23.2.2016

Nacht uns Akademikern!, drittens

Da wir bloß noch als Ich-Form zu haben sind, habe ich eben im Schoß einer Anderen die Revolution gesehen. Bei Nacht hat sie sich durch den Beckenboden gefressen, ist rausgekrebst und ohne Ton verendet. Still wird im Knien gebetet: Alma Mater. (ac)

9.2.2016

Nacht uns Akademikern!, zweitens

War mitunter Neandertaler,
hab in Höhlen gemalt.
Dann kamen die Vögel.

Welt brechen gelernt,
vor allem brechen gelernt,
von allem brechen gelernt,
was sich ausgab wie

a rose is a rose is a rose.
Nachmittags müde werden
und Bürostühle essen
oder Müsli.

Abends vögeln oder
kommen oder nicht kommen.
Meist nicht kommen.

Sinn, fragst du.
Hat es gegeben.
Nacht
uns Akademikern. (ae)

3.2.2016

Nacht uns Akademikern!, erstens

Nightcrawling.
Spuckbrocken suchen:
Gebölk, Gespält,
befühlernd.

Ich fühl mich wohl in deiner Enge
Alma Mater

und kann den Kopf nicht drehen,
es fehlt das Wendeglied.
Doch wenn, ich würd kokett
nesteln am Brustansatz

und deinem Blick.
Komm in meinen Dreck –
Die anderen Asseln
hab ich im Griff. (oha)

14.1.2016

Klinke, die

Jede Klinke macht dich weinen, du weinst Klinken. Mit wechselnder Klinke Hände, die du nicht mehr sehen willst. Mit wechselnder Klinke wirst du älter. Du fürchtest dich vor bläulichen abstehenden Adern auf dem Handrücken. Jede Klinke, die ich drücke, drückt mich nieder, sagst du. Türen aushängen und zubetonieren, schlägst du vor, hab dich nicht so, sage ich, unsere Hände gewöhnen uns an Sterben, vielleicht, unsere ausgelieferten, sagst du, unsere zu Mitanstellern gemachten, sage ich, Hände, ich habe Angst, sagst du, ich weiß, sage ich. — Und nichts wird aus den Angeln gehoben oder zubetoniert: Du greifst nach der Klinke, drückst dich nieder, machst auf und gehst. Die Tür bleibt offen. (ab)

7.1.2016

Hang, der

Die Schlucht schien tief und war es. Als der Wind einsetzte, konnte ich mich nicht nur nicht mehr bewegen, ich musste mich schützen. Um fünf Uhr ging die Sonne auf und ich schaute vorstellungslos um mich: Kupfer und Gold, dachte ich, ohne dass es ein Bild beschrieb. Als stünde ich auf dem Mont Blanc, umgeben von Bergen in doppelter Höhe. Ich kann nicht sagen, dass es besonders weh tat, alles war mir zu hoch. Nicht meine Unfähigkeit machte mich einsam, sondern der Grund, warum ich loslief. Beim Aufstieg zum Tempel wurde die Luft dünner. Das einzige, was mich im Tempel nervös machte, waren die Schlangen. Ich hatte gelesen, dass 90 Prozent der Bisse ins Leere liefen, wenn man kniehohe Schuhe trägt. Ich trug Stiefel. Die Schlangenbisse gingen nicht über die Knöchel hinaus. Ich war mir nicht sicher, warum die anderen barfuß liefen. Nach ein paar Tagen war mein Hang zum Innersten unerträglich geworden. Außer mir war kein Fremder da. B hatte mir jemanden geschickt, damit ich mich unterhalten kann. Wir sprachen lange, bis er aufstand und ging. Da fing das Elend an. Ich weiß nicht, war es mein eigener Kopf oder das Fehlen des anderen. (sch)

15.12.2015

Hund, der

Hat: Augen Gliedmaßen Werkzeuge Sinne Neigungen Instinkte.
Ist: genährt verletzt Krankheiten unterworfen Mittel geheilt gewärmt gekältet.

Stich Blut.
Streicheln Stöhnen.
Bedrängt Zähne.

Näher bei Gott, weil er Menschen sich außerordentlich fühlen lässt.
Liebt ohne ausgesucht zu haben.
(jg)

9.12.2015

Prisma, das

(1) Let‘s presume there‘s a prism.
(2) In der Nacht träumte A von B, nun treffen sie sich auf der Straße. Dabei bemerkt A eine leichte Asymmetrie in Bs Gesicht. Seine Falten, die sich von den Augenrändern über die Schläfen ziehen, wirken auf vulgäre Weise nachdenklich und lebenserfahren. B, der A gerade einen neu gekauften Kugelschreiber zeigt, bemerkt die unverwandten Blicke. Der Kugelschreiber funkelt im untergehenden Wintersonnenlicht. In As Augen schmerzt es. Dennoch beglückwünscht sie B zum Kauf, ein schöner Stift, genau die richtige Schwere, ja, der liegt gut in der Hand.
Nach einer kurzen, erträglichen Pause – die Schritte der Vorbeieilenden sind laut genug, um sie nicht sphärisch oder sonst wie unangenehm aufgeladen wirken zu lassen – fragt A, warum sich B den Kugelschreiber gekauft habe, das sei doch irgendwie nicht zeitgemäß. B weist sich selbst darauf hin, dass er diese bohrenden Blicke nicht aushalten müsste. Er runzelt das Gesicht und lächelt.
(3) In der ästhetischen Produktion gibt es einen Impuls, der sich in einer Kontingenzbewegung bricht und ableiten lässt, wenn er zum Beispiel Bilder an Galeriewände projiziert. Dieser Prozess der Refraktion will möglicherweise vom Rezipienten nachvollzogen und zurückverfolgt werden. Er will vom Regenbogen wieder auf weiß schließen lassen. But let‘s presume somebody took the prism. Dann ist da eine Gleichung mit 2 Variablen. Es liegen sich Notwendigkeit und Kontingenz in den Armen und weinen. (oha/vif)

3.12.2015

Müller, Heiner

Die Welt verlischt in den Bildern. Beim Umgraben des Kartoffelackers schwimmen uns die Leichen entgegen. Sie haben noch etwas zu sagen. Wir warten auf die Detonation. (Warten.) Die, die tot sind, haben gut lachen. Es ist eine Übersetzung und irgendwie beliebig. Ob wir vor, hinter oder in der Apokalypse leben. Immer dasselbe: Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche und am Ende will keiner den Kapitalisten spielen. Und die Bibel sagt – wie Heiner Müller: Those who are rich will be cursed. (ae)

25.11.2015

Löwenzahn, die

(Bühne leer. Auftritt einer Figur, die spricht)

Blies trauerreden in dein gesicht, dada
die waren nicht schön (wie löwenzahn)
und blieben so wenig.

Verwassertes meer oder augen.
Die wachsen, wenn man hineinschaut.
Oder -fällt.

Ich ging.

(Mitleidiges Raunen im Publikum, hier und da Gelächter) (ae)

19.11.2015

Berg, der

Der Gletscher, sagte ich, der Gletscher wächst an mir herunter. Der Gletscher wird auch wieder fließen. Ich habe mehrfach der Gletscher gesagt, aber du hörtest nur der der der.
Nie haben dich Wurzeln gekitzelt. Nie wuchsen dir die wilden Erdbeeren und die Bucheckern reizten deine Haut nicht. Deine Tränen fließen wie Tau. Am Morgen ein Garn zwischen Auge und Dunst. Mein Grauen währt noch deine Kindeskinder in die Erde. Und wenn deine Furcht wieder Neid wird und du dich abwendest, den Wiesen entgegen, den feinen Nähten, dem Lauf des Baches im Tal, dann wisse: Du warst mir egal. Gedeih‘ oder wandere in meinem Schatten. Wirf deine begehrlichen Augen hinauf, denn meine Lider sinken. Mein Gipfel bleibt weiß. (oha)

12.11.2015

Poppycock und Jibberjabber

(1) Dieser Eintrag ist eine Re-Kreation (-> Pause). Er bezieht sich auf einen Ursprungstext gleichen Titels von Alexandru Bulucz, der wegen inhaltlicher und formaler Differenzen in der Redaktion von OTIUM so verallgemeinernd diskutiert wurde, dass er gestorben ist. Die inhaltlichen Diskussionen bezogen sich auf eine implizite Aussage des Texts, dass Gequassel (? Jibber-Jabber) das Symptom von Objekt – und Wahrheitsverlust sei. Es wurde eingewandt, dass jenes Objekt, jene Wahrheit, deren Verlust der Text beklagte, nicht gegeben sei. Dass da gar nichts verloren wurde, weil da nie etwas gewesen sei und dass man doch im einundzwanzigsten Jahrhundert anerkennen müsse, dass Wahrheit eine Praxis sei und zwar eine kommunikative. Die psychologische Komponente, das doch ganz wirkmächtige Sehnen nach einem solchen unbedingten Objekt, wurde weder im Ursprungstext noch in der Diskussion berührt.

Einige Kernaussagen des Ursprungstextes – durch Gerede in der Gruppe radikalisiert :

Jibber-Jabber (Literatur): Zu große Textmenge. Mithin alles, was nicht kanonisch oder Facebook-Freund ist. Das will nichts von mir und ich will nichts davon.

Jibber-Jabber (Juristerei): Herabwürdigung einer gerichtlichen Gegenrede als moralisch oder emotional verbrämt, den Punkt des (eigentlichen) Rechts zugunsten des rhetorischen Vakuums verfehlend.

Jibber-Jabber (Psychoanalyse): Weil ich meine Mutter begehre, liebe ich Hollywood. (? Freud)

Genau wie der Satz „das sagt mir nichts“ lässt sich die Verunglimpfung „Jibber-Jabber“ sowohl gegen den damit abgeurteilten Text (im weiten Sinne) als auch gegen den sie Hervorbringenden wenden. Nur mit Jibber-Jabber lässt sich Jibber-Jabber zeigen und dann lässt sich Weiterjibbern übers Jabbern. Den Freeflow der Jabberjam kanzelt der Nächstbeste ab. Der jabbert aber auch nur, und vielleicht sogar schlimmer. Nur Sprechen bringt Sprache hervor. Oder war es andersrum?

(2) Der Begriff „Poppycock“ ist im Prinzip synonym mit „Jibber-Jabber“, mit dem Vorteil, dass er in der Fernsehserie „Boston Legal“ von einem Richter zu „Poopycock“ abgewandelt wird. Damit erhält er eine rabelaissche Qualität, die der Unwillkürlichkeit der Kulturproduktion Rechnung trägt. (oha)

4.11.2015

Daumen, der

(1)
Der Arm schon gesunken und
Nasenhaare kitzelt der Wind und die Brandung
der Autos hängt im Asphalt.
Ernteflüchtige Zuckerschoten kriechen
den Damm zur Straße hinauf.
Am Arm zuckt der Daumen:
Konkrete Poesie.
(2)
Die Kuppe glattgefeilt
Die Beere, meine ich,
die hab ich weggetratscht.
Wir sprechen, meine ich,
wir sprechen, wie wir schreiben.
Wir denken, wie wir tippen.
Ich spreche mit dem Daumen. (oha)

27.10.2015

Roadtrip, der

Es gibt Bäume in Australien englische Forscher haben vor über einhundert Jahren davon berichtet die alle paar Jahre einen Ast nach ihrem Nachbarbaum werfen und machmal treffen sie dann wirft der Nachbarbaum einen zurück als wäre das ein stetiger Dialog fest verwurzelt und konstant diese Bäume werden von den Einheimischen Langer Atem genannt vielleicht mit ein wenig Ehrfurcht in der Stimme denn was kann schon so lange und geduldig miteinander sprechen richtig etwas das nicht weglaufen kann und keinen Atem beim Rennen verliert und das finden wir romantisch und rückbeziehen es auf uns aber das sind ja Bäume die können sowas deswegen sind sie uns überlegen und eben auch verschieden von uns Du läufst
mir nach und so will ich dich auch nicht also lass uns zusammen weglaufen den Ästen ausweichen ganz schlicht und einfach ja machen wir ja (vif)

21.10.2015

Wahrheitssuche, die

Es gibt eine Wahrheit und das ist der Punkt, den ich nicht erreiche. Wahrheit, nicht Ehrlichkeit. Wenn ich anfange, ehrlich zu sein, ist es vorbei. Mit uns und überhaupt. Nichts wird besser, weil ich meine, was ich sage, weil ich ehrlich bin oder so. Überhaupt wird dadurch nichts besser. Das ist das eine Problem. Und das andere Problem ist die Sinnlosigkeit. Bilder, Anspielungen, Sätze. Diese ganzen Versuche, etwas Wertvolles abzuliefern, etwas von Wert. Wo doch niemand ist, der wartet.

Trotzdem wringe ich Gedanken aus meinem Kopf und hoffe, dass es passiert. Dass es endlich passiert. Ich laufe durch eine Straße und denke an dich. Der Satz ist ehrlich, das heißt, er ist schwach. Aber er ist auch abgedroschen und klischeehaft genug, um ihn trotzdem zu verwenden.

Doch am Ende führt er zu nichts. Immer wieder gibt es einen Moment, in dem sich alles zusammenfassen und zusammenbringen läßt, den einen großen Moment, in dem es, am Ende eines langen Wurfs, endlich da steht, ohne Konjunktive oder Rückfragen, ohne Unsicherheiten oder Rücksichten, in dem es klar und deutlich ist, die Projektion eines Kindes vor einer Wand von Aussichtslosigkeit, die Projektion eines ganz und gar glücklichen Menschen, all das gibt es und nichts bringt uns zurück zu dem vollkommen unbedeutenden Moment, in dem ich einfach eine Straße entlanglief und einen Satz dachte, den ich mich nur zu denken traute, weil er so abgedroschen und neutralisiert war, dass meine Scham einfach nicht mehr darauf reagierte, daß ich einfach lief und an dich dachte und nichts dazu. (ae)

15.10.2015

Sichtweise, die

Ich saß abends auf der Couch, machte das Fenster auf und drehte das Radio lauter. Es war kalt. Ich sah meinen Atem und steckte mir eine Zigarette an. Visuell machte das keinen Unterschied. Mir war aufgefallen, dass all die guten Ideen, die ich zur Zeit hatte, immer damit endeten, dass ich einen Schnaps zuviel trank und nicht mit dem Rauchen aufhörte. In einer Kneipe hätte das womöglich seinen ganz eigenen Charme gehabt, das dachte ich mir zumindest, während ich alleine in einer Wohnung saß, von der ich noch nicht wusste, wie ich sie bezahlen soll. Aber wahrscheinlich war das auch gar nicht wichtig. Ich glaube, das Erstaunliche daran war, das machte nichts. Wenn ich einen guten Witz hörte, musste ich trotzdem lachen. (sch)

8.10.2015

Paradigmenwechsel, der

„Why should I care?“, hattest du damals gesagt. Eigentlich plausibel. Ist es nicht wahnsinnig genug, dass man sich überhaupt um jemand anderes kümmert? Es scheint, als hätten alle vergessen, wie absurd der Aufwand ist, während ich mich wieder daran erinnerte. I cared about you. Dann hat es dich später doch gekümmert, was mit mir war, aber nur kurz. Ich kannte die Gründe. Du hattest sie mir gesagt. For all the wrong reasons. Ich glaube eigentlich nicht, dass es falsche Gründe gibt, nur manchmal, wenn ich mir irgendwas zurecht denke, was die Sache niemals besser gemacht hat. Wie soll ich es sagen? Die Sache mit dem Kümmern. Ich habe noch keinen Weg gefunden, der mich zufrieden stellt. Ich glaube, das liegt daran, dass ich in meiner Muttersprache nicht ergiebig fluchen kann. Fuck you. Oder: Fuck me. Dass ich nichts sagen kann wie: Do me right. (sch)

1.10.2015

Streitwagen, der die das

(Ein Char-Akter)

Im Französischen heißt „le neutre“, was im Deutschen „das Neutrale“ heißt. Das Französische „le“ ist sowohl „le“ als auch „das“, auch wenn „das“ weder „le“ noch „la“ beziehungsweise weder „der“ noch „die“ ist, weil jedes Neutrum im Französischen ausschließlich vom grammatisch maskulinen Geschlecht begleitet wird. Was sich am „le“ als einer Zäsur bemerkbar macht, ist die Scheidelinie, die durch die einfachste Bezeichnung des Unbekannten hindurchgeht: „le“ spricht als grammatisch maskulines Geschlecht und Begleiter eines Neutrums immer im Namen eines anderen Worts; „le“ spricht im Namen dessen, der „das“ ist, und ist daher auch, was es nicht ist. Sich durch die Erfahrung der Unentscheidbarkeit von jeglichem Neutrum isolierend, erreicht „le“ seinerseits eine Isolierung des Neutrums. Umgekehrt wird jedes tatsächliche grammatisch maskuline Geschlecht immer vom „le“ des Neutrums begleitet, insofern „le“ der einzige Artikel ist, der ein Neutrum erst als solches konstituieren kann. Aber damit ist jedem maskulinen Nomen eine mehr oder weniger ausgeprägte Verbalform verliehen, die auch „le neutre“ bewohnt. Wenn also „le“ auch „das“ heißt, „le char“ „den Streitwagen“ meint, dann kann „le char“ auch durch „das Streitwagen“ übersetzt werden. Kein Übersetzer wird dem zustimmen, doch lässt es sich zeigen, dass der Charakter Char’scher Dichtung von dem verbalisierten Wagnis, zu streiten, geprägt ist: vom Streit-Wagen. (ab)

23.9.2015

Nähmaschine, die

Oma arbeitete damals noch und sie war in einer Fabrik für Nähmaschinen. Ich hatte keine Ahnung, was sie dort tat, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie am Fließband stand. Sie sprach manchmal über die Fabrik, aber was dort passierte, wurde mir aus den Geschichten nicht klar. Das heißt, ich hatte sehr deutliche Bilder von einer großen Menge Menschen, die sich über fahrende Nähmaschinen beugten, um daran die eine oder andere Schraube einzustellen, den einen oder anderen Teil hinzuzufügen oder abzuschleifen, aber diese Bilder waren nur lose mit den Erzählungen meiner Oma verbunden, die sich immer auf die Kollegschaft oder die wirtschaftliche Situation bezogen. Irgendwann gab es die Fabrik nicht mehr und zum Schluss sollen auch nur sehr wenige Menschen dort gearbeitet haben, aber am traurigsten hat es mich gemacht, als ich erfahren habe, dass es in der ganzen Fabrik kein einziges Fließband gegeben haben soll. (ae)

19.8.2015

Städtereise, die

In Genf lernte Rousseau die Demokratie lieben, in Paris Marx die Kommune.

Vor ein paar Wochen stand ich vor dem Hamburger Rathaus. Es war unverschämt groß und windig. Ich bin schnell weitergelaufen. (ae)

12.8.2015

Worte, verbotene

Dort,
hier,
nur,
nun,
immer,
niemals,
wohl-,
einfach,
Spiegel,
will,
dieses,
heutzutage,
magisch,
jedoch,
Welt,
Hauch,
Feuer (im metaphorischen Sinn)
metaphorisch,
im … Sinne,
wallend,
Leben,
Nichtexistenz,
großartig,
Seele,
Sterne,
Tristesse,
Zwischen,
Hoffnung,
dann bin ich aufgewacht,
habe ich mir gedacht,
brenzlig,
bedeutend,
geheimnisvoll,
Werk,
grotesk,
toter Winkel,
Peru,
Rose,
rosé,
Würze,
Timbre.

(tbc) (otium)

29.7.2015

Welt, die

Als ich schlüpfte, war ich mindestens vier.
Als kopfständige Bilder auf die Sohle gestellt
Baum Vater Butter schon zuhanden
Buchstaben schon Rätsel waren.
Jetzt lesen wir Büchner,
wünschen uns den Kopf auf den Boden.

Dich meine ich und mich.
Mit meine ich und gegen und durch.
Wir wünschen Vögel,
die schlüpfen und gleiten und
Welt
sagen können, weil sie die Welt nicht kennen. (oha)

23.7.2015

Straßenlaterne, die

Es gab einmal viele Monde, die schienen über Autobahnbrücken, und als wir wieder hinblickten, waren nur Straßenlaternen zu sehen. Aber wenn man unter den Brücken läuft und sie leuchten sieht, dann muß es einen Grund geben… und jemanden, der es will. (ae)

7.7.2015

Fassade, bröckelnde

(1) Ein Satz aus der Propaganda, der bedeuten soll, dass eine Wahrheit durch eine andere ersetzt wird. Die Schwäche der metaphorischen Lesart: Sie kann nichts beim Wort nehmen. (2) Wenig gebräuchlich für: eine Hausfront, von der etwas abfällt, während das Gras wächst und wir warten, dass es passiert: Gegenstände, die herabfallen.

Mehr dazu am 09. Juli 2015 um 20 Uhr vor dem IG-Farben-Gebäude der Uni Frankfurt. (otium)

30.6.2015

Vogelperspektive, die

Als ich seine Frage nicht verstand, weil ich mir die Welt wie eine digital kolorierte Kugel vorstellte, wie man das kennt mit Blau und Braun und Grün, überlegte ich. Ist schon gut, meinte er, dass ich überlege, habe die Frage schon beantwortet. Als ich mir angeschaut habe, wie Vögel das mit der Welt handhaben, fand ich es sinnvoll. Schwachsinn, Trägheit, Ängstlichkeit. Auch dort. Aber. Wer geboren werden will, muss ein Ei brechen. Der Vogel bricht die Schale und schlüpft. Die Schale ist die Welt. Breaking the shell. Wer geboren werden will, muss eine Welt brechen, zumindest wenn man Vögel fragt. (sch)

24.6.2015

Blase, die

(1) Die Umgebung spiegelnder Körper. Da fliegt was in der Luft, dann platzt es. Durch die Blase schimmert etwas wie Utopie; die Hoffnung auf ein baldiges Ende.

(2) Loslösung des Preises vom Wert, von Einsatz, Gewinn und Wirklichkeit. It will never work and it will never pay out in the end.

(3) Wenn sich die Haut aufreibt: Die Blase wird nicht platzen, weil wir nicht weitergehen. Oder wir ziehen die Haut ab, weil wir es nicht lassen können, mit den Fingern, ohne Grund.

(4) Bin gleich wieder da. (otium)

17.6.2015

schwäbisch

(1) Regionaler Dialekt, vorrangig gesprochen in Baden-Württemberg, Berlin und Bayern.
(2) Hirnzelle, diede im eigene Schädel zeberschde hörsch. (otium)

10.6.2015

Moment, der

Wo Tränen kollidieren. Ein Moment, dann ein anderer. Ich wußte es und wußte, wie es nichts ändern würde, und alles blieb, wie es war, nach dem Moment nach dem Moment. Es gibt keinen Fokus jenseits des Fokus und keine Wahrheit außerhalb des Moments, doch keiner bleibt. „Verrate dein Begehren nicht!“ No one ever could. Wir probieren es morgen nochmal. (ae)

2.6.2015

Fingerbeere, die

(1) Schweizerdt. für Fingerkuppe, den terminalen Tastballen (lat.: torulus tactiles). In einem rumänischen Koffer (?) unter Stirnrunzeln der Grenzbeamten ins Deutsche wiedereingeführt. Konnte außerhalb des Koffers keine Wurzeln schlagen.
(2) Punktionsstelle für kapillare Blutentnahme.
(3) Die Beere, die zwischen den Fingern zerplatzt. (otium)

27.5.2015

mail, e-

(1) Elektronischer Daten- und Nachrichtenaustausch übers Netz; (2) Femininum, nicht neutral. Das E-Mail: nein; (3) Brief ohne Postboten, dafür Mailerdämon, Kerberos.
Ich stand auf der Straße wie jemand, der bald eine E-Mail schreibt. Wenn es keinen Betreff gibt, nichts abschicken. Dafür wurde eine Warnung erfunden, auf elektronischem Wege. Trotzdem Senden klicken, doppelte Dummheit. Sich Senden sagen, bevor man Senden drückt, heißt Löschen drücken. Auf keinen Fall Speichern, der Moment wird vergangen sein.
Löschen und nicht warten. Lieber Löschen, vor allem wenn die Nachricht Bestand hat. Wenn es nicht anders geht, neu schreiben oder besser schreiben, oder: Löschen, immer Löschen. Viel Text im Kopf, kein Ergebnis. Eine Null, durch die man nicht teilen kann, während man raucht und sich irgendwas anschaut, das vorbeiläuft, ohne wirklich zu passieren. (sch)

20.5.2015

Slacker, der

wenn der Federstreich unter der Hand zur Mamutaufgabe wird, weil auch nichts und gerade nichts immer zu viel ist und doch wäre alles gut, wenn es sich von selbst… und so weiter und ich mach‘ ja mein Ding… solang es sich macht. Und alles nur, weil es nicht läuft, weil die Motivation mit der Zufriedenheit und die wiederum mit dem Erfolg, der Erfolg aber nur durch Arbeit, die nun wirklich keiner will…
außer denen, die wie Idioten mit kleinen FDJ-Fähnchen durch die Straßen laufen und in deren dummen Gesichtern etwas strahlt, Fensterlichter brennender Irrenhäuser, weil sie tun, was sie tun, während vom Fenster aus alles dies aussieht wie Irrsinn der Glücklichen im Lichte des Dunkels…
sagte der Slacker und schreibt nicht darüber, sondern erst wenn die Motivation…
oder nie. (ae)

13.5.2015

Verallgemeinern, das

habe ich mir abgewöhnt.
Wir leben im Zeitalter
der Singularität.
habe ich mir abgewöhnt
oder hatte es
zumindest hatte
hatte es
versucht
zumindest keinen witz mehr der nur nein sagt
zu groben zügen
nein sagt
(der nur nein sagt
nein dies das
mag ich nicht mehr)
wer nicht durch's fleisch geht
läuft sich leer
(alles andere nicht ich
ich hat bestand
so der von sich ertappte)
hier, dies
betracht ich
so
— : —

(oha)

6.5.2015

Ball, langer

Wenn die Zeit zu knapp wird, um Handlungen abzusprechen, kommt der lange Ball ins Spiel. Auf einige Wege irgendwo dort hinten soll er treffen, unvermittelt – es bleibt keine Möglichkeit mehr, das Terrain gemeinsam, sukzessive zu erobern.
Vielleicht kommt er an, aber vor allem muss er passieren. Denn wo er geschlagen wird, hat das Ereignis keinen Platz mehr – also weg von hier, ohne viel nachzudenken, an einen Ort, wo jemand mit ihm anzufangen weiß, worauf der Passspielende keinen Zugriff hat. Er ist der wenig sinnvolle Akt, der – aus der Not und in die Wege geleitet – auf Sinn treffen soll. Die Hoffnung auf den großen Knall, nichts anderes als eine Verzweiflung.
Hail Mary! Hail Satan¡
Gelingt der lange Ball, folgt daraus die ersehnte Erleichterung, ein guter Hollywood-Film oder der nächste Kirchenbesuch. Misslingt er aber, üben wir uns weiter im Kombinationsspiel und vergessen möglicherweise irgendwann, abends im Bett vom perfekten langen Ball zu träumen. Dann haben wir ihn endlich nicht länger nötig.

Andererseits ist der lange Ball: ein Würfelwurf, die zufällige Begegnung, eine Unwahrscheinlichkeit, das Vergessen jeder Taktik. Lange Bälle, um davon zu erzählen. (vif)

29.4.2015

früher

Nicht nur…
…die Folie, auf der ein Nostalgiker die Untragbarkeit seines aktuellen Zustands und den Verfall seiner Qualitäten kontrastiert.
…ein für's Überleben des Subjekts-im-Futur nötiger Projektionsraum von wegen hätte können und darum müsste können und also da geht doch was.
…dass alles besser, ganz anders und sehr gleich war.
Sondern auch ein Komparativ wie in: Da musst du schon früher aufstehen. (oha)

23.4.2015

Gretchenmonolog, der

GRETCHEN am Spinnrade, allein:
Meine Ruh ist hin /Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer / Und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab, / Ist mir das Grab, / Die ganze Welt / Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf / Ist mir verrückt, / Mein armer Sinn / Ist mir zerstückt.
Meine Ruh ist hin, / Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer / Und nimmermehr.
Mein Busen drängt / Sich nach ihm hin. / Ach dürft ich fassen / Und halten ihn,
Und küssen ihn, / So wie ich wollt, / An seinen Küssen / Vergehen sollt!

