Erst letztes Jahr wurden die Zeichnungen von Camille Delétang aus seiner Zeit als KZ-Häftling des Buchenwalder Außenlagers Holzen wiederentdeckt. Nun sind sie in einer Wanderausstellung zu sehen, die von einem umfangreichen, lesenswerten Band ergänzt wird.

zeichnungen aus dem kz holzen

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Von Bruno Laberthier

Rückblende. Am 8. April 1945 befinden sich die Franzosen Camille Delétang und der Arzt Armand Roux, beides KZ-Häftlinge des Buchenwalder Außenlagers Holzen in Niedersachsen, in einem offenen Güterwaggon auf dem Weg nach Bergen-Belsen. Nach wie vor sind sie der SS ausgeliefert, die das Lager soeben hat räumen lassen, weil die alliierten Streitkräfte es ansonsten in absehbarer Zeit entdeckt und eingenommen hätten. Am Bahnhof Celle machen US-amerikanische Einheiten auf tragische Weise ernst. Aus der Luft bombardieren sie den Zug voller Häftlinge, den die SS mit sicherem Gespür für einen Zynismus, den sie selbst pflegte und also ab dem Augenblick, als sie das Heft des Handelns nicht mehr in der Hand hatte, weiter zu verantworten hatte, „Evakuierungstransport“ nannte.

Viele Häftlinge kommen kurz vor der ersehnten Befreiung durch die Bomben der Alliierten ums Leben. Andere fliehen zunächst aus den Waggons, ehe sie zu Opfern einer Hetzjagd von Volkssturm, fanatisierten Hitlerjugendangehörigen, Polizei, regionalen Nazigrößen und Wehrmachtsangehörigen werden. Delétang und Roux überleben den Luftangriff und die Massaker – und mit ihnen die Zeichnungen, die der eine Franzose während seiner Lagerhaft über fast ein Jahr lang angefertigt hatte, sowie die handschriftlichen Zeugnisse des ins Lagerrevier abkommandierten Mediziners. Armand Roux, dem Delétang seine Zeichnungen anvertraut hatte, wird das Bündel mit den Dokumenten allerdings noch in den Wirren der Bombardierung von einem Mithäftling gestohlen, ehe der Dieb sie achtlos in einem nahegelegenen Schrebergartengrundstück zurücklässt.

Sommer 2012. 67 Jahre dauert es, bis der Schwiegersohn der Grundstücksbesitzerin mit dem Konvolut aus graphischen und textuellen Aufzeichnungen, selber schon über 90jährig, in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen auftaucht. Mittelbau-Dora war nach seiner Loslösung vom KZ Buchenwald das letzte eigenständige Nazi-Konzentrationslager; die dortige Gedenkstätte ist heute im Rahmen einer Stiftung mit der Gedenkstätte Buchenwald verquickt: eine vermutlich zufällige, in jedem Fall aber glückliche Begebenheit, die dafür sorgt, dass der Zufallsfund aus 200 teils kolorierten Bleistiftzeichnungen und einer Reihe von Arztberichten in die richtigen Hände gerät. Innerhalb von einem Dreivierteljahr wird eine Wanderausstellung mit den Zeichnungen und Textdokumenten zusammengestellt, die nach einer Premierenschau in der Alten Feuerwache auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora im Kulturzentrum Schloss Bevern in Holzminden – in der Nähe des ehemaligen Holzener Außenlagers – und danach in Wolfsburg sowie weiteren deutschen, französischen und absehbar auch polnischen Ausstellungsstandorten Station machen wird.

Porträtzeichnungen eine KZ-Häftlings:

Bilder-Kunst im Kontext von NS-Gewaltherrschaft und Holocaust

Sehenswert sind vor allem die Originalzeichnungen des studierten Juristen und gelernten Porträtzeichners Delétang, die es in puncto Kunstfertigkeit mit den Dora-Aquarellen seines Landsmanns und Buchenwald-Außenlager-Leidensgenossen Maurice de la Pintière oder den zu einem kunstvollen Papier- Tunnel zusammengefalteten Illustrationen des polnischen Künstler-Lyrikers Edmund Polak mehr als nur aufnehmen können. Wie diese zeigen Delétangs Bilder Zwangsarbeiter in ihren Häftlingsuniformen; anders als die Studien von de la Pintière oder Polak handelt es sich allerdings vornehmlich um Porträtaufnahmen, die in rascher Abfolge entstanden sind. Die meisten der Porträtierten zeigt Delétang mitsamt ihrer Häftlingsnummer und dem roten Winkel, einigen sind Vor- und Nachnamen beigefügt, so dass eine Identifizierung leicht fällt. Nach Kriegsende, so lässt sich vermuten, wollte ihr Schöpfer sie den Angehörigen zukommen lassen, denn in einigen Fällen ist auf dem Papier sogar der Herkunftsort und bisweilen die genaue Adresse des Abgebildeten verzeichnet.

