Die Künstler Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles nähern sich im Rahmen ihres Projekts „World Wide Wheat“ mit künstlerischen Mitteln dem weltweiten Phänomen der Spekulation mit Agrarrohstoffen. Die erste Station ihrer Recherchen war Ägypten. Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles haben im Juni 2013 mit einem Stipendium des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) vier Wochen in Kairo verbracht. Faust Kultur dokumentiert hier exklusiv die Ergebnisse ihrer Reise.

Künstlerisches Projekt

World Wide Wheat

Von Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles

Der Prolog

„Das alles liegt im Boden still begraben,
Der Boden ist des Kaisers, der soll's haben.”

Johann Wolfgang von Goethe, Faust II

World Wide Wheat ist ein künstlerischer Ansatz, ein Versuch, künstlerischer Praxis und die abstrakten Strukturen des Weltmarktes für Agrarrohstoffe miteinander in Bezug zu setzen. Dabei werden grundlegend die Zusammenhänge und das Handeln einzelner Akteure, wie der Finanzinstitutionen, der politischen Entscheidungsträger oder des einzelnen Spekulanten und der betroffenen Individuen, für die Grundnahrungsmittel unbezahlbar werden, als Basis für ein daraus resultierendes künstlerisches Handeln ausgewertet.

Die erste Phase der Realisierung führte uns nach Ägypten. Der Grund dafür liegt in dem unverkennbaren Zusammenhang zwischen den Preisschwankungen für Agrarprodukte auf dem Weltmarkt und dem Ausbruch der Revolten des sogenannten Arabischen Frühlings in Nordafrika. Zwei Reisen in den Jahren 2012 und 2013 ermöglichten uns einen erkenntnisreichen Dialog mit Menschen, die einerseits als Subsistenz-Bauern ihren eigenen Weg gehen und das rare Gut des ägyptischen Weizens produzieren oder die sich kritisch-künstlerisch mit Gesellschaft und Machtstrukturen in Zeiten eines vermeintlichen Wandels auseinandersetzen.

Das Thema der Spekulationen mit Agrarrohstoffen ist bereits im öffentlichen Diskurs angekommen. Inzwischen wurde gesellschaftlicher Druck erzeugt und Anfang 2013 zogen sich in Deutschland bereits einige Akteure, wie die Commerzbank, die Deka-Bank oder die Landesbank Baden-Württemberg aus diesem Geschäft zurück. Das ist erfreulich, doch das globale Wettbüro boomt weiter. Jeder achte Mensch leidet an Hunger – das macht knapp 1 Milliarde Menschen. An Hunger sterben mehr Menschen als an Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen. Hunger wird gleichzeitig als ein lösbares Problem unserer Zeit verstanden. Schon an Beispielen aus der Antike haben wir gelernt, dass der Hunger des Volkes politische Systeme erschüttern kann. Genau das ist 2008 in Ägypten bei den Brotaufständen wieder passiert und war ein wesentlicher Beitrag zu dem, was heute als Arabischer Frühling bezeichnet wird. Das Gesamtsystem wird instabiler.

In der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema kann es nicht um die Schuldfrage gehen. Die Spekulanten verkaufen Produkte und offensichtlich gibt es genügend Konsumenten, für die einzig hohe Renditen entscheidend sind. Wenn schon die Banker nach Regulierung verlangen (dies war eine Forderung des DZ-Bank-Vorstands Lars Hille) und wenn der hedonistische Mensch einfach nicht aus seinen Fehlern lernen will – man denke an die große Finanzblase, die 1929 schon einmal in den USA geplatzt ist –, ist in diesem Sumpf nichts mehr überraschend. Die Spekulation mit Agrarrohstoffen stellt eine Entfremdung dar, die an so vielen Stellen in unserer Gesellschaft sichtbar wird. Das Stoffliche, der Weizen selbst, ist unsichtbar. Die Spekulanten arbeiten abstrakt mit Zahlen, ihre Ergebnisse sind ebenfalls nur Zahlen. Reale Auswirkungen spüren sie nicht. Sind sie Corporate Psychopaths oder ist das lediglich die Normalverteilung der menschlichen Natur? Die Komplexität will keiner mehr begreifen, und das ist im Sinne derer, die in den Graubereichen und jenseits davon ihre Geschäfte abwickeln. Eine Unmittelbarkeit ist nicht mehr gegeben. Die Kunst in all ihren Formen kann dazu beitragen zwischen derartigen Sinn-Enklaven zu vermitteln. Ein Kulturraum umschließt jene, die dessen Bedeutungen teilen: Ein Pianist aus dem bayrischen Alpenvorland teilt möglicherweise mehr mit einem indischen Sitar-Spieler als mit einem Hedgefonds-Manager aus dem Nachbardorf.

Die Auswirkungen der Nahrungsmittelspekulationen und der fehlgeleiteten Agrarpolitik sind in fast jeder Straße Kairos zu sehen, denn dort wird das typische runde Brot in schlechtester Qualität verkauft. Vor Ort sind mehrere Arbeiten zu World Wide Wheat entstanden, die in direktem Zusammenhang dazu stehen.

Die Street-Art-Arbeit „Nuda Veritas“ entstand in einer Nacht kurz vor dem 30. Juni 2013, dem Tag an dem die Ägypter einen der größten friedlichen Protestmärsche aller Zeiten mobilisieren sollten. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf ein gleichnamiges Werk von Gustav Klimt. In einer Straße, die auf den Tahrir-Platz führt, haben die Künstler Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles gemeinsam mit drei anderen ägyptischen Künstlern eine Wand zu einer Open-Air-Galerie gemacht. Neben Skulpturen, Malerei und Kalligraphie hängt dort bis heute ihre fotografische Arbeit. Drei Fotografien zeigen Weizenfelder, gerahmt in großen verkohlten Holzrahmen, die ihnen auf den Straßen Kairos in die Hände gefallen sind. Die Rahmen zeugen von einem in die Öffentlichkeit gebrachten Innenraum. Es ist eine Anspielung auf etwas Privates und Museales. Denn beides spielt in dieser Zeit keine große Rolle mehr. Das Leben und der Protest finden auf der Straße statt. Auf dem Hauptbild ist der halbe Körper einer nackten Frau inmitten eines Weizenfeldes zu sehen. Die Frau, die erst bei genauem Hinsehen entdeckt wird, lenkt den Blick des Betrachters vom Weizen ab. Eine Woche, bevor das Bild im öffentlichen Raum angebracht wurde, hielt der ehemalige Präsident Mohammed Mursi eine Rede in einem Weizenfeld – das Bild schwirrte tagelang durch die Medien und hat schließlich auch die Rezeption dieser Arbeit beeinflusst. Die Bilder sind auf dem weißen Hintergrund eines Billboards befestigt und verweisen so auf die Werbestrategien, mit denen globale Firmen Kairos Stadtbild verändert haben. Es gibt Tausende Billboards voller Werbung in der Stadt. Unter den Bildern hat Sameh Ismael Tawfik eine Kalligraphie geschrieben: „Nuda Veritas“ auf Arabisch. Mit diesen Bildern wurde ein medialer Repräsentant des Weizens in die Stadt gepflanzt.

Nora Al-Badri / Jan Nikolai Nelles: Nuda Veritas, 2013; Installationsansicht in unmittelbarer Nähe zum Tahrir-Platz, Kairo

Eine weitere Arbeit entstand im Agrarmuseum in dem Stadtteil Dokki. Das Museum für Agrikultur ist ein Relikt, das seit 1930 nur wenig Veränderung erfahren hat. Darin wird u.a. Ägyptens Agrarproduktion in Zahlen und aufwendigen Modellen zur Schau gestellt, doch diese Dokumentation entstammt den 1960er Jahren und wurde seitdem nicht aktualisiert. Ursprünglich war es ein Palast für die Prinzessin Fatima, die Tochter von Ismail dem Prächtigen, einem Modernisierer des Landes. Heute kann das Museum als eine Allegorie auf den Zustand der Stagnation durch verkrustete Machtstrukturen des Landes, die im Kontrast zu der vitalen und kämpferischen ägyptischen Gesellschaft stehen, verstanden werden. Ein morbides Allerlei eröffnet sich in den endlosen Hallen. Wachsfiguren, die traditionelle Szenen nachstellen: ein offensichtlich hierarchisches Modell seit Jahrzehnten unverändert und verständlich für Jedermann. Gleichzeitig trifft man auf zerfledderte Tierpräparate, trotz Formaldehyd von der Rebe gefallenen Trauben am Grund der undicht verschlossenen Glaskolben. Entstanden sind mehrere Videoarbeiten und eine umfangreiche Fotostrecke.