Young F arbeitet sich seinen Weg durch die Leute, dressed sharp as a devil to look sophisticated. Things get spilled, ein Mädchen verkleidet als Jungfrau gets spilled on. F lenkt sie zum Tresen, um sie zu beschädigen. A pointless scheme for him: money on his mind and H he would sell off his soul for.

G alsbald betrunken redet zuviel: All I need are my two feet and a ground I can stand on all I need is nature a scene surreal a room to be all I need are colors and shapes realizations we'll be the colors all I need is a mirror that shows me my nature of a doubled mind schizophrenia makes me whole again all I need is a place in my head to keep a little peace of sanity or insanity if I want it to be so all I need is passion it's the only way to stay alive that's what they can never take away from me my room my colors my music my words my free space and by alive I mean.

Eve never fucked Adam, we’re still here. F sucht anderweitig, geht. H is somewhere else. An elderly hooker dressed like a newspaper passes by. Old news. Wes das Herz übergeht, des ist der Mund gleich so voll, you know. Schnapps and spirit means the same thing. Des ist das Problem. Die Ruh’ ist hin. (sch)

14.4.2015

Tagebucheintrag, der

Die fehlende Empathie junger Männergruppen geht Hand in Hand mit dem Fehlen müder Engel. Mit den anderen beiden Händen trugen sie Säbel und Pfeife. Manch fataler Trottel stellt sich noch immer in die Landschaft (nachdem die Gräser verdorrt sind, in denen sich seine Füße im Lauf hätten verfangen können) und deutet auf die Stelle, wo der Hochzeitsstrauß der beiden Toten ungefangen aufstieß. Niemand flüstert „Geschwister Geschwister das waren“. Anfang & Ende von Europa. Ein anderer malt ihn sich in bunten Mützen aus und lädt ihn ein, den Clown, in die nüchtern-gesoffene Runde. In der Ecke spielt die blühende Tochter ein Requiem. Im Nacken Papas Bibliothek, das Lächeln vor die Zähne gedrückt, Warten auf den Skandal. Jemand träumt laut DA MUSS MEHR TITTEN IN DIE SAITEN / DER SCHWANZ EINE PARTITUR. Also los. Das ist genauso gut, wie auf Armbergen zu sitzen und sich zu fragen, wie man all den Scheiß beerdigen soll, hier in meinem erlesenen Kongo. Wie, wenn nicht als Karikatur eines arbeitenden Menschen, der das schwarze Fleisch verbuddelt mit der Sorglosigkeit ohne Alter zu sein. Unter ihm Teile. Frau Bruder Kind; wie das Warten auf den anderen. Der (auch) nicht an Rettung glauben kann. (jg)

8.4.2015

After-Hour, die

Bloßer Fade-Out des Ereignisses, zelebriert als fetischisierter Nachklang. Nüchtern oder taumelnd, das spielt keine Rolle.  
Ein mildes Danach. In der kontrollierten Zersetzung baut die After-Hour (sich) ab. Was davor war, darf nicht einmal Prolog bleiben.

Ein Kämpfer der FLN spricht in Pontecorvos Film „Die Schlacht um Algier” von den enormen Anstrengungen der Revolution, die jedoch nichts im Vergleich zu den Mühen nach dem erfolgten Umsturz seien. Das ist das Gegenteil der After-Hour.

Kein Gesetz bindet mich an Kuba, nur Bindungen anderer Art, die man nicht wie Ernennungen brechen kann. Das ist das Gegenteil der After-Hour. (vif)

1.4.2015

wie

(1) Vergleichspartikel, unter anderem collagenhaft; (2) gleiche Schreibweise: Konjunktion oder Adverb; (3) Oder einfach die Frage: Wie geht’s?

Obsessive Köpfe wie meine speeddialen Dich.
– Wie ein Kind.
Kinder sind Dämonen.
– Weil Du alles immer auf Dich beziehst.
Manchmal hätte ich gerne welche.
– Irgendwann ist alles egal.
Werden wir sehen.
– Wenn Leben eine Serie aus dummen Versuchen ist, lebendig zu sein, bist Du ein Held für alles, was jemals gelebt hat.
Ja?
– Ja.
Gruselig, sich um etwas zu kümmern.
– Ich weiß.
You’re a fool. Maybe for knowing, you know.
– Franz Wickmayer hat einmal geschrieben: Snow falls from the heaven,
pure. We cannot blame the snow for being soiled by the earth.
Das ist nicht deutsch. War er deutsch?
– Ja.
Pure? There is no one righteous, not one.
– Alles eine Sache des Timings.
Restriktionen, immer da, wo am Ende…
– And scene.
Wie auch immer, wie war die Frage?
– Wie es Dir geht.
Nein.

(sch)

25.3.2015

Strand, der

Once upon a time. Ein Hund macht sein Ding. Wir machen unsers. Sitzen auf der Landseite an der Naht zwischen Wasser und Sand. Das Wasser reicht bis zum Horizont. Hinter uns, die Düne, auch. Wir sind auf einem Handtuch in einem Bild und nicht auf einer Bank zwischen Fassaden. Kranfahrt nach schräg oben. North Sea Baby. Vom Sand unterscheidet uns die grobere Körnung. Man könnte sagen, dass wir allein sind. Man könnte auch eine Menge andere Dinge sagen, die falsch sind. Sanft: “Du bist lächerlich.”, “Nein, du.”, “Nein, du.”, ohne einander ansehen zu müssen. Wellenlametta. Schwarzblende. (oha)

18.3.2015

7-Eleven

(1) International chain of convenience stores that operates primarily as a franchise. 7-Eleven Inc. is headquartered in Dallas, Texas. Its parent company, Seven-Eleven Japan Co. Ltd., is located in Tokyo; (2) Now I sit and remember.
I always thought of myself as an octopus. I have three brains and nine hearts and my tentacles spread everywhere. I remember the beach. Feeling the comfort of a black coffee in my hand and a black truck outside my hand. We should always talk through cars. We would just open doors and check if we’re all right, close the door and walk away again. There are way too many anyways. Why not communicate through them. Reappropriating black-truck-space. Weird. How it feels like we’ve never done anything else than that in our entire life. We were driving to beaches and coffee places. A dog was hunting a bird, that’s what it’s all about. He didn’t even look at us while running down the beach. The sea smelled like coffee and cigarettes.
People should drown themselves here, because the ocean is too beautiful. It took them ten years to build that house with the penis window on this beach in La Jolla. Seeing you in front of a sick little wall made it disappear. You make every dick-window-house of rich people a joke. “A good or a bad one?” “A romance.” I was singing to you that night. “Do you think they could see it?” “We were not touching, but we were touching.” I was talking to people, but they were not you. You’re the one who makes me not want to leave. “Let’s have a burrito. Mexican sleeping pills.” “Thumbs up.” I wrote your name in the sand. You turned around when you left. You turned around and I was smoking. I hope you’re still sober. Tequila makes people crazy. Juan remembered: “You were wearing your green Converse when you did your Bob Dylan thing.” It was fun. We thought we would be lying in the grass together, hanging out in coffee houses everyday. We are just pointless. (sch)

11.3.2015

Takt, der

In Minima Moralia weist Adorno auf einen scheinbar paradoxen Zusammenhang hin: es ist gerade die Achtung vor der Empfindlichkeit von Anderen, die Sorge, taktlos zu sein, in der eine erstaunliche Unempfindlichkeit gegen die Schmerzen der Anderen steckt. Das freundliche Wort, die taktvolle Geste, die ausgesparte Kritik sind nicht Ausdruck von compassion, sondern von indifférence. Mag der Taktstock erbarmungslos gegen alles sein, was herausfällt, erkennt er darin doch an, worum es geht. Die taktvolle Nachsicht gegen das, was verfehlt wurde, sagt: es kommt nicht darauf an und leugnet seine Dringlichkeit ab. Sie macht stumm, wie jede Überwältigung. Wenn Du meinst: Mach, was Du willst und komm klar. Sag doch lieber: fuck you. (ae)

4.3.2015

Dreikörperproblem, das

(1) Nicht allgemein lösbares, mechanisches Problem der Wechselwirkung dreier physikalischer Systeme. Speziell in der Himmelsmechanik die Frage nach der Bewegung dreier Körper unter dem Einfluss ihrer gegenseitigen Massenanziehung; (2) Das Dreikörpersystem kann chaotisches Verhalten zeigen, was dazu führt, dass die meisten Bahnen der Planeten im Sonnensystem langfristig instabil sind, andererseits ermöglicht es, mit dem Verfahren der Chaoskontrolle instabile Bahnen durch Korrekturen zu stabilisieren; (3) Trotz der Unmöglichkeit einer geschlossenen Lösung für das Dreikörperproblem gibt es Sätze, die Gültigkeit haben.
Es ist egal, zu welcher Stunde ich mich an die Bushaltestelle setze, ich lasse immer einen Platz neben mir frei. Der Hund ist wieder da. Er besetzt den Platz nicht, wärmt mir aber die Füße, während er auf die Rückkehr eines Besitzers wartet, den es womöglich nicht mehr gibt. Dem Hund ist egal, ob es schneit oder regnet, oder ob die Sonne scheint. Jedenfalls lässt er sich nichts anmerken. Wir warten.
Es ist egal, wie lange ich sitzen bleibe, aber wenn ich nicht bald aufstehe, werde ich zur Großmutter. Wir können etwas anderes tun. Das Warten bleibt, auch wenn sich alles andere verändert. Der Einfachheit halber denke ich, dass man das Projektion nennt, was sich in seinen Augen spiegelt. Ich frage mich, ob ich ihm sagen sollte, dass sein Besitzer nicht wiederkommt, aber woher soll ich das wissen. Ich werde warten. Ich glaube nicht, dass er wiederkommt. Er wird nichts davon wissen, dass hier alles gleich bleibt, von dieser närrischen Liebe zu ihm. Wenn der Bus kommt, steige ich ein, um zu hoffen, dass ich morgen alleine hier sitze. Wo die Gegenkräfte fehlen. Wieder ein bisschen länger als nötig. Für den Fall, dass er zurückkommt. (sch)

25.2.2015

Anzeige, die

formfremde Intervention, deren Wirkung von ihrem Überraschungseffekt abhängt:
                                                                                                            

N I C H T  V E R P A S S E N :  O T I U M  X  – D a s  H e f t

P r e m i e r e  a m :  D o ,  d e n  5 .  M ä r z  2 0 1 5

         mit

P e r f o r m a n c e ( ‚ O f f / S p o t s ’ ) :  a b  1 9 : 3 0  U h r

Startpunkt: Marx und Co-Buchhandlung, Grüneburgweg 76, 60323 Frankfurt am Main

          und

R e l e a s e p a r t y :  a b  2 1 : 3 0  U h r

Im Bistro Aida, Fürstenbergstraße 155, 60322 Frankfurt am Main

18.2.2015

Schlange, die

                                                                                              nach Aby Moritz Warburg

Unterordnung der Schuppenkriechtiere; Symboltier der chthonischen Gottheiten; Antwort auf die Frage, woher die Zerstörung kommt; Wappentier der Philosophie des Als-Ob. Für Warburg steht zwischen dem Menschen, der greift und dem, der denkt, der Mensch, der symbolisiert. Dem, was sich ihm entzieht, nähert er sich im Tanz. Der Tanz bedeutet einen Selbstverlust an ein Außen, das eine Antwort liefern soll, für etwas, das sich weder greifen, noch begreifen läßt. Die Vermittlung des Außen erfolgt im Symbol. Auf die Frage nach Zerstörung, Tod und Leid antwortet bildhaft-ursächlich die Schlange, noch bei den Griechen, noch bei den Christen, noch bei den Heiden. Der Grund (als Ursache und Boden) wird symbolisiert, nicht erklärt. Die Schlange als Bodentier be-gründet. Das Symbol enthält sich selbst als seinen Grund. Es leitet die Suspension der Frage an als ein Als-Ob der Antwort. Das Symbol ist Grund seines Grundes: mise en abyme. (ae)

11.2.2015

Schreibtisch, der

(1) Arbeitsplatz; (2) Aufbewahrungsort; (3) Nachdichtung nach OK Go.
Der Schreibtisch ist das Ding auf meinem Laptop mit der halbsortierten Ansammlung an Dateien, die mich daran erinnert, was ich noch nicht geschrieben habe. Im Hintergrund ein Farbholzschnitt von Hokusai, den ich anstarre, als würde ich dabei etwas leisten. Ein alter Mann inmitten eines sehr großen, aufgestellten Holzrings, der sitzt oder arbeitet. Ich denke, full circle, ohne zu wissen, warum. Der Alte und sein Pinsel. Durch den Ring die Sicht auf Fuji in der Ferne. Ich schätze, das Holz ist Teil eines sehr großen Sakefasses, aber das ist reine Spekulation. Ich mag Sake, das ist alles. Der Alte rät mir, ich sollte vielleicht etwas anderes tun, als meine Zeit damit zu verschwenden, mich darüber zu wundern, was er macht. Es sei zwar ergiebig, hier zu sitzen und mir auszumalen, wie ein Anderer lebt, aber nicht unbedingt günstig. Ein trauriger Fakt. Ich weiß nicht, wann ich damit angefangen habe, Fakten als traurig zu bezeichnen. Wahrscheinlich als ich mir dachte, das Leben ist unfair. Das Leben ist das Leben, das unfair ist. Ein absolut sinnfreier Gedanke. Wenn mir kalt ist, trinke ich einen Kaffee, das reicht dem Leben schon, um zu wissen, dass es völlig egal ist, was Menschen so tun. Unfair ist eine dieser Ansichtssachen, die wohl keinen interessiert, außer man fühlt sich zu kurz gekommen. Als hättest du mir meinen Kaffee weggenommen, als wäre es völlig ausgeschlossen, dass ich irgendwo einen anderen Kaffee auftreiben kann, sitze ich hier wie ein Kind. Schreibtische sind undankbar wie Fragen, die man niemandem stellt, besonders wenn sie aus Holz sind oder Küchentische. Als ob ich es nicht besser wüsste. »When? When? Why not now? Why not me? Why not me?« (sch)

