktat globaler ökonomischer Prozesse ausgeliefert sind. 


Wer schon immer der Meinung war, dass mit der Marxschen Theorie kein Staat zu machen sei, kann sich durch das Kommunistische Manifest ebenfalls bestätigt fühlen. Vor allem hinsichtlich ihrer Klassenanalyse haben sich seine Autoren als fehlbar erwiesen. Ihre zentrale Annahme lautet nämlich, dass mit der Entfaltung des Kapitalismus der Umfang der industriellen Lohnarbeit und die Masse des Proletariats so weit wachsen würden, dass sich am Ende nur noch „zwei große feindliche Lager“ als antagonistische Klassen gegenüberstehen. Tatsächlich ist in den letzten hundert Jahren, zumindest in den hochentwickelten Industrieländern, durch die enorme Entwicklung der Produktivkräfte, die das Aussterben ganzer Branchen zur Folge hatte, der Bedarf an industrieller Arbeit dramatisch zurückgegangen, was zur Konsequenz hat, dass auch die klassische Industriearbeiterschaft entsprechend zusammengeschmolzen ist. Stattdessen hat sich eine amorphe, soziologisch schwer fassbare Mittelschicht herausgebildet, die das alte Industrieproletariat quantitativ längst dominiert. Vor allem aber hat die weitgehende Deindustrialisierung in den Zonen des Hochkapitalismus – das beste Beispiel ist Großbritannien – dafür gesorgt, dass eine neue Unterschicht entstanden ist, für die es überhaupt keine Verwendung mehr gibt: Millionen von Menschen, die gemäß kapitalistischer Verwertungslogik schlicht überflüssig sind. Diese neue Form der Verelendung entspringt nicht der Verallgemeinerung der Lohnarbeit, bei der das Proletariat nichts als seine Ketten zu verlieren hat, wie es am Schluss des Kommunistischen Manifests heißt, sondern deren Verknappung. Das Problem, das Marx und Engels beschäftigte und zu ihrem flammenden Appell an die Arbeiterklasse inspirierte („Proletarier aller Länder, vereinigt euch“), hat sich radikal verschoben: Heute ist es nicht mehr die kapitalistische Ausbeutung, unter der die Menschen ächzen, vielmehr deren Abwesenheit. Wer bei Opel, VW oder Daimler beschäftigt ist, darf sich glücklich schätzen, ausgebeutet zu werden. 


Schließlich hat sich erwiesen, dass die von Marx und Engels vorhergesagte sozialistische Revolution, die, wie es im Kapital heißt, „mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses“ eintreten werde, gerade nicht in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern stattgefunden hat, sondern an deren Peripherie. Nicht England, die „Werkstatt der Welt“, nicht Frankreich, Deutschland oder die aufstrebende Industriemacht USA entwickelten sich zum Ausgangspunkt und Zentrum revolutionärer Umwälzungen. Vielmehr ereigneten sich alle sogenannten sozialistischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts in jenen Weltgegenden, die vom Kapitalismus weitgehend unberührt geblieben waren. Die russische Revolution von 1917 war im Wesentlichen eine Bauernrevolution, das Gleiche gilt für China, Vietnam und Kuba – von einer „Diktatur des Proletariats“, wie die bekannte Formel lautet, kann keine Rede sein. In allen diesen Fällen handelt es sich vielmehr um nachholende Industrialisierungsprozesse, die durch die sie begleitende marxistische Rhetorik freilich eine besondere Dynamik erhielten. Wo der Sozialismus in kapitalistisch entwickelten Ländern Fuß fasste, wie in der Tschechoslowakei 1948, wurde er auf sowjetischen Bajonetten importiert.


Trotz seiner Schwächen und Fehleinschätzungen bleibt das Kommunistische Manifest ein großer Wurf, der auch heute noch den Leser fasziniert – es ist, so Marx’ erster Biograph Franz Mehring, „lehrreich noch in seinen Irrtümern“. Seine unbestreitbare Stärke liegt in der Analyse der sozialen und ökonomischen Verhältnisse, nicht in den Lösungen („Revolution“), die es vorschlägt. Kein Geringerer als Hans Magnus Enzensberger schrieb vor ein paar Jahren in einem Beitrag für die Los Angeles Times: „Zum Schaden der Neuen und der Alten Linken haben sich die Marxisten immer von der affirmativen, utopischen Seite des Werks ihrer Gründerväter hypnotisieren lassen – mit katastrophalen Folgen, wie man inzwischen weiß. Ich war immer der Ansicht, die Stärke des Marxismus liege in seiner rücksichtslosen Negativität, in seiner radikalen Kritik am Bestehenden und mir scheint, in dieser Beziehung ist er nach wie vor ein unentbehrliches Werkzeug.“ Und der amerikanische Philosoph Richard Rorty bemerkte zum 150. Geburtstag des Manifests: „Die Unterscheidung zwischen Bourgeoisie und Proletariat mag heute so veraltet sein wie die zwischen Heiden und Christen, aber wenn man für ‚Bourgeoisie’ den Ausdruck ‚die reichsten 20 Prozent’ und für ‚Proletariat’ den Ausdruck ‚die übrigen 80 Prozent’ einsetzt, klingen die meisten Sätze des Manifests immer noch wahr.“


Seit den fünfziger Jahren, als freiberuflicher Schriftsteller in London lebend, beschäftigte sich Marx fast ausschließlich mit Fragen der Politischen Ökonomie, die ihn seit der Lektüre von David Ricardos Principles of Political Economy and Taxation (1817/21) nicht mehr losließen. Wie sehr Marx Ricardo schätzte, zeigt sich darin, dass er bereits 1847 in einer fulminanten Polemik gegen Pierre Proudhon (in der Schrift Das Elend der Philosophie) gegen dessen „utopischen“ Sozialismus zu Felde zog und sich kompromisslos auf die Seite des nüchternen Realismus ricardianischer Prägung schlug. Zwischen 1850 und 1867, dem Erscheinungsjahr des ersten Bandes des Kapitals, verfasste Marx eine riesige Masse an politökonomischen Texten, die in erster Linie seiner Selbstverständigung dienten und zur Veröffentlichung weder vorgesehen noch geeignet waren. Aus dem Konvolut von den mehrere tausend Seiten umfassenden Exzerpten, Entwürfen und Rohtexten, die er in jahrzehntelanger Arbeit produzierte, gelangten zu Marx’ Lebzeiten überhaupt nur zwei Stücke zur Publikationsreife: 1859 die schmale Schrift Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Erstes Heft und eben der erste Band des Kapitals (die Bände 2 und 3, von Engels kompiliert und herausgegeben, erschienen 1885 und 1894). Insgesamt blieb sein ökonomisches Werk ein gigantischer Torso, dessen Einzelteile man inzwischen fast vollständig in der Marx/Engels Gesamtausgabe (MEGA) besichtigen kann.


Das Kapital, in wie unvollendeter Gestalt auch immer, gilt mit Fug und Recht als das Meisterstück von Marx. Einerseits. Andererseits eilt ihm der Ruf der völligen Unlesbarkeit voraus. Den Inhalt dieses gewaltigen und schwierigen Werkes kann man weder referieren noch auf ein paar griffige Thesen bringen. Wie das Kommunistische Manifest ist auch Das Kapital ein Text, der seine Kraft letztlich aus seiner brutalen Negativität bezieht. Im Grunde geht es Marx – neben der Bestimmung der Herkunft und der Größe des Mehrwerts und der damit zusammenhängenden Ausbeutung der Lohnarbeit im kapitalistischen Produktionsprozess – um die Darstellung einer im Wortsinne verkehrten Welt. Wenn er in den ersten Kapiteln des Kapitals über das Wesen von Ware und Geld spricht, bedient Marx sich einer metaphernreichen, enigmatischen Sprache – „Fetischcharakter“, „Transsubstantiation“, „metaphysische Spitzfindigkeit“, „theologische Mucken“, „sinnlich übersinnliches Ding“ –, die auf ein gleichsam religiöses Geheimnis im Kapitalismus hinzuweisen scheint. Tatsächlich will Marx auf diesem Wege zeigen, dass die Form kapitalistischen Wirtschaftens ein kollektives Bewusstsein erzeugt, das den Individuen ihr eigenes Handeln als ehernen ‚Sachzwang’ zurückspiegelt – als sei es ein fremder Gott, der den Gang der Dinge regelt: „Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.“ Laut Marx besteht die Verkehrtheit des kapitalistischen Universums darin, dass es das Lebendige – den Menschen und seinen gesellschaftlichen Verkehr – versachlicht und damit mortifiziert, während es die Sachen – Ware, Geld, Kapital – verlebendigt und ihnen damit eine autonome, gewissermaßen göttliche Existenz zuschreibt. Eine solche Welt aber, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf gestellt sind, ist buchstäblich verrückt. Es ist mehr als nur ein geistreicher Einfall, wenn Marxens Biograph Francis Wheen schreibt, dass die Absurditäten, die sich im Kapital finden und auf die sich die Kritiker von Marx immer wieder gestürzt haben, in Wahrheit den Wahnsinn des Gegenstands reflektieren, nicht den des Autors. Um diesem Wahnsinn beizukommen, bedurfte es einer Darstellungsweise, die zuweilen die Grenze zur Satire streift, und wirklich ist der amerikanische Literaturkritiker Edmund Wilson der Ansicht, im Kapital zeige sich, dass Marx wahrscheinlich der größte Ironiker seit Jonathan Swift gewesen sei. 