An einem heißen Tag in Sichtweite der Sahara wurde auf einem Dorfplatz in einem ländlichen Gebiet Kairos ein provisorisches Outdoor-Studio an der Wand einer Moschee angebracht. Entstanden ist eine Portraitserie von ägyptischen Kleinbauern mit ihrem jeweiligen Esel und eine fotografische Erzählung von der schieren Unmöglichkeit, Esel im Studio zu fotografieren. Die weiße Plane schaffte einen neutralen Hintergrund und löst die portraitierte Zweckgemeinschaft aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus, wobei Verweise wie Teile der Moscheemauer, Dreck oder Steine geblieben sind. Die Kleinbauern sind die Produzenten des ägyptischen Weizens. Viele von ihnen sind Subsistenzbauern und erwirtschaften nur eine geringe bis keine Produktion über den eigenen Bedarf hinaus. Der Esel ist hierbei eine Konstante. Er ist bei jedem Kleinbauern zu finden und erledigt die schwersten Aufgaben. Ein genügsames und fleißiges Tier. Auch im Stadtbild Kairos tauchen zahlreiche Esel im dichten Gedränge hupender Automobile auf.

Zum Abschluss wurden bei der Rückreise ein Dutzend Kilo ägyptischer Weizen nach Deutschland exportiert. Der Export ist verboten, denn es existiert nur eine – in Bezug auf die Bevölkerungsgröße – geringe Menge Weizen in Ägypten. Der Rohstoff wurde als Kunstwerk deklariert, dadurch wurde der rechtlich korrekte Export ermöglicht. Der Weizen war ein Geschenk von einer Kleinbauernfamilie aus Abu Sir im Großraum Kairos, und Weizen soll nun als Ausgangsmaterial für weitere Projektarbeiten zu dem Thema dienen. Letztlich stellt er eine Persiflage auf das globale Spiel der Nahrungsmittelspekulationen der Industrieländer dar und führt den Handel ad absurdum.

world wide wheat

Kapitel I: Ägypten

Vom Kornspeicher Afrikas zum hungrigsten Kunden auf dem Weltmarkt

In den 1930er Jahren war Landwirtschaft in der fruchtbaren Nilebene noch einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Aber auch heute sind ein Drittel aller Ägypter in der Landwirtschaft beschäftigt und der Anteil am Bruttosozialprodukt liegt bei knapp 15 Prozent.1 In den 1990er Jahren hat sich im Zuge von Strukturanpassungen und der Privatisierungspolitik Mubaraks die Zahl der Armen signifikant erhöht. Über 90 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe arbeiten an oder unter der Subsistenzgrenze, demgegenüber steht eine steigende Anzahl von Großbauern, die das meiste Land besitzen (u.a. dank einer Gesetzesänderung über die Aufhebung erblicher Pachtrechte und staatlicher Subventionen). Insgesamt sind nur 3,5 Prozent der Landfläche in Ägypten fruchtbar und können als Anbaufläche genutzt werden. Weizen ist dabei das wichtigste Grundnahrungsmittel: Im Land angebauter Weizen deckt allerdings nur die Hälfte des Bedarfs und bleibt auch fast ausschließlich im ländlichen Raum. Von daher ist Ägypten stark auf ausländische Importe angewiesen.

Einst war Ägypten der Kornspeicher Afrikas. Heute ist das Land sogar der größte Weizenimporteur der Welt. Auf dem Weltmarkt kauft es Weizen u.a. von Russland, Frankreich oder Argentinien. Dadurch entsteht eine Abhängigkeit von den schwankenden Weltmarktpreisen. Dieses Geschäftsmodell wurde vom Militär und dem Mubarak-Regime entwickelt und hat schon 2008 zu den sogenannten Brotaufständen geführt. Ein Kreislauf, der – solange die Regierung Klientelpolitik betreibt – nicht gestoppt werden kann. Es handelt sich nicht einfach um Korruption, sondern um einen Systemfehler, der seit Jahrzehnten exerziert wird.

Zur selben Zeit in Chicago, dem größten Handelsplatz für Rohstoffe, kam es zu dramatischen Preisschwankungen: Innerhalb eines Jahres hat sich der Getreide-Index fast verdoppelt (FAO 2008). Die Preise für Weizen, Mais und Reis liegen um 150 Prozent über jenen des Jahres 2000. Grund für den Anstieg waren Investoren, die kein reales Getreide kaufen, sondern nur Wetten auf Preisbewegungen abschließen. Mehr als 50 Prozent des Handels werden heute von diesen Investoren kontrolliert (bei Renditen von bis zu 50 Prozent). Auch 2010 sind die Nahrungsmittelpreise nach Weltbankangaben wieder um ein Drittel gestiegen. Biotreibstoffe oder „hungrige Chinesen“ sind erwiesenermaßen nicht die Gründe für die Preissteigerung. In einem Interview mit der Deutschen Börse erklärt Rohstoffexperte Axel Herlinghausen von der DZ Bank: „Man sollte nicht übersehen, dass die Lager nach wie vor voll sind, es herrscht kein Mangel an Weizen.“ Mehr Potenzial für Gewinne sieht der Analyst für Soja und Mais.

Dass es Termingeschäfte auf Agrarrohstoffpreise gibt, ist per se nicht verwerflich und eine althergebrachte und bewährte Praxis. Doch die Rahmenbedingungen haben sich entscheidend geändert. Eine Reihe von Gesetzesänderungen in den USA in den Jahren vor und auch nach der Jahrtausendwende haben diesen Markt für branchenfremde Händler immer weiter geöffnet, ohne dass es eine plausible Notwendigkeit für diese Öffnung und Deregulierung gegeben hätte. Dies ermöglichte eine Einwanderung von branchenfremden Spekulanten, die diesen Wirtschaftszweig für sich vereinnahmten. Kritiker sprechen von einer Finanzialisierung des Marktes für Grundnahrungsmittel. Inwieweit ist heute der Wert das Brot mit den ‚Shareholder Values’ zu vereinbaren? Zurück zur Schuldfrage: Bei wem liegt also die Beweislast? Dürfen Finanzakteure wie die Deutsche Bank oder die Allianz fröhlich weiter spekulieren, bis bewiesen wurde, dass das, was sie tun, ein ferngesteuertes Massaker ist? Oder müssen sie erst beweisen, dass alle Anschuldigungen vollends absurd sind? Es wird sich zeigen, wie die Geschichte geschrieben wird.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 19.8.2013

Nora Al-Badri / Jan Nikolai Nelles: Nuda Veritas, 2013;
Sameh Ismael Tawfik bei der Arbeit an einer zur Installation gehörenden Kalligraphie

Nora Al-Badri/Jan Nikolai Nelles: Nuda Veritas, 2013; Installationsansicht in unmittelbarer Nähe zum Tahrir-Platz, Kairo

Ein Demonstrant posiert vor Installation von Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles. Foto: Alaa Abd El Hamid

Protestkundgebung auf dem Weg zum Tahrir-Platz, Kairo, 2013; Im Hintergrund: Installation von Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles. Foto: Alaa Abd El Hamid

Nora Al-Badri / Jan Nikolai Nelles: Nuda Veritas, 2013; Ausschnitt

Mohammed Mursi bei seiner Rede in einem Weizenfeld (Zeitungsausschnitt)

Nora Al-Badri / Jan Nikolai Nelles: 2nd death, Video, 2013

Kleinbauern der ländlichen Region im Großraum Kairo wurden eingeladen, sich in einem provisorischen Studio mit ihrem jeweiligen Esel porträtieren zu lassen. Einige Bauer ließen ihren Kindern den Vortritt.

Fünf Bilder der Serie “the donkey in me” (Kairo, 2013), eines weiteren Teils des gemeinsamen Projekts World Wide Wheat.
Fotos: Jan Nikolai Nelles