4.2.2015

Reim, der

Große Gebäude und Menschen, die herausströmen. Ein Teil von mir steht rauchend davor und kann sich seinen Reim darauf machen. Der Blick nach oben, der Blick nach hinten, Worte und die Unterschiede der Stimmen. Wenn der Regen das Licht von innen reflektiert und die Kapuzen die Köpfe bedecken. Jede Bewegung hat ihren Sinn und erklärt in sich stellvertretend die ganze Welt, die Verhältnisse, in denen wir leben und warum es so ist, wie es ist. Et l’autre part ne rime à rien. (ae)

21.1.2015

Ausrede, irgendeine

                                     Wer zu spät kommt, sieht nach der Uhr.
                                     Wilhelm Busch

(1) Vorwand mit Hintertürchen; (2) je nach Geschmack neu- oder altmodischer Deckmantel mit dieser oder jener Verarbeitung; (3) sich einreden.
Nicht wirklich zutreffende Gründe, aber nicht fernab vom Schuss, sondern meistens nur slightly off key, so dass es innerlich ein bisschen streitet, die Feinheit mit der Grobheit des Tons, vielleicht aber auch nur mit der Voreingenommenheit des Gehörs. Es gab so einiges, was ich mir nicht erklären konnte, egal worum es dabei ging, und das schien sich nur noch weiter zu verschlimmern. Andere Dinge verstand ich wiederum sehr gut, das glaubte ich zumindest, das machte aber auch nichts besser. Ich konnte mir nicht erklären, warum alles, aber auch wirklich alles, so furchtbar beliebig war. An mir selbst konnte ich es am besten beobachten, bei allen anderen tat es mir zu weh, weil sie mich meistens mit ihren Ausreden benachteiligten, und so gar nicht sich selbst, was ich eigentlich erwartet hatte. Deine Ausrede war damals wie Schneeland gewesen. Ich glaubte daran. Im Zug durch den Tunnel, während du sprachst, und dann plötzlich weite, weiße Landschaft, die die Landschaft bedeckt hielt, die sonst da gewesen wäre. Du kannst nichts dafür, dass es so ist, sagst du. Es tut dir leid. Wir können nur etwas dafür, dass es so gekommen ist, du und auch ich. Das ist richtig. Die Konsequenzen sind in Ordnung, das sage ich uns beiden. Warum scheint alles so ruhig und ordentlich, wenn es schneit? Ich bin den Weg nachträglich nachgelaufen. Beim Durchgang unserer Geschichte ist mir aufgefallen, dass Einreden und Ausreden sich in unterschiedliche Richtungen bewegen, doch sie teilen sich dieselbe Tür. Präsens ist so eine Ausrede, als könnte ich diese Tür noch aufmachen, als würdest du diese Tür aufmachen wollen, und wir treffen uns in derselben Mitte des Türrahmens wie die richtige Größe zur rechten Zeit, genauso wie das Einreden nicht aufhört, mich glauben zu machen, dass Türen nicht einfach verschlossen bleiben können. Oder anders, wenn Gott eine Tür schließt, öffnet sich ein Fenster. Meinetwegen. Wenn Gott eine Tür schließen könnte, schlösse sich eine Tür. Konjunktiv II, umso besser. It proves my point, I guess. So ein Hinnehmen, wie es geworden ist. (sch)

1.10.2014

Faustschlag, ausbleibender

Kafka schreibt: „Wenn ein Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“ Eine berechtigte Frage. Und was lernen junge Dichter daraus? Sie bauen ihre Hütten weit ab vom Schuss und schlagen die Tür mit einer Geste zu, die sagen will: ihr kommt hier nicht rein! Aber da ist gar keiner… (ae)

30.7.2014

Immanenz der Straße

„Diesem Bild hier“, sagst du und deutest unser Blickfeld aus, „dem wohnt etwas inne. Dieser Straße, der Frau, wahrscheinlich eine Hure, so elegant wie sie wankt, diesem Ausblick. Siehst du die Balkone und dahinter diese glatte Wand aus Fenstern? Dem wohnt etwas inne. Ein surplus. Frag mich nicht, was das heißt, es ist ein Gefühl. Es liegt zwischen meiner Beschreibung und den Dingen, die wir beide sehen. Da ist ein Drittes. Sieh mich nicht so an, als wüsstest du, wovon ich spreche. Schau, die Frau, die Nutte hat 'nen Kunden. Sie stakst von hinten ran an seinen Wagen. Er sieht sie schon im Seitenspiegel, geil, aber noch skeptisch. Da spricht doch etwas, was nicht Luft ist oder Lärm. Bin das ich? Eine Straße weiter brodelt es, dort wird allerlei verhandelt. Macht und Witz und Drogen (und noch mehr). Hier ist die Nutte eingestiegen. Die beiden haben kurz verhandelt, wie du sahst. Wurden sich einig. Der graue Kombi ist schon weg. Die Straße ist leer und trotzdem wohnt ihr etwas inne.“ (oha)

23.7.2014

Onto-Orthopädie

                                                                                                 für André Luthardt

Ich lasse ihn wieder dorthin vorrücken, von wo aus er damals nicht mehr hat vorrücken können, wo er also damals stand. Ich frage mich nur, ob die Neigung des Berges, auf dem er damals plötzlich stehen musste – die Neigung des Berges und also nicht dessen Spitze –, damals dieselbe Rolle gespielt hatte wie heute. Ich glaube nämlich, dass er wieder versuchen wird, wie damals gerade zu stehen. Lotrecht. Aber worauf? Ich glaube weiterhin, dass man nichts sieht, wenn man sich auf dem Weg zur Spitze befindet, und dass man unbedingt nach hinten fallen muss, wenn man zu früh zu ihr aufschaut. So gesehen und nicht anders gibt es keine Verspätung, und Pünktlichkeit wäre die Spitze selbst. Oder anders gesehen: Es gibt nichts als Ungeduld, und gäbe es sie nicht, gäbe es nichts zu sehen. Nun ja, er kennt meine Gedanken, und ich lasse ihn vorrücken. Mehr noch: Ich lasse ihm den Vortritt, so glaubt er nämlich, ich würde ihm doppelt entgegengekommen: erstens indem ich ihn wieder dahin gehen lasse und zweitens indem ich ihm den Vortritt lasse, denn es ist sein Wunsch, alles noch einmal, noch vor mir, zu sehen. Könnte ich nur nicht beobachten, wie er nichts sieht, während er alles zu sehen sucht. Er würde nicht immer zu früh aufschauen und nicht noch immer der Alte sein. Als ginge er den Berg zum ersten Mal hoch. Denn obwohl er anhält, wenn er aufschaut, bleiben seine Füße, von keinem Schritt voneinander getrennt, nebeneinander stehen, während seine Knie sich bis zum Anschlag ausstrecken, als seien sie zwei schlaffe Bögen. Nicht einmal seine Hände kommen in die Hüfte, aber das zeigt doch schließlich nur, dass er nicht müde wird, wieder und weiter vorzurücken, und dass er nicht zu staunen vermag. Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb er gerade mich um Erlaubnis gebeten hat (Aber auch das ließe sich anders erklären: Ich bin der einzige, den er darum hat bitten können, denn damals waren wir uns einig.): weil ich hinterrücks über seine Bergvergessenheit staunen würde. So bin ich nunmehr der einzige, der sowohl vorrückt als auch steht, und also der einzige, der stehend mehr sehen und aushalten kann als damals wie heute er. Ich glaube, er wird mich morgen vorsichtig danach fragen, wie ich heute diese Bergsache gesehen haben würde, und ich glaube, er wird versuchen, mich glauben zu machen, auch er habe sie gesehen. Aber daran, dass er sie heute gesehen haben würde, glaube ich jetzt nicht mehr. Ich könnte ihm davon erzählen, doch so grausam werde ich nicht sein, damit er weiter daran glauben kann, ich sei ihm doppelt entgegengekommen. Dabei stehe ich nur da und staune über ihn. Ja, das ermöglicht er mir, da er nur aufzuschauen und mir entgegenzukommen vermag. Denn schaut er auf, kommt er nicht umhin, nach hinten zu fallen. Ich stehe bereits, stehe seitlich, stehe da mit gespreizten Beinen, das rechte ausgestreckt hinten, das linke angewinkelt vorne, und mein Oberkörper liegt beinahe auf der Bergneigung, so, als würde er aus meinem linken Fuß und nicht aus meiner Hüfte hervorquellen, und so, als würden meine Arme, die seine Hüfte stützen und ihn vor dem Hinfallen abhalten, aus meiner Hüfte und nicht aus meinen Schultern hervorquellen. Ich stehe bereit… Was ich sehe, sind im Laub verstreute Gedanken, und ich weiß nicht, was lauter raschelt…
Wir beide stehen gerade: Einer von uns ist ein Berg, dessen Wurzeln bis zum Meeresspiegel greifen, der andere alles andere, und ich weiß nicht, ob ich einem den Vorzug geben kann… (ab)

17.7.2014

Location, location, location (Ausdruck)

(1) Lieber Student, zwecks Katalogisierung Ihrer Person hätten wir noch eine Frage bezüglich Ihrer derzeitigen Wohnverhältnisse: Wohnen Sie? Um schnellstmögliche(!) Antwort wird gebeten. Natürlich, Zeit kostet. Gibst du ihr die Hand, zeitigt sie schon mal den ganzen Arm, dann ist es mit der Armut auch nicht mehr so weit. Man sagt, die Zeit habe schon bei manch einem das Kapital samt Kopf gefressen: kaputale Zeitnot. Die Geschichte mit dem Arm und der Zeit. Man sagt weiter, Zeitarmut habe ihren Ursprung in einem nicht fristgerecht eingereichten Antwort-Schreiben auf eine Frage, die nicht mehr gestellt werden darf – mehrfach kopiert und archiviert in verstaubten Aktenschränken längst untergegangener Kulturen. Man sagt, diese Antwort sei nun nur noch Wort, sie habe ihr Anti verloren, oder sie sei wortlos, ein stummes Nicken bei chronischer Nackenverspannung, das so nicht beglaubigt werden kann. (2) Lieber Student, die Kopie Ihrer Meldebescheinigung sowie die Kopie Ihres Personalausweises bestätigen die von Ihnen angegebene Adresse als Ihren aktuellen Wohnsitz. Wohne ich? Ich denke, ich suche. (3a) Bei einer Wohnungsbesichtigung. Vermieter: Was sind Sie beruflich? Student: Student. Vermieter notiert sich arbeitslos und manövriert Student Richtung Ausgang. Vermieter: Wir melden uns bei Ihnen. – Enttäuschende Aussichten, enttäuschte Einsicht. Ent-täuschte Souveränität. (3b) Student: Halte ich mich an meine eigene Enttäuschung? Weiß ich nicht um dasjenige, was sich nicht an sich selbst halten muss? Vielleicht können wir in den Altbauten unserer Stadt die Dielenböden der Jahrhundertwende freilegen. Verworfener Grund, von Laminat verstellt. Verworfener Boden, der atmet, der spricht, der antwortet, wenn man ihn begeht: verworfene Rede. Was ich suche? Den richtigen Boden unter meinen Füßen. Ich muss nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen, um zu wissen, dass sie da ist, doch wie soll ich überhaupt loslaufen, wenn ich keinen Grund habe, auf dem ich stehen kann? (4) Lieber Student, es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir uns anderweitig entschieden haben. Wir danken Ihnen für Ihr Interesse und wünschen Ihnen für die Zukunft viel Erfolg. (sch)

9.7.2014

T-Shirt, horizontal gestreiftes

Generelles: (1) aus dem Amerikanischen: t-shirt, tee-shirt oder auch tee (nicht zu verwechseln mit dem britischen tea, besser bekannt als tea-shirt, auch poet- oder pirate-blouse genannt); (2) ein T-förmiges Stoffhemd, zunächst Ende des 19. Jh.s meist von Seeleuten und Marinemenschen unter Uniformen getragen; seit den 1950er Jahren, vermutlich aufgrund von Marlon Brandos Garderobe in A Streetcar Named Desire, gilt das T-Shirt als akkurate Fashionchoice; (3a) heute mit Print meist in mehr oder weniger privatem Gebrauch als Werbefläche nutzbar für Personenbranding, Produkt- oder Unternehmensplatzierung und Punchlinefinesse, siehe dazu auch: Jutebeutel; (3b) Ein zeitgenössischer Ableger des ABCs mit besonderer Emphase auf die Tragbarkeit verschiedener Buchstaben ist das im Jahre 2013 von Kevin Hart bei SNL auf NBC vermarktete Z-Shirt.
Horizontales, Gestreiftes: (4) Da legt sich etwas wie ein Rippenkasten über meinen Rippenkasten, dazwischen Haut, darunter irgendwo Lunge, ein Herz, fast alles, nur weicher. Ein Körper unter horizontaler Maserung, meist blau auf weiß. Die Farbwahl ist erklärbar durch die Farbe der Marine. Linien, Kreise; Rücken, Brust, Herz. Schon wieder Herz, vielleicht lässt es sich schwer lesen unter blau-weißen Zeilen, oder immer noch Herz, man weiß nie, wie alt es wirklich ist und wann es aufhört. Ein Brustkasten wie eine Baumrinde, darin Ringe, Zeichen und Rillen der Zeit. Ärzte und Maschinen lesen anders als ich. Sie lesen effektiv. Manche Ärzte lesen anders als Maschinen. Sie lesen heilend. Du reichst mir einen Glückskeks. Heute lehne ich dankbar ab. Manchmal schreibe ich meine eigenen, an deinen Geschichten bin ich trotzdem interessiert. Hinter den Bauchnabeln, wenn man sich den Glauben berühren will, ein T-Shirt heben, ein Finger in meinem Bauchnabel oder mein Finger in deinem, das wäre wahrscheinlich wirksamer als manch anderer Begriff; der Bauchnabel, eine zu selten genutzte Narbe, ein Button, der uns umschaltet auf Bauchgefühl – gut feeling, vielleicht könnten wir dann etwas verstehen – oder auch nicht. Wie man es dreht und wendet, die Dringlichkeiten der Welt sind wohl an einem T-Shirt gelegen, in ihm oder noch darunter, es sei denn, man hat größere Probleme. Oscar Wilde hat einmal gesagt, ein T-Shirt, das nicht gefährlich ist oder einem gefährlich werden kann, ist es nicht wert, ein T-Shirt genannt zu werden; womöglich hat er aber auch von Ideen gesprochen. (sch)

3.6.2014

Gastritis

                                                                        wurde wie ‘ne Gans
                                                                        mit Wirklichkeit gemästet
                                                                        wurde dick vor lauter
                                                                        Realismus – nahe dem Infarkt
                                                                        gilt jetzt die Abstraktion – allein

Gast, tritt ein, tritt nach. Mit Krudem
sei der Magen genährt,
darin die Hungernden und Hunger-
grübchen Lach-
-gesichter schnitzen.
Mit Krudem
und ansonsten nichts.

Durchsäuert im Gerücht des Gebölks
die Sippschaft der Hungertuchnager
und Wolkengeschwister.

Krawattiert und hint-
angestellt in der Sodbrennerei
das Sinngeschrei.

Und aufgezogen sei die Unruh,
darin die Uhr…
… die Zeit, die rhythmusscheu bleibt.

Denn wir essen und essen das Krude
und essen selbst das erfrorene
Stachelgespräch.

(ab)

14.5.2014

Etwas, gewisses

(1) ein Etwas, das sich anfühlt, fühlen lässt und loslassen will; (2) leise oder laut; (3) etwas wie Lebensfreude oder -schmerz.
Gewiss gibt es etwas wie einen Schlag in die Seele, ins Ungewisse: when it hits you, scheinbar unverhofft und unerwartet. Dieser Moment aber will gründlich vorbereitet sein. Die Tonart ist gewählt, die Stimmung ist kein Zufall. Die Choreographie ist einstudiert. Innerhalb der Begrenzungen setzt sich etwas frei, das sich nicht im Wort erfassen lassen muss, zumindest nicht begrifflich. Zwischen den Worten spielt die Musik. Hinter der Fassade fließt ein Etwas in den Übergängen; im besten Falle bringt es frischen Wind. / Ein gewisses Etwas liegt im Gefühl oder irgendwo in den Klängen zwischen einer gewissen Schönheit und einer gewissen Traurigkeit – vielleicht wie bei Gregorio Allegris Miserere mei irgendwo zwischen Mozarts absoluten Gehör und Beethovens Beerdigung. / Etwas hält die Spannung – tension, release. Etwas fließt, indem man fühlt, wie es sich anfühlt und nicht, wie es aussieht – wie Strom. Dabei ist es gleich, ob man sich seiner Sache sicher ist, nur mutig sollte man sein, denn nichts kann einem helfen, wenn von vornherein die Spannung fehlt, nicht einmal man selbst. Sich trotz der Schwere im Moment der Bewegung nicht aufs Schwere konzentrieren. Die Schwere so nicht weniger schwer, doch etwas in der Schwere weniger schwer werden lassen. Etwas entspannt sich, während sich nicht allein der Körper im eigenen Atmen dehnt. / Luftholen und sich wundern, wie es weiter, vor allem wie es tiefer gehen kann. Seinen Knoten versprechen, dass es Wärme für sie geben wird, um sich von ihrer Ungeduld zu lösen. Alles, was man braucht, irgendwo in sich haben, auch wenn alles, was man will, darüber hinauszugehen scheint. Etwas fühlen; sich immer noch nicht aufgeben; weitermachen. (sch)

9.4.2014

Ossian, erklärender

Ein erklärender Ossian ist eine Suppe, die nicht kocht und dennoch blubbert. Einer, der von nichts etwas versteht, immer weniger, je älter er wird, und der trotzdem immer wieder festhält, für was er die Dinge gerade hält 1.) Weil er das braucht, um im Kulturellen voranzukommen, 2.) Weil, naja, die anderen noch schlechter darin sind. Er täuscht geistige Aktivität vor, indem er sagt, worum es bei dem geht, was man (er) so tut. Spielverderber! Er sagt, der Leser brauche Zugang, und da müssten Steigbügel in die Texte. Dabei hält nur er selbst die Unsicherheit nicht aus. Er erklärt beim Erklären vor allem sich sich selbst. Bald ist er soweit, dass er im Text nur noch den Kommentar stehen lässt und die Substanz ersatzlos streicht. Ganz gewiss! (oha)

2.4.2014

Idee, literarische

(Mir scheint,) Manch einer von uns verwechselt das Echte mit dem Ausgedrückten. Sicherheit und Emphase sind Eigenschaften von Rhetorik (weil es keinen Geist gibt, in dem sie sich abspielen könnten). Der Ausdruck kommt nirgends an (es gibt keine Übersetzung). Aber obwohl wir aneinander vorbeischreiben, können wir miteinander schreiben. Das zeigt sich daran, dass eine literarische Idee eine Begrenzung ist. Dass sie in das (Kuddelmuddel) eingreift – „dieses nicht“ sagt – die Setzung (? Satz/Setzung, der/die) außerhalb des Zielbereichs vornimmt und damit den Einfall (auf beiden Seiten des Druckers) ermöglicht (Eine Seite der Medaille) (oha)

5.3.2014

ertrinken (Verb)

(1) unten, in der Tiefe – vermeintlich at rock bottom; (2) weiter unten, am Grund der Dinge; (3) immer weiter unten, ins Bodenlose sinkend.
Ertrinken kann man selbst in seichtesten Gewässern, es braucht nicht einmal den Gartenteich von nebenan, die Regenpfütze bei leichtem Nieselregen, manchmal braucht es nur ein Glas. Doch ich entscheide mich, aus meinem Glas herauszuschwimmen, weil ich banale Wendungen nicht vergessen kann, wie „Schlimmer geht’s immer“ oder „Was nun bleibt, ist bloß der Weg nach oben“ – Nun gut, es sei mir nicht gegönnt, dort zu ertrinken, wenn es zu ernüchternd ist zu wissen, dass es immer weiter gehen kann für mich, weil ich zu stur bin, etwas aufzugeben. Ich wundere mich, ob das ein Gutes oder Schlechtes sei. Ich weiß nicht, wo es endet. Ich weiß nicht, ob du es weißt, aber ich bin lebendig, irgendwo hier unten. Ich sprang in einen Bergsee, schon vor einiger Zeit, der mir klarer nicht hätte scheinen können mit seiner spiegelglatten Oberfläche. Dort müsse es einen Platz für mich geben, so schien es mir, als sich der Himmel darin spiegelte. Womöglich ein sicherer Sprung, ein mühsamer, doch gekonnter Zug durch tiefes, klares Wasser und ein Auftauchen, das sich bereits selbst belohnt; dort oben, wo sie mich endlich sehen können, während ich bin, als hätten sie bloß auf mich gewartet. Weiter unten war ich bereits am Ertrinken und es kam mir in den Sinn, dass ich es im Grunde besser weiß, doch es ändert nichts daran, denn hier spielt es keine Rolle, wie gut ich schwimmen kann. Ich dachte, Ertrinken sei, wenn mir unverhofft die Luft ausgeht. Doch jetzt, zu tief im Wasser, als dass ich mich ordentlich orientieren könnte, befürchte ich, dass Ertrinken schlimmer ist als das. Ich würde ertrinken, weil ich nicht mehr sagen kann, wo oben und wo unten ist. Vielleicht bist du der Schleierfisch an meiner Seite, der unbeeindruckt neben mir durchs Wasser zieht. Du sagst, ich solle einhalten und weiter ausatmen, auch wenn es schmerzt, denn Schmerz vergeht. Du sagst, ich solle das Aufsteigen meiner Luftblasen beobachten; ihnen kann ich folgen auf dem Weg nach oben. (sch)

19.2.2014

Pessimismus, im „Sich-er-“ verankerter

                                                                                                
für Wolfgang Herrndorf

Alles menschliche Leben ist auf Erfolg aus. Erfolg setzt eine Logik der Initiative, eine Folge, eine Serialität voraus. Die Chance, dass es auch anders sein könnte, entfällt, sie befindet sich außerhalb des Erfolgs, ist erfolglos, plötzlich da, ehe man sich’s versieht, schädlich in jeder Hinsicht. Das Wort, das die besagte Logik am angemessensten beschreibt, heißt „erleben“, fordert dazu auf, sich Leben zu erleben, wie man sich etwas erkämpft. Doch ist Erschließung durch Erleben ein Kompromiss: „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“ Der hiesige gegenseitige Schaden ist glücklicherweise bloß körperlich. Somit ist dieser Erlebnisbegriff nicht im Sinne der Denktradition des 20. Jahrhunderts zu verstehen, der zwei Weltkriege zustießen, die sie nolens volens erleben musste, nicht als Geschehen oder Ereignis, in dem man sich nur passiv und also nur hauptlos und schließlich kaum behaupten könnte, sondern als Arbeit und Struktur. Gemäß dieser Arbeitsstruktur ist der Arbeiter und Erlebende ein Aggressor. Sobald er aufhört, ein Aggressor zu sein, und sich in die Defensive drängen lässt, vergrößert er seine Chancen auf die Chance, dass es dann, wenn sie wie ein Blitz einschlägt und jegliche Logik spaltet, auch anders sein könnte. Dann nämlich, wenn die Arbeitsstruktur auf den Kopf gestellt ist, ist ein sich allen Lebens und Erlebens enthaltendes Leben erreicht. Dann ist man ein vom Ich losgelöstes Er, übrig, ein Erübrigter, ein Error: ein geistig und körperlich Behinderter. A, Arbeit und Struktur, und Non-A, Chance, und ansonsten könnten wir aktiv Veränderung meiden, Deterioration, jegliche: körperliche, geistige, seelische… Denn warum sollte ich das, was ich mir schmerzlich oder wie auch immer erlebt und erschlossen habe, widerwillig verlassen? Meinen nützlichen Misserfolg, eine Miss, eine Missinterpretation? Ich habe Erfahrung und es ist nicht scherzend gemeint, wenn ich sage, dass es eine Seekrankheit auf festem Lande ist. (ab)

12.2.2014

Methode der Dekonstruktion, die sogenannte

                                                                                                             für HUMS

Der Enthusiasmus als die Teilhabe des Göttlichen am Verstehensprozess. Das zuweilen Barbarische und Brutale der sich in die Hände der Dichtung gebenden Philosophie. Die Philosophie einer ins Deutsche unübersetzbaren Paronomasie: le son et le sens. Dia-lektüre. Die zur Adoption freigegebene Sprache Anders-Nicht-Könnender, die zur Adaption freigegebene Sprache Ignoranter und Ignorierter. Ein Ignoranten- und Ignorierten-Kreis, der von der Philosophie ignoriert, von der Dichtung adoptiert wird. Ein Adapter zwischen Dichtung und Philosophie, ohne den die Philosophie gegen die Wand laufen würde. Das Eingeständnis, dass das, was sich nicht meistern lässt, sich (anders) nicht meistern lässt, meistern! Weder Dichtung noch Philosophie, sowohl Philosophie als auch Dichtung. Entmethodisiertes: also Dichtung. (ab)

5.2.2014

Wand, besagte

(1) eine Schwierigkeit, von der ich dir erzähle; (2a) die bedingte Möglichkeit, etwas an einer Sache oder an Jemandem zu erkennen, (2b) Beeinträchtigung der Sicht der Dinge.
         Die besagte Wand ist eine Wand, die mir bei Gelegenheit in die Quere kommt, oder ich ihr, ist in gewisser Weise also Ansichtssache, zumindest kreuzen sich unsre Wege regelmäßig. Sobald ich die besagte Wand sehe, man hat sich mit der Zeit schon besser kennengelernt und ist nun per Du, bleibe ich stehen. So warte ich einen Moment. Ich muss nicht mit dem Kopf gegen die Wand laufen, um zu wissen, dass sie da ist. Ich stehe vor besagter Wand. Ich weigere mich, vollen Kopfs voran gegen diese Wand zu laufen, weil ich weiß, dass sie da ist. Was bringt es denn auch Gutes, mir oder anderen? Ich und die Wand, unser gemeinsames Wort. Ich habe mich an ihr versucht, sie ist nicht auf mich eingegangen. Diese Wand hat meine Worte bestenfalls zur Kenntnis genommen, wahrscheinlich aber nicht einmal das, durchdringen konnten sie die Wand auf keinen Fall. Ist gut, ist gut. Die sture Wand, der arme Kopf. Nun gut. Du sagst, darum ginge es nicht. Aber worum geht es denn? Du sagst, wohin geht es denn, wenn nicht gegen die Wand oder wenn nicht gegen mich? Du holst dir das Wort wieder und setzt neu an: Darum ginge es nicht, wer oder was, sogar nicht einmal warum, ach wozu? – Ich müsse nur entschieden genug laufen, damit mir auch sicher der Schädel dabei zerbricht; und, so hoffst du, wenn mein Schädel bricht, strahlt vielleicht ein wenig Licht hinein. Eigentlich ein schöner Gedanke, im Grunde, während du dir wünschst, dass im Gegensatz zu mir die Wand gewinnt; während wir uns beide anstarren, als ob es irgendetwas zu gewinnen gäbe. (sch)

29.1.2014

friktional (adv.)

                                                            Für Rolf Riehm und Valery Tscheplanowa

in Verbindung mit denken, erfahren oder handeln: wenn in Reibezonen zum Vorschein kommt, worum es geht. Denken, das seine Richtung am Widerstand des Materials erfährt. Ein Impuls, der sich kennenlernt an dem, woran er sich stößt. Gegen die Anmaßung des Wissens. Und für Wände, die im Scheitern ein Gefühl dafür geben, was Gelingen wäre. (ae)

23.1.2014

Landschaft, verkopfte

Eine Landschaft, die einst aus allen ihren Poren und Menschen geblutet hat; der Tod, dessen Haare und Nägel weiter wachsen; die unverblümte und rücksichtslose Sinnlichkeit eines Denkens, eines Bildes.
         Die heutige Angst vor einem gradlinigen Denken; eine Denkvorsicht, die auf den Schultern des Individuums so schwer wie noch nie zuvor lastet; ein Bruchstück des antik-abendländischen Redekulturkreises; das verminte Gelände einer eigenschafts- und namenlosen Epoche, auf dem nur noch ein unverstandenes esse videatur einen Platz findet; die Skepsis als akademische Modeerscheinung; eine entkopfte Landschaft. Es scheint so zu sein.
         Die an dem shiny-objects-Syndrom leidende Philosophie hat sich auf die lange Bank, auf ein totes Gleis geschoben. Es scheint so zu sein. (ab)

16.1.2014

Geflecht, das

Beim Versuch, eine Straße in einem Wohngebiet zu überqueren, war der Igel ums Leben gekommen. Ein Auto hatte ihn überrollt. Die Fahrerin, vom plötzlichen Ruckeln überrascht, war ausgestiegen, hatte das Tier betrachtet, es mit leichten Anflügen von Ekel und Mitgefühl umkreist und war schließlich schulterzuckend wieder eingestiegen.
         Ähnliche Vorgänge sollten sich in den folgenden Tagen wiederholen: Der Leichnam befand sich etwa ein Dutzend Zentimeter vom Bürgersteig entfernt und rund fünf Meter vor einem Zebrastreifen. Zahlreiche Autos rollten darüber hinweg und schon bald war kein Hindernis mehr wahrnehmbar. Anfangs hielten auch andere Autofahrer verdutzt an und öffneten schulterzuckend ihre Tür, doch mit der Zeit war das Tier plattgedrückt und die Irritation reichte bloß noch, um schulterblickend sitzen zu bleiben, bis auch diese Phase verging. Kaum jemand wich jedoch aus, denn die meisten hatten ihre Augen auf den Zebrastreifen gerichtet. Immer wieder rannten Kinder über die Straße, die in der Nähe spielten.
         Für die Kinder berührte jeder Blick auf den Igel die eigene Aufregung. Sie zählten die Bremsspuren, die sich auf ihm sammelten. Ein Junge sprach davon, dass Autoreifen und Igel einen Deal eingegangen seien: Die Reifen, müde vom vielen Drehen und Rollen, tauschten sich mit dem Igel aus, der, tot wie er war, nicht mehr reisen könne. So durften die Reifen nach und nach in den Ruhestand treten, während der größere Teil, der in Bewegung blieb, den Igel an andere Orte trug. Nicht ganz und ziemlich aufgeteilt zwar, aber es lasse sich eben nur so weiterkommen.
         Beim Versuch, einzuschlafen, war der Junge ins Grübeln geraten. In seinem Kopf erstellte er eine Karte, auf der die verschiedenen Igelstücke rot leuchteten und miteinander verbunden waren. Manche bewegten sich, wenn sie an fahrenden Autos hafteten. Jeden Abend vermehrten sich die Linien und verwirrten den Jungen. Irgendwann beschloss er, den Igel eigenhändig von der Straße zu entfernen, doch schon vor dem Zebrastreifen erkannte er: Jemand war ihm zuvorgekommen.
(vif)

8.1.2014

Koffer, rumänischer

Alba Iulia (Rumänien): Der Bus hält am Hauptbahnhof. Durch seine Fensterscheibe ist unschwer zu erkennen, dass mitten auf der Straße ein Mensch liegt. Ein wenig verdutzt mache ich den Busfahrer darauf aufmerksam. Die Antwort: „Ach, das ist nur ein Koffer!“ Ich steige aus, er fährt los und weicht dem zappelnden Koffer aus, an dem ich vorbeilaufe, um mich zu vergewissern, ob es wirklich ein Mensch ist.
         In Deutschland wie vermutlich allen anderen Ländern, Rumänien ausgenommen, wäre das unmöglich. Hier wie in vermutlich allen anderen Ländern, Rumänien ausgenommen, würde man entweder den Krankenwagen rufen oder die Polizei. Im zweiten Fall ginge es immerhin um einen herrenlosen Koffer an einem dicht bevölkerten Hauptbahnhof. Im ersten Fall, da es ein betrunkener und wohl von allen Geistern verlassener Obdachloser ist, von dem wir hier reden, der Duden definiert es, um ein „größeres rechteckiges Behältnis mit aufklappbarem Deckel [das wäre der Mund] und Handgriff zum Tragen an einer Schmalseite [das wären die Achseln, unter die der Obdachlose zu packen wäre, um ihn zumindest von der Straße zu schleifen], das dazu bestimmt ist, Kleider und andere für die Reise notwendige Dinge aufzunehmen [das wäre der Körper selbst]“.
         Rumänische Rücksichtslosigkeit, Indifferenz, Fahrlässigkeit… Später hat es der Obdachlose selbst geschafft, aufzustehen und den Bürgersteig zu erreichen. (ab)

2.1.2014

Lächeln, das

Einer hat ein fremdes Augenpaar gefunden, das ihm Zugang gewährt. Während er eintritt, bemerkt er, dass der Aufenthalt sich lohnt. Hinter diesem Glaskörper ist etwas los. Handschlag zur Begrüßung des hier residierenden Augenbesitzers. Das Gesicht wird leicht. Es lächelt. Dann: Die Backe fragt sich, was sie denn überhaupt mit den Lippen zu schaffen hat und verliert den Halt. Die Brauen, denen nun der Unterbau abhanden gekommen ist, klammern sich noch an der Stirn fest, aber es ist zu spät. Das Lächeln ist seiner selbst gewahr geworden. Es kann nun nicht mehr kraftvoll sein. Ausgelächelt.
(Was macht das Gegenüber? Es prüft, klopft an, will eingelassen werden. Legt Spatel für Spatel frei, was ich hinter den Hautfalten bin. Ein starrer Schädel. Ein imaginärer Freund.) (oha)

25.12.2013

Weihnachtspause, die

Unterwegs zwischen
   diesem und nächstem Jahr zum
Ort deiner Geburt –
  wenn dein künftiges Ich schon
  auf deine Heimkehr wartet.

(1) die Unterbrechung alltäglicher Geschäftigkeit, Ruhezeit; (2) Einhalt, Gedenken, Reflexion zum Ende des Jahres; (3) ein flüchtiges Stillstehen, Definition.
Wenn im Winter jeder Muskel zu Stein wird vor lauter Kälte, wenn es selbst zu kalt zum Hoffen ist, es bliebe noch etwas mehr Zeit, wofür? – das später, betrachte ich im Vorüberfahren die Bilder dieser Stadt, schaue von außen durch helle Fenster in belichtete Räume. Durch das Licht sehen sie warm aus, dort, drinnen muss es warm sein. Wände, Bücherregale und Weihnachtsbäume. Licht, das wärmer scheint als sonst, so wie die Bilder meiner Erinnerungen heller scheinen, vielleicht heller noch als sie es wirklich jemals waren, jetzt, wo ich an Vergangenes denke; hell und scharf. Ich erinnere mich an die Wärme deiner Hand und daran, dass ein Pulsschlag nicht lügen kann. Ich erinnere mich an meine ausgestreckte Hand, die du vielleicht nicht sehen kannst oder erst zu lesen lernst und an die Stille zwischen Sprechenden. Ich erinnere mich daran, was mich glücklich macht; was mir gefährlich wird, wenn es ausbleibt. In meiner Nacktheit fühle ich mich nun wohler. Zum Handstand bin ich noch nicht stark genug, doch habe ich die Angst vor dem Fall verloren, zumindest größtenteils. Ich bin beweglicher geworden. Sie sind hell, diese Bilder, aber sie sind kalt, Erinnerungen sind nicht mehr warm. Wo bleibt die Zeit, die ich nicht halten kann? Was wird aus unseren Versprechungen, die ungehalten vergehen? Ich wünschte, ich könnte mich an mehr Worte erinnern – dieses Jahr. Habe ich denn genug Bilder geschrieben? Ich kann mich nicht erinnern, wer ich letztes Jahr um diese Zeit gewesen bin, auch habe ich vergessen, was ich damals noch nicht konnte. Meine offenen Hände auf den Knien ruhen lassend, ist das vielleicht in Ordnung – zwischen den Jahren einen Teil meiner Geschichte zur Erinnerung werden zu lassen; es liegt nicht mehr in meiner Hand, die offen ist für Neues. Meine Stimme aber bleibt und mit ihr das Echo meiner Ängste. Sie befürchtet, ich bleibe hinter meinem Potential zurück. Jetzt stehe ich vor einer Tür, durch die ich noch nicht gehe, dort hinein, wo es warm scheint. Mit Licht im Blick hoffe ich auf die Wärme einer künftigen Umarmung im Angesicht kommender Worte; in Hoffnung auf schöne Worte – wie Frühsommersonne. (sch)

18.12.2013

Hand, ausgestreckte

(1) der Versuch, etwas oder jemanden zu berühren; die Entfernung vom eigenen Zentrum, die Annäherung zum Leser; (2) der Wunsch zum Weitesten in der Welt; (3) www.
Die ausgestreckte Hand ist ein Glück und ein grausames Ding; sie ist ein Angebot. Wenn sich dir eine Hand entgegenstreckt, lässt sie es offen, ob du sie ergreifst, so wie sie dich darüber meist im Offenen lässt, was dich erwartet, wenn du sie ergreifst. Du weißt nicht, was sie dir eröffnen will, vielleicht weiß sie es selbst nicht, vor allem niemals im vollen Maße. Es bleibt, sich zu wundern, was wäre wenn. / Es ist leichter, bei sich zu bleiben, als die eigene Hand auszustrecken, wenn du vor meinen schweigsamen Blicken stehen bleibst und ich dich erreichen will. Vielleicht siehst du in meinen Augen auch die ausgestreckte Hand und kommst mir entgegen. Ein Hoffen auf eine Hand, die Möglichkeit, dass sie sich mir verschließt oder gar nicht erst blicken lässt. Wo Alleinsein war, nun Einsamkeit. / Ein einsamer Körper in einer vertrauten Räumlichkeit, die ausgestreckte Hand im Tanz fühlt die Luft im Raum wie das Fließen des eigenen Atems. Die Hand streckt sich aus zum Klang der Musik und lässt sich gehen, das Gewicht der Welt tragend im Einklang der Bewegung. Sie spricht von und für sich. Ich kann verstehen oder glauben; das Ausstrecken einer Hand, weil Dichtung und Musik trotz allem immer greifbar sind. / Wenn ich meine Hand unbedingt ausstrecke, dann ist … wahrscheinlich mein Kern. Eine Hand reicht unbedingt in die Ferne, vielleicht um die Wärme einer anderen Hand zu spüren oder die Buchstaben einer Tastatur zu berühren – zum Schreiben eines Wortes, das nicht mehr die Welt bewegen will, sondern nur sich selbst. Einer schreibt, einer liest. Von Außen betrachtet müsste man sich wundern, warum wir es nach wie vor versuchen. (sch)

12.12.2013

Straßenüberquerung, die

Wenn die Straßenbahn abbiegt, die Fußgängerampel geradeaus grün ist und auf der parallel zur Bahn verlaufenden Spur kein Auto kommt, dann kann man, sofern man sich der Verkehrsschaltung sicher ist, diagonal die Kreuzung überqueren und, gutes Timing vorausgesetzt, direkt hinter dem davonfahrenden Schwanz der Tram, ohne anzuhalten, unter verbrüdernden Blicken seiner Begleiter zwei Fußgängerüberwege mit einer Klappe schlagen. Dann bleibt man stehen, sieht sich um, und wartet, bis die weniger Mutigen über den regulären Weg hinterhergekommen sind. (oha)

4.12.2013

Kochrezept, das

Ich war dem K. eine ganze Weile lang widerspruchslos gefolgt, als es in einer der letzten Zeilen von mir verlangte, das Küchenmesser in meine Hand zu rammen und Muskeln, Fleisch und Sehnen unter die Hackfleischmasse im Topf zu rühren, bis sich das Fleisch zu einem Gesamtballen abgerundet und mein Blut die Fleischmasse rot gefärbt hätte. Es war das eine bißchen zu viel an Aufopferung, das mich für einen Moment zögern ließ und veranlaßte, den Brei aus Mehl, Eiern, Zwiebeln und Hackfleisch über Wochen in der Küche verschimmeln zu lassen. Es war das eine bißchen zu viel, das mich aus meiner Folgsamkeit gerissen und das ganze Unternehmen zum Einsturz gebracht hatte. Oder war es gerade umgekehrt? War es vielleicht gar nicht das Übermäßige der Anweisung gewesen, das mich zum Einhalten bewegt hatte, sondern ihre unwürdige Bescheidenheit, ja Unterwürfigkeit? Hatte ich nicht viel eher aufgehört, dem K. zu folgen, weil es nicht noch deutlich, ja unermeßlich mehr von mir verlangt hatte, etwa, daß ich mir das Messer in die Brust ramme und mich selbst in den Fleischteig einrühre, bis mein ganzer, ausblutender Körper eins geworden wäre mit den Zwiebeln, dem Eigelb und den Fettstücken, die sich weißlich glänzend aus der Fleischmasse abhoben? (ae)

27.11.2013

Holzweg, der

eine stöhnende Strecke. Die Geräusche des Holzwegs entstehen nicht in der Reibung zwischen Sohle und Belag (-> Quietschen), sondern er selbst gibt sie unter den Tritten des ihn Begehenden von sich. Mitunter stöhnt der Holzweg noch jahrelang, nachdem er begangen wurde.
Du hattest eilig, hektisch, Bretter überspringend, wegen des Salzes in der Luft den Ozean erwartend, den Holzweg hinter dich gebracht in der Blindheit dessen der beweisen muss und dem vom q.e.d. nur noch der letzte Punkt fehlt genau deshalb weil er blind ist und im Darüberhinweghasten hattest du noch die Gräser (unscharfes Grün) und die Bäume (Zelluloidbalken) am Wegesrand bewundert weil du dir selbst in der Umgebung gefallen hast und glaubtest das würde reichen sie wertzuschätzen but guess what die Umgebung hat ihr Wörtchen mitzusprechen und das weißt du auch weil du sie hörst, jetzt, viel später, wenn du lauschst und sie stöhnt. (oha)