Es gehört zu den großen historischen Missverständnissen des 20. Jahrhunderts, dass die kommunistischen Avantgarden und ihre Führer – von Lenin und Stalin bis Mao und Fidel Castro –, als sie sich anschickten, rückständige Agrargesellschaften in moderne Industriegesellschaften zu verwandeln, sich dabei allesamt auf Marx berufen haben. Was sich im 20. Jahrhundert unter dem Namen des Marxismus als Staatsdoktrin und politische Heilslehre etabliert hat, war nichts als eine Form von „intellektueller Markenpiraterie“ (Rolf Peter Sieferle) und hat mit Marx und seinem Werk allenfalls am Rande zu tun, so dass im Nachhinein der von Engels überlieferte selbstironische Ausspruch von Marx, er sei kein Marxist („Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste“), sehr klug und weitsichtig anmutet. Marx war, um das ein für allemal festzuhalten, kein Theoretiker des Antiimperialismus, vielmehr sah er im Kolonialismus der fortschrittlichsten Industrienationen eher eine progressive zivilisatorische Tendenz. Ebensowenig hat er eine positive Theorie des Sozialismus entwickelt – die „Konstruktion der Zukunft“ sei „nicht unsere Sache“. Ganz zu schweigen davon, dass man mit Marx kaum eine Form des Protoökologismus verbinden kann – die Grenzen des (kapitalistischen) Wachstums und Naturfaktoren sind bei ihm entkoppelt. Aber mit und seit Marx haben wir gelernt, wie ‚das System’ funktioniert, welcher internen Logik es gehorcht und welche gesellschaftlichen Unkosten es verursacht. Wenn der Kapitalismus eine Religion ist, wie Walter Benjamin einmal bemerkt hat, dann ist Marx, neben Emile Durkheim und Max Weber, der den Kapitalismus aus dem Geist der protestantischen Werkethik ableitete, der vielleicht bedeutendste moderne Religionssoziologe. 


Aber Marx, das sollte nicht unterschlagen werden, war nicht nur ein brillanter Theoretiker und Schriftsteller, sondern auch ein energischer Politiker. Seit den vierziger Jahren bis zu seinem Tod 1883 betätigte er sich als rastloser Agitator und Organisator der jungen sozialistischen Bewegung. Dabei ging es nicht selten um Führungsansprüche und darum, unliebsame Konkurrenten – etwa Ferdinand Lassalle, den Kopf des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, und den russischen Anarchisten Michail Bakunin – auszustechen, wobei das Alphatier Marx, wie man heute sagen würde, in seinen Mitteln alles andere als zimperlich war. In seinen Briefen entpuppt er sich nicht selten als ziemlich autoritäre und despotische Figur, die vor keiner verbalen Denunziation
 zurückschreckt. Dennoch gewann er im Londoner Exil aufgrund seiner überragenden intellektuellen Fähigkeiten und seiner unangefochtenen Stellung als bedeutendster Theoretiker der 1864 gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation im Laufe der Zeit eine Art inoffzielles Führungsmandat, was gegen Ende seines Lebens dazu führte, dass Sozialisten aus aller Herren Länder seinen Rat einholten. Zu den prägenden und traumatisierenden politischen Ereignissen der Zeit zählen die kurzen Wochen der Pariser Commune von 1871, deren Schicksal und Zukunft Marx in seiner flammenden Schrift Der Bürgerkrieg in Frankreich für die Nachwelt festgehalten hat: „Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.“


„Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ An Marx scheiden sich die Geister bis heute. Vor allem in Deutschland hat der Gang der Geschichte im 20. Jahrhundert – Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Kalter Krieg – dazu geführt, dass Marx zum großen Polarisierer wurde, dem ebenso viel Verehrung wie Hass und Ablehnung entgegenschlugen. Heute aber wäre es allmählich an der Zeit, ein etwas entspannteres Verhältnis zu jenem Mann zu finden, der nach dem Urteil Eric Voegelins neben Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Max Weber zu den größten Denkern in der Epoche des europäischen Bürgertums gehört.

Literaturhinweise

Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik, Frankfurt a.M. 2009

Hans-Martin Lohmann: Marxismus, Frankfurt a.M./New York 2001


Rolf Peter Sieferle: Karl Marx zur Einführung, Hamburg 2007


Francis Wheen: Karl Marx, München 2001

Mit freundlicher Genehmigung © Hans-Martin Lohmann

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erstellt am 21.8.2013

Karl Marx, 1861
Karl Marx, 1861

»Es gibt heute viele gute Gründe, Marx nicht als „toten Hund“ zu behandeln, sondern als einen großen Autor deutscher Zunge, dessen vor allem ökonomiekritische Schriften von erstaunlicher Modernität sind.«

Hans Martin Lohmann

»Ich war immer der Ansicht, die Stärke des Marxismus liege in seiner rücksichtslosen Negativität, in seiner radikalen Kritik am Bestehenden und mir scheint, in dieser Beziehung ist er nach wie vor ein unentbehrliches Werkzeug.«

Hans Magnus Enzensberger