Glam! The Performance of Style, Ausstellungsansicht ©Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto:Norbert Miguletz

Die Ausstellung GLAM! The Performance of Style präsentiert erstmals umfassend, was Kunst und Pop-Musik Anfang der siebziger Jahre zusammenbrachte.

ausstellung

Kunsthaltiger Glitzer

Von Isa Bickmann

Für diejenigen, die die Zeit der frühen Siebziger bewusst erlebt haben, ist diese Periode, obwohl vierzig Jahre her, fast noch zu nah, um sie objektiv in ihrer Komplexität beschreiben und als das, was sie letztendlich auslöste und revolutionierte, begreifen zu können. Darren Pih, Kurator der Tate Liverpool, fasst das Thema zu einer Ausstellung zusammen, die bis zum 22. September 2013 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu Gast ist. Pihs Verdienst ist es, ein von Musik durchtränktes Mode- und Kunstphänomen in den Blick zu nehmen, das von Großbritannien ausgehend auch internationale Fortsetzungen und Parallelerscheinungen aufweist. Das die Ausstellung begleitende Katalogbuch ordnet „Glam“ auch anhand seiner Wurzeln und Quellen historisch ein.

Aber was ist das eigentlich für ein Phänomen? Die Schirn spricht von „Glam-Ästhetik“ – Ist es ein Stil? Seine Wurzeln sind, grob gefasst: Pop Art, das Revival des Fin de siècle (Jugendstil-Schriftgestaltung, Aubrey Beardsley, Baudelaire, Oscar Wilde, Dandytum), die Begeisterung für den Hollywood-Film der dreißiger und vierziger Jahre und den Stars Mae West und Rita Hayworth als modische Vorbilder, die Suche nach Individualisierung und allem voran: die Auflösung von Geschlechtergrenzen. Männer mit Make-up traten bei der Musiksendung „Top of the Pops“ auf, Glitter im Gesicht und Federn am Kostüm waren fortan keine Tabus mehr. Durch die Popszene bewegten sich die Abgänger der Kunstakademien wie Brian Ferry von Roxy Music. Er war Schüler des Pop-Art-Künstlers Richard Hamilton an der Universität Newcastle. „Großbritannien hatte zu dieser Zeit [in den frühen Siebzigern, Anm. der Verf.] die meisten Kunstakademien weltweit.“ (Darren Pih, Kat. S. 14). „Glam“ ist mit „camp“ zu beschreiben, einem Begriff für die Vorliebe, triviale kulturelle Erscheinungen zu ästhetisieren, wie Susan Sontag ihn 1964 in ihrem berühmten Essay aufgriff. Dass die Bewegung höchst unpolitisch war, bekräftigt Alwyn W. Turner mit Bezug auf den britischen Gesellschaftskontext. „Glam“ sei Ausdruck eines Eskapismus in Zeiten einer Rezession, die sich in Folge der Ölkrise 1973 noch verstärkte (Kat., bes. S. 79).

Dominierender Aspekt des „Glam“ ist der Transvestismus. Der amerikanische Künstler Mike Kelley (1954-2012) fand 1999 (der Beitrag ist im Katalog abgedruckt) im Rückblick auf seine eigene Jugend in Detroit für die Androgynisierung eine Begründung: „Die radikale Kultur dieser Zeit wird von einer demonstrativen Weiblichkeit als Symbol des Widerstands dominiert – Weiblichkeit und männliche Homosexualität, denn im Geist des Volkes ist beides miteinander verschmolzen. Wenn die Frau das Andere ist, dann ist der Homosexuelle in zweifacher Hinsicht das Andere, denn er ist ‚wider die Natur‘. Man könnte behaupten, dass der Vietnamkrieg diese Pose selbst gefördert hat, denn eine Möglichkeit, der Einberufung zu entgehen, bestand darin, den Schwulen zu spielen. Vielleicht liegt hier die Ursache für die Popularität der homosexuellen Pose in den darauffolgenden zehn Jahren, die ihren Höhepunkt im Glam Rock findet.“ (Kat., S. 54)

In erster Linie ist die mit „Glam“ beschriebene Ära ein Phänomen der britischen Popmusik. Marc Bolan und T. Rex gehören zu den bekanntesten Protagonisten. Am Anfang der Ausstellung hängen mannshohe Abzüge von Fotos Brian Ferrys und Brian Enos, die für die Innenseite des Roxy-Music-Albums „For Your Pleasure“ entstanden sind. Dazu ein kleinerer Abzug, was improvisiert wirkt, von Bowie in seinem berühmten Yamamoto-Op-Art-Anzug. Die Ausstellung bietet auch zahlreiche Dokumente der Jugendkultur, Blicke in Jugendzimmer, auf Konzertfans von Martin Parr, Mick Rock oder Nancy Hellebrand.