20.11.2013

Falle, kafkasche

„[…] diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu daß ich schon im letzten Zimmer bin und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ Eine Maus spricht sich ihrem eigenen Ende entgegen: sie spricht sich zu Ende. Ihr Lebenslauf ist auch Sterbenslauf, eine Verzögerung innerhalb des zu Ende-gehens ihres Lebens und der Welt. Das letzte Zimmer ist der Ort, an dem der Lauf der Maus endet, denn für sie ist es die letzte Räumlichkeit, ihre Grabkammer, ihr Grab. Mein Odem ist schwach, und meine Tage abgekürzt; das Grab ist da. (Hiob 17,1) Wir hören ihr zu und hören gleichsam Hiobsbotschaften: wir hören die Vergänglichkeit in ihrem Gehen, die Endlichkeit im letzten Zimmer. Für die Maus ist das letzte Zimmer aber mehr als nur ein Zeichen für die Endlichkeit des Raums; es ist der Raum, in dem sie ihre eigene Sterblichkeit erfährt. Die Falle im Winkel des letzten Zimmers ist dort zu finden, wo die Welt der Maus endet. Es kann aber gar nicht von der Falle die Rede sein, – und schon gar nicht von derjenigen, die sichtbar und vorhersehbar ist – sondern virtuell von einer Vielzahl möglicher Fallen, denn es gibt so viele Fallen für die Maus, wie es für sie Möglichkeiten gibt, zu sprechen oder zu sterben. „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie. Die anvisierte Falle im Winkel wird durch den Einfall der Katze für die Maus als Falle hinfällig. Die Maus findet in der Katze ihr vorzeitiges Ende: Von einer Katze gefressen zu werden, ist eine Möglichkeit unter anderen, realisieren können hat sie sich aber deswegen, weil sie als unerwartetes Ende noch jedes zuvor scheinbare Ende durchkreuzt. Die Katze ist das Unerwartete, das wartet – unvorhersehbar wie der Tod. Sie ist das endgültige Ende der Maus, das allen anderen Enden zuvorgekommen ist. Über die Falle im Winkel muss sich niemand mehr Sorgen machen. Die Falle steht, wir laufen; die Falle wartet. (sch)

13.11.2013

Fenster, schmutzige

früher als Zeichen schlechten Haushaltens gewertet, heute allgemeines Phänomen, sind abhängig von drei Bedingungen: (1) Fenstern, (2) ihrer Beschmutzung, (3) einem günstigen Licht. Das Fenster gibt seinen Schmutz erst durch luminöse Inquisition preis. Agent dieser Ausleuchtung ist meist und selten absichtsvoll die Sonne. Sie gibt dem, was man nicht sehen sollte, eine Tiefendimension: die Tiefe der Verunreinigung. Der Großinquisitor aber bleibt stets im Dunkeln, ungesehen, geisterhaft. (ae)

6.11.2013

Bewegung, die

(1) das Wegbarmachen, Sichbewegen in der Welt; (2) Denken, Fühlen; (3) die Möglichkeit, das Geheimnis der Seele zu erahnen.
Körper, die sich bewegen, bleiben solange in Bewegung, bis sie entweder durch eine äußerliche Kraft oder eine innerliche Notwendigkeit zum Stillstand gebracht werden. Für jede Abweichung eines vertrauten Weges und jede Veränderung einer eingeschlagenen Richtung gibt es triftige Gründe. Indem man in Bewegung ist, bahnt sich ein Weg, der erst durch das Unterwegssein aus einer Unendlichkeit möglicher Wege als ein einzelner Weg sichtbar wird; als ein bestimmter Weg, der zu einer bestimmten Zukunft führt. Durch die Möglichkeit der Abweichung aber, durch die sich immer wieder neue, unbekannte Wege eröffnen können, bleibt diese Zukunft solange unbestimmt, wie es Wege zu begehen gibt. Es gibt keinen sicheren Weg, genauso wenig wie es eine gesicherte Bewegung gibt; innerhalb dieser Unsicherheit lässt sich jedoch auch dasjenige ausfindig machen, was zwar am unsichersten, aber dennoch – und gerade deshalb – am stärksten bewegt, nämlich Dichtung und Musik.
Körper, wie sie sich im Hier und Jetzt präsentieren, sind die Summe ihrer bisherigen Bewegungen. Ausschlaggebend für die Möglichkeit einer Bewegung ist sowohl körperliche als auch geistige Beweglichkeit. So lassen sich Hüften erst dann öffnen, wenn Vergangenes losgelassen werden kann. Schultern lassen sich öffnen, wenn man bereit ist, die ungewisse Schwere des Zukünftigen auf seinen Schultern zu tragen. Sich bewegen heißt, mit sich um seiner selbst willen im Moment zu sein. Beweglichkeit und Stärke – Dehnbarkeit und Muskelkraft – sind niemandem im gleichen Maße gegeben. Wir sind, was wir sind. Wir sind unterwegs zu dem, was wir sein können, jedoch erst durch Gelassenheit und harte Arbeit. Der Tänzer weiß, dass der höchste Sprung den meisten Schweiß kostet, und springt entschieden höher. Die schwungvollste Drehung verlangt den geschmeidigsten Kopfschlag, selbst wenn die Füße schmerzen. Nichts ist geschenkt in einer Welt, in der man allzu oft friert, bis auf die Möglichkeit, nicht mehr frieren zu müssen; die Möglichkeit, zu gehen oder zu tanzen, denn nicht ohne Grund entsteht in der Bewegung Wärme. (sch)

30.10.2013

nackt (adj.)

(1) verletzbar, bloß: das nackte Leben; (2) offenbar: die nackte Wahrheit.
Die Rede von der Nacktheit ist nur in der ersten Person singular möglich und auf eine zweite Person singular angewiesen. Ob du nackt bist vor meinen Augen, kann ich nicht entscheiden, auch wenn du es mir versicherst, kann ich bestenfalls daran glauben. Ich bin nicht auch schon nackt, nur weil ich unbekleidet bin, da meine Nacktheit zwar durch eine Entledigung von äußeren Umständen wie beispielsweise einem Fell oder den Erwartungen anderer Menschen an mich offen gelegt werden kann, Nacktheit selbst aber von innen kommt, indem sie noch unter die Haut geht, durch die sie erst nach außen strahlt. Daher auch die schwer nachvollziehbare Faszination einiger Männer mit schlafenden, ungeschminkten Frauen, die in ihrer Nacktheit bloß sind; ohne Rücksicht auf das Auge des Betrachters sind sie schnarchend oder stinkend nur bei sich und nichts anderes als sie selbst.
Nackt sein kann ich erst dann, wenn ich gelernt habe, mit mir allein zu sein. Ich muss meine Einsamkeit nicht lieben, um einzusehen, dass in der Einsamkeit Freiheit spürbar wird. Hier kann ich nackt sein, weil ich bin. Hier kann ich dankbar sein für mich mit allen meinen Makeln. Die Nacktheit um meiner selbst willen ist jedoch immer erst ein Anfang. Ich wundere mich selbst darüber, doch in meiner Nacktheit will ich mich dir außerhalb meiner Wände zeigen, um dir die Möglichkeit zu geben, mich entweder zu lieben oder zu hassen, da mir Neutrales seit jeher schon wenig sinnvoll scheint. Die Nacktheit nach außen zu tragen, indem ich mein Gesicht zeige, ist dabei niemals einfach oder schmerzfrei; doch Entspannung hilft, so wie Tränen manchmal helfen. Sobald ich meine Stimme hörbar mache, kannst du mich verletzen. Mit meinen Worten kann ich dir Unrecht tun. Doch selbst hier bleibt die Nacktheit der Entschuldigung mit gesenktem Haupt, wenn du mir das Gewicht meines Stolzes von den Schultern nimmst (oder ich dir). Warum also sollten wir unser Leben nicht so nackt leben, wie das Leben nun mal ist? Das Nackte ist nicht transparent für uns, es ist immer farbig in allen Farben unserer Persönlichkeit. Doch mit Worten allein werde ich dir niemals genug gezeigt haben; daher vielleicht nur der Hinweis, wenn du einmal nackt über einen Markt laufen solltest, nimm Abstand von scharfen Gewürzen, denn wenn du dich einmal nackt in ein fernöstliches Gewürz gesetzt hast, wirst du wissen, dass brennender Schmerz auch physisch sein kann. (sch)

23.10.2013

Stille, die

(1) ein schrecklich stummer Lärm; (2a) Sprachlosigkeit innerhalb eines Gesprächs oder das Ende jeden Sprechens; (2b) Ort in der Sprache, an dem Gedanken nachklingen.
Am Ende aller Erzählungen geht die Sprache in Stille über, was nicht heißt, dass sie stillsteht. Die Sprache wird zwar mäuschenstill, doch Worte klingen in Gedanken nach. Ein Gespräch endet selbst dann nicht, wenn ein Sprechender in einem solchen Maße still wird, dass man ihn für tot erklärt, da seine Sprachlosigkeit nicht auch das Ende seiner Sprache in der Welt bedeutet; vielmehr hat sich seine Rede durch die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit bereits in seinen Gesprächspartner übersetzt, und zwar als eine andere, als eine stille Sprache, die in Erinnerung geborgen ist.
Bei einem Gespräch wird es still, wenn Gesprächspartner wieder zu Menschen werden, die sich nichts zu sagen haben. Diese Stille selbst aber ist der eigentliche Ort der Begegnung. Sie ist Ort der Berührung im Sinne eines Ineinanderfaltens fremden Denkens zwischen Sprechenden, die nicht nur von sich erzählen, sondern auch voneinander wissen wollen. Im Hören und Nachvollziehen dessen, was die Sprache des Anderen impliziert, also im Versuch, dasjenige zu berühren, was sich durch die Sprache im Gespräch freizusetzen sucht, treffen sich die eigene und die fremde Hand, die sowohl Hand als auch Klaue sein kann, wie zu einem gemeinsamen Gebet. Im Gespräch falten sich so Welten ineinander. Wenn diese Welten sich berühren, berührt eine Möglichkeit der Welt eine andere. In der Stille des Gesprächs bleibt jede mögliche Welt unvollendet zugunsten einer Welt, deren Zukunft nicht in sich geschlossen, sondern auf etwas anderes als sich selbst – auf eine weitere Zukunft ­– gerichtet ist.
Die Fortsetzung des gemeinsamen Denkens in der Stille ist dann möglich, wenn es zu einer Berührung zwischen eigenem und fremdem Denken kommt. Dieser Dialog zwischen unterschiedlichem Denken ist Prämisse einer geistigen Schöpfung, aufgrund derer die miteinander Sprechenden durch die Fortsetzung ihrer sprachlichen Bewegung neue Lebenskraft schöpfen können. In der Stille ist ein Denken hörbar als Gedenken der Vergänglichkeit und Künftigkeit zugleich, ein Denken im stillen Andenken an die Sprache des Anderen. Die Stille bahnt den Weg ins Geheime des Menschen; den Weg des Selbst als einem Anderen in eine immer andere Heimat. (sch)

16.10.2013

Anlässlich des 200. Geburtstags von Georg Büchner am 17. Oktober 2013

Handstand, der

(1) eine Möglichkeit, den Himmel als Abgrund unter sich zu haben; (2) das Begreifen des Bodens, auf dem man für gewöhnlich mit den Füßen steht.
Die Herkunft des Handstands ist bis heute umstritten, es wird jedoch vermutet, dass die Form des Handstands zunächst aus der Praxis einer spezifischen Geistesakrobatik hervorging. So hatten sich verschiedene Denker und Dichter im Laufe der Zeit durch Verkündung wesentlicher Denkstrukturen sprachlich als große Geister ausgezeichnet, was eine untragbare Schwere ihrer Köpfe zur Folge hatte. Aufgrund dieser Verlagerung der Gewichtigkeit des Menschen vom Becken- und Lendenbereich in den hochkonzentrierten Kopf wurde das hängende Haupt vorerst hinter dem eigenen Körper durch Schleifbewegungen am Boden transportiert, was sich jedoch angesichts schmerzhafter Blessuren und eines erhöhten Risikos des Kopfzerbrechens durch den unachtsamen Schritt fremder Füße nicht durchsetzte. Schließlich entwickelte sich sowohl der Handstand als auch der Kopfstand entsprechend günstiger anatomischer Faktoren wie etwa der Länge des menschlichen Unterarms (und des Arms überhaupt), die immer größer ist als die Entfernung zwischen Kopf und Boden, was erstmals eine Entspannung von Kopf und Halswirbel des Denkers erlaubte. Der Handstand gilt seither als Prämisse für den Gang auf den Händen, wie er heute von verschiedenen Kopflastigen betrieben wird, vor allem zum Schutz vor Brunnensturz und Schädelbruch.
Ende der ersten Hälfte des 19. Jh.s ließ sich neben Handstand und Handgang vermehrt der Versuch beobachten, nicht nur auf dem Kopf zu stehen, sondern auf dem Kopf zu gehen, was jedoch meist erfolglos blieb. Dieses Phänomen, heute unter der Bezeichnung des Lenzschen Unbehagens in der Welt bekannt, lässt sich auf eine vermehrte Büchner-Lektüre zurückführen. Zu Gründen des Handstands siehe auch Erich Kästners „Handstand auf der Loreley“ (1932). Der zeitgenössische Handstand variiert allerdings in Ausprägung und Grund. So stärken einige Handständler im Handstand sowohl Bauch- als auch Arm- und Schultermuskulatur, um ihr eigenes Joch tragen zu können. Im Hinblick auf das Erlernen des Handstands lässt sich eine weit verbreitete Furcht vor dem Handstand feststellen, die jedoch keine Furcht vor dem Handstand ist, sondern eine Furcht vor dem Fall. Bei Verlust des Gleichgewichts öffnet sich im Handstand die Möglichkeit, das Verletzungsrisiko beim Fall durch einen Perspektivwechsel, d.h. durch die spontane Drehung des Körpers auf einer Hand in jede beliebige Richtung, zu minimieren; der Handstand selbst ist die Möglichkeit, in einer verkehrten Welt so zu fallen, dass der Geist des Menschen am Fall nicht zerbricht. (sch)

10.10.2013

da!Ma

beschreibt die Wiederkehr der Ur-Mutter in Weiß, nach dem letzten Selbstmord,
nach dem(-)n/Nach dem
Kadaver treten – nach Der Ruhe und Dem Frieden & Dem Sperrmüll,
auf dem der alte Schreibtisch gelandet ist, in dem die Schatulle aus einer weggeschabten Kindheit
darin wiederum Hoffnung und andere Knöpfe, nach dem Warten
bis die zwei Müllmänner auch die alten Möbel der Nachbarn abgetragen haben (einer raucht, einer schreit), nach dem Augenschweiß

War Weiß
Unser Morgen Mama.