Aufgrund der künstlerischen Fertigkeit Camille Delétangs, aufgrund der Umstände ihrer Entstehung und wegen des nach wie vor anhaltenden Booms von Holocaustmemorialdiskursen mitsamt ihrer anlassverwandten Derivate hätten es die Zeichnungen durchaus verdient, eine ähnliche Anerkennung zu erfahren wie die zu Beginn des Jahrtausends den im galizischen Drohobycz entdeckten Wandgemälde des jüdisch-polnischen Holocaustopfers und großen Moderneliteraten Bruno Schulz. Was die Wiederentdeckung der Bilder Delétangs von der im Fall Schulz unterscheidet, ist die ungemein flotte und dennoch akribisch genaue historische Rekonstruktionsarbeit sowie die überzeugende Konzeptionierung der Ausstellung als gemeinschaftliche Anstrengung aller Beteiligten.

Die Wandgemälde des Bruno Schulz waren nach ihrer Entdeckung durch den deutschen Filmemacher Benjamin Geissler noch Objekt von Kontroversen und mehr oder minder angemessenen Aneignungen; genauer rief das Bilder finden (so der Titel von Geisslers Dokumentarfilm über die Zufallsentdeckung) Auseinandersetzungen über das Weiterverwalten der gefundenen Bilder hervor, in deren Verlauf diese schließlich mit Zustimmung ukrainischer Lokalbehörden nach Yad Vashem gelangten. Anders das „Bilder finden“ im Fall Delétang. Hier arbeiteten von Anfang an alle Hand in Hand: der Überbringer der Bilder; die nachgeborenen Angehörigen des 1969 verstorbenen Porträtisten und des gleichsam nicht mehr lebenden Arztes; die Ausstellungskuratoren um den Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und seine Stellvertreterin, Jens-Christian Wagner und Regine Heubaum; schließlich die insgesamt sieben Stiftungen und sonstigen Geldgeber, ohne deren Zuwendungen es die Möglichkeit zur öffentlichen Inaugenscheinnahme der Exponate nicht gegeben hätte.

Gelungene Rahmung: Das Buch zu den Bildern

Die Wanderausstellung mit dem Titel Wiederentdeckt flankiert ein Begleitband, der aus mindestens drei Gründen Beachtung verdient. Zum einen reflektiert und begründet er den Aufbau der Ausstellung, und zwar je nach Ausgabe in deutscher, französischer und polnischer Sprache: eine Besonderheit, die den Nationalitäten des Großteils der Porträtierten geschuldet ist. Zum zweiten präsentiert er viele der Originalzeichnungen zu den drucktechnischen Optimalbedingungen von heute (Hochglanz, Vierfarbdruck) und schafft es, die durch Schattenwurf, Schraffierung und bemerkenswert genaue Linienführung beinahe plastisch wirkenden Bleistiftzeichnungen so zu reproduzieren, dass Delétangs außergewöhnliche Begabung in den Sparten Porträt und Typenzeichnung erhalten bleibt und Vermittlung findet. Drittens und letztens wird der Begleitband abgerundet von fünf Essays – vier aus (zeit)historischer Perspektive und ein kunstwissenschaftlicher Beitrag –, die den Fund der (Bild)Dokumente aus unterschiedlicher disziplinärer Perspektive beleuchten und einander effektiv ergänzen.

Die Grobeinordnung der Funde in den Forschungsstand zum Thema NS-Zwangsarbeit und in den Kontext der Konzentrationslagerforschung nimmt Jens-Christian Wagner vor. Seinen am Beispiel des KZ Mittelbau-Dora formulierten Forschungsthesen folgt mit Manfred Grieger ein Göttinger Geschichtswissenschaftler, der in Personalunion Leiter des Bereichs „Historische Kommunikation“ der die Publikation und Ausstellung unterstützenden Volkswagen AG ist. Griegers Beitrag stellt mit der Fokussierung auf das KZ-Außenlager Holzen und dessen Stellenwert innerhalb der zum Ende des Krieges immer realitätsferner geratenden nationalsozialistischen Rüstungsprojekte den eigentlichen cornerstone der historischen Beiträge dar. Außerdem beleuchtet Bernhard Strebel in beachtlich minutiöser Ausführung die Umstände der Räumung des Lagers Holzen und der Verbringung der dort internierten KZ-Häftlinge nach Celle und Bergen-Belsen, ehe Hilko Linnemanns erinnerungsgeschichtliche Studie zur Holzener bzw. Eschershausener Auseinandersetzung mit der örtlichen KZ-Vergangenheit wichtige Mikroaspekte des Gesamtgeschehens in den Vordergrund rückt, innerhalb derer die Bilder- und Dokumentenfunde damals zu verorten waren und heute zu verorten sind.

