Nicht immer werden Kuratoren dem Werk eines Künstlers gerecht. Dass es manchmal angemessener ist, sich von einer thesengesteuerten Präsentation zu lösen, zeigt Eugen El am Beispiel einer Retrospektive des Malers R.B. Kitaj (1932-2007) in der Hamburger Kunsthalle.

ausstellung in hamburg

Die Versöhnung von Malerei und Denken

R.B. Kitaj in der Hamburger Kunsthalle

Von Eugen El

Seit längerer Zeit schon versuchen Kuratoren, die eigenen ästhetischen Haltungen in den Ausstellungen, die sie verantworten, vorzuführen. Die Kunstwerke, die sie dabei aussuchen und zeigen, veranschaulichen eher die kuratorischen Selbsterzählung und weniger eine allgemein nachvollziehbare Kunst-Geschichte. Dass diese Mischung aus Selbst- und fachspezifischer Referentialität ein Ausstellungskonzept unvorteilhaft prägt, konnte man der Kitaj-Retrospektive anmerken, die zu Jahresbeginn im Jüdischen Museum Berlin zu sehen war. Nun wird die Schau, neu konzipiert, in der Hamburger Kunsthalle gezeigt.

Ronald B. Kitaj, der 1932 in Chagrin Falls bei Cleveland geboren und 2007 in Los Angeles gestorben ist, hatte in London am Royal College of Arts studiert und sich dort der sogenannten London School angeschlossen, die die figurative Malerei erneuern wollte.

Anders als seine London School-Kollegen Francis Bacon oder Lucian Freud suchte Kitaj eine Lösung nicht nur für eine formelle, sondern auch für eine psychologische Krise: formell wollte er eine neue, der modernen malerischen Diktion angemessene Figuration finden; psychologisch wollte er seine jüdische und seine amerikanische Herkunft miteinander in Einklang bringen. Er sei „ganz und gar Amerikaner, im Herzen Jude, zur London School gehörend“, so eine Selbstbeschreibung. Walter Benjamin, Aby Warburg oder Gustav Mahler waren einige seiner Referenzen auf seiner Suche nach einer „diasporischen“ Kunst. Tatsächlich bezieht sich Kitaj auf die jüdische Erfahrung. Doch ist die Migration und damit das Leben in der Diaspora, so Kurator Eckhart Gillen im Ausstellungskatalog, mittlerweile nicht nur den Juden vorbehalten. Vielmehr ist sie zu einer universalen Erfahrung geworden.

Bei der Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin wurde Kitajs Malerei über die (intellektuelle) Biografie vermittelt und dadurch unnötig eingeengt und didaktisiert. Erläuternde Texte und Bildtafeln lenkten die Aufmerksamkeit von den ausgestellten Bildern weg. Die kuratorische Erzählung stand eindeutig im Vordergrund. In Hamburg hingegen wird größtenteils auf didaktische Hilfsmittel verzichtet. Die einzelnen Räume sind nach losen Zusammenhängen geordnet. Man kann sich auf die Betrachtung der Bilder konzentrieren.

In seinem Frühwerk experimentierte R.B. Kitaj noch mit Collage- und Drucktechniken. Ab den sechziger Jahren arbeitete er an figurativen Kompositionen, die durch grafische und geometrische Elemente strukturiert waren. Der Farbauftrag ist zu dieser Zeit flächig. Man könnte die kontrastreiche Farbgebung als eine Reminiszenz an die Pop Art sehen. Allen Bildern Kitajs gemein ist deren zeichnerische Souveränität: Kitajs Strich ist von einer seltenen Sicherheit. In den siebziger Jahren wechselte Kitaj zu einem tupfenden, an das Pastell erinnernden Farbauftrag. Die zeichnerisch gesetzten Flächen und Formen werden nicht mehr komplett ausgefüllt. Kitaj scheint die Ölfarbe zu verdünnen, so dass die Leinwand hervortritt. Seine Pastelle bilden den Abschluss der Ausstellung und können als programmatisch für sein Schaffen verstanden werden, als Vorbild für die vielleicht beste Phase seiner Malerei. Daran lässt sich nicht zuletzt seine Verehrung für Edgar Degas erkennen.

In den späteren Jahrzehnten fand eine Entwicklung hin zu einem wesentlich dickeren, malerisch-expressiven Farbauftrag statt. Auch die Linie wurde gröber, schneller, bei weitem nicht mehr so virtuos – das gilt insbesondere für Kitajs letzte Lebensdekade in Los Angeles, wohin er Mitte der neunziger Jahre nach einem Skandal um harsche Kritiken zu seiner Retrospektive in der Londoner Tate zog. Vielleicht war diese Sensibilität gegenüber vorsätzlich verletzender, grober Kritik, die als verbale Gewalt wirkt, auch eine jüdische Erfahrung – wie auch die Bereitschaft, sein Leben notfalls woanders fortzuführen. Hier ist sich der Diasporist Kitaj treu geblieben.

So schön R.B. Kitajs Bilder auch sein mögen, dahinter verbirgt sich stets ein engagierter, oft politischer Gedanke. Viele bekannte historische Gestalten tauchen auf den Gemälden auf, Rosa Luxemburg ebenso wie Walter Benjamin, aber auch Malerkollegen wie Francis Bacon oder David Hockney. Kitajs Kunst lebt nicht vom Gegensatz von Denken und Malen. Es geht ihm nicht um dumme, gedankenverlorene Malerei. Vielmehr erreicht er eine Symbiose von Malen und Denken. Er betreibt eine kluge Malerei! Die Kuratoren der Hamburger Ausstellung sprechen treffend von „Denkbildern“. Weil sie diese Bilder und nicht die eigenen Thesen ins Zentrum ihrer Inszenierung stellen, gelingt den Hamburger Kuratoren eine tatsächliche Würdigung des Malers Kitaj.

Trailer zur Berliner Ausstellung

Kommentare


Eckhart Gillen - ( 24-08-2013 10:12:11 )
Die Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin zeigte das gleiche Material wie die Hamburger Kunsthalle. In Berlin war es auf die Kaffeehaustische appliziert. In Hamburg erscheint es in der "Kitaj Diasporist Post" als Magazin, das auf den Tischen liegt. Kitaj berichtete in seinen Bildkommentare gerne von seinen Bildquellen. Nichts andres machen die Ausstellungen in Berlin und Hamburg: Sie lassen den Künstler selbst seine Werke kommentieren (Audioguide). Berlin als "Jüdisches Museum" betont etwas mehr seine "Jüdischen Fragen" und folgt den inhaltlichen und formalen Zäsuren und Wendungen, begleitet ausschließlich von den Kommentaren des Künstlers, der das Wort hat.

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erstellt am 13.8.2013

R. B. Kitaj (1932-2007)
© R. B. Kitaj Estate; UCLA Center for Jewish Studies, Los Angeles

ausstellung

R.B. Kitaj. Die Retrospektive

Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall am Hauptbahnhof
20095 Hamburg

Bis 27. Oktober 2013

R. B. Kitaj
The Ohio Gang, 1964. New York
Öl und Graphit auf Leinwand, 183.1 × 183.5 cm
Museum of Modern Art (MoMA). Philip Johnson Fund 1965
© 2013 The Museum of Modern Art, New York / Scala, Florence

R. B. Kitaj
Juan de la Cruz, 1967
Öl auf Leinwand, 183 × 152 cm
© R. B. Kitaj Estate; Astrup Fearnley Museum of Modern Art, Oslo

R. B. Kitaj
The Murder of Rosa Luxemburg, 1960
Öl und Collage auf Leinwand, 153 × 152,4 cm
© R. B. Kitaj Estate, Tate Gallery