(jg)

2.10.2013

Nervenbündel

Körper und Psyche zerfasernder Begriff, dessen Stränge – wie Blätter und Schneeflocken – sich nicht in der Natur wiederholen, sondern immer aufs Neue die Frage nach links und rechts, blauem oder grünem Draht aufwerfen und gefallen lassen müssten, gäbe es da nicht auch rote Fäden: Unaufmerksamkeit, die Peripherie des Sichtfelds oder ein Lied im Hintergrund, welches vom Gespräch wie ein plötzlicher Gleiswechsel abführt. Abwesenheit des Gegenteils, Abstraktionen, Namen, Worte. Zwänge. Verwobenheit. Narben. Diese Weltknoten, monolithisch im Sinne eines Möbiusbandes zu nennen, bleiben unlösbar und können auch gedanklich nicht ohne Sprünge nachgeknüpft werden. (Was auf der Zunge liegt, kann nicht ausgesprochen werden, Wälder vor lauter Bäumen nicht gesehen usw.) Körper und Geist, Finger und Zeig, Zunge und Schlag sind ihm zu entnehmen als zwei Seiten, jeweils Ein- und Ausgang eines Gebindes. Nervenbündel ohne Beunruhigung. Mit den Ausnahmeerscheinungen seiner Lösung befassen sich Geschichten, wie die vom gordischen Knoten. (fn)

25.9.2013

halb geöffnete Tür, die

Prototyp des Waldgängers: Walden (Thoreau). Der Mensch.
Anlass seiner Askese: der als Blinddarm seiner Technik sich selbst eliminierende Mensch.
Technik: dunkler Begriff.
Ziel der Askese: den Begriff ‚Technik‘ demolieren; die Natur nicht aufhören lassen; den ästhetischen Zustand der Innigkeit zwischen Körper und Geist erreichen, d. h. zu sich selbst kommen, um selbst zu sein.
Programm der Askese: Atmen.
Was: frische Luft.
Wo: außerhalb der Gemeinschaft.
Wie: außergemeinschaftlich.
Waldens Geistesverwandter: Raskolnikow.
Motiv der Erschließung dieser Verwandtschaft: die „halb geöffnete Tür“, durch die Raskolnikows Wirtin misstrauisch in dessen Zimmer blickt, wo sich ein Student und Nastasja befinden, die den kranken, schlafenden Raskolnikow beobachten.
Die List der Beobachter: Nachdem die Wirtin sowohl von Nastasja als auch vom Studenten hört, dass Raskolnikow „zu sich gekommen“ sei, schließt sie die Tür und verschwindet. Kaum geschlossen, wird die Tür erneut geöffnet, Rasumichin tritt ein und fragt Raskolnikow, ob er zu sich gekommen sei.
Nicht auszuschließen: dass Raskolnikow selbst die Beobachtung wittert; dass er sich für beobachtungswürdig hält.
Frage 1: Wie in aller Welt soll man zu sich kommen, wenn man von Menschen umgeben und beobachtet wird, d. h. im prüfenden Blick des anderen ist, und die Tür offensteht für weitere?
Betonung: in aller Welt.
Frage 2: Wie in aller Welt kann man sprachlich aussein – auf sich selbst? Leider können die Menschen nicht die Ohren schließen – wie ein Auge. So glauben sie immer, alle Sprache sei an sie gerichtet. So glauben sie immer, alle Sprache betreffe sie.
Zitat: „Schauend ändert man Menschen und Welt.“ (Carl Einstein)
Anmerkung: Man muss nicht Einstein sein, um zu wissen, worauf sich dieser Satz bezieht. Meistens drückt man ein Auge zu, um weiter zuschauen zu können. Zu einer Anklage kommt es jedoch nicht, weil eine Straftat im juristischen Sinne nicht festgestellt werden kann.
Danke: an den einzigen Menschen, der Raskolnikow entgegenkommt: an die Wirtin, die von Gesprächen eingeschüchtert weggeht.
Drohung/ Gutschrift: Wenn man keine Wildnis mehr hat, da ihre Räume erschlossen und versperrt sind – und Raskolnikows Zimmer ist potenziell ein solcher Raum –, wird man die Wildheit andernorts suchen und die Türen anders schließen müssen. Man wird versuchen, die Wildheit anders als durch den tatsächlichen Waldgang zu erreichen.
Eingelöste Gutschrift: Diese Türen der Beobachtung stehen nach Osten hin sperrangelweit offen, weshalb man dort zum einen seit jeher einen extremen Alkoholismus ausmachen kann, über den man sich erneut dem Selbstsein anzunähern versucht. Auch die Figuren Dostojewskijs trinken unablässig und gleichzeitig singen sie traurige und sentimentale Lieder, die ihren Ursprung in einem wirklichkeitsfremden Kollektivismus haben – der Autor dieses Relativsatzes ist ein „lupenreiner Demokrat“ –. Diese Lieder werden in einem belebenden und zugleich betäubenden, durch den Alkohol erreichten Rausch gesungen, der das Analogon des ästhetischen Zustands ist. (Zu beachten: Rausch = Isolation.) Zum anderen kann man dort einem Fluchtweg in die Sprache folgen.
Randbemerkung: Dass das Selbstsein von sentimentalen Sprachflüchtlingen aus einem pathologischen Zustand hervorgeht, interessiert mich nicht. (ab)

18.9.2013

»Die letzte Schlacht gewinnen wir!«

Revolutionäre Parole. Von Verfechtern und Kritikern verstanden als Ausdruck geschichtlicher Gewissheit über das Ende des Kapitalismus. Heute wegen seines geschichtsdeterministischen Untertons aufgegeben oder zum Spottwort herabgesunken. Verfechter und Kritiker irrten indes einhellig über den Inhalt des Satzes: “Die letzte Schlacht gewinnen wir” bedeutet nicht, dass ein Ende des Kapitalismus absehbar oder auch nur zu erreichen ist. Es bedeutet, dass die Schlachten nicht vor der Konkurrenzwirtschaft enden werden. Sollte ein Zustand ohne Schlachten erreicht werden, so wäre die letzte Schlacht eben die gegen das, was in der Geschichte den Schlachtzustand erzeugt und bewahrt hat. “Die letzte Schlacht gewinnen wir” heißt nur: ohne Sieg kein Ende. (ae)

18.9.2013

Maultasche

MAUL (äußernde Öffnung) TASCHE (gefülltes und veräußerbares), für – Minute // Aber lineare Horizonterweiterungen in der die Kelten zerrissen was sie vorher // dadurch, dass du mir müde bist, bin ich vor dir // blau und das Handtuch, das sich färbte mit sowaswie Schweiß // und so finden wir Tauben ihr JA aus dem Skelett auf unsere Köpfe drücken // senkrecht // Orpheus wieso Orpheus, weil der Tod keiner war, aber sodann // lila ist unmännlich aber für Sexualität sind zwei Menschen zu denken // Schachteln und ihre Geschichten, die mit Zähnen spazieren gehen // sicher ist darunter gesprochen verweichlicht, Genesung zeigt dein Laborwärts // Du Du Du Picasso wollte nur zwei was will ich // wir brauchen die Lüfte zum Bewässern unsrer Früchte // schau's an und es zeigt sich was drin ist also drauf, denn drüben wohnt die Festung in sich selbst // dieser Finger gehört da nicht rein, Schätzchen // Zigeuner sind die besseren Juden: schneller, weiter, ihr Jerusalem ist das Zelt, neben das sie pinkeln, Achtung! // ohne einen guten Trainer verliert jeder Verein // Muttermilch und der junge Paul, dem das Sprungseil geraubt wurde, um Horst zu erhängen // 2 Prozesse die zum Schwärmen führen, einer davon war Papa // Weiß und Asche, Hand in Hand // Und so schwieg ich, aber mein Zeh tanzte den argentinischen Walzer // die Klage, dein Springbrunnen, kleines Mädchen, hier endet dein Missbrauchsrecht // STOPP! (jg)

12.9.2013

Dilettant, der

Meint gemeinhin den Menschen, dem der Sinn nach etwas steht, der jedoch über die Andeutung der Möglichkeit (etc.) einer vollständigen Umsetzung nicht hinauskommt. Der Dilettant findet kein bereits vorgestelltes Gefäß für das, was seine Hände formen. Also preist er die Vollkommenheit des Fragments, wiederholt seine Fehler, entwickelt ein Gespür einzig für Dinge, die er spürt (und die in der Abstraktion zwangsläufig scheitern müssen).
So belauscht er das Knistern, in dem sich die Reibung zwischen Idee und Vermögen entlädt. Er ist sich sicher: Die Störung bereichert, mitunter entwickelt sie dasjenige im Prozess, das sich am ehesten einem Adressaten zusprechen wird. Sein Gegenspieler hingegen strebt stets nach Einklang und Kontrolle, überfordert in den Augen des Dilettanten somit die Kohärenz und verkitscht dafür alles andere. Im Gedanken jedoch, dass im Kern der Weisheit das Unvermögen schlechthin (aber eben keine Besonderung dieses Unvermögens) beheimatet ist, befühlt der Dilettant das ihn Umgebende mit einem fröhlichen, bisweilen irrsinnigen Lächeln. Fragte man ihn nach dem Begriff „Vermögen“, müsste er freilich in einen Apfel beißen, mit den Schultern zucken und nach schlafloser Nacht am nächsten Tag den Wecker überhören. (vif)

10.9.2013

Zahn/ Zähne

Gewöhnlich mehr als zweischneidige Gesteinsformation im Bereich der Mundhöhle von Nicht-Kieferlosen. Wird mit anhaltendem Geschick immer noch und maßgeblich als Waffe genutzt. So etwa im Überzug sprachlicher Szenen mit S-Z-ischlauten oder beim Abgrasen der Menge mit vorgehaltenen Schneidezähnen (? Lächeln). Mauerzinnen vergleichbar birgt das Blecken des Zahnschmelzspiegels erhebliche Schutz- und Trutzfunktion und macht den Zahn daher auch als Talisman, Fetisch, Reflexionsgegenstand interessant. Sprichwörtlich geworden ist diese ideell-materielle Doppelung in der biblischen Rätsel-Phrase „Zahn um Zahn“, die gedanklich um den Zahn als Gegenstand kreist und angewandt eine Zahn-Zirkulation in Gang zu setzen sucht. Vater der Zahn-Technik im engeren – aber wiederum zweifachem – Sinne könnte der Redner Demosthenes gewesen sein, der zur rhetorischen Verteidigung den Mundraum mit zusätzlichen Wetzklunkern verstärkt haben soll. Obgleich seither im gedanklichen wie handgreiflichen Schlagabtausch häufig die Absicht geäußert wird „auf den Zahn zu fühlen“, bleibt das Gebiss im Gefühl dem eigenen Körper doch fremd. Aus Wahrnehmung und Zahnfleisch herausstechend, fällt das Gebiss doch erst auf, wo ihm mit Bohrer und Füllung nachgegangen wird, wo es einer Zunge den Durchgang verwehrt, wo es anschlägt. Seine Verwurzlung impliziert vor allem seinen Ausfall, wie auch an mit Trageschlaufe gesicherten Werkzeugen etwa ein solcher sich ankündigt. Der Zahn wird so trotz seiner natürlichen und sozialen Einlassung nur als ein Extremfall hingenommen, als ausgewachsenes Kuriosum. Daher wächst am Zahn aber auch die Individuationsfähigkeit eines Organismus, in Form einer erhöhten Aufmerksamkeit, einer Empfindlichkeit, in dem Maße der Furcht seiner Behandlung, seines Verlust oder seiner freiliegenden Nerven. Eine Zahnlücke oder ein allein verbliebener Zahn kann mit klammerloser Spannkraft zusammenhalten, was im Gebiss unbemerkt aufgelöst blieb. In gebrochenen, fehlenden oder falschen Zähnen, den Dritten, ist der Mensch gewissermaßen „abstoßend“ zu finden. Daher liegt in jedem Prothesenglas etwas von einem mit melancholischen Schlieren durchzogenen Abschied von der Natur. Diese Ausfälle spuren zugleich einen Pfad zur Wiege der Menschheit. Über seine Krankenlager und Sterbebetten kann an ihnen der aufrechte Gang zurück gegangen werden. Die Reihe der Molare, d.h. das Aufkommen einer im Körper selbst verfassten Technik, pflanzt im Grenzgebiet zwischen Para-Anthropus und Mensch. Eine dieser UR-Saaten geht noch immer in jedem Kiefer auf und wird – wie in der ostasiatischen Stempeltradition (?) – zu unserem Familiensiegel. (fn)

Kommentare


Mariposa - ( 22-12-2013 05:20:47 )
In diesen Worten liegt die Wahrheit & sie lassen mein Herz schneller schlagen! Vielen Dank!

Bernd Litke - ( 29-11-2013 06:22:45 )
Sehr schön! Besonders von Sarah Schuster!

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erstellt am 20.8.2013

Nichts weniger als eine G roße E nzyklopädie der W elt i n S prache und S inn (GEWISS) soll vor aller Augen in Faust-Kultur entstehen. Die Autoren sind Redakteure und Mitarbeiter der literarischen Zeitschrift ‚OTIUM’, deren Texte und Dichtungen an allen Erwartungen vorbeilaufen, um sich jenseits des Bekannten und Erprobten zur Alphabetisierung der Gegenwart auf treibendem Grund anzusiedeln. Man kann wohl nicht abstreiten, daß wir seit der Erneuerung des Schrifttums bei uns den Wörterbüchern zum guten Teil jene allgemeinen Kenntnisse verdanken, die sich in der Gesellschaft verbreitet haben, und damit auch jenen Wissenskeim, der den Geist unmerklich auf tiefere Erkenntnisse vorbereitet. Zweifellos steht die Enzyklopädie in einer gewissen Tradition, die sie dazu verpflichtet, diese Tradition auf die neuen Erfordernisse hin zu überschreiten. Diese Erfordernisse werden von den Autoren definiert: „Von unseren Fähigkeiten haben wir unsere Kenntnisse abgeleitet. Die Geschichte verdanken wir dem Gedächtnis, die Philosophie der Vernunft und die Poesie der Einbildungskraft.“

Die Artikel des neuen Lexikons GEWISS erscheinen in loser Folge in Faust-Kultur, und nichts wird so sein wie vorher. Denn die Wörter in diesem Lexikon laufen ihrer Deutung zu.

Otium-Projekt auf faust-kultur

Redaktion

Alexandru Bulucz (ab), Alexandra Colligs (ac), Andreas Engelmann (ae), Viktor Fritzenkötter (vif), Ossian Hain (oha), Sarah Schuster (sch); mit weiteren Beiträgen von Jakub Gawlik (jg), Florian Nickel (fn)

siehe auch

Zeitschrift OTIUM