Auf amerikanischer Seite ist es Andy Warhol, der mit der Produktion, die aus den Kreisen der Factory kam (von Jack Smith bis Lou Reed), die wachsamen britischen jungen Künstler, allen voran David Bowie, beeinflusste. Der Filmemacher Jack Smith wurde als Vertreter der Underground-Kultur in die Schau integriert. Doch diese Underground-Kultur erlebte ihr natürliches Schicksal: Sie wurde langsam – vor allem in Großbritannien – zum Mainstream. Das Provozierende eines geschminkten Mannes im Glitzeranzug und Plateau-Stiefeln verebbte. In England ließ Bowie schließlich Ziggy Stardust nach einer Welttournee im Juli 1973 sterben und war schon selbst nicht mehr „Glam“, als es die Jugend mit voller Wucht getroffen hatte und Bands wie Sweet und Slade den Pop dominierten.

Das Hauptgewicht der Ausstellung liegt auf den künstlerischen Positionen, die dem „Glam“ zugerechnet werden, auch wenn sie mancherlei Aspekte von Pop Art, Konzeptkunst und Fluxus in sich bergen und diese Zuordnung jeweils zu diskutieren wäre. 1974 organisierte Jean-Christophe Ammann die Ausstellung „Transformer. Aspekte der Travestie“ im Kunstmuseum Luzern, die den Titel bezog von dem von David Bowie und Brian Eno produzierten Album aus dem Jahre 1972, das Lou Reed sein erfolgreichstes nennen darf. Ammann vereinte Werke von Katharina Sieverding, Jürgen Klauke, Urs Lüthi, Walter Pfeiffer, Pierre Molinier, Andy Warhol und Fotos von Eno, Mick Jagger, New York Dolls, David Bowie u.a. Die Ausstellung untersuchte die Wirkung des Transvestismus auf Kunst und Pop. „Transformer“ wurde zum Gattungsbegriff all jener Künstler, die Maskulinität und Feminität vereinten wie z. B. Jürgen Klauke und Ulay.

Die Ausstellung der Schirn ist fürs Auge gemacht und sehr unterhaltsam. Schade nur, dass die Musik, die das Phänomen dominiert hat, so kurz kommt. Eine unterdimensionierte Anlage spielt „Glam“-Hits vor der Installation „Celebration? Reallife Revisited 1972 – 2000“ von Marc Camille Chaimowisz. Wer vorher Besucher der David-Bowie-Ausstellung in London war, die Besucher mit erstklassigem Sound umhüllt hat, ist enttäuscht. Das Gesamtkunstwerk „Glam“ hätte sich totaler und sinnlicher mitteilen können.

Endgültig vorbei war es mit „Glam“ schon Mitte der siebziger Jahre, als die Discowelle anhob und sich 1977 mit „Saturday Night Fever“ auf einen Höhepunkt zubewegte. Die spätesten Werke der Ausstellung stammen von Cindy Sherman (1977), welche aber, ohne dass dies explizit gesagt wird, auf ihre eigene Coverversion verweist: Eine weniger tiefsinnige, doch sehr artifizielle Nachfolgerin der Sherman-Verwandlungen findet sich heute in einer Lady Gaga, die aus dem Blickwinkel der Siebziger eine Art Retro-“Glam“ oder Neo-“Glam“ betreibt: provokativ, schrill, bunt und tanzbar.

18.8.2013

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.8.2013

Karl Stoecker
Brian Eno wearing stage costume designed by Carol McNicoll, 1973; C-Type Kristall-Druck © Karl Stoecker

Ulay
S’he, 1972 (Detail)
3 Auto-Polaroids aus der Serie Renais sense © Ulay © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Glam! The Performance of Style, Ausstellungsansicht
© Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz

Nancy Hellebrand
Lesley Kelley (David Bowie fan in her Bedroom), 1974
Silbergelatineabzug auf Papier, 300 × 299 mm © Nancy Hellebrand

Roxy Music: “Virginia Plain” (Top of the Pops, 1972)

Auftritt von Marc Bolan and T. Rex in Top of the Pops 1971

Glam. BBC-Dokumentation von 2006