Als Solitär fungiert in dieser Abfolge der kunstwissenschaftliche Abriss von Detlef Hoffmann, der sich in eingangs ausschweifender historischer Herholung den Porträtzeichnungen als Gattung widmet, ehe er doch noch die Kurve zu den Arbeiten Delétangs kriegt und diese mit einigem Erkenntnisgewinn einzuordnen weiß. Vor allem die von Robert Antelmes Diktum inspirierten Ausführungen über die Fremdwahrnehmung des eigenen Angesichts durch die SS-Aufseher im Gegensatz zu dem Blick in den (vielerorts nicht vorhandenen) Spiegel überzeugen. Während den Schergen in trickreich gebrochener Anpassung an deren eigene Praktik von der Reduzierung des internierten Individuums auf eine Häftlingsnummer nur eine Maske präsentiert wird, ist der Blick auf das Selbst im Spiegelbild ein anderer und, so Antelme, im positiven Sinn vereinzelnder inmitten eines Systems der Totalüberwachung: „Dieses Stück Glas öffnete sich auf eine Zauberlandschaft, eine Fata Morgana“, zitiert Hoffmann Antelme. „So sahen wir hier nicht aus. So sahen wir nur im Spiegel aus, ganz für sich, und worauf die Kameraden so begierig warteten, das war dieses Stück glänzende Einsamkeit, in dem die SS-Leute und alle anderen ertrinken sollten“ (S. 200). Ähnliches passiere im Akt des Porträtzeichnens eines Mithäftlings durch Camille Delétang, so nun Hoffmann selbst: „Aus dem lebendigen, von mimischen Bewegungen belebten Gesicht […] wird in dieser Zeichnung eine unbewegte Chiffre. Haut und Muskeln sind nun Linien, Töne und Farben“. Dennoch handelt es sich nicht um Masken, oder zur Maske gefrorene Anblicke. Denn „trotzdem trifft für das still gestellte Gesicht das zu, was Robert Antelme für das Spiegelbild formulierte: es träumte die Freiheit. Hier sind die Gefangenen Individuen“ (S. 201).

Interdisziplinarität als Pluspunkt

Ob Camille Delétang bei seinen Porträtzeichnungen tatsächlich Mithäftlingen gegenübersaß, die sich in diesem Sinn „unmaskiert“ gaben, muss dahingestellt bleiben. Überhaupt fehlt es an Hinweisen auf das genaue Zustandekommen der Bilder, denn zeitnehmende Sitzungen werden die faschistischen Unterdrücker kaum toleriert haben. Dennoch sind die Zeichnungen erhalten geblieben und durch einen konzertierten Akt des Bilderfindens und -aufbereitens jetzt auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Dabei werfen sie zahlreiche Fragen auf, die sich unmöglich unidisziplinär beantworten lassen. Die Blickverengung auf etwa die Geschichtswissenschaften verhindert zu haben, stellt einen wesentlichen Pluspunkt des Begleitbands dar.

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erstellt am 14.8.2013

Camille Delétang
Die Zeltunterkünfte des KZ-Außenlagers Holzen. Zeichnung, Herbst 1944
(KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora)

Wiederentdeckt
Zeugnisse aus dem Konzentrationslager Holzen
Hg. im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora von Jens-Christian Wagner
Broschiert, 219 Seiten
ISBN: 978-3-8353-1350-7
Wallstein Verlag, Göttingen 2013

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ausstellung

Wiederentdeckt. Zeugnisse aus dem Konzentrationslager Holzen

11.08. – 06.10.2013, Di – So 10 – 17 Uhr
Eintritt frei
Kulturzentrum Weserrenaissance Schloss Bevern
37639 Bevern

Eugène Labreux
Camille Delétang. Zeichnung, 29. September 1944
(KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora)

Camille Delétang
Zwangsarbeit unter Tage. Zeichnung, undatiert
Häftlinge schieben eine mit Abraum beladene Lore.
(KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora)

Camille Delétang
Édouard Rageau. Zeichnung, 17. März 1945
Édouard Rageau starb zehn Tage später.
(KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora)